Leseprobe Blechluft 2

„Neue deutsche Erinnerungswelle“ – Edition Blechluft 2

 

BL2

1980 gab es in Bonn bereits eine Reihe neugewellter Bands. Gemeinsam entschloß man sich im Sommer ein Festival zu veranstalten. Veranstalter war der Verein „Alternative Rock in Bonn e.V.“ bei dem Stephan Werner Geschäftsführer war. Als Festivalnamen schlug Stiev „Wischi Waschi“ vor und als Veranstaltungsort konnte der Nam Nam-Club in Bonn-Godesberg (Friesdorf) genutzt werden. Der Nam Nam-Club war eigentlich ein Ort wo sich Rocker trafen. Beim ersten Wischi Waschi-Festival am 23. August 1980 spielten Splitter, V.B. Margin, G., Static Dancing, Cosh, Synthetico und Anlieger Frei.
Splitter, die aus dem Ort Selters im Westerwald kamen, spielten eigentlich zu viert, an diesem Tag waren allerdings nur Dieter Duck und Udo Pollatz angereist. Dieter Duck studierte in Bonn. Die Splitter-Aufnahmen, die Stiev an diesem Abend machte, erschienen später auf der Kassette „Bonner Rache“. Aus der Bad Godesberger Band Cosh bildete sich später die Punkband Canalterror. Synthetico war eine Band von einem Studentenpärchen und war superguter ElectroPop, leider sind keine Aufnahmen mehr verfügbar, meint Stiev. Wie Splitter kam die Band G. aus Selters. Aus dieser Band bildete sich später die Klopferbande um Peter Ortmann.
An diesem Abend war auch Clara Drechsler vom gerade gegründeten Kölner Musikmagazin Spex nach Bad Godesberg-Friesdorf gefahren und sah dort das Anlieger Frei „durch Operationsmasken getarnt waren“ und „ein Diana-Rigg-Film im Hintergrund einigermaßen zusammenhanglos“ lief (nachzulesen in der allerersten Spex-Ausgabe September 1980).
(Auszug aus „Ich war der Musikant mit Taschenrechner in der Hand“, Interview mit Stiev Colombier

Ich brachte die erste Ausgabe meines Fanzines Wellenreiter im Januar 1980 heraus, da war ich 15 Jahre alt und wohnte in Bad Godesberg, dem Bonner Diplomatenvorort. Den Namen „Der Wellenreiter“ habe ich aber nur für die ersten beiden Ausgaben benutzt. Im April hiess es dann schon „Datenverarbeitung“. Der Name ergab sich daraus, dass ich ein paar Monate vorher bei meinem Vater, der ein Wirschaftsprüfungs- und Steuerberatungsbüro in Bonn betrieb, einen Nachmittagsjob als Buchhaltungsassistent angefangen hatte. Die Tätigkeit bestand darin, Mandantendaten mittels einer Buchungsmaschine einzugeben. Zu dem Zeitpunkt kannte ich absolut niemanden aus der Bonner oder gar Kölner oder Düsseldorfer Szene. Die Geschehnisse in Düsseldorf etc. waren mir nur aus den Berichten in der Sounds bekannt, und ich hatte im Herbst 1979 angefangen, mir die entsprechenden Platten zu besorgen. Ãœber das Fanzine habe ich dann diverse Leute aus Bonn und Troisdorf kennen gelernt (u.a. Georgie D., später bei Pension Stammheim und Shunt), die dann ab der zweiten Ausgabe bei dem Heft mitmachten.
(Auszug aus „Datenverarbeitung und Normal-Imperium“, Bericht von Andreas Müller)

In den den 60er Jahren war Robert Gitarrist der Band Thunderbirds. Das war irgendwo im Raum Neuwied/Koblenz. Beatmusik war angesagt. Jahre später ist er dann im Film- und Fotobereich tätig, u.a. beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) in Köln. Robert spricht hier von einer Minikarriere beim Fernsehen als Kameraassistent. […]. 1974 machte er sich auf nach New York, hätte dort fast ein Studium an einer Musikschule begonnen. Rock ’n‘ Roll liegt aber auf der Straße und nicht im Konservatorium, ist seine Meinung. Los Angeles, Mexiko, Guatemala sind weitere Stationen. 1975 lauscht er der Reggaeband Burning Spear bei den Aufnahmen auf Jamaica zu „Do You Remember The Days Slavery“. Die auf Jamaica gehörte Musik empfahl er Freunden in Deutschland. „So kam es, dass wir Ende 1975 die Plattenverkäufer inmitten ihres Queen-/ABBA-Ramsches fast aus der Ruhe brachten, indem wir etwa nach Bob Marley fragten“, sagte der Bonner Thomas Reschke. Ãœber Virgin Islands, Puerto Rico, Dominikanische Republik, Haiti, Maimi, New Orleans, Nashville kam Robert 1975 (oder 1976) schließlich nach New York. In der Band Cold Fever spielte Robert Gitarre. Nachdem sich die Band aufgelöst hatte, war er Aushilfsgitarrist der Kultband Kongress. Einen dieser Auftritte im Club Max’s Kansas City besuchte der schon erwähnte Thomas Reschke Ende Juli 1976. Thomas Reschke war aus Bonn mit einem Mädchen angereist, das sich wenige Jahre später Stef Petticoat nannte. Sie machte von Robert Fotos im Max’s Kansas City. In einem 1981 veröffentlichten Artikel schrieb Thomas Reschke: „In seiner halb ausgeräumten Wohnung an der Ecke 108. Straße/Broadway auf der West Side spielt Robert mir Kassetten vor, die er von den Bands aufgenommen hat, die jetzt die Szene erobern: Television, Heartbreakers, Mink DeVille, Talkin[g] Heads, Pere Ubu sind die Namen der Stunde, die erste Ramones-LP ist gerade erschienen, Singles von Burning Spear liegen herum: mit ihm hat Robert auf Jamaica gejammt.“ Robert berichtet: „The Damned kommen aus London und nehmen CBGB’s auseinander. Es fliegen Hamburger mit Ketchup. […]

Im Studio von Conny Plank in Neunkirchen-Seelscheid lernte Robert Dave Stewart und Annie Lennox von den Eurythmics kennen. Die beiden hatten in Conny Planks Studio mit der Unterstützung von Holger Czukay, Robert Görl, Clem Burke, Jaki Liebezeit und Markus Stockhausen ihre erste LP „In The Garden“ aufgenommen. In Londons Norden hatten sie sich nun ein kleines 8-Spurstudio auf einem Speicher eingerichtet und nahmen dort die Demos für ihre nächste Platte auf.
„Dave sagte zu mir, – als er die Psychotic Tanks-Platte „Lets have a party“ hörte, die ihm sehr gut gefiel: „But Robert, how do you make a living?“ Er sei ein Businessman. Er denkt direkt drüber nach: wie kommt der Typ überhaupt über die Runden, mit seinen Undergroundsachen da? Da sage ich: „Dave, eine interessante Frage, ich habe bis jetzt noch keine Zeit, darüber nachzudenken, aber irgendwie klappt es immer.“ Ich hatte keinen Business- oder Karriereplan. Während er wirklich professioneller Popmusiker war.
Bei denen [Eurythmics] war alles auf Popmusik ausgerichtet, und es war eigentlich nicht mein Ding, aber Dave gab mir sofort Geld. Ich sage: „Toll“. Ich hatte da nicht drüber nachgedacht, dass ich Geld kriegen würde, ich war total naiv – finanziell. Dave Stewart war ein Visionär, er wußte, was er wollte. Und ich war eigentlich so ein Ideenmann, er hatte mich wahrscheinlich nicht wegen der Musik, sondern wegen Attitude gewählt. Ich hatte so ein paar schräge Sonnenbrillen, Annie hat die gleich übernommen. Dann hatte ich so einen Kamm, wie so ein switchknife, du drückst da drauf, da kommt da so eine Klinge raus, bzw. der Kamm raus. Ich sage: „Annie, du gehst vor die Kamera, dann machst du das Ding raus und dann kämst du dich einfach so.“ „Oh no Robert, that’s too agressive.“ […]
War das erste Album der Eurythmics weitgehend unbeachtet geblieben, kamen nun die großen Erfolge. Die Zeit der Musikvideos hatte längst begonnen, MTV sendete auch schon. Für „Sweet dreams“ wurde daher ein Videoclip gedreht. „Annie kommt rüber zu mir, sie sieht aus wie meine Mutter, sie sagt: „Ich geh jetzt zum Friseur.“ Als sie zurück kam, hatte sie ihren karottenfarbenen Kopf gehabt, wurde dann bei MTV mißverstanden als Dike – als Transvestit – die dachten: Können wir nicht spielen! Wir sind MTV wir können doch keine Transvestitenvideos hier laufen lassen. Heute machen sie einen auf: We are hip. Sie wurden erstmal nicht gespielt, das war schonmal gut. Dann wurde es gespielt, es wurde Nr. 1 in den USA: „Sweet dreams“. Und dann rief Dave an: „Wir haben erst 100 000 verkauft“, dann rief er an: „Wir haben jetzt 300 000 verkauft“, plötzlich gab es Gold, Platin. Gut, ich wurde dann Teilhaber an diesem ganzen Erfolg. Dann kamen die großen Schecks rein. Das Geld habe ich sofort wieder verpulvert, habe es wieder in meine Experimente reingesetzt. In Versuche mit anderen Bands.
(Auszug aus „Welcome to Crashworld“, Interview mit Robert Crash)

Auswahldiscografie / -biografie H bis M mit deutschen Punk-, New Wave und einigen Old School-NDW-Bands

Vorgestellt werden: Nina Hagen Band, Hans-a-Plast, Hass, Haushaltswaren, Die Haut, Die Helden, Hermann’s Orgie, Holger Hiller, Hinterberger’s Wut, Honkas, Die Hornissen, Die Ich’s, Ideal, Index Sign, Idiots, Die Ihmesspatzen, Im Namen des Volkes, Inzucht und Ordnung, IXTOC-1, JaJaJa, Jeanette und das Land Z, Jetzt, Jimmy Jenny und Jonny, Kaltwetterfront, Die Kapazität, Kastrierten Philosophen, Katastrophentheorie, Keine Ahnung, Kein Mensch, KFC, Holger Kielgas, Klischee, Piet Klocke, A.K. Klosowski/Pyrolator, Klystron, Knusperkeks, Korpurs Kristi, Die Kontainers, Kosmonautentraum, Kowalski, Kraftwerk, Kreuzer, Die Krupps, Der Künftige Musikant, La Loora, Leben und Arbeiten, Die Lemmige, The Lennons, Les Vampyrettes, Liaisons Dangereuses, Lost Gringos, Luzibär, Luxus, Malaria, Male, Mania D., Mannschreck, Marionetz, Materialschlacht, Mau Mau, Mekanik Destrükiw Komandöh, Nicolie Meyer, Mimmi’s, Minus Delta T, Mittagspause, Modern Entertainment, Der moderne Man, Moloko Plus, Mona Mur und die Mieter, Die Monotones, Mutterfunk, Mythen in Tüten

Platten und Plattenkritiken: Kosmonautentraum, 7inch, u.a. „Der Deutsche“, Eigen- label, 1981
Kosmonautentraum, 7inch, „Rache“ ZickZack ZZ 26, 1981
„Kosmonautentraum haben sich von der Mülleimer-Musik ihrer ersten Un-Platte völlig gelöst: „Rache“ brüllt Ziggy XY heraus, ihre Heimat ist offenbar gemeint. Dann wühlen die Kosmonauten in totem Fleisch herum und behaupten frech am Schluß: „Nur zum Spaß, nur zum Spiel“. Trotz hundertfach gehörter Synthis besser als alle Modernen Männer zusammen.“ (Werner Jakobs, Sounds, 3/1981)
Kosmonautentraum, 7inch, „Liebesmühn“, ZickZack ZZ 41, 1981
„…zeigt [. . .] weitere Fortschritte in Richtung eines zeitgemäßen Hardrock, was für Ziggys Stimme keine schlechter Hintergrund ist. Die experimentellere B-Seite gefällt mir weniger, und überhaupt ist „Rache“ nicht ganz erreicht.“ (Diedrich Diederichsen, Sounds, 1/1982)
„Kosmonautentraum geht auf „Liebesmühn“ mal wieder nach einer Minute die Luft aus, allerdings sind die drei unstrukturierten Stücke auch schon ein Jahr alt . . .“ (WK, Musik Express, 3/1982)
Kosmonautentraum, LP, ZickZack ZZ 100, 1982
„Die Masse will Pop, Kosmonautentraum das Gegenteil. Dabei ist ihnen Rhythmus nicht fern, ganz und gar nicht. Die Band ist übermäßig druckstark, die Trommeln knallen, Ziggy YX läßt den Kosmonautentraum tanzen. Gleich zu Anfang allerdings ein bißchen viel von DAF. Warum immer wieder dieses Virus? [. . .] Vor allem Ziggys Texte liegen außer Reichweite, meistens [ . . .] Kosmonautentraum machen es dir nicht leicht. Aber eine Band von Format kann Ansprüche stellen.“ (Peter Sanders, Musik Express, 5/1982)
Kosmonautentraum, 12inch, „Livorno 1956“, ZickZack ZZ 160, 1983
Kosmonautentraum, LP, „Tagediebe“, ZickZack ZZ 200, 1984
Kosmonautentraum, 12inch, „Angst ist mein König“, ZickZack ZZ 220, 1985

Bandbiografie: Michael Jarick aka Ziggy XY und Eckart Kurtz aka E.K.T. machten ein Fanzine mit dem Namen „Heute“. E.K.T. spielte mit einem Herrn Karl May bei The Worst. Zusammen mit Mattus Simons und Claudius Hempelmann bildeten Ziggy XY und E.K.T. die Band Der Moderne Man. Ziggy XY fungierte auf den ersten beiden Platten als Sänger, verließ dann die Band und gründete Kosmonautentraum. Ende April 1981 hatte die Band ihren ersten öffentlichen Auftritt in der Hamburger Markthalle. „Ziggy XY ist einfach kein besonders charismatischer Sänger. Ansonsten gab es eine Menge guter Einfälle, die allerdings stellenweise etwas willkürlich und planlos kamen. Technisch guter Musiker ist keiner bei Kosmonautentraum, kein Fehler, aber auch kein Grund sich dauernd ins wilde-aufs-Instrument-eindreschen-und-das-für-Intensität-halten zu flüchten.“ (Ewald Braunsteiner, Sounds, 6/1981). Mit zur Band gehörten Erhardt Süsskind, der einfach nur Süsskind genannt wurde und aus Rees am Niederhein kam und dort auch noch in einer Band spielte, E.K.T. (hier am Schlagzeug und nicht wie bei Der Moderne Man an der Gitarre) und Karl May. Die erste Platte des Kosmonautentraum „Der Deutsche“ wurde von der Band selbst verlegt. „Wir sind eine ironische Band – wir haben von Anfang an das gespielt, was wir nicht konnten. Unsere erste Single in Verbindung mit unserem Namen war ganz klar ein Antiprojekt.“ (Sounds, 2/1982) Für die folgenden Platten ging man zum ZickZack-Label. Kosmonautentraum gab ihren Titeln teilweise Nummern. So erschien auf dem ZickZack-Sampler „Lieber zuviel als zuwenig“ das Stück „Kosmonau- tentraum Nr. 10“. Die LP enthielt Stücke mit recht komplizierten Texten wie z.B. bei „Juri Gagarin“, nachdem manchmal auch diese erste LP genannt wird, da ein Foto von ihm das Cover ziert. „Tendierten seine früheren Texte noch zu Geschichten, so sind die neuen eher persönlich-assoziativ. Sie vermitteln keinen eindeutig identifizierbaren Sinnzusammenhang, sind aber, wie jeder Wortgebrauch, auch nicht frei von Sinn. Einzig in dem Stück „Juri Gagarin“ (welcher sowjetischer Erstlingskosmonaut war) wird auf jedes deutbare Verhältnis vom Sänger zum Wort verzichtet. Phantasielaute begleiten die Musik …“ (Christine Heise, Sounds, 2/1982). Auf dem „Ach Hannover“-Tapesampler von Spargel Tapes (Jörg Laubisch, Martin Fuchs) von 1982 sind ein Teil der Bandmitglieder auch beteilgt. So wird Erhardt Süsskind als Kontaktadresse der Band Die unsichtbare Hand genannt und Michael Jarick bei dem Duo Ziggy & Eno. Es folgte die Kosmonautentraum-Maxi „Livorno 1956“ und dann die zweite LP „Tagediebe“, die in farbiges Vinyl gepreßt und in einer Klarsichthülle verpackt war. Das Stück „Abschied“ erschien dann auch auf dem Zick-Zack-Sampler „Wunder gibt es immer wieder“. Mittlerweile waren Jochen Arbeit, Hopek Quirin und eine weitere Person von Die Ich’s zur Band gestoßen. Süsskind war in Bonn mit Lisardo Rivas als Facon Facon aktiv. Die letzte Platte des Kosmonautentraum, die bei ZickZack erschien war die „Angst ist mein König“-Maxi. Danach erschienen noch zwei Platten – „Magdalena“ und „Schöne Weihnachten“ – bei Ulan Bator. 1986 brachte Martin Fuchs, auf seinem All Roads Lead To Beatown-Kassettenlabel eine Kassette mit den den durchnumerierten Kosmonautenträumen und weiteren Stücken raus. Noch 1989 tauchte der Kosmonautentraum in der kompletten Liste „aller deutscher Bands“ in Spex auf. Dort wird in der Diskografie noch die LP „Prinz der Ghettos“ (Muster) genannt, dies könnten u.U. die nie von ZickZack veröffentlichen Aufnahmen sein, die es laut Gerüchten geben soll. Zusammen mit Marcus Oehlen (Ex-Mittagspause) brachte Ziggy XY die 12inch „Beer Is Enough“ bei What’s So Funny About heraus und dann gibt es noch eine 7inch der Hamburger Band Säurekeller an der Ziggy XY beteiligt war.

Literatur:

  • Braunsteiner, Ewald, „Berlin 1981“, In: Sounds, Hamburg, Nr. 6/1981 (Jahrgang 13), Seite 9/10
  • Heise, Christine, „Kosmonautentraum – Mit Trompeten in die Idylle“, In: Sounds, Hamburg, Nr. 2/1982 (Jahrgang 14), Seite 9