Interview mit Heike Anacker

PLOP, Nr. 2, 1981, Mönchengladbach. Hrsg.: Heike Anacker. Format: 148 x 210 mm (DIN A 5). Titelbild: Heike Anacker.

Günter Sahler (Interview. Als Recherchematerial zu dieser Veröffentlichung über Amateurcomics)

Die ersten Amateurcomics die ich entdeckte, waren vier Ausgaben von Heike Anackers Magazin „Plop“. Bei meiner Recherche stellte sich heraus, dass „Plop“ für viele Jahre Dreh- und Angelpunkt und auch Messlatte der Amateurzeichnerszene war. Heike Anacker gab „Plop“ selbst sieben Jahre heraus, übergab dann die Herausgeberschaft (Zine „Plop“ erscheint auch noch heute). In „Plop“ ist einiges anders als in anderen Heften: Es gab immer wieder neue Zeichner, es gab reichlich Rezensionen aus der AZ-Szene und viele Leserbriefe. Mit der Grafik-Designerin Heike Anacker unterhielt ich mich daher auch eher über diese besondere Stellung von „Plop“. Übrigens die bisher interviewten Zeichner Hannes Rall, Hans-Peter Ludwig und Kim Schmidt haben alle irgendwann mal für „Plop“ Zeichnungen geliefert.

Günter Sahler: Damals in den frühen Achtzigern kursierten in den selbstpublizierten Heften einige Bezeichnungen für Publikationen, die man heute auf den ersten Blick als „Fanzines“ bezeichnen würde. Da wurde auch von „Fancomics“, „Amateurcomics“ oder von „Amateurzeitungen“ gesprochen. Was hat man darunter verstanden?

Heike Anacker: Das waren damals alles Fanzines, klar. Unter deutschsprachigen Comic-Fans war der Begriff aber Anfang der 80er-Jahre noch nicht so geläufig wie in der Punkszene, wo man, so vermute ich mal, schon englische und amerikanische Fanzines kannte, bevor man selbst loslegte.
In der Comic-Szene tauchte die Bezeichnung für mich erstmals im Zusammenhang mit Heften auf, die schon nicht mehr so „handgemacht“ wirkten, z. B. Farbcover hatten und professionell gesetzte Texte statt handgeschriebene oder in die Schreibmaschine gehämmerte Seiten.
Viele der jungen Heftmacher im Comic-Bereich und auch im damals noch stärker mit uns verbundenen Bereich der Science-Fiction/Fantasy-Literatur hatten vorher eher in ihren jeweiligen Schülerzeitungen publiziert und kannten vermutlich auch einige der typischen Sammlermagazine, wo Fans Checklisten und Hintergrundwissen zu ihren Lieblingsserien zusammentrugen und eben manchmal auch eigene Comics im Stil ihrer Vorbilder veröffentlichten.
Die Comic-Sammler waren aber älter als wir und hatten natürlich eine Vorliebe für die 50er-Jahre-Comics ihrer Kindheit. Diese Comics waren für uns Jugendliche der späten Siebziger und frühen Achtziger aber extrem uncool. Ein Hansrudi Wäscher z.B. konnte in meinen Augen unmöglich gegen einen Jean Giraud „anstinken“.
Es blieb uns irgendwie gar nichts anderes übrig, als unsere eigenen Hefte zu machen, um unsere Leidenschaft auszutoben. Wir waren Comic-Fans und Amateure, die selbst Comics machten. Also nannten wir sie Fan-Comics und Amateurcomics und unsere Hefte Amateurzeitungen, bis sich der Begriff Fanzine durchsetzte, der natürlich auch nicht mehr so piefig klang. Apropos „klang“: Bis heute hat sich in unseren Kreisen allerdings noch nicht völlig rumgesprochen, dass man das Wort „Fänsien“ ausspricht und nicht „Fänßein“.

Ende der 70er Jahre gab es ein paar Fanzines bei denen bewusst Amateure veröffentlichten konnten, beispielsweise „Amateur-Comic“ aus Frankfurt/Main oder „Special“  aus Flensburg. Waren Dir diese Hefte bekannt?  

„Special“ kannte ich auf jeden Fall schon, bevor ich mit „Plop“ anfing, und fand es großartig.

Etwa zur gleichen Zeit gab es das „Zomix“-Heft von „Underground-Comix“-Zeichnern. Die Macher waren alle rund 10 Jahre älter als ihr jungen Zinesmacher, aber auch so konnte ich selten Kontakte zwischen den Zomix-Leuten und den Amateurzeichnern entdecken. War das Heft eher ein „No Go“, neudeutsch gesagt?

Kannte ich „Zomix“ damals schon? Ich weiß es nicht. Ich war 17 Jahre alt und geprägt von „Zack“ und „Mad“, nicht von Underground-Comix. Ich denke, ich habe „Zomix“ auch nicht als Fanzine wahrgenommen, sondern als Profi-Magazin einer geschlossenen Großstadt-Szene.

Nachdem „Amateur-Comic“ und „Special“ nicht mehr erschienen, kamen 1980/81 Hefte von Raymond Boy (Suco, Coma), Oliver Rupprecht (Antares), Hans-Martin Rall (Blöd, Saga) oder Hans-Joachim Hahn (Comic Blättle), später dann auch „Rover“ von Horst Kreuder. Laut einem Interview des „Kölner Stadt-Anzeigers“ mit Dir, hast Du im Frühjahr 1981 die 12-seitige Nummer 1 von „Plop“ an 120 Personen gesendet. Offensichtlich warst Du schon zu der Zeit gut vernetzt mit anderen Zeichnern, denn bereits in der Nummer 2 hatten einige Zeichner ihre Comics zur Verfügung gestellt.

Die Hefte und ihre Macher, die du hier aufzählst, wurden mir alle bald vertraut, aber ich war noch nicht vernetzt. Die 120 Adressen stammten, soweit ich mich erinnere, aus meinen gesammelten „Zack“-Heften.

PLOP, Nr. 2, 1981, Mönchengladbach. Hrsg.: Heike Anacker. Format: 148 x 210 mm (DIN A 5). Titelbild: Heike Anacker.

PLOP, Nr. 2, 1981, Mönchengladbach. Hrsg.: Heike Anacker. Format: 148 x 210 mm (DIN A 5). Titelbild: Heike Anacker.

 

Im Vergleich zu anderen Comiczines bekamst Du viele Leserbriefe. Jedenfalls gab es von Beginn an einen regen Austausch. Da wurde Dein verbessertes Layout gelobt, auch das der Text ab Nr. 2 mit Schreibmaschine geschrieben war, da wurden die Fähigkeiten oder die Unfähigkeiten der verschiedenen Zeichner gelobt.

Da hat sich tatsächlich ziemlich schnell was entwickelt. Die Unterschiedlichkeit der Beiträge hat einfach Spaß gemacht und das zu mischen. Ich habe anfangs auch ziemlich viele Briefe geschrieben, um Leute weiter zu ermutigen und zur Mitarbeit zu bewegen. Ich hatte so’n Ideal, dass Comics als Medium genial sind und dass sich jeder darin ausdrücken kann und sollte. Ich war da sehr begeisterungsfähig.

Du hast „Plop“ einige Jahre gemacht und es dann auch geschafft, dass das Zine weiter geführt wird und dadurch noch heute existiert. Das muss damals für Dich mir viel Energie und Durchhaltevermögen verbunden gewesen sein, oder?

Ich habe sehr gebrannt für mein Heft. Darum hatte ich die Energie einfach, allerdings nicht die ganzen sieben Jahre lang. Zum Schluss verlor ich die Begeisterung langsam. Es lag auch daran: der Graben wurde mir zu tief zwischen der Person, die ich durch meine Texte in meinem Heft und in meinen Briefen darstellte, und wie ich mich im wahren Leben bewegte. Denn da war ich scheu und ging sogar in kleinen Gruppen unter. Ich fand, ich war ein Papiertiger geworden und müsste gegenlenken, mehr unter Menschen gehen, mehr sprechen, weniger schreiben, aber auch mehr selbst zeichnen, anstatt fast nur die Beiträge anderer zu veröffentlichen und klugscheißerisch zu kommentieren. Ich fand aber nicht, dass mit „Plop“ Schluss sein müsste, nur weil ich es nicht mehr weiter machen wollte. Zum Glück sahen das ja einige andere auch so, also Andreas Anger, Bernhard Bollen, Andreas Alt und Melchior Condoi, die nacheinander „Plop“ weitergeführt haben. Inzwischen ist ja seit längerem wieder Bernhard Bollen am Ruder.

PLOP, Nr. 3, 1981, Mönchengladbach. Hrsg.: Heike Anacker. Format: 148 x 210 mm (DIN A 5). Titelbild: Heike Anacker.

PLOP, Nr. 3, 1981, Mönchengladbach. Hrsg.: Heike Anacker. Format: 148 x 210 mm (DIN A 5). Titelbild: Heike Anacker.

Könnte man „Plop“ als eine Art Klassenzimmer, eine Testwerkstatt oder ein Talentschuppen betrachten? Diese Idee hatte Klaus Wagner Anfang 1976 so formuliert: „Also, der der gerne Comics zeichnet und Lust hat mitzuarbeiten kann seine Comics zur Redaktion schicken. Diese Comics sollten druckreif sein (DIN A 4, schwarz/weiß Zeichnungen mit Tusche oder Filzstift). Natürlich werden auch Einzelbilder angenommen. […] Nun werden auch einige unter Ihnen sein, die gerne mitarbeiten möchten, aber kein Talent zum Zeichnen haben. Sie könnten den Zeichnern helfen, indem Sie der Reaktion Kritiken oder Anregungen schreiben, die dem jeweiligen Zeichner nützlich sein können. Diese Briefe werden entweder in AC abgedruckt, oder an den jeweiligen Zeichner weitergeleitet.“ (Klaus Wagner in „Amateur Comic“, Nr. 1, 1976, S. 4). 

Ja, was Klaus Wagner in „Amateur Comic“ formulierte, hätte so auch in „Plop“ stehen können. (Ob ich sein Heft vielleicht doch schon kannte???) Deine Bezeichnung „Talentschuppen“ für unsere Hefte gefällt mir auch. Aber dass die Leserresonanz für manche angehenden Grafiker von so großer Bedeutung war, ist mir erst beim Lesen deiner Interviews auf deiner Website bewusst geworden.

PLOP, Nr. 14, 1984, Mönchengladbach. Hrsg.: Heike Anacker. Format: 148 x 210 mm (DIN A 5)

PLOP, Nr. 14, 1984, Mönchengladbach. Hrsg.: Heike Anacker. Format: 148 x 210 mm (DIN A 5). Titelbild: Rüdiger Quast.

Wenn man Hefte wie „Amateur Comic“, „Special“ oder „Plop“ als Talentschuppen betrachtet, unterscheiden sie sich erheblich vom etablierten Verlagsbetrieb. Und um den ganzen pädagogisch noch einen drauf zusetzten, sie beseitigten den Mangel einer fehlenden Comiczeichnerausbildung. Du nanntest Deine Kommentare und Tipps „klugscheißerisch“, aber Tipps wie der folgende waren für die jungen Anfänger doch Gold wert:
„Wo wir gerade beim Thema >Fortsetzungscomics< sind: Wenn ihr eine längere Geschichte zeichnet, denkt bitte im Voraus drüber nach, wie die in mehrere Häppchen zerteilt aussehen wird. Sprecht gleich zu Anfang mit mir die Höchstseitenzahl jeder Folge ab, damit ich ein Heft vernünftig planen kann und nicht eine überraschend lang geratene Folge (zu eurem Ärger) teilen muss. Bitte achtet auch mal darauf, dass jede eurer Fortsetzungen einigermaßen in sich geschlossen ist und möglichst ‘ne kurze Inhaltsangabe der vorigen Folge enthält. Selbst wenn man seinen 30-Seiten-Comic schon fertig hat, kann man nachträglich […] eine einleitende Seite für jede Folge pinseln.“ (Heike Anacker, Plop Nr. 16, 1985, S. 2.).

Meine Tipps und Kommentare waren sicher nicht „klugscheißerischer“ als die der anderen, die sich zu Wort meldeten. Ich wollte damit nur anschaulich machen, wie ich mich und meine Rolle zum Ende meiner Zeit als „Plop“-Herausgeberin empfunden habe. Dass wir „den Mangel einer fehlenden Comiczeichnerausbildung beseitigten“, wie du meinst, war mir in keiner Weise bewusst …

Na, ich meine das auch nicht so „wir gründen nun eine Comiczeichnerschule“, sondern beim Tun habt ihr euch weiterentwickelt. So in der Art …

… wir waren ja mit der Zeit alle kleine Comic-Experten. Ich zum Beispiel habe mit Begeisterung im „Großen Buch der Comics“ von Fuchs / Reitberger und anderer Sekundärliteratur geschmökert, die unsere Stadtbücherei so hergab. Und dann haben wir eben einander Feedback gegeben. Natürlich wollte man, wenn man schon meckert oder lobhudelt, das möglichst gut begründet und auf konstruktive Weise tun. Man hat also möglichst genau hingeguckt und viel reflektiert, damit man nicht irgendeinen Stumpfsinn absonderte. Das schult natürlich. Dass meine Kritik in mindestens einem Fall so getroffen hat, dass die Person sich gekränkt zurückgezogen hat, war aber auch verunsichernd und hat sich mir natürlich eingeprägt.

AC READER (Nr. 1), 1984. Hersg.: Heike Anacker, Lota Ponitka, Stefan Jakobasch, Andreas Alt, Peter Bech, Peter Walter. Format: 148 x 210 mm (DIN A 5). Druck: Offset.

AC READER (Nr. 1), 1984. Hersg.: Heike Anacker, Lota Ponitka, Stefan Jakobasch, Andreas Alt, Peter Bech, Peter Walter. Format: 148 x 210 mm (DIN A 5). Druck: Offset.

Für den ersten „AC Reader“ gab es ein Treffen mit verschiedenen Zeichner in Köln-Deutz. Mit den meisten Zeichnern wirst Du per Post korrespondiert haben oder gab es ähnliche Treffen im „Plop“-Umfeld?

Mit „Plop“ war ich einige Male bei der Kölner Comic-Börse. Da trifft man dann natürlich auch den einen oder anderen Leser oder Mitarbeiter, aber „Plop“-Parties gab es erst zu Bernhards erster Herausgeber-Zeit, und später ist Andreas Alt mal mit dem Auto durchs Land getourt, um diverse „Plop“-Zeichner zu interviewen, und beim Comic-Salon Erlangen und anderen Comic-Events war er natürlich auch präsent.

Nach der Schule hast Du Grafikdesign studiert. Hattest Du da noch den Wunsch Comiczeichnerin zu werden? Und wie kamst Du dort mit Deiner Meinung das alle „Comics als Medium genial sind“ an?

Nach der Schule habe ich erst mal eine Lehre als Fotogravurzeichnerin absolviert und danach an der Fachhochschule in Krefeld Grafik-Design studiert. Der Wunsch, Comic-Zeichnerin zu werden war immer im Hinterkopf, aber ich stand mir leider selbst im Weg mit massiven Selbstzweifeln und lähmenden Leistungsblockaden. Comics waren eigentlich auch kein Thema an der FH. Trotzdem hätte man es bearbeiten können. Mein Dozent im Fach Illustration war offen dafür. Meine Kraft unter anderem auch in der Diplomphase reichte dann aber leider nur noch für ein konventionelles Thema.

Dadurch das „Plop“ immer noch veröffentlicht wird, ja sogar 2011 in Köln-Ehrenfeld „30 Jahre Plop“ mit einer Ausstellung gefeiert wurde oder Andreas Alt im COMIX! Jahrbuch 2012 aus demselben Anlass einen Artikel geschrieben hat, wird „Plop“ als erstes genannt, wenn es um die Zines der 80er Jahre geht (die anderen Zines sind sogar namentlich kaum noch fassbar). Wie empfindest Du es heute, dass „Plop“ in dieser gewiss randständigen Fanzineszene als Legende betrachtet wird?

Das finde ich natürlich genial. Und wenn ich mal angeben will, erwähne ich es auch so ganz nebenbei: „…habe ich mal gegründet…findest du übrigens bei Wikipedia …“