Leseproble Blechluft 10

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Frontispiz: Coverwork

Frank Z. „Alcohol, Tobacco And Firearms“ (CD, Album), EastWest, 1998

Z. sitzt rauchend auf der Motorhaube eines grauen Ford Taunus 20 M, die Fahrertür ist geöffnet, das Abblendlicht ist an (läuft der Motor?). Diese Limousine wurde von Ford zwischen 1964 und 1967 gebaut. Typisch für den Taunus dieser Jahre und damit ein gutes Unterscheidungsmerkmal zu späteren Modellen ist der Grill (der Wagen von Ziegert hat am Grill mit mehreren Plaketten, deren Bedeutung für mich nicht erkennbar ist). Wenn ich es das richtig sehe, handelt es sich sogar um einen 20 M/TS Hardtop-Coupé. Dass es sich um einen M 20 mit V6-Motor und nicht um den M 17 mit V4-Motor handelt, erkennt man an den seitlichen Zierleisten. Der M 17 war ab Ende 1966 auch als Hardtop-Coupé erhältlich. Der abgebildete Wagen ist mit zwei Aufklebern von Jägermeister verziert, vorne – die Sicht des Fahrers behindernd – einer runder Aufkleber mit Firmensymbol (Hirschkopf) und auf der Fahrerseite der Jägermeister-Frakturschriftzug auf Höhe des Kofferraums. Auf einem weiteres Bild sieht man ins Cockpit des Wagens: Holzlenkrad, auf dem Amaturenbrett eine große, grüne Heuschrecke aus Plastik, rechts im Bild die Beine eines kleinen menschlichen Skeletts, der Kilometerzähler zeigt 52491 Kilometer an, was auf einen Garagenwagen schließen lässt. Ziegert trägt T-Shirt, Jeans- und darüber eine Lederjacke – mit Tabak in der Brustasche –, Jeans, Boots und hält ein paar Handschuhe in der rechten Hand. Ein weiteres Paar Handschuhe liegt auf der Motorhaube. Vom Kennzeichen des Wagens sieht man nur das „HH“ der Hansestadt Hamburg. Auf der Rückseite des Booklets sieht man den Taunus mit dem kompletten Kennzeichen „HH-Z 1“. Hier lehnt nun Frank Z. an der Fahrerseite. Ein anderes Foto im Booklet zeigt Z. im Wagen sitzend. Es fällt auf, dass der Himmel des alten Fords in schlechtem Zustand ist.
Die Fotoaufnahmen wurden vom Hamburger Studio Thies Ibold vor einer Industrie-Hafen-Szenerie bei Dunkelheit geschossen.

Die Walter Elf „Männer in Rot“, Rookie Records. 2010

Ich stand als einziger Kunde in dem kleinen Plattenladen „Soundcheck“ in der Fußgängerzone von Kaiserslautern (Pirmasenser Str. 22, K-town). Ich schaute mir die Neuzugänge an – machte mehr Spaß als mich durch das nach Genre und Interpret geordnete Angebot zu bewegen.
Es kam ein weiterer Kunde in den Laden. Der hinter der Theke: „Wenn ihr Fragen habt …“ Der Kunde: „Habt ihr Fußball-CDs?“ „Äh, ich hab was von der Walter Elf.“ Der Kunde verließ den Laden, ohne etwas von der Walter Elf.
Walter Elf. Die Band wurde bei Wikipedia als einer der Bands aus Kaiserslautern genannt (ich war informiert). Einen halben Meter von mir entfernt fand ich zwei CDs von denen – unter Punk – W – Walter Elf. Eine 5-Track-EP mit Fußball-Songs und zwar zum 1. FC Kaiserslautern, die heute im Zweitligaspiel gehen Bochum spielen würden. Ich unterhielt mich ein wenig mit dem Verkäufer über die Walter Elf und die Spermbirds. Beide Bands hatten im wesentlichen dieselbe Besetzung. Obwohl schon vor Jahren aufgelöst spielt die Walter Elf alle Jahrte wieder mal live und nehmen auch noch Platten auf. Die Walter Elf wurde 1982 gegründet, so steht es auf den Infos zur CD. Aber hauptsächlich spielen die Bandmitglieder seit 1992 in der Band Kick Joneses.
Halb Kaiserslautern lief aus der Stadt hinauf zum berühmten Betzenberg. Dort wo Fritz Walter früher mit seiner Elf Erfolge feiern konnte. Kein Wunder das die Arena nun Fritz-Walter-Stadion heißt. Lauterer und Fans aus Bochum gingen gemeinsam hoch zum Betze. Erstes Bier an der Bahnunterführung. Vorbei am Kreisverkehr mit der Walter Elf und Polizisten mit Schienbeinschonern zum Edeka hinterm Hauptbahnhof. Bier holen.
Weiter ging es hoch zum Stadion.
Treppenstufen, fast so viele wie im Kölner Dom. Die roten Teufel standen zwar auf dem dritten Tabellenplatz, doch in der Vorwoche hatte man in Berlin bei der Hertha verloren und der FC aus Köln war den Lauterern auf den Fersen.
Unten in der Stadt wartete man auf Tore. Man schaute hoch zum WM-Stadion.
Auf dem Cover der CD steht ganz oben der Bandname und der Titel der CD „Männer in Rot“, halt die Spieler des 1. FC K, deren Vereinslogo dann auch rechts abgebildet ist. Darunter dann sechs Lauterer Fußball-Legenden: Ronnie Hellström, Hans-Peter Briegel, Miroslav Kadlec, Andi Brehme, Axel Roos und Oberlegende Fritz Walter. Dies erinnert an ein Fußballsammelalbum aus Kinderzeiten.
Das Spiel endete 0 : 0. Während ich bereits auf der anderen Seite der Stadt die ersten Sonnenstrahlen des Jahres geniesen konnte, liefen die Fans zurück ins Tal. Angetrunken, aber friedlich. Die Bochumer fuhren per Bahn zurück über Hochspeyer, Frankenstein und Haßloch durch den Pfälzer Wald nach Mannheim.

Auszug aus „Shotgun“ einer Kurzgeschichte

Zweieinhalb Stunden später hielt ein Taxi vor dem Haus. Noa Sophie Kober hatte nur wenige Stunden nach dem sie die E-Mail von Phyllis K. Brooks erhalten hatte, einen Flug von Tel Aviv zum New Yorker Flughafen Newark genommen. Nach fast 11 Stunden Flug war sie endlich angekommen und direkt mit dem Taxi nach Staten Island gefahren.
Eingereist war sie als Anat Seligman, die Verwandte in Brooklyn besuchen wollte. Für solche Fälle waren sie stets vorbereitet. An einem Visum sollte eine Aktion nicht scheitern.
Die Haustüre hatte man schwer beschädigt und war offen. Noa schaute sich um. Die Straße lag still in der Mittagssonne. Auch in den Gärten der Nachbarhäuser oder hinter den Fenstern war niemand zu sehen. Sie drückte die Tür auf und zog ihre Waffe. Das Haus war durchwühlt worden. Und sicherlich waren sie nicht ohne das Gesuchte abgezogen. Sie befreite Phyllis, ließ ihr aber das Klebeband noch über dem Mund. Da das Haus sicherlich verwanzt war, führte sie sie in den Garten.
Es war dumm und ärgerlich, dass sie Phyllis L. Brooks aus den Augen verloren hatten. Sie hatten sie für unwichtig gehalten. Nach ihrer Heirat und dem Umzug in den Norden, hatten sie ihre Observation eingestellt. Oder besser gesagt: eine Weiterführung war im System versandet. Es war peinlich, dass eine Lehrerin im Netz recherchieren und sie privat kontaktieren musste. Es hätte umgekehrt sein müssen. Was war verdammt nochmal mit ihren los? Ihr Großvater hätte getobt.

[…] Phyllis greift in ihre Tasche und nimmt die Tablette die ihr Noa gegeben hat. Soll sie die Tablette wirklich nehmen? Noa hatte ihr geraten sie solle sie abseits des Trubels nehmen. Sie geht in einen Hauseingang am Pershing Square, nimmt die Tablette und spült sie mit Mineralwasser runter. Und jetzt?
Es ist dunkel geworden. So dunkel als würde ein starkes Unwetter drohen. Dann Schwärze.
Schwarz sind auch die Anzüge und Bowler Hüte die die Männer auf der Straße tragen. Frauen mit langen Kleidern, Puffärmeln und Hüten. In Richtung der Grand Central steht eine lange Reihe von Kutschen die auf Reisende warten. Links das Grand Central Depot, wie man den Bahnhof damals noch nannte, rechts das sechsstöckige Grand Union Hotel. […] Sie geht hinüber zum Hotel und biegt in die 42. Straße. Alles sieht komplett anders aus. Es ist der 2. Juli 1895, ein Dienstag. Sie ist 44560 Tage zurück in die Vergangenheit gereist.

Interview mit Anne Otto von Helikon

Ich bin Ende der 90ern nach Hamburg gekommen, war vorher schon im Ruhrgebiet als Bassistin in Bands und auch in ein einem eigenen Duo unterwegs. Ich kam nach Hamburg, suchte eine Band – hab verschiedene Sachen probiert und fand über einen Aushang (auf dem ich glaub ich geschrieben hatte, dass ich Bassistin bin und auf „Pavement“ stehe) Puls, denen der Bassist „entlaufen“ war. Puls gab es also schon ein paar Jahre, sie waren sehr engagiert und sehr an der Qualität der deutschen Texte interessiert und Christian Bergs Gitarre war auch irgendwie besonders. Ich weiß noch, wie ich – damals in einer ganze anderen Form – den Song „Unter meiner Decke“ von Jochen hörte und dachte: was für ein toller Text. Es war uns allen sofort klar, dass das ganz gut passt und es war eine produktive Zeit, plötzlich war viel offen, jeder machte Stücke, es „explodierte“.

Interview mit Ingo Brünglinghaus von Die Bewegung/Popzone

Mein Bruder Ralf hatte Jochen an der Uni Bonn kennengelernt. Gemeinsam haben wir in der WG “Geräusche“ produziert und damit in unserer Freizeit eine Menge Spaß gehabt – mitunter zum Leidwesen anderer Mitbewohner des Hauses. Jochen besaß immerhin einen Bass und eine Geige, Ralf einen Synthi, Schwester Marion eine Nivea-Dose (unsere erste Drum-Machine) und ich den Staubsauger. Dazwischen wurde jede Menge Unsinn geredet und das Ganze auf Kassette aufgenommen. Diese Spezial Blättchen sind für jede Öffentlichkeit eher unhörbar, nur Ralf und ich haben ein paar Aufnahmen. Zum Schmunzeln ist das allemal.

Interview mit Franck Herges vom Label WSDP und Betreiber der Webseite punk-disco.com

Der Teil der Arbeit ist eigentlich noch der spannende, die Leute ausfindig zu machen, das alte Feuer wieder zum Lodern zu bringen und alte Geschichten aus einer völlig neuen Perspektive zu hören. Denn die meisten Geschichten ähneln sich schon vom Grundablauf her von wegen wie es zur Gründung der Band kam oder das Projekt damals zustande kam, was waren die Pläne und Ideen der Künstler. Woher man sich kennt oder wie man auf die Idee kam.
Meine Erfahrungen sind nahezu positiv bis auf die zwei bis drei Absagen die ich bekam oder ich die Band nicht erreichen konnte. Für die Protagonisten ist es häufig wie eine Zeitreise wenn ich anrufe und man kann fast das alte Funkeln in den Augen durch das Telefon sehen dass da wieder flackert wenn man sich an die „wilde Jugend“ erinnert.

Interview mit Max Freudenschuß von Skizze

Bei „Hysterikk“ waren wir insgesamt viel besser organisiert, Ina war 23 und ich 27, wir hatten zum ersten Mal auch etwas Geld von ersten Jobs, das wir in die Produktion investieren konnten. Mit Albert Pöschl und Gerhard Potuznik fanden wir auch die richtigen Leute dafür. Die Auflage von 500 Stück haben wir dann tatsächlich fast komplett verkauft. Und John Peel hat mir auch eine Postkarte geschickt! Dass die Platte öfters in seiner Sendung lief, hat uns natürlich geholfen, einige Exemplare konnten wir damit auch über Rough Trade in London verkaufen.

Interview mit Kunti von Happy Kadaver

Von meinem Kommunionsgeld 1978 (da war ich 10 Jahre alt) in Höhe von 6.000 Zloty, damals durchschnittlicher Verdienst eines sozialistischen Arbeiters, kaufte ich ein Grundig Tonbandgerät und nahm Musik aus dem Radio auf. Es war populäre Musik aus den 60er und 70er Jahren. U.a. erinnere ich mich an polnische Interpreten der damaligen Zeit, wie Maryla Rodowicz, Czerwony Gitary, 2 plus 1 etc. Es wurde auch italienische Musik gespielt. Außerdem spielte mein Großcousin Bass und sang in einer Tanzband namens Przyjaciele (deutsch: Freunde). Ich schaute seiner Kapelle begeistert beim Proben zu. Vielleicht war das der Grund warum ich später auch in einer Band sein wollte. […] Angefangen hat alles 1984, als wir mit ein paar Schulfreunden, angefixt von Punk-Musik die Idee hatten eine Punk-Band zu gründen. Wir gaben uns den Namen Die Direktore.

Interview mit Simon Steiner vom „wie Punk nach Stuttgart kam“-Projekt

Geld war im Gegensatz zu heute viel knapper, deshalb bauten sich kreative Jungs und Mädels Verstärker aus Baumaterial manchmal selbst. Verzerrer, Echo/Hall, Mischpulte und Lautsprecherboxen konnte man auch selbst basteln. An Kassettenrecorder, Tonbandmaschinen oder Stereoanlage der Eltern wurde herum gebastelt und herum gekabelt.
Transportiert wurde das einfache Equipment mit den Autos und Anhängern der Familienmitglieder und Freunde, direkt zu den Gigs, die anfangs in Jugendzentren, kirchlichen Gemeindehallen, der Mensa oder in Schulen stattfanden.

Interview mit Frank Drechsler vom Musik- und Comicfanzine Kcreativ

Mit einigen der Bands waren wir etwas näher bekannt. Bei manchen hat es sich einfach so ergeben. Durch häufige Konzertbesuche oder durch Interviews, die wir geführt haben. Shiny Gomes konnte man in der Frühphase noch umsonst hören und sehen. Später waren die dann schon richtig bekannt. Throw That Beat hatten in der Nürnberger Straße in Fürth eine WG und wir durften zum Interview und zum Fotografieren vorbeikommen. Von der Ausgabe mit dem Throw That Beat-Interview habe ich damals noch eine Miniauflage in DIN A5 „produziert“. Die große, „normale“ Ausgabe war in A4 und im Schnelldruck erstellt, die kleine Schwester war kopiert. Klaus Cornfield hat die A5 Cover der Kleinstauflage dann mit Buntstiften be- bzw. überarbeitet. Unser Musikredakteur Christian hatte in den 1990ern auch schon ein kleines Plattenlabel in Fürth und somit gute Kontakte in die Welt der Musik