Leseprobe Blechluft 7

„Eine gewisse Randständigkeit“ – Edition Blechluft 7

 

BL7

I.

Mit dem Musiker und einem Aufnahmegerät in der Zeitmaschine

Robotern wird es nicht gelingen, interessante Textideen zu entwickeln, nach ein wenig Recherche Kontakt zu dem Künstler aufzunehmen, ihn zu interviewen und daraus einen Text zu machen. Sie werden nicht mit einem Aufnahmegerät durchs Land reisen, ihre Helden befragen und ein erhellendes Oral History- Buch veröffentlichen. Schlicht weil es sie nicht interessiert. Roboter sind keine Fans. […] Aber zurück zur Frage: Ist das Schreiben von Musikerbiografien noch ein Thema? Ich denke schon und vielleicht sogar mehr denn je, aber anderes als früher. Es sind nicht mehr nur die allwissenden Autoren mit ihren dicken Archiven, sondern der Schwarm, der befragt wird oder der Infos mit Web 2.0-Bordmitteln zusammen trägt. Bei Oral History-Büchern werden die Interviewten quasi zu Mitautoren, wenn auch der Interviewer und Arrangeur die meiste Arbeit hat (Kontakt herstellen, Reisen, Interview führen und abtippen, die Interview zu einem Text aufbereiten). Weiterhin werden auch die für Musikzeitschriften oder Tageszeitungen – egal ob Print oder Online – verfassten Artikel eine wichtige Rolle spielen. Denn bei dieser journalistischen Arbeit, ist das Führen von Interviews die Normalität. Auch wenn nur ein Teil dieser Artikel Biografien sind, so haben sie für die Recherche für Biografien eine große Bedeutung. Gedruckte Fanzines sind heute nahezu ausgestorben, die der vergangenen Jahrzehnte teilweise über Archive oder über Webseiten zugänglich. Heute sind diese fotokopierten Fanzines durch Blogs ersetzt worden. Nicht nur ersetzt, sondern erweitert: Früher waren die Fanzines nur für einen kleinen Kreis zugänglich, heute können Blogs von der ganzen Welt gelesen werden und die Themenvielfalt und -tiefe hat sich erweitert. Auch hier gibt es Musikerbiografien, wenn die Historie einer Band, eines Labels oder eines kleinen Plattenladens auf einem Blog festgehalten werden. So etwas gab es früher oft nur in speziellen Büchern: Die Bands und „Läden“ einer Stadt wurden in einem Buch dokumentiert. Dazu musste man erst mal Sponsoren finden damit das Buch überhaupt gedruckt werden konnte. Der Bürgermeister und der Vorsitzende des lokalen Rockmusikervereins schrieben ein Geleitwort und die Einleitung. Heute setzt sich der beteiligte Musiker oder der Fan selber an den Rechner, schreibt einen Blog oder gibt ein Buch im Selbstverlag heraus. […]

Kontakt herstellen

Will man ein Interview führen, so muss man zunächst mit der Person an der man Interesse hat, in Kontakt kommen. Die Wege dazu sind zahlreich und nicht immer einfach. Man macht sich auf die Suche nach Webseiten, E-Mail-Adressen, Telefonnummern, Postadressen, alten MySpace-Seiten oder bei Facebook. Auch wenn man fündig wird, was im digitalen Zeitalter gar nicht mehr so unüblich ist, heißt das nicht das man leicht in Kontakt kommt, den Kontakt bis zu einem Interview aufrecht erhalten kann, ein Interview zustande kommt. Der Erstkontakt, die Kontaktaufnahme ist ein Kapitel für sich und ziemlich individuell, so dass man es eigentlich kaum verallgemeinern kann: Höflichkeit, Interesse am Gegenüber und/oder Hartnäckigkeit können nicht schaden. Wobei man es mit der Hartnäckigkeit nicht übertreiben soll, denn es gibt immer wieder Leute die nicht befragt werden wollen. Man sollte auch schauen, ob man die Personen mit dem gewählten Kommunikationsweg tatsächlich erreicht. Wird die E-Mail die man sendet, evtl. von der E-Mail-Software des Empfängers als Spam angesehen (Welchen Provider nutzt man?) oder filtert der Empfänger die E-Mail selber als Spam aus, weil man sich unglücklich ausdrückt („Mein Name ist … und ich bin von … und würde gerne“ – verärgert: Nein, ich will das nicht haben, Spam) oder der Betreff nicht eindeutig ist oder gar fehlt. Wenn man sich dann wundert, dass der Angeschriebene nicht antwortet, sollte man erstens nicht böse sein und zweitens den Kommunikationsweg überdenken. […] Die erste und dritte Möglichkeit der Kontaktaufnahme schafft Verbindungen zu Personen die man vorher nicht kannte. Vielleicht Personen die weniger in der Öffentlichkeit sind/waren, aber trotzdem relevant/ interessant/vielwissend sind. Leute die man selber übersehen hätte und man sich später ärgert, wenn man erfährt, dass die auch dazu gehörten und nun fehlen. Dann kommen so Aussagen wie: „Den hättest du unbedingt befragen müssen, der hat ganz viel gemacht und so.“ Wobei dies natürlich manchmal auch nur ein übertriebenes Vollständigkeitsgehabe ist und man sich schon bei der Wahl des Themas überlegen soll, ob man dafür überhaupt Raum geben will. Bei „vollständigen“ oder „ultimativen“ Texten über das Thema, ist es eher peinlich, wenn dann ein wichtiger Protagonist fehlt, als bei einem Text der sich bewusst auch einschränkt. Die als zweites genannte Fürsprechermethode scheint für den Musikerbiografie-Zweck vielleicht etwas übertrieben, aber: Auch wenn man nicht mit Gangster Rapper in Kontakt treten möchte (wenn doch, scheint die Methode angebracht – nachdem was man so hört), aber vielleicht mit den Was soll’s Gangsters, dann kann ein Vermittler von Vorteil sein. Wie oft bekommt man gesagt: „Hier ist die Telefonnummer von dem und dem, ruft den an, sag das du die Nummer von mir hättest, dann weiß der Bescheid“. Hier geht es um schwierige Personen oder um Personen von denen man glaubt sie seien schwierig. Dann kann es hilfreich sein, wenn man Kontakte hat, die die Person kennt: „Meinste der hätte auch Interesse?“, „Wie ist denn der so drauf?“, „Mir antwortet der nicht?“

II.

Vom Reischplatz in die Dunkelkammer International

Bild1

 

Der Reischplatz in Köln-Deutz war im Januar 1978 Schauplatz für einen der ersten Fotoshootings mit einer deutschen Punkband (siehe Bild oben / nicht im Buch). Der Sounds-Autor Alfred Hilsberg kam damals mit der Fotografin Sabine Schwabroth ins rechtsrheinische Kölner Stadtteil. Hilsberg führte mit den jungen Punks von T.V. Eyes in der Wohnung der Familie Luis ein Interview. Erstaunlicherweise tauchten die Aufnahmen dieses Interviews Jahrzehnte später über Franck Herges auf Franz Bielmeiers Archivwebseite Rondo-ton.de wieder auf. Sabine Schwabroth machte vor der Haustür ein paar Bandfotos. Ramon Luis und Detlef Mayer waren mit auf dem Bild, welches in der Sounds 3/1978 veröffentlicht wurde. Björn Wondracek hatte mir bereits erzählt, wer alles auf dem Bild zu sehen ist: Ralf Weise (Bassist), Björn Wondracek (Sänger), Ramon Luis (Gitarrist), Detlef Mayer (Roadie) und Frank Marowsky (Schlagzeuger). Alfred Hilsberg führte ein Interview mit den jungen Kölnern. Sie erzählen wie sie zu Punk gekommen seien, wie sie sich weiter entwickeln wollten und Hilsberg erzählte ihnen wie sich Punk gerade in England veränderte. […]

Ramon Luis: „Alfred war eine völlig andere Generation, und er fühlte sich zwar deplatziert, aber wohl. Das Interview bei mir im Zimmer war ein Haufen Chaos. Das war zu viel für ihm. Er konnte keine veröffentlichungswürdige Information sampeln. Danach fuhren wir alle mit der Bundesbahn nach Düsseldorf, da gab es dieses klasse Festival mit T.V. Eyes und Male in einer Sporthalle.“
Franz Bielmeier: „In einem Jugendzentrum haben die Girls dann mit Male einen Gig gemacht.“
Detlef Mayer: „Da hatten die Jungs von Male in irgendeiner Sporthalle oder einem Jugendzentrum etwas organisiert zum Spielen. Der Hilsberg hat das alles etwas dubios dargestellt, dass wir über die Zäune geklettert seien und das Ding quasi besetzt hätten.“
Ramon Luis: „Anschließend kam Alfred Hilfsberg mit zu einen Umtrunk und Fotosession mit in den Ratinger Hof, was seinem Bericht im Sounds doch diese Aura verschaffte.“
Franz Bielmeier: „Alfred Hilsberg wusste über den Ostrich von uns. Wir wussten, da kommt jemand und da haben wir halt das Beste gemacht um den zu beeindrucken. Sabine Schwabroth hat im Ratinger Hof Fotos gemacht. Wir hatten noch keine Stücke zu der Zeit. Hilsberg hat uns einzeln am Billardtisch interviewt. Mit jedem so 10 Minuten. Wir merkten gleich, der gehört nicht zu uns, aber er ist uns gesinnt. Die Veröffentlichung in der Sounds war der Höhepunkt, der beste Step. Und dass die für den Artikel in der Sounds das Ostrich-Layout übernommen haben, das war der Gipfel, das hätten wir nicht gedacht. Wir haben zwar immer so getan als ob wir die größten sind, aber das wir da rein kommen das hätten wir vorher nicht gedacht.“ […]

Mit dem Stück „Dunkelkammer International“ – Mayer hatte den Text geschrieben, Luis die Musik – kam die Band [Tutti Frutti] auf den Kassettensampler „Klar und Wahr -Sounds rettet Deutschland“ (1982) der Musikzeitschrift Sounds. Ramon Luis und Detlef Mayer hatten das Stück mit Klaus Audersch als Schlagzeuger im Rondo-Keller aufgenommen. Der Rondo-Keller war ein Proberaum mit einer TEAC-4-Spurmaschine und eine REVOX im Keller von Franz Bielmeiers Reiheneckhaus in der Millratherstraße in Düsseldorf-Wersten. Der Rest der Band war an den Aufnahmen nicht beteiligt. Wenig später löste sich Tutti Frutti auf.
Detlef Mayer: „Der Franz hatte eingefädelt, dass das Stück auf die Sounds-Kassette kam. Er ist damals angesprochen worden, weil er über das Rondo-Label viele Rheinland-Kontakte hatte. Da hat uns der Franz dazu geholt, weil ihm die Sachen gefielen die wir machten. […] Der Franz hat dann noch den Klaus Audersch geholt, der hat dann den Schlagzeug-Part übernommen. Und dann haben wir ein Stück aufgenommen an einem Abend. Damit waren wir sehr zufrieden.“
Ramon Luis: „Die ‚Sounds rettet Deutschland‘-Version haben Detlef und ich, mit Snoopy Audersch von Aqua Velva am Schlagzeug in einem Take im Rondo Studio eingespielt, es war etwas Holterdiepolter und Franz mischte die ganze Sache so gut es eben ging.“ […]
Detlef Mayer: „Nach einem riesen Knall bei Tutti Frutti, haben wir uns aber nach ein paar Monaten doch wieder zusammen gerappelt. Dann zu viert und haben dann noch eine Zeitlang weiter gemacht.“ Sie nannten sich nun Tete a Tete …

Stille Hoffnung

Vor 30 Jahren hatte Stille Hoffnung ihre LP aufgenommen und sich wenig später aufgelöst. Und nun saß die halbe Band bei mir am Tisch bei Keksen, Saft und Sprudel. „Was mögen die nun denken?“, ging mir durch den Kopf. „Wie ist das eigentlich, wenn nach 30 Jahren euch jemand nach Stille Hoffnung fragt?“
Brecht Brozio-Läseke: „Das ist so eine Mischung aus Erstaunen, dass uns überhaupt noch jemand kennt. Auf der anderen Seite weiß ich natürlich, weil ich alle Jahre mal bei YouTube gucke, ob da irgendwer mal was von uns reingestellt hat, dass es schon ein paar Leute gibt die uns noch kennen. Ober irgendwer hatte mal einen Bericht über uns geschrieben. Auf der Brotbeutel-Seite. Eitel wie man ist (lacht), googelt man sich dann ab und zu selber. Auf der anderen Seite freut mich das. Ich musste nicht lange überlegen als du gefragt hast ob ich Interesse an einem Interview hätte. Es ist halt eine Sache, die habe ich tatsächlich gemacht und geschafft, das freut mich. Da bin ich schon ein bisschen stolz, auch wenn ich mir nicht allzu viel darauf einbilde.“
Elmar Botschen: „Mich hat es auch gefreut. Was dann eigentlich immer passiert, wenn man dann zugesagt hat, dass einem dann – was über die Jahre auch passiert – ein paar Erinnerungen wieder nach oben kommen: Aufnahme im Tonstudio damals in der Schweiz und so. Kette jetzt, diese Sachen die einem sonst natürlich auch irgendwie gedanklich vor die Füße fallen, aber jetzt daraufhin nochmal vermehrt. Nicht welche Frage könnte nun kommen, aber …“
Blechluft: „Wunderst du dich über das Interesse an Stille Hoffnung, nun 30 Jahre später?“
Jean-Yves Pirlot: „Jein. Was wir damals machten fand ich toll. Ich finde die Musik der 80ger Jahre sowieso immer noch sehr gut. Weniger vergänglich als das meiste was man seitdem zu hören bekam. Also dass sich jemand noch an die Musik dieser Zeit erinnert und sich dafür interessiert finde ich normal. Dass man sich dann ausgerechnet für unsere Musik interessiert verstehe ich nicht direkt, aber es gefällt mir natürlich. War sie dann vielleicht nicht mal so schlecht? Ich habe immer gedacht dass wir etwas zu spät, bzw. gerade nach der Neuen Deutschen Welle gekommen sind. Wir waren relativ gut aber … etwas zu spät.“

Etwas zu spät

Damals musste man zum richtigen Zeitpunkt parat stehen. Möglichst 77 bis 80, wer danach noch anfing musste entweder besonders innovativ sein oder ein paar Jahre warten. „Wir waren ein bisschen spät. Die da noch gemeinschaftlich mit den Düsseldorfern zusammen gewerkelt hatten, die kannten wir ja überhaupt nicht. Wir sind also keine Urkölner Punkband in dem Sinne. Von einer Band war da 78 ja noch gar keine Rede. Eigentlich Jahre entfernt“, meinte Brecht Brozio- Läseke. So 79/80 hatten einige Bands der Neuen Welle ihre erste Phase beendet, lösten sich auf oder entwickelten sich weiter. „Da fingen wir gerade erst mal an. 81 wurde das dann bei uns etwas fester.“ 1981 spielte die Band einige Konzerte. 1982 wurde die LP im Frühjahr aufgenommen, die allerdings erst im Herbst erschien. Und das „etwas zu spät“ verfolgte die Band bis über die Plattenaufnahmen hinaus. Die Kritiker in den Musikzeitschriften bemängelten die fehlende Weiterentwicklung. „Wir bekamen von einem Teil der Presse eine Klatsche: ‚Altbacken, ist ja Gitarrenmusik, Gitarrenmusik ist out, jetzt kommt Elektro‘. Fanden wir jetzt nicht so toll. Da hat man sich gesagt, es wird immer einen geben, der einen ein bisschen abserviert. Dass es jetzt ausgerechnet die Kölner Spex sein musste hat dann vielleicht noch etwas Salz in die Wunde getan. Wir waren froh, dass die Platte draußen war“, sagte Elmar. Das was Peter Bötcher in der Rezension für die Spex und Konrad Schnabel in der Sounds Ende 82 schrieben, hat Brecht heute noch im Hinterkopf: „Conny Schnabel den Namen werde ich nicht vergessen. Ich weiß auch nicht mehr genau was er schrieb, war aber auch nicht nett. ‚Halbherzige Pogostückchen werden mit …'“. Ich kramte etwas in meinen Unterlagen. Schnabel schrieb: „Nette Pogostückchen werden mit halber Geschwindigkeit gefahren, dazu kritisch-engagierte Texte, die zwar frei von Peinlichkeit sind, allerdings doch arg verkrampft und anachronistisch anmuten.“ „Knaller“, Elmar Botschen musste lachen. „Auch da wieder Anachronismus. Ein Begriff der uns leicht verfolgt“.

Andreas Thein, der neue Popstar, der neue Stroheim?

Um nach den ersten Experimenten Aufnahmen für eine Platte zu machen rief Thein bei Kurt Dahlke in Düsseldorf an, der unter dem Namen Pyrolator Musik machte und bereits Platten veröffentlicht hatte. Außerdem war Dahlke Mitglied bei Der Plan, die in Düsseldorf das Ata Tak-Label mit Studio betrieben. „Wir waren [mit Ata Tak] gerade von den Räumen im Fürstenwall 64 in unser neues Studio in Düsseldorf- Gerresheim umgezogen – da war es noch gar nicht umgebaut, als sich Andreas Thein bei uns meldete, weil er seine erste Single mit mir aufnehmen wollte“, erinnert sich Kurt Dahlke.[…]
„Andreas war damals unüberseh- und hörbar im Kölner Nachtleben seit seiner legendären Performance im Blue Shell ‚das tote Huhn‘ – daher auch sein nom de guerre = das Huhn“, sagte Ralf Grundmann, der wie Thein experimentell- elektronische Musik machte. „Großkotzig, arrogant, laut und überheblich: the man you love to hate‘. Als ich ihn einmal als Erich von Stroheim titulierte – siehe Zitat im Vorsatz – strahlte er mich an und gab mir direkt ein Kölsch aus. Wir konnten uns stundenlang über kranke Synthesizer-Sounds, Musik – besonders Throbbing Gristle, Residents, Cabaret Voltaire etc. – und Film unterhalten.“ [… Gründung von Propaganda mit Ralf Dörper] „Dr. Mabuse“ kam in den deutschen Charts bis auf Platz 7. In Großbritannien bis auf Platz 27. Trotz oder vielleicht auch wegen (?) diesem Erfolg, verließ Andreas Thein noch 1984 Propaganda. In den Single-Facts zur nächsten Single „Duell“ stand lapidar: „Das Kölner enfant terrible Andreas Thein hat dem klassisch ausgebildeten Perkussionisten und Keyboarder Mertens Platz gemacht.“ (bei Hirschbergers.de) Im Gespräch mit Clara Drechsler im Herbst 1984 sagte Thein zu seinem Ausstieg: „Was ich vorher gemacht habe, wie ich auch anfangs mit Propaganda gearbeitet habe, das hat sich durch diese Expansion umgekehrt. Ich komme zu keinem Ergebnis mehr, von dem ich sagen könnte, das ist es!“ (Drechsler 1984b, S. 13) 2002 veröffentlichte Andreas Thein „M: The secret Tapes of Dr Mabuse“. Diese CD enthielt Demoaufnahmen die er zusammen mit Ralf Dörper und Susanne Freytag gemacht hatte. Die Stücke „Disziplin“ (im Original von Throbbing Gistle) und „Sünde“ sowie „Dr. Mabuse“-Remixe (von Rei$$dorf Force und Ex-Whirlpool Production Eric D. Clark) . Nach seinem Ausstieg bei Propaganda machte er Aufnahmen mit seinen Projekten Kino und Rififi. Bei Rififi arbeitete er auch wieder mit Ralf Dörper zusammen.

III.

Sitzend Setzen am Küchentisch

Sie stehen zwar im Impressum oder auf dem Tonträger-Cover, werden in der Popkultur aber nur am Rande thematisiert: Die Setzer, die Drukker und all die Leute die in Zusammenarbeit mit Layoutern und Designern für die technische Herstellung von Fanzines, Musikzeitschriften, Musikbiografien oder auch der Tonträger-Cover zuständig sind. Dabei hat die jeweils zur Verfügung stehende Technik einen gewissen Einfluss. Neue Technik sowie technische Verbesserungen erleichtern die Herstellung und machen sie kostengünstiger. Die ausführenden Handwerker können als Zeitzeugen Interessantes erzählen. Auf den folgenden Seiten steht zunächst die Technik im Vordergrund. Der Großteil wird sich mit dem Weg der Satzherstellung vom ersten Maschinensatz zum Desktop Publishing beschäftigen. Vorweg zwei Praxisbeispiele aus den Werkstätten von The Ostrich und der Spex. […]

Schaut man in verschiedene (alternative) Zeitschriften der 70er Jahre und den frühen 80er Jahren, so findet man im Impressum bei der Angabe der Setzerei einige Firmen die sogenannten Composersatz machten. Beispielsweise findet man in der Sounds 1973/74 den Composer- Setzer Niko Jessen in Hamburg, 1974/75 Erika Schumann ebenfalls in Hamburg oder in der Kölner StadtRevue 1978 den Composer-Satz-Service St. Augustin bzw. Stadt-Revue-Composer in Zusammenarbeit mit dem Satzstudio Ingrid Horlemann/Köln (hier wurde im Herbst 1980 auch die erste Spex gesetzt und Frühjahr 1981 die einmalige Ausgabe des „Rock Magazin – Szene Köln“). Die IBM Composer-Schreibmaschine verbreiteten sich seit den 1960er Jahren. Diese Maschinen hatten nicht die üblichen Typenhebel mit den einzelnen Buchstaben, sondern auf einem Kugelkopf befanden sich 88 Zeichen. Dieser Kugelkopf (Typeball) drehte sich je nach angeschlagener Taste. Ein Kopf konnte schnell ausgebaut und durch einen Kopf mit einer anderen Schrift ersetzt werden. Spannte man in die Schreibmaschine ein spezielles Barytpapier ein, so konnte dieses später nach Aufbringen des Textes als Kopiervorlage für den Offsetdruck benutzt werden. Barytpapier wurde auch mit dem noch weitverbreiteten Bleisatz bedruckt, um mittels Kontaktkopiergeräten einen Negativfilm für die Offsetdruckformherstellung zu erstellen. Qualitativ wird der Composersatz über das Beschreiben von Barytpapier ähnlich dem Bleisatz gewesen sein. Den Vergleich mit dem Fotosatz konnte man damit aber nicht aufnehmen. Aber dafür war der Composersatz wesentlich preiswerter. Für kleine Zeitschriften war dies ein wichtiger Vorteil. Daher kann man den Composersatz als Vorläufer des einige Jahre später aufkommenden Desktop Publishings ansehen. Der Composer konnte nun auch geringe Textmengen auf einem Magnetband speichern, so dass die Ausgabe auf Papier nicht die einzige Speicherung blieb.