Leseprobe Blechluft 4

„Kassette sich wer kann“ – Edition Blechluft 4

BL4

[…] Interessant ist, dass Franz Bielmeier bereits in der allerersten Ausgabe seines Fanzines The Ostrich im Frühjahr 1977 Kassetten von seiner Band Charley’s Girls anbot. Abgesehen davon, dass die Band eigentlich wohl noch gar nicht richtig existierte, und ohne Franz Bielmeier hier als einen Pionier der Kassettentäter hochjubeln zu wollen, lässt sich daran erkennen, dass die Kassette schon zu der Zeit als ein mögliches Veröffentlichungsmedium für kleine Auflagen angesehen wurde.

[…] Erstes bundesweit zugänglichs Medium in dem Kassetten erwähnt wurden, war die Rubrik „Neuestes Deutschland“ (ND) in der Zeitschrift Sounds, die ab Januar 1980 (Ausgabe Februar 1980) von Alfred Hilsberg geschrieben wurde. Fortan war ND eine wichtige Plattform für alle noch unbekannten Bands im Umfeld der Neuen Welle. („Der Anstoß, Kassetten zu produzieren, kam durchs Sounds,. Die hatten eine Seite wo Kassetten vorgestellt wurden. Die war reichlich bekannt und auch das Medium, über das man sich kennen gelernt hat“, erinnerte sich Armin Hofmann. „Eine große Rolle hat dabei Alfred Hilsberg im Sounds, gespielt – der hatte 1980/81 in jeder Ausgabe eine kleine Rubrik mit Kassettenkritken, und das war natürlich die billigste Möglichkeit, bundesweit bekannt zu werden, wenn man da eine Kassette besprochen bekam.“, meinte Wolfgang Arnold). Auf einer Heftseite wurden Neuigkeiten, Adressen und Gerüchte aus der westdeutschen Punk- und New Wave-Szene verkündet.

Im ND erwähnte Hilsberg auch die ersten Kassetten von Deutschdenck (Pure Freude-Label) aus Düsseldorf und Frieder Butzmann (Eisengrau-Label) aus Berlin. …

In den 70er Jahren gab es in Berlin das Kassettenlabel Stechapfel. Bei Stechapfel kamen allerdings meistens politische Kassetten raus […] Schließlich gab es bereits im Ausland unabhängige Label die zeigten, dass man auch nur auf Kassette veröffentlichen konnte (z.B. gründete Philip Sanderson 1978 Snatch Tapes in England und Neil Cooper das bekannte Roir-Label 1979 in den USA).
(Auszug aus „Einleitung: Kassette sich wer kann – Eine Reise durch die Kulturlandschaft der Kassettentäter“)

Wie bist Du darauf gekommen Kassetten zu produzieren?
Walter Truck: Das mit den Tapes habe ich so 79/80 begonnen. Damals ging es darum seine Musik zu veröffentlichen, weil es Freude machte. Weil man ein Rockstar sein wollte: wenn drei Gitarren.Griffe zum Idol reichen sollten, warum dann nicht ein Tape? […]
Graf Haufen: Das muss so Ende 1980 gewesen sein. Die ersten Tapes, die ich bekommen habe, waren von Walter Truck „Alptruck“, herausgegeben. … Nach dem ich die ersten Tapes hatte, wuchs schnell der Wunsch, der Szene etwas beizusteuern/zurückzugeben. Dann wurden die Graf Haufen Tapes geboren. […]
Joachim Reinbold: Ende der 70er gab es einen „zweiten“ Anlauf, als ich eine Revox-Bandmaschine und später dann eine TEAC 4-Spur kaufte. Ãœber diverse Fanzines und Mund-zu-Mund-Propaganda geriet ich dann an den legendären Graf Haufen, der sich auch „meiner annahm“ und einige Kassetten vertreiben konnte, obwohl meine eher poppige Musikrichtung mit JAR bei ihm eher deplaziert war. Somit kam ich auf die Idee selbst einen Kassettenvertrieb zu gründen, ich glaube 1980 oder 81?

Kassettenproduktion
Iko Schütte: Ich habe sämtliche Kassetten 1:1 selbst kopiert! Eine Heidenarbeit, die Bestseller Mottek und Notausgang haben jeweils eine Auflage von ca. 250 gehabt […]
Matthias Nama: Die Kassetten wurden mit einem Kassettenkopiergerät vervielfältigt, Masterkassette rein und dann konnte man mit doppelter Geschwindigkeit die Tracks auf die Finalgeneration überspielen. Qualitätseinbußen musste man allerdings hinnehmen. […]
Ulrich Bogislav: Ach Kopierwerk, viel zu teuer für so kleine Auflagen. Immer zu Haus gesessen und tapfer Band für Band mit einem Doppelrekorder von Iko. Bier getrunken und immer wieder die gleichen Stellen der eigenen Musik gut gefunden. […]
Molto Menz: Als Nichttechniker habe ich nie selbst kopiert, allenfalls C-10. […]
Harald Sack Ziegler: Kopiert habe ich sie Anfangs selber und später dann 1:1 kopieren lassen. Jedoch habe ich mir fast immer die Mühe gemacht jede einzelne Kopie vor dem Versenden zu prüfen.[…]

Kassettenvertrieb
Frank Fremd: Vertrieb ging lokal im Buchladen, Molto [Menz] hatte auch von jedem Tape ein paar abgenommen. Das allermeiste ging jedoch per Post an Private, die ich per Fanzine kennen gelernt hatte. Ich hatte damals sehr regen Briefverkehr mit zig Leuten und Bands, und so wurde halt viel getauscht. […]
Sea Wanton: Entweder wurden die Produkte dann direkt an Interessenten verschickt oder den entstandenen Kassetten-Vertrieben wie Du Bist So Gut Zu Mir (Molto Menz in München) oder Graf Haufen Tapes (Berlin), der Scheißladen (Berlin) … zugeleitet (als „Kommissionsware“). Daneben gab es auch Tauschgeschäfte mit Labels wie Cassettencombinat und Datenverarbeitung. […]
Molto Menz: Der Vertrieb, das Verbinden, das Verteilen lag mir mehr am Herzen. Musik gemacht haben ja alle […]

Kassettengestaltung
Udalrich Wamsiedler: Die ersten Cover waren noch handgemalt. Das waren noch die Zeiten bevor wir das mit dem Fotokopieren für uns entdeckt hatten. Die Kopien waren so schlecht, wenn du etwas flächiges hattest, kam das gar nicht richtig raus.
Andreas Wind: Wobei bei der „Kontraktion“ habe ich die Rückseite mit der Schreibmaschine geschrieben. […] Ich habe mit einem Lineal Linien gezeichnet, damit ich wusste wo der Zeilenumbruch verläuft.
(Auszüge aus den Interviews)