Leseprobe Blechluft 6

„Lass uns über Musikkontexte reden“ – Edition Blechluft 6

BL6

 

Blechluft: Wie kam es das Du Dir einen Synthesizer gekauft hast? So etwas war doch damals sicherlich teuer?
Asmus Tietchens: Nicht ich kaufte mir 1971 den Synthie Minimoog, sondern mein Freund Okko Bekker. Ich konnte die Maschine aber ständig nutzen. Ja, natürlich war der Minimoog teuer: DM 2.800,- waren Anfang der 70er sehr viel Geld. Und ich brauchte ja auch noch eine vernünftige Bandmaschine, eine Revox A77, um Aufnahmen machen zu können.

Thomas Schwebel: In den Tagen vor dem Festival lernten wir DIN A Testbild kennen, die damals die moderne Seite der Berliner Szene repräsentierten. Mark Eins war offensichtlich ein völliger Bowie-Klon, und Bowie und Iggy Pop lebten ja damals in Berlin, so hieß es. In der Band waren außerdem Gudrun Gut und besagte Coca-Cola. Man hörte damals „United“ von Throbbing Gristle, The Normal, viel Freeform- Zeug, ganz im Gegensatz zu der etwas rigideren Düsseldorfer Musik-Diät, die ja eher Pop-Song orientiert war. Harry hat das mehr noch als mich total fasziniert – er hatte ja schon Jahre vorher einen Can-Fanclub gegründet, mit ihm und Uwe Jahnke als einzige Mitglieder. Ich war da eher skeptischer. Und so entstand diese Idee – weg mit dem geprobten Programm aus fertigen Songs, hin dazu, einfach auf die Bühne zu gehen und irgendetwas zu machen. Das klingt ja eigentlich sehr spannend und gut, das Problem ist nur, dass eine Band sehr gut und sehr zusammen sein muss, um sich auf so etwas einlassen zu können.

Blechluft: Die Elektroniker bezeichnest Du als wichtige Prägung. Was für Elektronik habt ihr eingesetzt?
Hans Castrup: Die eingesetzte Elektronik war – natürlich dem Geldbeutel geschuldet – recht spartanisch, was uns aber nicht störte oder behinderte. Helmut übernahm meine Fender-Mustang Gitarre plus einiger Effektgeräte und Verstärker und schaffte eine Roland CR-78 Drum-Box an, da diese schon eingeschränkt programmierbar war und deswegen einen starken Reiz hatte. Ich erstand einen gebrauchten Korg MS-20. Das Studio war mein Philips 4-Spur Tonbandgerät mit Track-Bouncing- und seltsamer Hall-Funktion und ein Copycat-Bandechogerät sowie erst ein, dann zwei Kassettenrekorder. Später kam dann noch ein zweites Tonbandgerät dazu, was die „Mehrspuraufnahmen“ erleichterte. Es war ein permanenter Kampf gegen das Bandrauschen, das wir trotz aller musikalischen Offenheit als sehr störend empfanden. Aufgenommen wurde über zwei Mikros sowie den Tonband-Direkteingang, die Gitarre meistens mikrofoniert, der Synthesizer direkt. Ein Mischpult gab es nicht, Equalizer auch nicht, das kam erst cirka 1985. Die Tracks entstanden als längere Improvisationen – der Roland wurde angestellt, manchmal triggerte er den MS-20, dazu kam die Gitarre und los ging’s, manchmal eine halbe Stunde lang – von denen Ausschnitte ausgewählt und die – wenn nötig – noch einmal überarbeitet wurden. Die Tracks für die Veröffentlichungen wurden auf eine Masterkassette überspielt und dann in Heim- und Handarbeit kopiert. Die Cover kopierten wir im Copy-Shop.

In den frühen 80er Jahren gab es auch in München einige Bands die New Wave oder Punk spielten. Kai Taschner und Michael Kunz spielten bei Luna Set und ZaZa. Zusammen mit Olaf Schirm nahmen sie 1986 eine Platte als Japotage auf. „Ich habe den Kai über Luna Set kennen gelernt. Um drei Ecken war ein Freund bekannt mit der Sängerin. Ich fand die Musik von Luna Set gut. Kai war die treibende Kraft. Er wollte ein Gruppenprojekt mit experimentelleren Stücken starten. Ich war Soundtüftler und Klangbastler und hatte zudem ein kleines Aufnahmestudio, also beschlossen wir es zusammen zu probieren. Ich hatte auch kein Problem mit der weiteren Besetzung: Gitarre, Keyboard und Schlagzeug. Vom Kai kam Gesang und Saxophon. Das Thema sollte Japan sein und erstreckte sich von Godzilla bis Hatchiko. Musikalisch ging es für damalige Verhältnisse in Richtung jazziger Fusion, etwas King Crimson, mein Solostück „Electric Teahouse“ ist fast schon Minimal Music.“ Olaf Schirm spielte sein Solostück mit dem von Kingsley geliehenen Moog Modulsystem ein. Nachdem die LP in einer 2000er Auflage erschienen war, tauchten die Bandmitglieder wieder in ihre eigenen Projekte

Hans Castrup: Das jemand auf die Idee kam, eine Eigenproduktion und womöglich noch einen Eigenvertrieb zu machen, war ganz selten. Und wenn es jemand tat, dann war es er für das Publikum eine Art „kariertes Maiglöckchen“, etwa a la CAN. Ich habe noch ein „Riebes Fachblatt“ von cirka 1972, mit einem Leserbrief von Holger Czukay, in dem er gleichgesinnte eigenproduzierende Bands für einen Erfahrungsaustausch sucht. Er schreibt dort, nur noch eine Band außer CAN zu kennen, die produktionstechnisch ähnlich verführe. Das war seiner Meinung nach Holde Fee. In der Fraktion der Elektroniker gab es ja schon Kraftwerk, Harmonia, Cluster und in England natürlich Eno, die in Eigenproduktion arbeiteten. Wobei die Frage nach der Veranlassung bleibt: freiwillig oder aus der Not geboren? Das war aber auch nahezu alles, wovon man auf dem Sektor erfuhr. Wenn jemand versuchte, ohne Studiotechnik eine Band aufzunehmen, so klang das Resultat eben nicht „amtlich“, wie es so schön heißt, die Frage nach einer anderen Klangästhetik, die theoretisch zu entdecken war wurde nicht gestellt – damit war dann die Freude am Produkt nicht gegeben. Die eigene und eigenartige Ästhetik der selbstproduzierten Musik musste grundsätzlich noch entdeckt werden. Die in den 80ern folgende Umwälzung der Szenerie wird auf Basis diese Prämisse ganz besonders deutlich, finde ich. Das Interesse am „Neuen Medium“ [Cassette] bestand – sehr gefördert durch den Einsatz der Presse – dann für einige Zeit auch auf Seiten des Publikums. Im Zuge der „Wechselbad“-Kassette [eine Cassette der Poison Dwarfs] habe ich es erlebt, das Leute bei mir zu hause klingelten und Exemplare kaufen wollten. So etwas muß man sich heutzutage mal vorstellen: Jemand kommt zu Dir nach hause um Dir eine selbst gebrannte CD abzukaufen.

Torstn Kauke: Sofort wurde regelmäßig die Spex gekauft, obwohl wir kein einziges Wort der Artikel verstanden – der wichtigste Teil waren ohnehin die Kleinanzeigen ganz hinten. Da wurden die wenigen zu dieser Zeit noch enthaltenen Casssetten-Adressen gesucht, gefunden und sofort kontaktiert. Ich wurde erstmals Kunde bei Institutionen wie Irre-tapes oder Jar-music. Es war jedoch unabänderlich 1986/87 und die vielseitige Dilettanten-Szene, die der Rock-Session Artikel versprochen hatte, war offenbar schon lange von einem uninspirierenden Perfektionismus und einer totalen Orientierung an die US + UK-Szene abgelöst worden war. Da standen wir dumm da, als potentielle NDW-Dilettanten-Shooting-Stars in einer Post-NDW-Welt!

Markus Detmer: Der Musikexpress war die erste Musikzeitschrift die für meine Musiksozialisation wichtig war. Dort habe ich irgendwann die Independentcharts entdeckt. Fand die spannend und interessant und habe mich gewundert, warum eigentlich über die Bands in den Independentcharts nie etwas im Musikexpress drin stand. Ich habe dann irgendwann festgestellt, das es die Musikzeitschrift Spex gibt, die über die Bands aus den Independentcharts berichtet. Als ich die erste Spex kaufte, habe ich die irgendwie kaum verstanden. Ich entdeckte die Kleinanzeigen hinten, zum Beispiel die von JAR-Music und habe mir mal einen JARMusic-Katalog bestellt, bei dem viele IRRE-Tapes Flyer dabei waren. Und habe dann IRRE-Tapes kennen gelernt. Ich kaufte dann Cassetten wie „Lifestyle musiccompilation“. Und bin dann schnell in diesem Netzwerk drin gewesen.

Parts & Labor wurde 2002 von Dan Friel und BJ Warshaw gegründet. „Dan und ich machten häufig zusammen Musik. Jede Menge schlecht improvisierter Free Jazz, Noise und Rock“, erinnert sich BJ an die ersten Sessions. „Aber Bands waren das nicht. Wir spielten im Übungsräumen von Freunden oder in irgendwelchen Lofts und machten eine Menge Krach. Das machte viel Spaß, daraus entstand aber nichts was man sich noch mal anhören möchte! Damals spielte ich übrigens noch Saxophon.“ Bei Parts & Labor spielt er den Bass, bedient die Electronics und singt auch bei einigen Stücken. Dan Friel singt die meisten Stücke, spielt Keyboards und dreht auch gerne an den Elektronics. „Dan und ich trafen uns übrigens als wir beide in der Knitting Factory gearbeitet haben. Wir haben immer noch jede Menge Freunde die in der Knit arbeiten.“ Damals war die Knitting Factory noch in Manhattan, mittlerweile ist sie nach Brooklyn umgezogen.

Blechluft: Dein Cassettenlabel Sepplhubers Stubenmusi hast du in Berlin in der zweiten Hälfte der 80er gegründet. Was waren da deine Ambitionen? Gab es da überhaupt noch so etwas wie eine Kassettenszene?
Tom Scheutzlich: Es gab noch Heinos Scheißladen in der Kreuzberger Großbeerenstraße als erste Adresse der verbliebenen Tape-Täter, und Lord Litter hatte eine Cassettensendung auf Radio 100. Ich stieß damals auf die Bands Knochen=Girl und Mutter und fand diese so gut, daß ich diese bekannter machen wollte; daher kopierte ich deren Cassetten und verteilte diese auf ausgesuchte Läden. Natürlich wollte ich auch berühmt werden und mischte Tapes meines damaligen Projekts Walter Ulbricht Expereince dazwischen.

Markus Detmer: In dem Bereich in dem ich mich bewege ist es in Berlin wesentlich langsamer. Da gibt es so etwas wie A-Musik noch nicht. Da habe ich mit dem Dense-Plattenladen und meinen Leuten diesen Platz besetzt.
Blechluft: Gibt es eigentlich noch den Gelbe Musik-Laden?
Markus Detmer: Gelbe Musik ist ein legendärer Plattenladen, von dem A-Musik sicherlich auch inspiriert ist, den es schon seit den frühen 80er Jahren gibt. Von der Ursula Block betrieben. Den Laden gibt es immer noch. Ziemlich tief im Westen. Der ist mittlerweile von der Entwicklung in der Stadt abgekoppelt. Es gibt kein Publikum mehr dafür. Die die noch in den Laden kommen, sind Musiker die von ausserhalb kommen, die in den legendären Gelbe Musik-Laden gehen wollen.
Blechluft: Du hast jetzt in Berlin einen eigenen Laden?
Markus Detmer: Als ich in Berlin angefangen habe, habe ich mir ein Büro mit Klangkrieg geteilt. Das Büro war ein Ladenlokal, da haben wir auch einen Miniladen betrieben. Nach zwei Jahren bin ich mit den Dense-Plattenladen in ein neues Büro gezogen. Das gab es den Plattenladen. Da gab es mich als Label. Im Hinterzimmer gab es noch die Dense-Promotionagentur.

Torstn Kauke: Nachdem ich also seit schon über 40 Jahre den Punk-Leitspruch „DIY“ befolgt habe, habe ich mich seit 2008 auf einen weiteren Leitspruch eingelassen: „Think global, act local“. Seitdem betreibe ich zusammen mit Georg Klein in Offenbach am Main den „Waggon am Kulturgleis“. Das ist tatsächlich ein alter (Güter-)Waggon, der direkt am Main steht und einer der aussergewöhnlichstehn Klein-Clubs Deutschlands (oder gar der Welt?) sein dürfte. Es passen bis zu 30 Leute rein (im Sommer dreimal soviel, die auf der Terasse Platz finden) und wir machen dort regelmässig und das ganze Jahr über Kulturveranstaltungen aller Art, von Kunstausstellungen und Lesungen und Poetry-Slams über Indie-, Drone und Noise-Konzerte bis hin zu rauschenden Danceparties mit elektronischer Musik aller Richtungen.

Blechluft: Gerade beim Spielen mit elektronischen Instrumenten kann man sich die Frage stellen: Wird da live gespielt oder läuft da ein Computerprogramm? Im Vergleich zu einem Rockgitarristen oder einem Trompeter in einem Orchester kann der normale Zuschauer die Klangerzeugung nur schwer verstehen. Wie könnte die elektronische Musik aus diesem Dilemma raus kommen?
Asmus Tietchens: Das ist für mich kein Dilemma. Wenn ich irgendwo hingehe, um Musik zu hören, erwarte ich schon lange nicht mehr unbedingt, dass Musiker j e t z t und in Echtzeit etwas spielen. Für mich zählt, was ich zu hören bekomme. Wie das erzeugt wird, ob live oder tatsächlich aus dem Laptop herausgespielt ist mir gleich. Die Zeit der Posen ist vorbei, das Risiko des Scheiterns beim Auftritt sollte so gut wie möglich minimiert werden. Auf der Bühne muss nicht mehr geschwitzt oder grimassiert werden. Das mag sonderlich klingen, aber ich kann auf Bühnen- beziehungsweise Liveaction gerne verzichten. Auch hier zählt (wie bei der Frage nach „U“ oder „E“) die ästhetische Relevanz der Musik. Das hat mit Pop kaum noch etwas zu tun, gewiss. Und mit der Impro-Attitüde natürlich auch nicht.

Olaf Schirm: Der Tenori-On ist ein Performance-orientiertes Musik-Eingabegerät mit relativ beschränkten Soundvermögen aber einem interessanten haptischen und synästhetischen Ansatz. Ich habe etliche kleine Songs darauf entwickelt und eine kurze Sequenz bei YouTube hochgeladen. Inzwischen habe ich ihn nicht mehr sondern beschränke mich auf die leuchtenden Tasten ohne Sound, dem Launchpad, die aber mächtige Soundfunktionen im PC ansteuern. Mich interessiert zur Zeit vor allem der Ansatz eine musikalische Struktur vorzugeben innerhalb welcher einige Parameter veränderbar sind. Die Veränderungen erfolgen dann in Echtzeit und nicht reproduzierbar durch einen Datenhandschuh oder Datenanzug, der Bewegungen des Körpers, des Gesichtes und der Fingerglieder in musikalische Ereignisse umsetzt, aber die Veränderungen können auch durch Klimaveränderungen auf Internet Wetterdatenseiten geschehen, das ist spannend. Die Geräte zur Bewegungserfassung baue ich selber, auf You-Tube gibt es von mir unter „Modern Chimes“ ein Windspiel welches einen Sampler ansteuert. Das deutet auch in die Richtung in die ich mich weiterentwickeln möchte. Ich denke ich beginne dieses Jahr noch mit der Entwicklung eines neuen Konzeptes zur Erzeugung elektronischer Musik für mich.

Blechluft: Mal angenommen für Künstler und Publikum ist das Laptop als Live-Instrument langweilig, könnte Launchpad & Co. ein Anfang sein die Sache wieder schwungvoller zu gestalten? Auch so Ideen wie die Brontologik-Software von Kurt Dahlke? Sind das deiner Meinung nach wieder vernünftige Live-Instrumente, wo Künstler und Publikum wieder „wau“ sagen?
Tom Scheutzlich: Ich kann mir vorstellen, daß für viele Leute, die auf seltsame Instrumente stehen, die handelsüblichen Controller wahrscheinlich genauso langweilig sind wie ein Laptop. Der Brontologic ist technisch sicher interessant, wie auch viele andere innovative Hard-/Softwarekombinationen. Mir fehlt an all diesen neuen Geräten aber das Musikalisch-Haptische, an dem man sich (auch körperlich) ausleben kann; meistens ist man doch irgendwie an den Bildschirm oder an ein zu kurzes USB-Kabel gebunden und muß ständig auf irgendwelche winzigen Displays glotzen; das würde mich als Performer zu sehr in meiner Bewegungsfreiheit einschränken. Wie sagte der von mir hoch geschätzte Chrislo Haas, das „musst Du bodymäßig abchecken“. Ich kenne kaum aktuelles Equipment, mit dem man das wirklich machen könnte. Es wird sicher noch viel Krempel auf den Markt kommen, und ich bin gespannt, was mich ansprechen wird.