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Edition Blechluft-Leseprobe als E-Book Hier können Sie eine Leseprobe der Edition Blechluft 1 - 5 im ePUB-Format für E-Book-Reader downloaden: download > LeseprobeBL.epub "NDW-Archäologie" - Edition Blechluft 5 Leseprobe Als 16jähriger traf Mark Pfurtscheller 1975 in der Schulchorband
des Diezer Gymnasiums den gleichaltrigen
Tom Dokoupil, der während des „Prager Frühlings“
1968 mit seinen Eltern aus der Tschechoslowakei nach
Deutschland geflohen war. Zusammen mit dem Bassisten
der Schulchorband, Stefan Muskat, wollten sie eine
Band gründen. Auf der Suche nach einem Schlagzeuger
fanden sie Jürgen Beuth, der zwar lieber Gitarre spielen
wollte, aber schließlich doch überredet werden konnte
hinter dem Schlagzeug platz zunehmen. Als Bandnamen
einigten sich die vier auf Crypton. „Musikalisch lag
das so zwischen Doors, Zappa, den frühen Genesis
und Jazzrock mit theatralischen Elementen“, beschrieb
Mark Pfurtscheller später die ersten Einflüsse von Crypton
„So eine richtige
Schülerband: Nicht Fisch, nicht Fleisch. Aber für uns
eine gute Erfahrung, um ein wenig Routine zu bekommen
und im Raum Limburg aufzutreten.“
Tom Dokoupils Eltern kauften ihrem Sohn ein kleines
4-Spur-Studio, das im Haus der Eltern aufgebaut wurde.
Dort wurden dann später die ersten Demos und auch die
ersten Plattenaufnahmen gemacht.
Neue musikalische Ideen erhielt die Band durch Tom
Dokoupils älteren Bruder Jiri Georg, der zu dieser Zeit Kunst studierte. 1978 war Jiri Georg Dokoupil längere
Zeit in New York gewesen. Als er zurück kam, erzählte
er „von der ‚neuen’ Musik und Kunst, von neuen Konzepten
und Ideen“, erinnerte sich Pfurtscheller.
Die Musiker von Crypton ließen sich von diesen neuen
Ideen aus New York anstecken. „Wir alle spürten, dass
ein Wechsel kommen mußte. Die alte Musik dudelte nur
noch nichtssagend vor sich hin. Ich hatte das Gefühl
die Entstehung einer neuen Zeit mitzuerleben, und
wollte unbedingt dabeisein, wenn es passiert.“
Gierig sogen sie alles auf was sie über die neue Musik
in Erfahrung bringen konnten und was ihnen zu Gehör
kam. Sie schnitten sich die Haare ab, kauften sich
Secondhandanzüge und reduzierten ihre Musik auf das
Wesentliche. Da der Name Crypton nicht mehr zu der
neuen Musik paßte, suchten sie nach einem neuen
Namen. Als Favoriten blieben Die Bauknechts und
Wirtschaftswunder übrig, man entschied sich für den
letzteren Namen. In der ersten Besetzung von Wirtschaftwunder
hatte die Band drei Sänger: Tom Dokoupil,
Mark Pfurtscheller und Stefan Muskat. In dieser Konstallation
bestritt die Band auch einen Auftritt im Limburger
Club de Jeunesse, den C.B. später als einen spießigen
christlichen Jugendclub bezeichnete, wo „Abiturienten
mit VW-Golf, den die Eltern zum 18. spendiert hatten“,
Genesis und Pink Floyd hörten.
Wirtschaftswunder wollte nicht mehr nur die alte Musik
kopieren, sondern etwas neues schaffen. „Wir haben einfach
angefangen zu experimentieren, zwei, drei Monate
lang, keine richtigen Stücke mehr gespielt, alle Proben
auf Band aufgenommen, abgehört, verbessert usw. ... Um 1984 von den Fehlfarben noch etwas zu hören,
mußte man schon ein Insider sein und das Geschehen in
der deutschen Musiklandschaft gut beobachten. Für die
Öffentlichkeit waren sie schon langer verschwunden. Die
Band selber war in der ersten Hälfte 1984 kaum aktiv. Im
Herbst 1984 kam dann Spex-Autor Dirk Scheuring nochmal
zu den Fehlfarben, die wollten es nochmal wissen.
„Die Band fühlte sich von ihrer Plattenfirma EMI zu
wenig unterstützt und wollte den Vertrag kündigen; die
EMI verlangte zwei noch ausstehende Platten oder aber
eine ‚Overwrite‘-Vereinbarung, eine Art Ablösesumme,
im Falle eines Firmenwechsels. Die Forderung war so
enorm, daß die Band nicht akzeptieren konnte, aber eben
auch keinen anderen Vertrag unterschreiben konnte; erst
vor kurzem wurde eine Einigung erzielt und der Vertrag
gelöst. Mit möglichen neuen Partnern verhandeln die
Fehlfarben zur Zeit noch; das Material für eine neue
LP ist allerdings schon fast fertig produziert. Um sich
nach langer Pause wieder ins öffentliche Bewußtsein
zurückzubringen, geht die Gruppe im November auf
eine ausgedehnte Deutschland-Tournee“, schrieb Dirk
Scheuring zur Intervieweinleitung in der Spex. Die Fehlfarben
hatten für den November eine Tour mit 20 Auftritten
geplant. „Wir wollen mit der Tour erst mal wieder
reinkommen in das Spielen der Gruppe, nach einem
dreiviertel Jahr Pause, Anwalt, EMI und Ärger“, meinte
Thomas Schwebel. Musikalisch knüpfte die Band an „Glut und Asche“ an. „Vom Arrangement her sind die
Sachen allerdings einfacher geworden; auf der letzten
LP war vieles zu voll und es gab, muß man sagen, auch
zu viele unnötige Spielereien.“ Popmusik mit deutschen
Texten gab es in dieses Jahren eigentlich gar nicht,
wenn dann von Herbert Grönemeyer oder Marius Müller-
Westernhagen. Die Toten Hosen und die Ärzte waren
einige der wenigen Bands die noch erfolgreich deutschsprachig
weitermachten. Die Fehlfarben, die ein völlig
anderes Publikum ansprechen wollten, als die beiden
letztgenannten Bands, wollten nun auch für ihren Erfolg
kämpfen. „Ich will, daß die Fehlfarben endlich die Anerkennung
kriegen, die sie verdienen – als eine wichtige
Band, als ein seltenes Exemplar“, war die Aussage von
Schwebel.
„Willst Du das die Fehlfarben die erfolgreichste Popband
Deutschland werden?“, fragte Dirk Scheuring. „Ich will
es, ja und ich werde es auch versuchen. Aber der Weg
dahin ist lang, denn in Deutschland geht das nur über
Touren; ich bin nicht so vermessen zu glauben, daß das
in den nächsten Monaten zu erreichen ist. Ich will jetzt
erst mal versuchen, mit dieser Tour in eine Position zu
kommen, wie wir sie vor und bei ‚Glut und Asche‘ hatten,
und dann weitersehen.“ Nun begann ich mit der Recherche. Im Internet fand ich
über Sunny gar nichts, auch über „Logemann“ kam ich
nicht weiter. Es kommt nun auch kein Satz wie: „Es ergab
sich eine plötzliche Wendung, als sich X bei mir meldete.“
Nichts dergleichen. Keine Spur von Sunny – nur
diese drei Singles.
Auf den Platten steht allerdings noch von wem die Platten
hergestellt worden sind: Jacobs & Wehrhahn, Postfach,
5 Köln 30. Die erste Single ist auf dem Label „Sound-
Record“, einem Unterlabel von „New Blood“, erschienen.
New Blood wurde von Helmut Jacobs (der bereits 1977 verstarb) und Manfred Wehrhahn 1972 gegründet.
Man begann mit Schallplatteneinzelaufnahmen, Jacobs
beschäftigte sich seit seinem 17. Lebensjahr hobbymäßig
mit Schallplatteneinzelschnitten. 1974 hatten sie eine
Folienschneideanlage für Stereoschnitte, damit konnten
sie Einzelaufnahmen für Bands herstellen. Ein Jahr
später machte man Lohnpressungen mit Folienschnittfertigung
und Handkonfektionierung der Schallplattenhüllen.
Ab Mitte 1976 wurden dann Künstler unter Vertrag
genommen. „Die Firma New Blood Schallplatten war
zu diesem Zeitpunkt einmalig in Deutschland, da sie
schlummernden Talenten die Möglichkeit eröffnete, preiswert
ihre Werke auf LP oder Single zu verewigen“, heißt
es auf der Homepage von Radar Music.
Wo und wie hat sie wohl ihre Singles verkauft oder
wem geschenk? Immerhin waren es ja drei Singles,
auch wenn die Auflage nicht sonderlich hoch gewesen
sein wird. Sunny wollte wohl so etwas wie Rock ‘n‘ Roll
machen und glaubte wie die Wiggins Sisters, dass sie
wirklich gut sei. Vielleicht war es aber auch nur der
Traum eigene Platten gemacht zu haben. Wer wollte das
damals nicht. Eine Platte, dass war schon was.
Punk oder New Wave, davon hatte Sunny wohl gar nichts
gewußt. Darüber braucht man gar nicht zu diskutieren.
Und trotzdem lohnt es sich diese Singles als Statement
einer Selbstverlegerin in den 1970er Jahren zu betrachten.
Dieser Gesichtspunkt scheint mir hier im Hinblick
auf die in den Jahren danach folgende so genannte
unabhängige Produktion von Schallplatten und Kassetten
und deren Vertrieb am wichtigsten. Die Vergangenheit
dieser drei Singles zu „durchdringen und zu erfassen“
wäre sicherlich eine spannende Angelegenheit. Auswahldiscografie/-biografie T bis Z und Sampler mit deutschen Punk-, New Wave und einigen Old School-NDW-Bands Vorgestellt werden: Tank of Danzig, Die Tanzdiebe, The Tanzdiele, Taugenixe, Teja (Schmitz), Tempo, Thorax Wach, Ti-Tho, Die tödliche Doris, Tony Titt & The Torpedos, Die Tonträger, Torpedo, Die Toten Hosen, Tote Sprachen, Totto Lotto, Träneninvasion, Trashmuseum, Trashmuseum, Trio, Trümmerfrauen, Die Unbekannten, The Unknown Cases, Unlimited Systems, Unter-Rock, Verlorene Unschuld, Thomas Voburka / M. Schwabe, VK 88, Volkstanz, Vomit Visions, VONO, Vorgruppe, Vorsprung, Wat Nu, Weltklang, Westdeutsche Christen, White Russia, Wirtschaftswunder, X-mal Deutschland, Zatopek, Die Zimmermänner, ZK, Zusatzzahl, Die Zwei. © 2011 - 2012 Günter Sahler, Heckenweg 1, 51789 Lindlar, Tel.: 0 22 66 - 44 04 08, E-Mail: info@guentersahler.de. |

