Interview mit Hannes Rall

Günter Sahler (Interview. Als Recherchematerial zu dieser Veröffentlichung über Amateurcomics)

Schon als Jugendlicher in den beginnenden Achtziger veröffentlichte Hannes Rall seine ersten Comics. Damals zeichnete er für verschiedene Amateur-Comicmagazine wie „Plop“ oder „Antares” und brachte eigene Hefte mit Titeln wie “Saga”, “Blöd” oder “Amateur Art” heraus, an denen sich wiederum andere Amateurzeichner beteiligten. Später ließ er sich in Stuttgart zunächst zum Grafik-Designer ausbilden und studierte postgradual an der Filmakademie Baden-Württemberg.
Heute ist Hannes Rall Associate Professor an der School of Art, Design and Media an der Nanyang Technological University (NTU), Singapur. Als Animationsregisseur hat er Kurzfilme wie „Der Rabe“ (1999) nach E.A. Poe, ”Der Erlkönig“(2003) nach J.W. Goethe „Das kalte Herz“ (2012) nach W. Hauff gezeichnet.
Außerdem ist er umfangreich in der Forschung über Comics und Trickfilm tätig und präsentiert seine Forschungsergebnisse auf großen Konferenzen wie u.a. der FMX (hier ein Interview mit ihm zur FMX 2014), der SIGGRAPH und der jährlichen Konferenz der Society of Animation Studies. Sein Kurzfilm „Si Lunchai“, der im Rahmen eines solchen Forschungsprojekts entstand, verbindet die Silhouettenfilm-Tradition Lotte Reinigers mit der originalen Inspiration durch die traditionelle südost-asiatische Kunstform des Schattenpuppentheaters „Wayang Kulit“. Im Herbst 2015 erscheint sein Buch „Animationsfilm-Konzept und Produktion“ beim UVK-Verlag (siehe auch animationsfilm-buch.de).

Ich unterhielt mich mit Hannes Rall über seine ersten Jahre in der Amateur-Comic-Szene. Dies ist das erste Interview, welches ich mit Zeichnern und Herausgebern von Amateur-Comics aus den 1970er und 1980er Jahren führte.

Günter Sahler: Als Vorbild hast Du mal den Comic „Prinz Eisenherz“ vom amerikanischen Zeichner Hal Foster genannt. Deine erste Geschichte die ich kenne trug den Titel „Hermann“ und spielte im 5. Jahrhundert bei den Germanen. Zeitlich also ähnlich der vom Prinzen. Was hat Dich dazu gebracht eigene Comics zu zeichnen?

Hannes Rall: Ich habe eigentlich schon immer gezeichnet – so lang ich denken kann. Und Comics üben auf ein Kind natürlich eine ungeheure Faszination aus. In der Tat war dann „Prinz Eisenherz“ von Hal Foster einer meiner Favoriten von frühester Kindheit an. Ich halte Foster übrigens nach wie vor für den wahrscheinlich besten realistischen Comiczeichner aller Zeiten, der es wie kein anderer geschafft hat „reale“ Charaktere zu erschaffen. Man vergaß förmlich, dass das ja „nur ein Comic“ war und war immer mitten im Geschehen – in einer subjektiv „realen“ Welt“.
Und so kam ich schnell dazu, so ab sechs, sieben Jahren, meine eigenen Geschichten zu erfinden und diese als Comics zu zeichnen. Grandiose Meisterwerke aus dieser Zeit sind bis zum heutigen Tage erhalten geblieben.
Der erwähnte „Hermann“ erfuhr seine früheste Inkarnation tatsächlich dann auch schon in diesem Alter und setzte sich dann in diversen Versionen bis in meine frühen Zwanziger fort. Mich hatte bei aller Riesenbegeisterung für „Prinz Eisenherz“ immer „gestört“, dass Foster sich die künstlerische Freiheit nahm, verschiedene historische Epochen zu vermischen: Seine Geschichte war ja eigentlich, wie von Dir bereits erwähnt, circa in der Mitte der 5. Jahrhunderts (Völkerwanderungszeit) angesiedelt. Die gezeigten Rüstungen, Burgen und auch manche Ereignisse/Erfindungen stammten allerdings oft aus ganz anderen Epochen. Deswegen beschloss ich als kleiner Naseweis eine „historisch akkurate“ Version anzufertigen und das mit germanischem Hintergrund – so kam eben der besagte „Hermann“ (in der Geschichte ein Westgote) zustande.
Ich las bereits als Steppke in der Tat viele historische Bücher und versuchte die Fakten in die Geschichten einfließen zu lassen. Retrospektiv gesehen war das (vor allem zu Beginn) ein stark den Erlebnissen des Prinzen „nachempfundenes“ Endlos-Epos – ganz in der „Tradition“ von Foster – allerdings natürlich völlig ohne dessen brillante Zeichenkunst. Später habe ich dann kürzere Geschichte für Fanzine-Veröffentlichungen gemacht. Eine davon war dann die, die später in „Plop“ erschien.

Zwei Panels aus der Hermann-Geschichte (aus „Antares“ #2, 1980), Copyright Hannes Rall 1980

Zwei Panels aus der Hermann-Geschichte (aus „Antares“ #2, 1980), © Copyright Hannes Rall.

Ausschnitt aus einer späteren (1983) und bislang unveröffentlichten Hermann-Geschichte, Copyright Hannes Rall 1983

Ausschnitt aus einer späteren (1983) und bislang unveröffentlichten Hermann-Geschichte, © Copyright Hannes Rall.

Das mit den „Hermann“-Comics in „Plop“ war schon 1981, in den Ausgaben 2, 3 und 4. Zuvor gab es „Hermann“ aber 1980 in „Antares”.

Genau. Ich habe sehr aktiv bei „Antares“, herausgegeben von Oliver Rupprecht, mitgearbeitet. Neben „Hermann“ erschien da auch meine Detektivparodie „Lord Percy“, eine kaum verbrämte Hommage an „Colonel Clifton“ aus „Zack“ bzw. diversen Kauka-Publikationen (ironischerweise kannte ich den Titel der „Yps“-Veröffentlichung als „Percy Pickwick“ gar nicht). Wie immer kam der Semi-Funny wesentlich besser an, als die „realistisch“ gezeichnete Geschichte.
Für „Antares” mussten es schon deswegen völlig neue Kurzgeschichten von Hermann sein, weil das Magazin ja im Spiritus-Umdruckverfahren entstand und alle Druckvorlagen direkt auf Matrizen gezeichnet werden mussten. Die war dann auch noch (milde ausgedrückt) extrem verbesserungswürdig in Sachen Zeichnungen.
Vor kurzem habe ich auf dem Dachboden Strips von „Hermann“ ausgegraben, die in der Mitte der 80er entstanden sind und zeichnerisch etwas ausgereifter daherkommen. Die sind allerdings nie zur Veröffentlichung gelangt, da ich diesen neuen Anlauf nie mit einer fertigen Geschichte abgeschossen habe.

„Die Verbannten“, bislang unveröffentlichter 15-seitiger Comic nach der Kurzgeschichte von Ray Bradbury. Copyright Hannes Rall 1984

„Die Verbannten“, bislang unveröffentlichter 15-seitiger Comic nach der Kurzgeschichte von Ray Bradbury. © Copyright Hannes Rall 1984.

Mich scheint das Thema Ritter/Völkerwanderungszeit nie so ganz losgelassen zu haben: Gerade arbeite ich am Drehbuch eines Langfilms zu den „Nibelungen“, gefördert von der MFG Filmförderung Baden-Württemberg. Bei den „Nibelungen“ findet sich im Übrigen in vielen Adaptionen und auch im Originalstoff in puncto Vermischung Völkerwanderungszeit und Hochmittelalter.

Entwurf zum geplanten Animationslangfilm „Die Nibelungen“. Copyright Hannes Rall 2015.

Entwurf zum geplanten Animationslangfilm „Die Nibelungen“.
© Copyright Hannes Rall 2015.

Wann bist Du eigentlich auf die Amateurcomic-Szene aufmerksam geworden?

Wenn ich mich richtig erinnere, muss das 1979 gewesen sein. Ich habe damals bei meinen regulären Besuchen im damals einzigen Comicladen in Tübingen, der „Modernen Leihbuchhandlung Hans Merkh“ auch mehrere Ausgaben der „Sprechblase“ (Norbert Hethke Verlag) entdeckt. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich dabei auf eine Anzeige eines Fanzines, also eines Amateurcomics gestoßen bin und den dann bestellt habe. Das könnte „Special“, herausgegeben von Gerd M. Pontius gewesen sein.
Da ja andere Amateurcomic-Hefte selbst Anzeigen in den diversen anderen Fanzines schalteten, hat sich mir der komplette Kosmos der Szene relativ schnell erschlossen: Es war ja auch eine bestimmte und dann doch begrenzte Anzahl von Leuten, die Amateurcomics gezeichnet, veröffentlich und auch selber eigene Hefte herausgegeben haben. Zusätzlich gab es Rezensionen von Heften und auch einige Comichändler, die Amateurcomics in ihren Listen anboten.
„Special“ war für mich sehr prägend – das war ein ganz frühes Highlight der Szene, fast so was wie ein „Flaggschiff“. Die Ausgabe entstanden anfangs im Matrizen-Umdruck, später dann auch gemischt mit Kopien.
Mit Klaus Schnabel war ein absolut fantastischer realistischer Zeichner dabei, der schon in jungen Jahren (er war ja damals 16, 17 oder 18) einen atemberaubenden Stil in der Richtung von Hermann/Jean Giraud drauf hatte. Harald Tiedemann war dann das Pendant in Sachen Semi-Funny im selben Heft – tolle Zeichnungen und auch prima Geschichten.
Ich war ja damals gerade 13/14 Jahre alt und konnte den dezent älteren Kollegen (in dem Alter machen drei Jahre eine Menge aus) künstlerisch in keiner Weise das Wasser reichen. Das hat mich in meinem jugendlichen Elan aber keineswegs gebremst. Bevor ich annähernd das Niveau erreichen konnte, um mal etwas bei „Special“ zu veröffentlichen, war die Pracht wohl auch schon vorbei. Ich habe aber damals durchaus Mut machende Korrespondenz von Gerd M. Pontius bekommen – es gab da glaube ich einen Briefwechsel.
Was in eine ähnliche Zeitperiode fällt (also Schwelle 70er/80er Jahre) und wegen seines enormen Einflusses nicht unerwähnt bleiben darf: Das Profizine „Fantastrips“ (erstmals erschienen 1980). Dieses Magazin präsentierte grafisch herausragende Illustrationen von Künstlern aus dem deutschen Sprachraum (oftmals Profis oder Semi-Profis) und integrierte die amerikanische Tradition des Portfolios ins Heft. Der Druck und die Produktion waren hochwertig und die veröffentlichten Arbeiten auch nicht von Amateuren, so dass das Magazin an sich eigentlich völlig aus dem traditionellen „Amateurcomic-Bereich“ herausfällt. Zumal es auch kaum Comics im eigentlichen Sinn veröffentlichte.
Die Wirkung auf die in der Amateurcomic-Szene aktiven Jungkünstler war allerdings enorm, oder wie es der ehemalige Herausgeber Peter Altenburg aka Karl Nagel formuliert: „Trotz aller Schwächen schlug FANTASTRIPS beim unbekannten Zeichnervolk ein wie eine Bombe: Wie viele 16jährige Jungzeicher sich damals von meiner Mischung aus Enthusiasmus und Halbwissen beeindrucken ließen, weiß ich nicht.” (Anm.: Artikel zu Fantastrips vom ehemaligen Herausgeber Peter Altenburg aka Karl Nagel stand hier: http://www.karlnagel.de/wp/fantastrips/, gesehen 05.06.2015) Ich gehörte auf jeden Fall dazu!
Parallel dazu ging ebenso ab Anfang der frühen 80er auch die “nächste Generation” von Amateurcomics an den Start, vorneweg das unverwüstliche “Plop” von Heike Anacker.

Titelbild von "Blöd" Nr. 3, 1981 Copyright Hannes Rall

Titelbild von „Blöd“ Nr. 3, 1981 © Copyright Hannes Rall.

Kennst Du DUELL von Klaus Brandt aus Werther? In SPECIAL Nr. 7 (bzw. der Beilage FORUM) gibt es dafür eine Anzeige. Wenn ich es richtig entziffere, gab es dort einen Hermann-Comic.

Das wäre glaube ich eine meiner ersten Entdeckungen im Amateurcomic-Bereich neben „Special“ und eine meiner frühesten Veröffentlichungen – da bin ich mir ziemlich sicher. Es könnte sich eventuell gar um meine „überregionale“ Erstveröffentlichung handeln.

In den Leserbriefen und auch in den Rezensionen der Hefte der Kollegen wurde oft gelobt, aber auch nicht an negativer Kritik gespart, wenn derjenige die Zeichnungen oder die Story schlecht fand. Für einen Anfänger war dies sicherlich nicht immer motivierend Hat Dich das geärgert oder angespornt?

Mit dem Abstand von 35 Jahren muss ich da natürlich eher schmunzeln, aber damals hat mich die (oft berechtigt) harsche Kritik natürlich hart getroffen. Im Nachhinein war sie aber sehr hilfreich, weil bei mir nach anfänglicher „Depression“ immer  sehr schnell die Motivation mich zu verbessern einsetzte. Ohne dieses öffentliche Forum wäre ich womöglich nie auf meine eigenen Defizite aufmerksam geworden und hätte nicht so hart daran gearbeitet besser zu werden.
Das zu Recht in einem Leserbrief in der „Plop“ kritisierte mangelnde Wissen um die menschliche Anatomie führte zum Beispiel später dazu, dass ich in Vorbereitung auf meine Akademie-Bewerbungen zweimal die Woche mehrere Stunden lang zum Aktzeichnen ging. Die Resultate wurden schnell sichtbar, und alle meine späteren Bewerbungen erfolgreich.
Zum anderen war ich bei meinen Anfängen in der Amateurcomic-Szene doch eher unter den jüngeren Zeichnern, 1980 gerade mal 14. Wenn ich mir heute die Zeichnungen von damals anschaue, dann gab es da schon qualitative „Quantensprünge“ (in meinem bescheidenen Rahmen) im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Dazu hat mit Sicherheit das „unbarmherzige“ Echo (lacht) aus der damaligen Fanzine-Szene entscheidend mit beigetragen.
In der persönlichen Korrespondenz mit den befreundeten Zeichnern haben wir uns eben auch gegenseitig sehr konstruktiv kritisiert und Tipps und Referenzen ausgetauscht. Auf die Weise habe ich, wie später auch von meinen Mitstudenten, extrem viel gelernt.

Du hast also zunächst deine Comics in den Heften „Duell“, “Antares“ oder “Plop” veröffentlicht und hast dann eigene Hefte wie „Blöd“, „Saga“ oder „Amateur Art“ herausgegeben. Ich habe den Eindruck, dass fast jeder der Zeichner damals sein eigenes Heft hatte. Wie hat das bei Dir mit Deinen eigenen Fanzines angefangen?

Ich habe zuerst sowohl Beiträge (natürlich Comics) bei unserer örtlichen Schülerzeitung veröffentlicht, als auch dann schon vor meiner Amateurcomic-Zeit eine eigene kleinere Schülerzeitung mit dem Namen „PPP“ herausgegeben. Sobald ich dann in die nationale Amateurcomic-Szene „eingetaucht“ war, hatte ich schon sehr bald den Plan meine eigenen Magazine herauszugeben. Motivation war sicherlich zum Teil das eigene Material veröffentlichen zu können, ohne von der „Gnade“ anderer Redaktionen abhängig zu sein. Mir hat aber auch schon damals die redaktionelle Auswahl, das Gestalten einer Publikation als solches, großen Spaß gemacht. Es gab dann auch schnell Talente, die ich aus der Szene kannte und von denen ich gern Beiträge veröffentlichen wollte.
Die ersten beiden Hefte für die Amateurcomic-Szene, die ich auch bundesweit vertrieben habe waren dann eben „Saga“ und „Blöd“. „Saga“ war in der Konzeption ein klassisches Comicmagazin, sagen wir wie „Zack“. „Blöd“ war dagegen dem großen Vorbild „Mad“ nachempfunden (das ja auf der professionellen Bühne seine eigenen Epigonen hatte). „Saga“ kam weniger gut an als „Blöd“, was sicher auch daran lag, dass meine zeichnerischen Fähigkeiten im Bereich Realismus noch stark zu wünschen übrig ließen. „Blöd“ wurde von Anfang an relativ positiv rezensiert und für mich ein Fingerzeig, dass die Orientierung Richtung Funny/Semi-Funny/Stilisierung (für mich) der richtige Weg war. Retrospektiv habe ich bei Durchsicht alter „Blöd“-Ausgaben festgestellt, dass ich da manchmal schon einen relativ „lockeren“Strich draufhatte, der dann einfach viel besser aussah, als der angestrengt steife „Realismusanspruch“ meiner anderen frühen Comics.

Entwurf für "Blöd" Nr. 5, Copyright Hannes Rall.

Entwurf für „Blöd“ Nr. 5, © Copyright Hannes Rall.

Später kam dann, schon im Schnell-Offset „Amateur Art“ (1982), das die vorigen Hefte ablöste und allgemein den Standard in puncto Grafik deutlich anheben sollte. Im Rückblick wirkt das schon etwas prätentiös und lässt den anarchischen Charme von „Blöd“ etwas vermissen. Aber das war schon etwas dem damaligen Zeitgeist geschuldet, indem teils auch ein etwas geschmäcklerisch/manierierter Grafikstil gleichbedeutend mit „großer Kunst“ war.

Titelseite von „Amateur Art“  Nr. 1, 1982. Copyright Hannes Rall.

Titelseite von „Amateur Art“ Nr. 1, 1982.
© Copyright Hannes Rall.

Umso mehr, als Vieles was wir machten ja auch eher bemühte Kopien der wirklichen Meister im Fach waren, aber das gehört wohl zum Reifeprozess von jungen Künstlern dazu.
Nicht unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang die bald darauf erfolgte Zusammenarbeit mit Hanspeter Ludwig, die zu dem insgesamt dreimal publizierten Magazin „Flashback“ (1984) führte. Es gab Planungen und Entwürfe für eine vierte „Flashback“-Ausgabe. Dazu kam es aber meines Wissens nach nicht mehr.

Über die Hefte ergaben sich dann Kontakte zu zahlreichen Zeichnern. Für eure Hefte habt ihr dann Zeichnungen ausgetauscht. Wie kann man sich diesen Austausch der Zeichnungen und die weitere Produktion und Distribution zum Leser vorstellen?

Bei und für „Blöd“ kam die Zusammenarbeit mit Hans-Joachim Hahn und den Dinters zustande. Mit und über „Saga“ kam es zum Austausch mit Heike Anacker, Oliver Rupprecht und den anderen genannten „Kollegen“.
Ein anderer wichtiger Name, der vor allem oft zusammen mit den Dinters aktiv war ist „Herod“ (Künstlername), der unzählige Funnies veröffentlicht hat.
Der Austausch der Zeichnungen (oft sogar Originale oder gute Kopien von Originalen) fand wieder ganz prosaisch mit tatkräftiger Unterstützung der Deutschen Bundespost statt. Nach erfolgtem Abdruck bekam man die Originale wieder zurückgeschickt. Als Herausgeber gingen wir mit den eingesandten Beiträgen ebenso vor. Die Hefte wurden (auch je nach Produktionsverfahren) in eher verschwindend kleinen Auflagen von 50 bis 100, vielleicht auch mal 200 Exemplaren gedruckt. Beim Umdruck-Verfahren war die Auflage ja von vornherein auf das beschränkt, was die Matrize so hergab. Bei Kopien oder Schnelldruck war man natürlich flexibler und es konnte sogar nachgedruckt werden (was allerdings selten nötig war). Beworben haben wir die Hefte durch Mundpropaganda, Anzeigen und/oder Rezensionen in anderen Amateurcomic-Heften. Bestellt wurde dann von den Lesern (oft mit dem damals beliebten Zahlungsmittel Briefmarken im Kuvert) erneut per Post. Das Heft ging dann per Brief bzw. Drucksache an die Leser raus. Sporadisch habe ich schon auch mal auf Fantreffen, Comic-Cons oder ähnlichem verkauft, aber das war eher die Ausnahme. Verkauft habe ich selten mehr als 50 bis 100 Stück und das war dann schon viel. Allerdings kam es immer eher auf die „Qualität“ der Abnehmer an, was ja meistens eben dann „Kollegen“ waren, die selber zeichneten, veröffentlichten und auch Hefte herausgaben. Das daraus erwachsende Feedback war eben Gold wert und hat (denke ich) vielen von uns sehr auf dem Weg zur späteren (professionellen) Karriere geholfen. Es gab schon auch die „reinen“ (nicht selbst aktiven) Fans unter den Lesern, aber die waren eher selten.

Titelblatt von „Saga“ Nr. 1, 1981. Copyright Hannes Rall.

Titelblatt von „Saga“ Nr. 1, 1981. © Copyright Hannes Rall.

Aus einem von Dir herausgegebenen Heft („Blöd – Barbaric Issue“) erfährt der Leser, dass du dich mit Hans-Joachim Hahn und Stefan Dinter getroffen hast. Waren solche Treffen üblich? Ansonsten werdet ihr, wenn ihr nicht zufällig in derselben Gegend gewohnt hab, meistens per Post kommuniziert haben, nehme ich an?

Klar, das lief in der Regel alles über die gute alte Schneckenpost ab, es gab damals ja schlicht nichts anderes! Der Gang zum Briefkasten war also immer extrem aufregend, das urzeitliche Pendant zum Facebook-Klick. Wir schrieben uns enorm lange und extrem detaillierte Briefe, in den wir uns gegenseitig kritisierten oder zukünftige gemeinsame Projekte besprochen haben. Ich weiß jetzt nicht mehr genau, ob Stefan Dinter und Hans-Joachim zunächst etwas bei mir veröffentlicht hatten, oder umgekehrt. Auf jeden Fall fanden wir ja recht schnell heraus, dass wir in durchaus erreichbarer Nähe, jedenfalls alle in Baden-Württemberg wohnten. So kam es, dass persönliche Treffen vereinbart wurden: Ich erinnere mich an einen Besuch bei Hans-Joachim Hahn in Bad Boll und an ein tolles Wochenende bei Family Dinter in Gaienhofen am Bodensee. Das war extrem spaßig und lief immer mit voller (und bewundernswert geduldiger) Unterstützung der jeweiligen Familien ab. Beim Wochenende bei den Dinter-Bros. entstand dann auch der in „Blöd-Barbaric Issue“ veröffentlichte Jam-Comic in echter Teamarbeit. Es kann sein, dass wir dann die Seiten verteilt und teilweise noch zuhause fertig getuscht haben.

Der „Jam-Comic“ aus der „Blöd-Barbaric Issue“ von Stefan Dinter, Hans-Joachim Hahn und Hannes (Hans-Martin ) Rall.

Der „Jam-Comic“ aus der „Blöd-Barbaric Issue“ von Stefan Dinter, Hans-Joachim Hahn und Hannes (Hans-Martin ) Rall.

Wie wohl allgemein bekannt, ist Stefan als Verleger beim Zwerchfell-Verlag und Comiczeichner auch heute noch im „Kernbereich“ Comic als Profi tätig. Sein Bruder Matthias ist ein sehr renommierter Drehbuchautor, der (wie ich auch) an der Filmakademie Baden-Württemberg studiert hat. Ich finde es schon faszinierend, wie sich diese frühe Begeisterung für das visuelle Erzählen oft dann auch in der weiteren professionellen Karriere fortgesetzt hat.
Das ist in der Tat eher bei der Mehrzahl der damals im Bereich Amateurcomic Aktiven so. Da kann man im weiteren Bereich sicher auch Hans-Joachim Hahn dazuzählen, der mittlerweile ja Professor für Literatur ist. Ein weiterer Beleg für die These, dass die jugendliche Rezeption und gar Kreation von Comics eben nicht direkt zum Analphabetentum führt (lacht).

Das Spiritus-Umdruckverfahren war damals wesentlich preiswerter als das Fotokopie-Verfahren und preiswerter als Schnelldruck-Offset sowieso. In den Heften gab es aber immer wieder die Diskussion um Druck- und Vertriebskosten sowie Einzelheft- und Abopreise. Im Prinzip habt ihr damals schon wie Kleinunternehmer gehandelt. Wie habt ihr das mit den Druckern gehandhabt?

Am Anfang konnte ich auf den Matrizen-Umdrucker in unserer Schule zurückgreifen. Im Fortgang der 80er Jahre wurden dann Kopien und auch der Offset-Schnelldruck in kleinen spezialisierten Print-Shops und Kopierläden relativ erschwinglich, so dass man auf Fanzine-Herausgeber vermehrt darauf umgestiegen ist. Es war natürlich immer ein Zuschussgeschäft – ich glaube kaum, dass jemals jemand damit richtig Geld verdient hat, schon eine Kostendeckung war kaum erreichbar.
Aber für die Qualität der Reproduktion war es natürlich ein Quantensprung – man musste natürlich nicht mehr zuerst auf Matrizen zeichnen, sondern konnte einfach die Originale reproduzieren. Obwohl natürlich der mehrfarbige Matrizendruck einen eigentümlichen (aber heute doch eher nostalgischen) Reiz ausstrahlt.
Mit Abos wollte man natürlich den Aufwand minimieren und eine gewisse konstante Ertragsbasis für die eigenen Hefte schaffen – also genau wie bei den „Großen“ auch. Deutliche Preisreduzierung für ein Abo war üblich. Abonnenten hatte ich für meine Magazine aber gerade mal so 10 bis 20 (in der Regel, später wurde das etwas mehr).

Mehrfach kommt in den Heften das Kürzel CDAZ vor. Dies war der „Club Deutscher Amateur Zeitungen“, der aber laut einem kleinen Bericht in  COMA Nr. 2, bereits 1981 schon wieder am Ende war. Weißt du noch,  was der CDAZ werden sollte?

Ich glaube die Idee war, so was wie eine gemeinsame Interessenvertretung für Amateurzeitungen zu etablieren, also vielleicht ähnlich der (überwiegend professionellen) Organisation ICOM. Der Gedanke dahinter war auch gemeinsame Vertriebsstrategien und Plattformen zu entwickeln und Synergien zu schaffen. Aber wie so oft hing das hauptsächlich am Engagement einer oder einiger weniger Personen und ist deswegen nach dem Erlahmen der Aktivität der Verantwortlichen auch wieder eingeschlafen.

Diese ganze Sache lief ja noch während deiner Schulzeit. Ab wann warst du Dir sicher, dass du Dich auch mit diesen Dingen beruflich beschäftigen und Grafik-Design studieren könntest?

Richtig. Ich habe 1984 Abi gemacht und dann bis 1986 Zivildienst. Schon recht bald nach dem Abitur habe ich mich dann gegen ein Chemie-Studium und für die Bewerbung für die Studiengänge Grafik Design an der Kunstakademie Stuttgart und an der Fachhochschule Pforzheim entschieden. Entscheidend dafür war mein wachsendes Vertrauen in meine künstlerischen Fähigkeiten und die Bekanntschaft mit dem Tübinger Grafiker/Animator Uli Gleis, der damals schon an der Akademie in Stuttgart bei Professor Ade mit dem Schwerpunkt Trickfilm studierte. Er hat mir viele wichtige Tipps und Hinweise gegeben und mich ein wenig wie ein Mentor betreut. Obwohl meine Faszination für das Medium Animation damals ihren Anfang nahm, blieb meine Faszination für Comics unverändert bestehen! Das hat sich bis heute nicht geändert, ich würde mir nur wünschen, ich hätte mehr Zeit für eigene Arbeiten in dem Bereich. Immerhin unterrichte ich jetzt als Professor in Singapur meine Studenten auch in „Graphic Storytelling“ (=Comics), so schließt sich der Kreis wieder.

In Deiner Kurzbiografie zu „Lippe #12“ steht, Du hättest ab 1986 sporadisch für „Strapazin“ gezeichnet. Bis wann warst du in der Amateurzeichner-Szene aktiv? Oder gab es da keinen „Schnitt“?

Ich habe insgesamt 1986 in zwei Ausgaben von „Strapazin“ Kurzcomics veröffentlicht, die Veröffentlichung in „Lippe#12“ könnte man schon als den Schlusspunkt meine eigentlichen Veröffentlichungen in der Fanszene ansehen. Alle erwähnten Comics zeichnen sich schon durch meinen „erwachsenen“ Stil aus, der dann doch von ganz anderen Vorbildern geprägt war: Munoz/Sampayo, Pratt und anderen Künstlern die in „Raw“ (Spiegelman) veröffentlichten. Ich finde diese Comics auch heute noch sehr gelungen und ich finde sie Bestehen durchaus den „Test der Zeit“. Vergleicht man sie mit den Veröffentlichungen vom Anfang der 80er Jahre wird die erfolgte Entwicklung sofort augenfällig. Ein entscheidender Beitrag hierzu war sicherlich auch, dass alle diese Comics nach Beginn meines Studiums an der Kunstakademie Stuttgart entstanden sind. Da taten sich natürlich ganz neue künstlerische Horizonte auf.

Erste Seite des Comics „Yeti“ (1984). Texter und Zeichner: Ganswindt, Inker und Letterer: Hannes Rall. Unveröffentlicht.

Erste Seite des Comics „Yeti“ (1984). Texter und Zeichner: Ganswindt, Inker und Letterer: Hannes Rall. Unveröffentlicht.

Danach habe ich dann noch sehr viele Comics in unterschiedlichen Stilen für die Schublade gezeichnet, die ich heute noch recht ansehnlich finde. Da ich aber sehr mit dem Studium und dem neuen Thema Trickfilm beschäftigt war, nahm das dann doch gegen Beginn der 90er Jahre ab. Ich habe auch die bereits fertiggestellten Comics (meistens Kurzgeschichten) nicht mehr zur Veröffentlichung bei Fanzines eingereicht. Erst kürzlich habe ich viele dieser späteren freien Comicarbeiten (vorrangig aus den Jahren 1986-1990) wiederentdeckt und denke jetzt über eine Form der Veröffentlichung nach.

Cover von "Lippe" Nr. 12 (1986), Herausgeber Andreas Anger, Coverzeichnung: Hannes Rall.

Cover von „Lippe“ Nr. 12 (1986), Herausgeber Andreas Anger, Coverzeichnung: Hannes Rall.

Was noch bis circa Ende der 80er weiterlief war meine Arbeit als Illustrator für die Amateurroman-Reihe „Marc’O Popel“, herausgegeben von Michael Hoegen aus Rauderfehn. Das war so eine Art „Perry Rhodan“-Parodie, die dann aber ihr ganz eigenes auswucherndes Paralleluniversum entwickelte und irgendwie nicht totzukriegen war. Da ich das ziemlich lange gemacht habe (ich glaube fast durch die ganzen 80er) dokumentieren meine Illus zu den Heften auch meine vielfältigen stilistischen „Ausprobierphasen“-manches ist ganz furchtbar, anderes wiederum ganz nett. Ein toller Mit-Illustrator aus der Zeit war Matthias Langer, der ansonsten auch im Comic-Fandom unterwegs war.

Illustrationen, veröffentlicht in „Marc O’Popel“ (1985). Copyright Hannes Rall.

Illustrationen, veröffentlicht in „Marc O’Popel“ (1985).
© Copyright Hannes Rall.

Ab Beginn der 90er Jahre begann mit dem Ende des Studiums dann auch der schrittweise Übergang ins Profilager – oft in Kollaboration mit meinem ehemaligen Studienkollegen Michael Meier. So sind über die Jahre (hauptsächlich zwischen 1993 und 2012) viele professionelle Comics von mir gezeichnet und veröffentlicht worden, u.a. für die Verlage Egmont Ehapa und Pabel/Moewig („Strubbelpeter und Schnatterliese“ in „Bussi Bär“). Aber das ist eine andere Geschichte.

Zum Abschluss habe ich mir exklusiv für dieses Interview einen kleinen Spaß erlaubt: Eine Studie, wie ein „Hermann 2015“ in meinem heutigen Stil aussehen könnte.

„Hermann-Der Hinterhalt“ (unveröffentlicht, 2015). Copyright Hannes Rall.

„Hermann – Der Hinterhalt“ (unveröffentlicht, 2015).
© Copyright Hannes Rall.

Im Internet ist Hannes Rall zu finden unter:
www.hannesrall.com