Leseprobe Blechluft 8

„Achte Reise zur Blechluft“ Edition Blechluft 8

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Aus dem Inhalt:
Interview mit Lee Thacker, Comiczeichner, er zeichnet die The Wedding Present-Comics.
Interview mit Sabine Schwabroh, Fotografin, die seit den 70er Jahren Konzertfotos macht, u.a. für die Musikzeitschrift Sounds.
Interview mit Sven Jachmann, Autor, Redakteur beim Comicverlag Splitter.
Interview mit Ralf Zeigermann, in den 1970ern Mitglied bei der Band The Neat und Comiczeichner (“Rattinger Hoff”).
Interview mit Harald Gantzberg, um 1981 Mitglied der Berliner Band Ixtoc-1, heute Lektor für einen Comicverlag.
Interview mit Verena Braun, Comiczeichnerin („Adamstown“).
Interview mit Marcus Kluge, Autor (u.a. Roman „Die Legende von Xanadu“) und früherer Fanzinemacher (“Assasin”).
„Achte Reise zur Blechluft“, erster Teil der fiktiven Geschichte “Die merkwürdigen Reisen des Herrn Johannes Nikolaus Gierlich”.

„Neben Interviews von Autoren, Musikern, Graphic Novel-Machern und Fotografen führt eine fiktive Rahmenhandlung in die Geschichten der portraitierten Künstler. Sahlers Protagonist Gierlich reist in einer Art Punk Fantasy in die realen oder erfundenen Welten seiner Interview-Partner. Beispielsweise fährt Gierlich mit einem beigefarbenen Citroen DS direkt in die Handlung meines Xanadu-Romans. Er besucht die Galerie Puvogel in der Schlüterstraße des Jahres 1973, lernt meinen Helden Beaky kennen und versucht die im Roman wichtige Watteau-Kopie zu kaufen. Offenbar hat er ein Geheimnis über das Gemälde erfahren, dass noch nicht einmal ich, der das Bild erfunden hat, kennt. Er lässt erst von seinem Vorhaben ab, als er begreift, dass der Watteau noch für meinen Roman gebraucht wird.“ (Marcus Kluge)

„Der Schwerpunkt dieser Ausgabe liegt, etwas grob dahingesagt, bei frühem Punk Rock in Deutschland, Comics und illustrierten Büchern und Grafik.“ (Ralf Zeigermann)

Interview mit Sabine Schwabroh <Auszug>:

Erste Fotos die ich von Dir kenne, erschienen in der Musikzeitschrift Sounds im März 1978. Zusammen mit Alfred Hilsberg  hast Du junge Punkbands in Köln und Düsseldorf besucht. In Köln-Deutz  entstanden Aufnahmen vor dem Wohnhaus der Familie Luis und in  Düsseldorf hast Du im Ratinger Hof fotografiert.

1977/78 begann ich bei Konzerten, die mich interessierten, zu  fotografieren. Die Fotos, die im Januar 78 in Düsseldorf entstanden,  hatten für mich eine Art Auslöserfunktion. Es war wahnsinnig toll, die  Begeisterung und Spannung der Leute ganz nah und direkt zu erleben,  die heiss darauf waren, Alfred Hilsberg zu treffen, sich mit ihren  Ideen, ihrer Musik mitzuteilen. So konnten sie eine ganz andere  Öffentlichkeit erreichen.

Später hast Du bei einigen Punk-/Neue Welle-Konzerten in Hamburg-Fotos gemacht. Einige dieser Aufnahmen erschienen später in der Sounds  und auf Plattencovern vom ZickZack-Label.

Alfred, der für die Sounds schrieb, hat oft zu seinen Texten meine Fotos vorgeschlagen. Ich bin, wenn ich die Zeit hatte, mit Alfred zu  diesen Terminen gefahren. Darüber hinaus habe ich viele Konzerttermine  wahrgenommen, die Alfred und sein Umfeld organisierten. So kam es  auch, dass ich einige Poster zu diesen Veranstaltungen entwerfen  konnte und meine Fotos auf Plattencovern abgedruckt wurden. Meist  haben die Künstler ihre Cover aber selbst gestaltet. Wenn ich dann  später, manchmal schon am nächsten Tag, die Künstler wiedertraf, habe  ich ihnen ein paar Abzüge von Konzertfotos geschenkt oder wir haben  den Kontaktbogen begutachtet.

Reed Richards, der Gitarrist von The Neat
Reed Richards, der Gitarrist von The Neat

Interview mit Ralf Zeigermann >Auszug>:

Nun geht die Blechluft 8 bald in den Druck. Hier ein weiterer kleiner Ausblick auf den Inhalt. Ralf Zeigermann aka Reed Richards von The Neat, sprich über Punk in Dortmund:

“In Dortmund gab es punkmäßig, wie schon geschrieben, nicht viel. Neat hatte meist Auftritte in Schulen oder auf “Festivals” (ich kann mich noch gut an dieses Open-Air-Dings erinnern, wo die Bühne die Ladefläche eines Sattelschleppers war, oder als wir auf einer Geburtstagsparty im Wohnzimmer einer WG gespielt haben), ansonsten aber meist außerhalb von Dortmund. Ich glaube, der erste Punkgig einer englischen Band war wohl 1978(?) von Ultravox im Jara (ausgerechnet in diesem Disco-Schuppen!), wo uns Punks aber auch gleich mit Rausschmiss gedroht wurde, als es etwas lauter und ruppiger wurde. Dr Feelgood, Patti Smith und John Cale haben mal in den Westfalenhallen gespielt, aber das war ja kein richtiger “Punk”. Es gab sonst absolut nichts in Dortmund.”

Interview mit Lee Thacker <Auszug>:

How can I imagine your working process by drawing the comics? Do you draw with pencil and drawing ink or with a computer?

I draw the panel borders first, then put the lettering in in pencil. Then I draw everything in pencil too. I then send the scanned pages to David and he always has a number of changes for me to do, mostly the text and making girls look slimmer – ha ha! I then ink the whole thing with ink and a brush, scan it, add digital lettering and word balloons in Photoshop and keep going until I have 20 completed pages. These are then put together into a pdf and sent to David, Terry and Jessica for final editing.

Interview mit Harald Gantzberg <Auszug>:

Harald auf dem Cover von "Last Exit" (1982)
Harald auf dem Cover von „Last Exit“ (1982)

Tempo, PVC und die anderen frühen Punk-Bands kamen aus einer völlig anderen sozialen Schicht. Einer Schicht, in der es normal war, dass man sich kreativ ausdrückte. Das, was da in Kreuzberg entstand, entwickelte sich in der speziellen Ausprägung aus sich selbst heraus und war schon deshalb neu und belebend. Natürlich war das dilellanisch. Aber da Können keine Rolle spielte, um auf dieser Platte dabei zu sein, war das Wichtige daran. Die Botschaft lautete: Das kannst Du auch! Dieses Credo wurde auch anderswo in der Republik so formuliert, aber in West-Berlin sprach es Schichten an, die sich bisher nicht für diese Ausdrucksmöglichkeit  interessiert hatten oder glaubten, das Kultur etwas elitäres ist, dass sie sowieso nie erschaffen konnten.

Interview mit Sven Jachmann <Auszug>:

Comics/Graphic Novels benötigen vergleichsweise viel Platz, um eine Geschichte zu erzählen. Ich wünsche mir manchmal mehr Hintergrund-Informationen, die man schnell durch Texte erreicht. Kennst Du gute  Mischformen zwischen herkömmlichen Buch und Comic? (Mir fällt da gerade die britische Zeichnerin Posy Simmonds ein.)

Simmonds arbeitet ja meist, neben den Sprechblasen, mit einer zweiten Textebene, die dann der Introspektion der Figuren dient, etwa in Gestalt von Tagebucheinträgen. Das kommt tatsächlich sehr oft im Comic vor; Alan Moore betreibt es sehr exzessiv in „Watchmen“, wo es vor mehrseitigen fiktiven Zeitungsartikeln, Kurzgeschichten aus Pulp-Magazinen, Auszügen aus wissenschaftlichen Fachartikeln, Briefen etc. nur so wimmelt; in „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ geht er ähnlich vor. Alison Bechdel zitiert und bebildert in ihrer neuen Graphic Novel „Wer ist hier die Mutter?“ psychoanalytische Fachliteratur und fiktive Zeitungsmeldungen. Ganz toll ist auch „Das Stadtecho“ von Francois Schuiten und Benoit Peeters, eine Art Appendix zu ihrer genialen Reihe „Die geheimnisvollen Städte“. Das Ganze ist ein fiktives Magazin im Zeitungsgroßormat und die Artikel nehmen im Stil objektiver Zeitungsberichterstattung noch einmal Bezug auf Ereignisse der Kernerzählungen, gigantisch illustriert und voller bizarrer Einfälle. Leider bekommt man das momentan nur antiquarisch.

Interview mit Verana Braun <Auszug>:

Szene aus "Adamstown" Copyright © Verena Braun
Szene aus „Adamstown“ Copyright © Verena Braun

Du hast an der HAW Hamburg das Fach Illustration studiert. Die HAW ist ja seit langem bekannt als eine der wenigen Ausbildungsstätten im Bereich Illustration. Weshalb hast du dich für diesen Fach entschieden?

Ich war super aufgeregt, als in der “Brigitte Young Miss” (!!) im Jahre 1999 gelesen habe: in Hamburg kann man Illustration als eigenes Fach studieren. Das war genau was ich wollte!

 Im Comic-Bereich hast du bereits verschiedene Geschichten veröffentlicht. Wie kam es das du Comicgeschichten zu einem deiner Schwerpunkte gewählt hast?

Ich wollte ursprünglich Kinderbuch-Illustratorin werden, mit Comics bin ich erst in den Kursen von Anke Feuchtenberger in Berührung gekommen. Meine Comic-Leseerfahrung beschränkte sich bis dahin auf Asterix, Mickey Maus und Pferde-Heftchen (lacht). Bei Anke habe ich Sascha, Arne und andere Comic-Leute kennen gelernt, und bin ab der 3. Ausgabe bei der Anthologie ORANG dabei gewesen – ich kam wie die Jungfrau zum Kinde eben!

Interview mit Marcus Kluge <Auszug>:

In den 80er Jahren hast Du das Fanzine „Assasin“ gemacht und warst auch in der Berliner Musikszene aktiv. Als damaliger Fanzine- und Kassettenmacher dürftest Du mit Deinen Erfahrungen mit Druckereien und  Selbstvertrieb beim heutigen Selfpublishing Vorteile haben.

Was wir damals mit Fanzines und Kassetten probiert haben, entstand aus dem Bedürfnis sich selbst auszudrücken und eine Art Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Foto-Kopieren, drucken, Kassetten kopieren und alles in West-Berlin zu verteilen, war natürlich viel aufwändiger als heutige Distributionsformen wie das Internet. Über Berlin hinaus lief ja alles über die Post. Da ist das Internet traumhaft im Vergleich. Wichtigste Erfahrung, war: das Selbermachen und somit die Kontrolle zu behalten. Deshalb haben wir uns auch für eine kleine Berliner Druckerei entschieden und gegen eine Internet-Firma, jetzt beim ersten Buch. Vertreiben werde ich das Buch auch wieder selbst, übers Netz und hier in Berlin.

Auszug aus der Geschichte „Achte Reise zur Blechluft“:

Kierdorff war erschrocken über das Aussehen von Gierlich. Dieser war dick, geradezu aufgequollen, seine Haut gräulich, die Haare graugelblich. Zudem hustete er ständig.
„Du erkennst mich nicht“, sagte er zu seinem alten Freund Klaas.
„Nein. Woher sollte ich dich kennen?“
„Das war keine Frage. Ich weiß aber das wir uns kennen und das du dies vergessen hast.“
„Aha. Woher?“
„Du bist vor einem halben Jahr aus Rotterdam hierhin gereist. Das war 1784.“
„Ha, ha …“
„… du hast an dem Apparat den falschen Hebel betätigt und bist ohne Gedächtnis los und hast eine neue Identität erhalten …“
„… ha,ha … dann erklärt sich Einiges. Aber mal ernsthaft: Was ist das für ein Blödsinn? Wie soll das überhaupt funktionieren? Hätte nicht gedacht, dass du so ein Spinner bist.“
„Ich bin der größte Spinner den du jemals kennen wirst. Aber das ändert nichts daran, dass du Johannes Nikolaus Gierlich, Wundarzt und Professor für Kulturwissenschaften nur durch ein Versehen hier gestrandet bist.“
„Seit siebenundvierzig Jahren nun schon. Zu lange, aber das habe ich mir nicht ausgesucht.“
„Nun hol ich dich raus.“
„Und wie?“ Gierlich wollte dem Kerl nicht sagen, dass er für sich einen Weg aus der Stadt gefunden hatte. Er hielt den anderen für verrückt, aber vielleicht war er auch sehr gerissen. Was er zuvor mit den Polizisten gemacht hatte, war sehr verblüffend gewesen. „Hier kommt man aber nicht so schnell raus. Auch nicht, wenn man illegal ein paar Musikstücke auf städtischen Computern abspielt oder ein paar Liedtexte an die Wände schreibt. Das könnte sogar kontraproduktiv sein. Aber ich für meinen Teil weiß zumindest, dass ich in Gefahr bin. Die können hier jeden Moment aufkreuzen und uns mitnehmen. Du scheinst wohl gar nicht zu wissen was du machst, entweder stehst du unter Drogen, was ich gut verstehen könnte oder du bist dämlich und brandgefährlich. Ich hoffe du bist ersteres, dann sollten wir uns mal austauschen.“
Matthias Kierdorff kramte aus seiner Tasche ein Buch hervor und gab es Gierlich.
„Ist erst vor einem Jahr erschienen. Du bist der Autor. Hier: Johannes Nikolaus Gierlich, Professor für Kulturwissenschaften.“
Gierlich kam ins Grübeln. Sollte er wirklich nicht von hier sein. Er hatte oft seltsame Gedankenaussetzer, wirre Bilder umgarnten ihn dann, er hatte sich dran gewöhnt und tat sie als eine seiner Wesenszüge ab, als eine Art phantasiereiche Zipperlein. Seltsame Träume die spannend für ihn waren, die er aber nie verstand.
„Was war denn das für eine Aktion da eben mit den Polizisten?“
„Was hast du gesehen?“
„Wie du mit ihnen gesprochen hast und sie dann wie Roboter hellerleuchtet weggefahren sind.“
„Das Licht, Gierlich. Damit konnte ich sie überzeugen, doch besser wieder in die Stadt zu fahren. Dort spielen sie nun laut deine letzte Sendung durch ihren Dachlautsprecher. Das wird Wirkung zeigen. Das Licht ist ziemlich einflussreich und der Kraftstoff für unseren Apparat hier. Ohne das Licht läuft gar nichts. Die zwei Polizisten hat das Licht überzeugt, dass zu tun was ich möchte: Friedlich sein, in ihrem Wagen zurück in die Stadt fahren und die Audiodatei abspielen die auf ihrem Bordcomputer liegt. Und mich sollen sie bitte vergessen und zukünftig in Ruhe lassen.“
„Daran muss man aber erstmal glauben“, warf Gierlich ein. „Wenn ich die Sache nicht selber gesehen hätte, würde ich sagen, dass sei völliger Humbug. Kinderkram. Großkotziger Superheldenquatsch. Das heißt dir kann hier keiner was und du kannst einfach so weg von hier.“

Ankunft im Dorf
Ankunft im Dorf

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