Kategorie-Archiv: Leseprobe

Im Kreis der Immaculata – ein Kriminalroman

Diese drei Herren dienen mir als optische Vorbilder für meine Helden. Kriminalrat Franz Behrens (Mitte), Kommisar Robert Kafker (Rechts) und August Nell (Links), so heissen meine Figuren. Kafker stammt aus Göttingen, wohin es einer seiner Vorfahren, von England aus verschlug.

„War dies nicht der Mörder vom Broekes Hof? Hünighusen hatte auf dem Feld der Broekes das Gesicht des Flüchtenden nur kurz  gesehen, aber da war eine Ähnlichkeit. Aber vielleicht war es nur Einbildung. Der Mann hatte sein hageres Gesicht nun abgewand, scherzte mit den Umstehenden. Trug er nicht auch ein schwarzes Halstuch, so wie er es bei dem Mann auf dem Feld gesehen hatte? Er stellte sich auf die Zehenspitzen. Dreh dich rum, dreh dich doch rum. Tatsächlich, er war es. Der traute sich was. Sein Tuch war hinten im Nacken geknotet und hing dem Kerl vornen als Dreieck auf die Brust. Gleich würde er das Tuch über die Nase und den Revolver aus der Jacke ziehen und die Mitreisenden ausrauben. Er würde auch nicht zurückschrecken die Waffe zu benutzen.
Hier würde Jakob nicht an den Mann rankommen. Vielleicht würde er ihn in Köln am Bahnhof erwischen. Doch bei der Ankunft hatte er mit seinem Jungen und dem Fotoausrüstung so viel um die Ohren, dass er beim Aussteigen gar nicht mehr nach dem Mann schauen konnte. Im Bahnhof traf er noch Frau Bonde, die Gemahlin von Direktor Fritz Bonde, eine Kundin von ihm, die er zum Damenzimmer brachte und ihr Jakob und die Fotoausrüstung anvertraute. Er lief durch die Wartesäle, zur Bilettausgabe und zur Gepäckaufnahme und letztlich zum Abfahrtsvestibül. Der Mann war nicht zu sehen. Schließlich lief er noch nach draußen bis zum Verlagshaus der Volkszeitung, hatte den Mann aber nicht mehr zu Gesicht bekommen.“
(Auszug aus „Im Kreis der Immaculata“)

Der Deutschamerikaner August Nell ist in Panama aufgewachsen und kam 1915 nach Deutschland. Er ist der Fahrer und Assistent von Kommissar Robert Kafker.

„Um einen kleinen Holzaltar mit drei Altarleuchtern aus Messing, einem Standkruzifix mit einem Korpus aus Bronze, einer geschnitzten Heiligenfigur (möglichweise eine Darstellung des Antonius von Padua) und einem Ölbild, auf der Maria mit dem Jesuskind zu sehen war, saßen fünf, schwarzgekleidete Frauen und beteten den Rosenkranz für die verschwundenen Kinder.
„Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste.
Wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen.“
Vater und Sohn Hünighusen nahmen auf dem Sofa Platz, während Julius Häger sich ihnen gegenüber auf einen Stuhl setzte, von wo aus er die betenden Frauen im Blick hatte. Die Frauen ließen die Perlen des Rosenkranzes durch ihre Finger gleiten. „Sie können das Gebet aufhören wo sie wollen“, flüsterte Häger ihnen fast tonlos zu. Peter nickte. Er war selber Katholik.
„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.“
Jakob sprach bereits leise die Worte der Frauen mit.
„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.“
Häger kramte eine Schnupftabakdose hervor, schaute zu den beiden Hünighusens hinüber, bot ihnen Tabak an. Beide schüttelten mit dem Kopf. Der Gastgeber nahm eine Brise und zog die Tabakmischung in die Nase hoch, schloss die mit dünner Bleifolie ausgelegte Dose und stellte sie auf den Tisch. Die alte Dose war mit Szenen der Passion Christi verziert, vom Judaskuss über das Verhör bei Pilatus bis zur Kreuztragung war der Leidensweg Christi auf dem Rand des Behältnisses dargestellt. Mit Interesse betrachtete Jakob die Kreuzigungsszene auf dem Deckel. Häger warf Jakob einen aufmunternden Blick zu. „Nimm ruhig!“ Jakob schüttelte leicht den Kopf, der nun rot anlief.
„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.“
Es begann bereits zu dämmern, als die drei Frauen aus der Nachbarschaft sich verabschiedeten und sie endlich mit Hägers Mutter reden konnten.
„Mutter, das sind die beiden Herren aus Köln …“
„Wer ist das?“
„Die Herren aus Köln. Ich hab dir eben von ihnen erzählt.“
„Jetzt verstehe ich. Ich wollte euch was erzählen. Früher hat es hier schon einmal so etwas gegeben. Damals sind auch Kinder in der Nacht verschwunden …“
„Wann war das?“
„Ich war Mitte vierzig. Wir wohnten noch nicht hier, sondern drüben im Haus meiner Eltern. Es muss so im Jahr 38 oder 39 gewesen sein. Ich musste in der Nacht zum stillen Örtchen, ihr wisst schon. Und als ich zurück ins Haus gehe, da sah ich sie auf dem Weg nach Bonnersüng rauf: Drei Männer und fünf Kinder in Nachthemden. Man konnte sie kaum sehen. Es war starker Nebel, so wie die Tage. Die verschwanden mit den Kindern und niemand hat sie jemals wieder gesehen. Ich hab damals alles einem Polizeioffiziant erzählt. Die armen Eltern haben bis zu ihrem irdischen Lebensende getrauert. Sind beide früh von uns gegangen, die Armen.“
(Auszug aus „Im Kreis der Immaculata“)

Anzeige aus „Der Katholik“ (1876)

Leseprobe: Amateurcomics 1975 – 85

Amateurcomics 1975 – 85
(177 Seiten, 10,5 x 18,5 cm, 11,70 Euro, zzgl. Porto/Verpackung)

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Im Comicbereich entwickelten sich in Westdeutschland ab circa der Mittsiebziger Jahre Comicpublikationen, in denen ausschließlich Amateure ihre Comics veröffentlichten. Die jugendlichen Zeichner hatten als Comicsfans begonnen ihre eigenen Storys zu zeichnen und diese in einfachen Heften zu veröffentlichen.

Da die Kunstform des Comicherstellens schulisch und gesellschaftlich nicht gefördert wurde, übernahmen die Zeichner ihre Ausbildung selber, in dem sie durch Abschauen bei ihren Vorbildern und Nachzeichnen sowie durch die Erstellung eigener Comics und deren Veröffentlichung in eigenen Zines lernten. Feedback zu ihren Comics erhielten sie in Leserbriefen und in Rezensionen von ihren „Kollegen“.

Die dort ausgesprochene Kritik bestätigte sie, spornte sie an sich weiter zu verbessern, konnte aber auch kränken oder demotivieren, aber selbst dies konnte dazu führen, die Kritik aufzugreifen, sich spezielle Kenntnisse anzueignen, bestimmte Zeichenlehrbücher zu studieren oder Kurse zu besuchen.

Es gibt eine umfangreiche Comicographie mit zeitgenössischen Rezensionen. Zur Recherche wurden Interviews mit Heike Anacker, Andreas Anger, Hans-Joachim Hahn, Horst Kreuder, Stefan Lochmann, Hanspeter Ludwig, Dietmar Müller, Steff Murschetz, Hannes Rall, Peter Schaaff und Kim Schmidt geführt.

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Zu Forschungszwecken finden Sie Exemplare von „Amateurcomics 1975 – 85“ hier:
„Buchmuseum Fachbibliothek“ (Museum/Fachbibliothek/Klemm) in Leipzig,
„Bonner Online-Bibliographie zur Comicforschung“ an der Universität Bonn.
„Archiv für Jugendkulturen“ in Berlin.

 

Leseprobe Blechluft 9

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BL9„Der Schrottblatt“ – Blechluft 9

Frontispiz: Altered Cabinet Cards
Interviews:
Interview mit Detlef Surrey, Illustrator und Comiczeichner, er zeichnete die „Emil“-Comicstrips.
Interview mit Thomas Pargmann, Platten-Sammler und Mauerstadtmusik-Labelmacher.
Interviews mit Thomas Petruo, Wolfgang Müller, Michael Ruff und Ulli Putsch im Fanzine-Design.
Fiction: Illustrierte Story „Neun Stadtansichten für Romanwandler“, zweiter Teil der fiktiven Geschichte “Die merkwürdigen Reisen des Herrn Johannes Nikolaus Gierlich”.
Artikel: Die Helden des Weltuntergangs. Endzeit in Literatur und Film.
Artikel: Amateurcomics 1975 – 85

Format 10,5 x 18,5 cm
ca. 230 Seiten mit zahlreichen Abbildungen
Preis 11,90 Euro
zzgl. Porto/Verpackung
Altered Cabibet Card. Done by gauKeli

Frontispiz: Altered Cabinet Cards

Altered Cabibet Card. Done by gauKeli

Altered Cabibet Card. Done by gauKeli

Bevor die Fotografie in den privaten Alltag gelangte, waren es im 19. Jahrhundert Fotografen, die in Fotostudios die Leute empfingen und in ihrer besten Kleidung ablichteten. Die Fotos wurden in verschiedenen Formaten für die Kundschaft erstellt.

Die sogenannte Cabinet Card war zwischen 1862 und 1918 üblich. Als Erfinder gelten George Wharton Simpson (1825 – 1880) und George Washington Wilson (1823 – 1893). Die Fotos im Format 100 mal 150 mm wurden auf dicken Karton montiert, auf dem meistens der Name des Fotografen und dessen Adresse stand. Ähnlich, aber im Format von nur ca. 60 mal 90 mm, sind die Carte de Visite, allgemein CDV abgekürzt. Von diesen Cabinet Card bzw. den CDV wurde unzählige angefertigt. Weitverbreitet sind auch die Photo Postcards, die zum Versenden per Post gedacht waren. Heute sind sie zu Sammlerobjekten geworden. In Bücher wie „Menswear – Vintage People on Photo Postcards“ von Tom Phillips werden ganze Sammlungen präsentiert.

Seit ein paar Jahren gibt es Künstler, die diese Fotos, meistens Cabinet Cards, weiterbearbeiten. Sie verändern mit Farbe die Kleidung der Personen, malen neue Kleidungsstücke hinzu, setzten den Leuten eine Brille oder einen Hut auf, verändern sie zu einem Superhelden oder in ein Gespenst. Alles ohne Photoshop. Unter der Bezeichnung „Altered Cabinet Card“ findet man im Internet Berge dieser Kunstwerke. Künstler sind beispielsweise Javi Garcia, Tom Butler, Alex Gross, Rachel Phillips oder Colin Batty. Sie alle leben in den USA oder England. Von Alex Gross gibt es das Buch „Now and Then: The Cabinet Card Paintings of Alex Gross“ und von Colin Batty „Meet the Family”.

Man könnte diese Art von Kunst kritisch gesehen auch als pietätlos betrachten, denn die Fotomodelle sind alle bereits vor Jahrzehnten verstorben und werden nun gegen ihren Willen zu Kunstobjekten. Viele dieser Kunstwerke sind stark verändert Varianten, vom dem ursprünglichen Charakter bleibt oft nur wenig übrig. Den Gedanken, dass diese Kunst pietätlos sein könnte, wird im Internet gar nicht erst diskutiert. Hervorgehoben wird, dass man diesen alten Bildern neues Leben einhaucht. Plötzlich erzählt ein Foto eine ganze Geschichte.

Die beiden von mir veränderten Cabinet Cards (ich bemalte eingescannte Ausdrucke mit Deckweiß und Wasserfarbe) stammen aus den USA. Die junge Frau wurde von einem Fotografen in Lynn/Massachusetts abgelichtet. Der junge Mann in Richmond/Maine. Mit ein paar einfachen Pinselstrichen konnte ich die beiden komplett verändern.

Heute hat diese Art von Fotografie keine Bedeutung mehr. Wenn man zum Fotograf geht, dann lässt man ein Pass- oder Bewerbungsfoto machen. Da fummeln die Fotografen zwar immer noch mit ihren teuren Kameras herum, heraus kommt aber selten etwas Kreatives. Aber mit dem Interesse an der Zeit der Jahrhundertwende, vom 19. ins 20., durch die Steam Punks, gibt es auch ein Interesse an dieser altmodischen Studiofotografie. Ein solches Studio betreiben in Helsinki Mrs. Onyxei Haapla und Mr. Helmut Schweinstein. [http://atelieri-ohaapala.squarespace.com/] Dort ziehen sich die Leute altmodisch oder im Stil des Steam Punks an und erhalten vom Studio eine entsprechende Cabinat Card.

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Leseprobe Blechluft 8

„Achte Reise zur Blechluft“ – Edition Blechluft 8

 

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Aus dem Inhalt:
Interview mit Lee Thacker, Comiczeichner, er zeichnet die The Wedding Present-Comics.
Interview mit Sabine Schwabroh, Fotografin, die seit den 70er Jahren Konzertfotos macht, u.a. für die Musikzeitschrift Sounds.
Interview mit Sven Jachmann, Autor, Redakteur beim Comicverlag Splitter.
Interview mit Ralf Zeigermann, in den 1970ern Mitglied bei der Band The Neat und Comiczeichner (“Rattinger Hoff”).
Interview mit Harald Gantzberg, um 1981 Mitglied der Berliner Band Ixtoc-1, heute Lektor für einen Comicverlag.
Interview mit Verena Braun, Comiczeichnerin („Adamstown“).
Interview mit Marcus Kluge, Autor (u.a. Roman „Die Legende von Xanadu“) und früherer Fanzinemacher (“Assasin”).
„Achte Reise zur Blechluft“, erster Teil der fiktiven Geschichte “Die merkwürdigen Reisen des Herrn Johannes Nikolaus Gierlich”.

„Neben Interviews von Autoren, Musikern, Graphic Novel-Machern und Fotografen führt eine fiktive Rahmenhandlung in die Geschichten der portraitierten Künstler. Sahlers Protagonist Gierlich reist in einer Art Punk Fantasy in die realen oder erfundenen Welten seiner Interview-Partner. Beispielsweise fährt Gierlich mit einem beigefarbenen Citroen DS direkt in die Handlung meines Xanadu-Romans. Er besucht die Galerie Puvogel in der Schlüterstraße des Jahres 1973, lernt meinen Helden Beaky kennen und versucht die im Roman wichtige Watteau-Kopie zu kaufen. Offenbar hat er ein Geheimnis über das Gemälde erfahren, dass noch nicht einmal ich, der das Bild erfunden hat, kennt. Er lässt erst von seinem Vorhaben ab, als er begreift, dass der Watteau noch für meinen Roman gebraucht wird.“ (Marcus Kluge)

„Der Schwerpunkt dieser Ausgabe liegt, etwas grob dahingesagt, bei frühem Punk Rock in Deutschland, Comics und illustrierten Büchern und Grafik.“ (Ralf Zeigermann)

Interview mit Sabine Schwabroh <Auszug>:

Erste Fotos die ich von Dir kenne, erschienen in der Musikzeitschrift Sounds im März 1978. Zusammen mit Alfred Hilsberg  hast Du junge Punkbands in Köln und Düsseldorf besucht. In Köln-Deutz  entstanden Aufnahmen vor dem Wohnhaus der Familie Luis und in  Düsseldorf hast Du im Ratinger Hof fotografiert.

1977/78 begann ich bei Konzerten, die mich interessierten, zu  fotografieren. Die Fotos, die im Januar 78 in Düsseldorf entstanden,  hatten für mich eine Art Auslöserfunktion. Es war wahnsinnig toll, die  Begeisterung und Spannung der Leute ganz nah und direkt zu erleben,  die heiss darauf waren, Alfred Hilsberg zu treffen, sich mit ihren  Ideen, ihrer Musik mitzuteilen. So konnten sie eine ganz andere  Öffentlichkeit erreichen.

Später hast Du bei einigen Punk-/Neue Welle-Konzerten in Hamburg-Fotos gemacht. Einige dieser Aufnahmen erschienen später in der Sounds  und auf Plattencovern vom ZickZack-Label.

Alfred, der für die Sounds schrieb, hat oft zu seinen Texten meine Fotos vorgeschlagen. Ich bin, wenn ich die Zeit hatte, mit Alfred zu  diesen Terminen gefahren. Darüber hinaus habe ich viele Konzerttermine  wahrgenommen, die Alfred und sein Umfeld organisierten. So kam es  auch, dass ich einige Poster zu diesen Veranstaltungen entwerfen  konnte und meine Fotos auf Plattencovern abgedruckt wurden. Meist  haben die Künstler ihre Cover aber selbst gestaltet. Wenn ich dann  später, manchmal schon am nächsten Tag, die Künstler wiedertraf, habe  ich ihnen ein paar Abzüge von Konzertfotos geschenkt oder wir haben  den Kontaktbogen begutachtet.

Interview mit Ralf Zeigermann >Auszug>:

Nun geht die Blechluft 8 bald in den Druck. Hier ein weiterer kleiner Ausblick auf den Inhalt. Ralf Zeigermann aka Reed Richards von The Neat, sprich über Punk in Dortmund:

“In Dortmund gab es punkmäßig, wie schon geschrieben, nicht viel. Neat hatte meist Auftritte in Schulen oder auf “Festivals” (ich kann mich noch gut an dieses Open-Air-Dings erinnern, wo die Bühne die Ladefläche eines Sattelschleppers war, oder als wir auf einer Geburtstagsparty im Wohnzimmer einer WG gespielt haben), ansonsten aber meist außerhalb von Dortmund. Ich glaube, der erste Punkgig einer englischen Band war wohl 1978(?) von Ultravox im Jara (ausgerechnet in diesem Disco-Schuppen!), wo uns Punks aber auch gleich mit Rausschmiss gedroht wurde, als es etwas lauter und ruppiger wurde. Dr Feelgood, Patti Smith und John Cale haben mal in den Westfalenhallen gespielt, aber das war ja kein richtiger “Punk”. Es gab sonst absolut nichts in Dortmund.”

Interview mit Lee Thacker <Auszug>:

How can I imagine your working process by drawing the comics? Do you draw with pencil and drawing ink or with a computer?

I draw the panel borders first, then put the lettering in in pencil. Then I draw everything in pencil too. I then send the scanned pages to David and he always has a number of changes for me to do, mostly the text and making girls look slimmer – ha ha! I then ink the whole thing with ink and a brush, scan it, add digital lettering and word balloons in Photoshop and keep going until I have 20 completed pages. These are then put together into a pdf and sent to David, Terry and Jessica for final editing.

Interview mit Harald Gantzberg <Auszug>:

Tempo, PVC und die anderen frühen Punk-Bands kamen aus einer völlig anderen sozialen Schicht. Einer Schicht, in der es normal war, dass man sich kreativ ausdrückte. Das, was da in Kreuzberg entstand, entwickelte sich in der speziellen Ausprägung aus sich selbst heraus und war schon deshalb neu und belebend. Natürlich war das dilellanisch. Aber da Können keine Rolle spielte, um auf dieser Platte dabei zu sein, war das Wichtige daran. Die Botschaft lautete: Das kannst Du auch! Dieses Credo wurde auch anderswo in der Republik so formuliert, aber in West-Berlin sprach es Schichten an, die sich bisher nicht für diese Ausdrucksmöglichkeit  interessiert hatten oder glaubten, das Kultur etwas elitäres ist, dass sie sowieso nie erschaffen konnten.

Interview mit Sven Jachmann <Auszug>:

Comics/Graphic Novels benötigen vergleichsweise viel Platz, um eine Geschichte zu erzählen. Ich wünsche mir manchmal mehr Hintergrund-Informationen, die man schnell durch Texte erreicht. Kennst Du gute  Mischformen zwischen herkömmlichen Buch und Comic? (Mir fällt da gerade die britische Zeichnerin Posy Simmonds ein.)

Simmonds arbeitet ja meist, neben den Sprechblasen, mit einer zweiten Textebene, die dann der Introspektion der Figuren dient, etwa in Gestalt von Tagebucheinträgen. Das kommt tatsächlich sehr oft im Comic vor; Alan Moore betreibt es sehr exzessiv in „Watchmen“, wo es vor mehrseitigen fiktiven Zeitungsartikeln, Kurzgeschichten aus Pulp-Magazinen, Auszügen aus wissenschaftlichen Fachartikeln, Briefen etc. nur so wimmelt; in „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ geht er ähnlich vor. Alison Bechdel zitiert und bebildert in ihrer neuen Graphic Novel „Wer ist hier die Mutter?“ psychoanalytische Fachliteratur und fiktive Zeitungsmeldungen. Ganz toll ist auch „Das Stadtecho“ von Francois Schuiten und Benoit Peeters, eine Art Appendix zu ihrer genialen Reihe „Die geheimnisvollen Städte“. Das Ganze ist ein fiktives Magazin im Zeitungsgroßormat und die Artikel nehmen im Stil objektiver Zeitungsberichterstattung noch einmal Bezug auf Ereignisse der Kernerzählungen, gigantisch illustriert und voller bizarrer Einfälle. Leider bekommt man das momentan nur antiquarisch.

Interview mit Verana Braun <Auszug>:

Du hast an der HAW Hamburg das Fach Illustration studiert. Die HAW ist ja seit langem bekannt als eine der wenigen Ausbildungsstätten im Bereich Illustration. Weshalb hast du dich für diesen Fach entschieden?

Ich war super aufgeregt, als in der “Brigitte Young Miss” (!!) im Jahre 1999 gelesen habe: in Hamburg kann man Illustration als eigenes Fach studieren. Das war genau was ich wollte!

 Im Comic-Bereich hast du bereits verschiedene Geschichten veröffentlicht. Wie kam es das du Comicgeschichten zu einem deiner Schwerpunkte gewählt hast?

Ich wollte ursprünglich Kinderbuch-Illustratorin werden, mit Comics bin ich erst in den Kursen von Anke Feuchtenberger in Berührung gekommen. Meine Comic-Leseerfahrung beschränkte sich bis dahin auf Asterix, Mickey Maus und Pferde-Heftchen (lacht). Bei Anke habe ich Sascha, Arne und andere Comic-Leute kennen gelernt, und bin ab der 3. Ausgabe bei der Anthologie ORANG dabei gewesen – ich kam wie die Jungfrau zum Kinde eben!

Interview mit Marcus Kluge <Auszug>:

In den 80er Jahren hast Du das Fanzine „Assasin“ gemacht und warst auch in der Berliner Musikszene aktiv. Als damaliger Fanzine- und Kassettenmacher dürftest Du mit Deinen Erfahrungen mit Druckereien und  Selbstvertrieb beim heutigen Selfpublishing Vorteile haben.

Was wir damals mit Fanzines und Kassetten probiert haben, entstand aus dem Bedürfnis sich selbst auszudrücken und eine Art Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Foto-Kopieren, drucken, Kassetten kopieren und alles in West-Berlin zu verteilen, war natürlich viel aufwändiger als heutige Distributionsformen wie das Internet. Über Berlin hinaus lief ja alles über die Post. Da ist das Internet traumhaft im Vergleich. Wichtigste Erfahrung, war: das Selbermachen und somit die Kontrolle zu behalten. Deshalb haben wir uns auch für eine kleine Berliner Druckerei entschieden und gegen eine Internet-Firma, jetzt beim ersten Buch. Vertreiben werde ich das Buch auch wieder selbst, übers Netz und hier in Berlin.

Auszug aus der Geschichte „Achte Reise zur Blechluft“:

Kierdorff war erschrocken über das Aussehen von Gierlich. Dieser war dick, geradezu aufgequollen, seine Haut gräulich, die Haare graugelblich. Zudem hustete er ständig.
„Du erkennst mich nicht“, sagte er zu seinem alten Freund Klaas.
„Nein. Woher sollte ich dich kennen?“
„Das war keine Frage. Ich weiß aber das wir uns kennen und das du dies vergessen hast.“
„Aha. Woher?“
„Du bist vor einem halben Jahr aus Rotterdam hierhin gereist. Das war 1784.“
„Ha, ha …“
„… du hast an dem Apparat den falschen Hebel betätigt und bist ohne Gedächtnis los und hast eine neue Identität erhalten …“
„… ha,ha … dann erklärt sich Einiges. Aber mal ernsthaft: Was ist das für ein Blödsinn? Wie soll das überhaupt funktionieren? Hätte nicht gedacht, dass du so ein Spinner bist.“
„Ich bin der größte Spinner den du jemals kennen wirst. Aber das ändert nichts daran, dass du Johannes Nikolaus Gierlich, Wundarzt und Professor für Kulturwissenschaften nur durch ein Versehen hier gestrandet bist.“
„Seit siebenundvierzig Jahren nun schon. Zu lange, aber das habe ich mir nicht ausgesucht.“
„Nun hol ich dich raus.“
„Und wie?“ Gierlich wollte dem Kerl nicht sagen, dass er für sich einen Weg aus der Stadt gefunden hatte. Er hielt den anderen für verrückt, aber vielleicht war er auch sehr gerissen. Was er zuvor mit den Polizisten gemacht hatte, war sehr verblüffend gewesen. „Hier kommt man aber nicht so schnell raus. Auch nicht, wenn man illegal ein paar Musikstücke auf städtischen Computern abspielt oder ein paar Liedtexte an die Wände schreibt. Das könnte sogar kontraproduktiv sein. Aber ich für meinen Teil weiß zumindest, dass ich in Gefahr bin. Die können hier jeden Moment aufkreuzen und uns mitnehmen. Du scheinst wohl gar nicht zu wissen was du machst, entweder stehst du unter Drogen, was ich gut verstehen könnte oder du bist dämlich und brandgefährlich. Ich hoffe du bist ersteres, dann sollten wir uns mal austauschen.“
Matthias Kierdorff kramte aus seiner Tasche ein Buch hervor und gab es Gierlich.
„Ist erst vor einem Jahr erschienen. Du bist der Autor. Hier: Johannes Nikolaus Gierlich, Professor für Kulturwissenschaften.“
Gierlich kam ins Grübeln. Sollte er wirklich nicht von hier sein. Er hatte oft seltsame Gedankenaussetzer, wirre Bilder umgarnten ihn dann, er hatte sich dran gewöhnt und tat sie als eine seiner Wesenszüge ab, als eine Art phantasiereiche Zipperlein. Seltsame Träume die spannend für ihn waren, die er aber nie verstand.
„Was war denn das für eine Aktion da eben mit den Polizisten?“
„Was hast du gesehen?“
„Wie du mit ihnen gesprochen hast und sie dann wie Roboter hellerleuchtet weggefahren sind.“
„Das Licht, Gierlich. Damit konnte ich sie überzeugen, doch besser wieder in die Stadt zu fahren. Dort spielen sie nun laut deine letzte Sendung durch ihren Dachlautsprecher. Das wird Wirkung zeigen. Das Licht ist ziemlich einflussreich und der Kraftstoff für unseren Apparat hier. Ohne das Licht läuft gar nichts. Die zwei Polizisten hat das Licht überzeugt, dass zu tun was ich möchte: Friedlich sein, in ihrem Wagen zurück in die Stadt fahren und die Audiodatei abspielen die auf ihrem Bordcomputer liegt. Und mich sollen sie bitte vergessen und zukünftig in Ruhe lassen.“
„Daran muss man aber erstmal glauben“, warf Gierlich ein. „Wenn ich die Sache nicht selber gesehen hätte, würde ich sagen, dass sei völliger Humbug. Kinderkram. Großkotziger Superheldenquatsch. Das heißt dir kann hier keiner was und du kannst einfach so weg von hier.“

 

Leseprobe Blechluft 1

„Blecheimer und Luftpumpe“ – Edition Blechluft 1

 

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Frieder Butzmann: Wie bin ich in die Fänge der „Neuen Welle“ geraten? Das kann ich ganz konkret erklären. Ich bin Anfang 1977 in die Kantstraße gezogen. Da wir ich mit dem Fahrrad unterwegs und transportierte einen Koffer mit alter Wäsche. Da war ein anderer Mensch noch unterwegs, auch mit alter Wäsche, auch auf dem Weg oder vom Waschsalon. Und das war der Burkhard Seiler, mit dem habe ich mich kurz unterhalten. Paar Tage später geht ich auf den Flohmarkt und wen treffe ich da? Burkhard Seiler, der spätere Zensor! Und der verkauft da Schallplatten. Ich mein ich hatte da gehört gehabt – da gab es schon die Sex Pistols und ein paar Sachen und dieser Burkhard Seiler der hat da ganz merkwürdige Schallplatten verkauft. Alles verrückte Schallplatten, von denen ich vorher noch nie gehört hatte, alles Singles, die habe ich dann alle gekauft. Irgendwie haben sich dieser Burkhard Seiler und ich gut verstanden und der hat auch gemerkt, daß ich mich für Musik interessiere und halt auch noch ein bißchen was anderes kenne als was sonst damals in der Hitparade war. Ich sag mal Stichwort Stockhausen, Cage und so. Verrückte Musik hat mich immer interessiert (lacht), mein ganzes Leben. Und an diesem Stand wo ich dann immer rum gestanden hab und immer zugehört hab, Schallplatten gekauft hab, da kam dann auch mal Gudrun Gut und Mark Eins vorbei und die ganze spätere DIN A Testbild- Riege. Ja und dann hat der Burkhard Seiler im damaligen „Punkhouse“, – das ist am Q-Damm – und später dann im SO 36 Schallplatten verkauft. Ja und so bin ich dann irgendwie rein geschlittert. (Auszug aus: Musik machen, Krach machen, Töne machen, Interview mit Frieder Butzmann)

Ulli Putsch: „Dann hörte ich mit 12 Jahren ‚Monstermovie‘ von Can, und so was ganz anderes wie John Mail and the Bluesbreakers. Ich fand den Rhythmus total toll und beschloss mir ein Schlagzeug zu bauen. Dies wurde aus Waschmitteltrommeln bewerkstelligt. Fortan ging ich meinen Eltern mit diesem Ding auf den Geist. Mit 14 hatte ich meinen Vater soweit, dass er bereit war mir ein Schlagzeug zu kaufen.“
[…] Bei ihrem nächsten Besuch in Düsseldorf wurden S.Y.P.H. zum ersten Punkfestival eingeladen, das im Craschhaus (ein Haus das 1915 erbaut wurde, Anfang der 1980 wegen dem U-Bahnbau abgerissen wurde, danach aber wieder unter Verwendung der alten Steine originalgetreu wieder errichtet wurde) stattfinden sollte. Nun brauchten Schwebel und Braatz weitere Musiker.
Und damit kommen wir zurück in die Schreinerei von Herrn Putsch, wo Ulli Putsch und Uwe Jahnke ins Gespräch über Musik gekommen waren.
Ulli Putsch: „Uwe Jahnke war es, der mich zu einer ersten Probe in die Bar von Thomas Schwebel – damals der zweite Gitarrist – mitnahm. Dort fand sozusagen die echte Geburt von S.Y.P.H. statt. Man sagte mir damals: ‚Du must nur schnell spielen, egal was.‘ Es war aufregend und was ganz anderes. Peter hatte ja schon viele Texte geschrieben und ein Auftritt stand auch schon an. Nun war die Zeit reif und wir mussten schnell einen Set zusammenbasteln. Vorlaufzeit war nur zwei Wochen.“
Als S.Y.P.H. dann als Band im Carschhaus auftauchten, waren die Düsseldorfer überrascht. S.Y.P.H. gab es tatsächlich und die Stücke „Zurück zum Beton“ und „Industrie-Mädchen“ wurden von da an zu Hits der Band. Weiterhin orientierte sich die Band in Richtung Düsseldorf.
Ulli Putsch: „Unsere Orientierung nach Düsseldorf hatte eigentlich mehr praktische Gründe. Hier waren Leute die unsere Musik mochten. Im Ratinger Hof war der Bär los und so traf man sich dort. Meißtens fuhren wir am Wochenende mit meinem großen alten Ford Transit gemeinsam nach Düsseldorf.“ (Auszug aus S.Y.P.H. – Eine Annäherung. Biografisches und Interview mit Ulli Putsch)

Auswahldiscografie/-biografie (A-G) mit deutschen Punk-, New Wave und einigen Old School-NDW-Bands

Vorgestellt werden: 08/15, 1. Futurologischer Congress, 20 Colors, 39 Clocks, The 1980s, A5, Abwärts, Aheads, Alexander von Borsig, Die Alliierten, Alu, Alvi & Alviettes, Aram und die Schaffner, Armutszeugnis, Aroma Plus, Artless, Die Ärzte, Asmodi Bizarr, Die Atlantikschwimmer, Aus Lauter Liebe, Die Autos, Aqua Velva, Bärchen und die Milchbubies, Belastungsprobe, Belfegore, Bergtraum, Beton Combo, Beatklub, Big Balls And The Great White Idiot, Bits, Bizarre Leidenschaft, Blässe, Bildstörung, Blitzkrieg, Blumenschein, Tabea/Butzmann, Frieder/Köster, Bettina/Gut, Gudrun, Blumen ohne Duft, Blut + Eisen, Bluttat, Boa, Phillip and The Vodoo Club, Boskops, Boss & Beusi, Brausepöter, Buschband, Buttocks, Butzmann & Sanja, Frieder Butzmann, Camp Sophisto, Canalterror, Carambolage, Carmen, Cassiber, Channel Rats/Rafgier, Chaos Z, Chim Chim Cheree, Chor der Gefangenen, Christiane F., Christiana, Clox, Code 7, Cretins, Croox, C.U.B.S., Cyan Revue, Daily Terror, Gabi Delgado, Deutsch Amerikanische Freundschaft, Deutscher Kaiser, Deutschland Terzett/O.R.A.V.S., Deutsche Trinker Jugend, Didaktische Einheit, Detlef Diederichsen, Dig It Al(l), Din A 4, DIN A Testbild, Disque-OMO, Die Dominas, Don Bartnik, Jürgen Dönges, Andreas Dorau, Die Doraus und die Marinas, Double Feature (Dörper/Zimmermann), Dortmund, Dr. Misch, Dunkelziffer, D.U.R., Der Durstige Mann, EA 80, Ede + die Zimmermänner, Einstürzende Neubauten, Exkurs, Fähnlein Fieselschweif, F.A.K., Falsche Fahnen, Der Favorit, Familie Hesselbach, Family 5, Fehlfarben, Feltmann trommelt, FKK Strandwixer, Der Fluch, Flucht nach Vorn, Flying Klassenfeind, Foyes des Arts, Fred Banana Combo, Freunde der Nacht, Freiwillige Selbstkontrolle, Front, Geile Tiere, Der Gegenschlag, Geisterfahrer, Die Gesunden, Gesundes Volksempfinden, Andy Giorbino, Giorbino/Eldorado, Heiner Goebbels & Alfred Harth, Die Goldenen Vampire, Max Goldt, Robert Görl, Peter Gordon/Thomas Fehlmann, Grauzone, Grober Unfug, Grosse Freiheit.

Platten und Plattenkritiken: Abwärts, EP, „Computerstaat“/“Japan“/“ Wir warten“/“Nach Haus“/“Moon of Alabama“, ZickZack ZZ 2, 1980
„Debüt Platte der beim Geräusche-Festival in Hamburg erstmals aufgetretenen Band, die manchen durch ihre monoton geprägte Gitarrenmusik an Wire bzw. Velvet Underground erinnern. Bemerkenswetestes Stück auf der EP: die Moon of Alabama`-Version.“ (Alfred Hilsberg, Rock Session 4, 1980)
Abwärts, LP, „Amok Koma“, ZickZack ZZ 10, 1980
„Diese LP besteht aus zwei äußerst unterschiedlich konzipierten und aufgenommenen Seiten. Das macht sie mir sympathisch aber auch problematisch: bewegt sich Seite 1 mehr in Richtung Avantgarde/ Techno-Wave, so dominieren auf Seite 2 eher Wildheit und Spontanität.[. . .] Vor allem ‚Türkenblues‘ ist der Helle Wahnsinn. Kein Entkommen! [ . . .] Nicht minder phantastisch ‚Unfall‘, ‚Mehr‘ und ‚Japan‘ (live beim Geräusche Festival), ebenfalls auf der zweiten Seite [. . .] Zurück zur Seite 1; den Pop-Songs (u.a. ‚Monday on my mind‘ und ‚Softly, Softly‘): wer auf DAF, PIL oder Silicon Teens abfahren kann, sollte die Kopfhörer schon mal bis zum Anschlag aufdrehen. Ich vermisse hier allerdings etwas den Spaß, den Spielwitz, den fetzigen Rock ’n‘ Roll von Seite 2.“ (Hollow Skai, Sounds 10/1980)
Abwärts, 7inch, „Roboter in der Nacht“/“Für Mutti“, ZickZack ZZ 28, 1981
„Erster Eindruck: ‚Roboter in der Nacht‘ ist gediegene Abwärts-Qualität. Die ‚Computerstaat‘ und ‚Maschinenland‘- Mentalität dürfte musikalisch-textlich wieder den Nerv der Zeit treffen, aber Themenwechsel wär‘ nicht schlecht. James Browns ‚Sex Maschine‘ stand entfernt Pate bei ‚Für Mutti‘.“ (Werner Jakobs, Sounds 3/1981)
Abwärts, LP, „Der Westen ist einsam“, Mercury/Phonogram, 1982
„Die ganze LP durchzieht, was die Melodien anbelangt, eine erschreckende Ideenarmut. […] Es gibt so gut wie gar keine Melodien. Dafür allerdings Trommeln satt […] Und zu allem Ãœberfluß hat man auch noch Frank Zs Stimme so weit in den Hintergrund gemixt, daß von den teilweise recht guten und engagierten Texten oft nicht die Bohne zu verstehen ist.“ (Jörg Gülden, Sounds 4/1982)
„Ich war zwar von Anfang an begeistert, aber viele meiner Freunde, und ich glaub auch der durchschnittliche ’neue-deutsche- Welle‘-Konsument werden es sehr schwer haben, mit dieser LP warm zu werden […] Macht man sich aber die Mühe, und hört intensiver auf das wuchtige, lockere Schlagzeug, den wummernden Bass, die Nebelschwaden der Keyboards und auf den wirklich erotischen Gesang von Frank Z. und besonders F.M. Einheit auf Deprimiert‘, dann wird man dafür belohnt […] Obwohl die Platte sehr kurz ist, sind hier zehn hervorragende Ideen auf einen bestimmten Punkt gebracht, wo ich nur noch feststellen kann, daß es besser nicht geht.“ (Harry Rag animiert durch Jörg Güldens Kritik im Vormonat, Sounds, 5/82)
Abwärts, 4-Track-Maxi, „Beirut Holiday Inn“/“Liz & Richard“ + 2 LP Titel, 1982
Abwärts, 7inch, „Olympia“/“Man of Poor Beginning“, Totenkopf, 1984
Bandbiografie: Abwärts wurde 1979 gegründet. Am 29.12.1979 spielten sie beim „Geräusche für die 80er“-Festival in der Hamburger Markthalle. Zur ersten Besetzung gehörten Frank S. (Gesang, Effekte), Frank Z. (Gitarre, Gesang, Kompositionen, Texte), Axel D. (Schlagzeug), Gibo (Bass) und Margitta (Gesang Geige). Aus dem Dortmunder Frank S. wurde F.M. Einheit, auch ‚Mufti‘ genannt (im Ruhrgebiet bei Berta and Friends, wo auch Reinhard Falk, später Gesundes Volksempfinden, war), Frank Z. (Ziegert) blieb Frank Z. (er war früher bei Big Muff), aus Axel D. wurde Axel Dill, Gibo war wohl jener Gisbert der mit Dill bei Blender war und Margitta war Margitta Haberland. In dieser Besetzung wurde dann auch die erste 7inch eingespielt, mit dem tollen „Computerstaat“. Das NO FUN-Label kündigte die Platte noch in ihrem ersten Label-Katalog an, erschien dann aber auf dem gerade gegründeten ZickZack-Label von Alfred Hilsberg. Auf dem Beiblatt zur ersten LP wird dann als Bassist der in Leeds geborene Mark Chung genannt, der zuvor bei der Buschband gewesen sein soll. Dill und Chung waren mit dem Fotograf Bodo Dretzke Der Favorit. Frank Z. produzierte 1982 die „Incubus Succubus“-Maxi von Xmal-Deutschland. F.M. Einheit ist zeitweilig der Schlagzeuger in der ersten Besetzung der Hamburger Palias Schaumburg. Zusammen mit Mark Chung war er dann auch bei den Berliner Einstürzenden Neubauten um Blixa Bargeld. Auf der zweiten LP spielte Margitta Haberland dann nicht mehr mit, sie hat die Band 1981 verlassen. Der zweiten LP folgte eine Maxi mit dem recht guten „Beirut Holiday Inn“. F.M. Einheit und Mark Chung spielten fortan nur noch bei den Einstürzenden Neubauten. Ãœbrig blieb das Duo Frank Z. und Axel Dill, die dann 1984 auf Totenkopf eine 7inch veröffentlichten. Nach einer kurzen Zusammenarbeit mit Nainz Watts von Psychic TV, trennen sich Frank Z. und Axel Dill. 1987 macht Frank Z. dann mit neuen Musiker als Abwärts weiter. Im Laufe der Jahre kamen dann noch ein paar Abwärts-Platten raus. F.M. Einheit spielte zeitweise auch wieder mit. 1989 war Frank Z. dann auch Mitglied in der letzten Besetzung von Xmal-Deutschland zusammen mit Wolfgang Ellenbrok und Anja Huwe und in den 90ern hat er dann auch noch eine Solo-CD herausgebracht. Mark Chung sah man als Geschäftsführer des Musikverlag „Freibank“ sowie „Play It Again/Deutschland“.
Literatur:

  • N.N., „Auf- und Abwärts“, In: Sounds, Hamburg, Nr. 5/1980 (Jahrgang 12), Seite 14
  • Diederichsen, Diedrich, „Amok auf dem Abtenteuerspielplatz – Abwärts“, In: Sounds, Hamburg, Nr. 2/1981 (Jahrgang 13), Seite 28 – 30
  • Burchardt, Alf, „Kampf um Rom“, Spex, Köln, Nr. 11/1983, (Jahrgang 4), Seite 9
  • Ljubojevic, Dragan, „Abwärts, weg vom Faktum vorbei an der Industrie“, Spex 10/1981, (Jahrgang 2), Seite 25
  • Geigenschrey, Thomthom, „Abwärts“, Zillo, Lübeck, Nr. 6/ 1990 (Jahrgang 1), Seite 14 – 17

Platten und Plattenkritiken: Deutsch amerikanische Freundschaft, LP, „Ein Produkt der Deutsch amerikanische Freundschaft „, Ata Tak Warning Records WR 001, 1979
„Eine Aneinanderreihung instrumental gespielter Kompsitionen, Improvisationen, Versatzelemente. Die sicher eher bescheidenen Produktionsverhältnisse wurden konsequent genutzt, die musikalischen Fähigkeiten und Interessen zum Ausdruck zu bringen [. . .] Die Band kann nicht vergessen machen, daß ihr spanischer Sänger die Gruppe damals verlassen hatte. Er prägte die Band, hat den technisch allzu ernsthaft bemühten Instrumentalparts erst den faszinierenden, sinnvollen Ausdruck mit seinen deutschen Texten gegeben. [. . .] So kann es bestenfalls dazu beitragen, eingefahrene Hörgewohnheiten manch (einzelnen) Rock- und Punk-Fans aufzureisen. Mehr als interessantes Kunstgewerbe ist das nicht.“ (Alfred Hilsberg, Sounds 10/1979)
Deutsch amerikanische Freundschaft, 7inch, „Kebabträume“/“ Gewalt“, Mute, 1980
„Auf Mute Records ist eine im Vergleich zur Mittagspause viel dynamerischere, lockere Version des Militürk-Songs erschienen. B-Seite: ‚Gewalt‘, ein bedrohlich-beklemmendes Stück.“ (Alfred Hilsberg, Sounds 3/1980)
Deutsch amerikanische Freundschaft, LP, „Die Kleinen und die Bösen“, Mute, 1980
„Die D.A.F. haben es geschafft, als erste der neuen deutschen Gruppen internationale Anerkennung zu finden und ein internationales Produkt zu machen. Zu den spanischen und deutschen Songs sind die Songtexte sogar dreisprachig abgedruckt. Die LP ist durchgehend entfernt von populär klingenden Songstrukturen, wie sie bei ‚Ich und die Wirklichkeit‘ noch vorherrschend waren. Bestimmt durch starke Rhythmuselemente und schwirrende Synthi-Klänge ist die Platte jedoch ungeheuer dynamisch geworden und kann getrost als Tanzplatte bezeichnet werden.“ (Alfred Hilsberg, Rock Session 4, 1980)
„Die A-Seite und das erste Stück der B-Seite wurden in den Kölner Plank-Studios mit Conny Plank als Toningenieur aufgenommen. Die B-Seite ist im übrigen ein Ausschnitt aus dem Konzert, das die D.A.F. als Vorgruppe von Wire im Electric Ballroom in London gaben.[. . .] Die Platte enthält kein easy listening, wie es D.A.F. noch mit den ‚Kebab-Träumen‘ angeboten haben. Wesentlich am ’neuen‘ Stil der Gruppe ist ein metallischer, härterer Klang [. . .] Drei Stücke der A-Seite sind mir besonders erinnerlich: ‚Co Co Pino‘ ist einfach ein unglaublich aufregendes Stück Rock-Musik. Roboterhafte, maschinenartige Sound-Strukturen in ‚Nachtarbeit‘. ‚Ich gebe dir ein Stück von mir‘ ist ein – vor allem durch das Zerstörerische des Synthis – unbeschreiblich häßliches Liebeslied. Während ich das ‚Gewalt‘-Intro auf der B-Seite im Vergleich zur Single-Fassung etwas überflüssig finde, ragen aus dem Live-Mitschnitt wieder drei Titel heraus: ‚Volkstanz‘ und ‚Die lustigen Stiefel‘ sind intensiv morbide Beschreibungen von Kultur-Zerfall. Und dann ‚Ich bin die fesche Lola‘: eine zeitgemäß aufbereitete, brüllende, üblen Nachgeschmack erzeugende Interpretation des Diedrich-Songs.“ (Alfred Hilsberg, Sounds 7/ 1980)
Deutsch amerikanische Freundschaft, 7inch, „Der Räuber und der Prinz“/“Tanz mit mir“, Mute, 1980
„Musikalisch (ist) eine eindeutige Tendenz zu besserer Konsumierbarkeit festzustellen, zieht man mal große Teile der KLEINEN- LP zum Vergleich heran. Während das kleine Lied ‚Der Räuber und der Prinz‘ einfach und durchsichtig gebaut ist [. . .], hat ‚Tanz mit mir‘ unglaublichen, energischen Schwung. [. . .] Wir sind damit eindeutig einen Schritt weiter, ‚Tanz mit mir‘ setzt Maßstäbe, mit denen gemessen werden wird.“ (Hans Keller, Sounds 1/81)
Deutsch amerikanische Freundschaft, LP, „Alles ist gut“, Virgin, 1981
„Wahrnehmbare, weil wirksame Einschnitte in der jungen Geschichte der neuen deutschen Musik gibt es bisher nur wenige: Die Mittagspause-Doppel-EP gehört dazu, die erste SYPH-LP, GERI REIG von der Plan und, noch nicht ganz abzusehen, Wirtschaftswunder und Palias Schaumburg. Und zweifellos DIE KLEINEN UND DIE BÖSEN, die zweite LP der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft. [. . .] Die neue DAF-LP dürfte das Wutgeschrei einiger selbsternannter Avantgardisten unüberhörbarmachen: Disco-Scheiße, Kommerz, Rückzug in die Innerlichkeit. ALLES IST GUT war einfach nicht zu erwarten. [. . .] Ein widersprüchliches, faszinierendes Album, das bisher eindeutig öffentlichste und kommerziellste Werk der DAF.“ (Alfred Hilsberg, Sounds 4/1981)
Deutsch amerikanische Freundschaft, 7inch/12inch, „Mussolini“/“Der Räunder und der Prinz“, Virgin, 1981
Deutsch amerikanische Freundschaft, LP, „Gold und Liebe“, Virgin, 1981
„Musikalisch knüpft DAF an das Rezept der Reduzierung an: Gesang von Gabi und Sequenzer und Schlagzeug von Robert Görl sind nach bekannten Mustern eingesetzt. Nur wenige Songs bleiben deshalb so hängen, wie bei ALLES IST GUT. ‚Sex unter Wasser‘ gehört zu den besten Stücken. Die Naßzellen-Odysee machte Beate Uhse zur Banalität. [. . .] Mir fehlt eine Hymne, so wie es ‚Alle gegen Alle‘ oder ‚Tanz den Mussolini‘ auf ALLES IST GUT waren. ‚Greif nach den Sternen‘ mit seinem New-Romantic-Touch vielleicht? Wenn‘ s schneller wäre. [. . .] GOLD UND LIEBE ist trotz aller Verfeinerungen, bei allem Bemühen um Melodien, die fast an Schlager gereichen, ein Stillstand. Ein Auskosten, eine Festigung des Erfolges. Den Überraschungseffekt, die Aura, den Unerreicht-Schein haben DAF verloren.“ (Alfred Hilsberg, Sounds 12/1981)
Deutsch amerikanische Freundschaft, LP, „Für immer“, Virgin, 1982
Deutsch amerikanische Freundschaft, 7inch/12inch, „Kebab-Träume“/“Ein bisschen Krieg, Virgin, 1982
Deutsch amerikanische Freundschaft, 12inch, „Absolute Body Control“, Ariola, 1985
Bandbiografie: Deutsch amerikanische Freundschaft, Michael Kemner, Kurt Dahlke und Wolfgang Spelsmann nannten sich 1978 YOU und lebten zu der Zeit im Bergischen Gevelsberg bei Wuppertal. Auf der Suche nach einem Schlagzeuger fanden sie Robert Görl. Der hatte sich in Düsseldorf auch schon mit Gabi Delgado-Lopez, der bisher in Düsseldorf bei Charlies Girls und Mittagspause aktiv war, Gedanken über eine Band gemacht. Zusammen mit Delgado nannte sich YOU dann später DAF. Die erste LP wurde dann allerdings nur von Kemner, Dahlke, Spelsmann und Görl – ohne Delgado aufgenommen. So in der Art wie die Musik auf der „Produkt“-LP könnte sich die Musik von YOU angehört haben. Wenig später steigt dann Delgado wieder als Sänger ein. Bei einem Auftritt von DAF in der Hamburger Markthalle ist der Engländer Robert Giddens, ein Schreiber des englischen ZigZag-Magazins, einer der Gäste. Giddens lebte schon zu der Zeit im norddeutschen Quakenbrück bei Osnabrück und arbeitete schon damals in der Fabrik für die er heute auch die Internetseite erstellt. Zusammen mit ihm siedelte DAF nach England auf der Suche nach einem englischen Plattenlabel. Giddens, der mal sagte, man würde ihm noch auf den Grabstein schreiben, er sei der Manager von DAF gewesen, hatte danach mit der Band nicht mehr viel zu tun. In Quakenbrück gründete er das kleine Label Outatune und seine Band Surplus Stock.
Statt Kurt Dahlke bediente nun Chrislo Haas bei DAF den Synthesizer. Bekannt ist der Auftritt zusammen mit Wire im Electric Ballroom in London, ein Teil der Aufnahmen befindet sich auf der zweiten LP. Als Label findet die Gruppe Daniel Millers Mute-Label, das zuerst die „Kepabträume“-7inch und dann die „Die kleinen und die Bösen“-LP heraus brachte. Die Aufnahmen finden ohne Kemner statt, der mittlerweile bei den Fehlfarben spielte. Danach steigt dann auch Spelmanns aus. Bei Auftritten stehen nun Görl und Delgado auf der Bühne, Tina Schneckenburger bediente auf der Bühne die Kassettenrecorder, da Görl nicht gleichzeitig die Synthesizer bedienen und Schlagzeug spielen konnte. Tina Schneckenburger war in Wuppertal bei der Band Die Rächer und hat mit den Delgado-Geschwistern in Wuppertal das „Stomp“-Fanzine gemacht. Später war sie neben Jürgen Engler und Bernward Malaka Mitglied bei Die Krupps. 1981 nahmen DAF ihre beiden erfolgreichsten LPs „Alles ist gut“ und „Gold und Liebe“ auf. Da die beiden eine gewisse „Inflation“ verspürten, beschlossen sie, daß „Für immer“ ihre letzte LP sein sollte. Bis 1985 gingen Görl und Delgado getrennte Wege. Dann kam zunächst die 12inch „Absolutely Body Control“ heraus und dann die LP „1st step to heaven“ (Ariola, 1986). Darauf befinden sich kleine Hits wie „Voulez Vous Coucher Avec Moi“ oder „Brothers“.
Literatur:

    • Hilsberg, Alfred, „Neue deutsche Welle – Aus grauer Städte Mauern“, In: Sounds, Hamburg, Nr. 10/1979 (Jahrgang 11), Seite 20 – 25
    • Hilsberg, Alfred, „Punk Emigration“, In: Sounds, Hamburg, Nr. 11/1979 (Jahrgang 11), Seite 7
    • Hilsberg, Alfred, „Aus grauer Städte Mauern (Teil 2) Dicke Titten und Avantgarde“, In: Sounds, Hamburg, Nr. 11/1979 (Jahrgang 11), Seite 22 – 27
    • Hilsberg, Alfred, „Wirklichkeit durch die Küchentür“, In: Sounds, Hamburg, Nr. 6/1980 (Jahrgang 12), Seite 14
    • Hilsberg, Alfred, „Der Räuber und der Prinz – Deutsch-amerikanische Freundschaft“, In: Sounds, Hamburg, Nr. 3/1981 (Jahrgang 13), Seite 28 – 31
    • Röckenhaus, Freddie, „DAF – Hautfarbe: Dezent“, Spex, Köln, Nr. 8/1985, (Jahrgang 6), Seite 27
    • Teipel, Jürgen, „Verschwende deine Jugend“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 2001 (verschiedene Stellen)

(Auszug aus „Auswahldiscografie: German New Wave und Punk Umfeld 1977 bis 1985, A – G“, hier „Abwärts“ und „Deutsch amerikanische Freundschaft“)

Leseprobe Blechluft 2

„Neue deutsche Erinnerungswelle“ – Edition Blechluft 2

 

BL2

1980 gab es in Bonn bereits eine Reihe neugewellter Bands. Gemeinsam entschloß man sich im Sommer ein Festival zu veranstalten. Veranstalter war der Verein „Alternative Rock in Bonn e.V.“ bei dem Stephan Werner Geschäftsführer war. Als Festivalnamen schlug Stiev „Wischi Waschi“ vor und als Veranstaltungsort konnte der Nam Nam-Club in Bonn-Godesberg (Friesdorf) genutzt werden. Der Nam Nam-Club war eigentlich ein Ort wo sich Rocker trafen. Beim ersten Wischi Waschi-Festival am 23. August 1980 spielten Splitter, V.B. Margin, G., Static Dancing, Cosh, Synthetico und Anlieger Frei.
Splitter, die aus dem Ort Selters im Westerwald kamen, spielten eigentlich zu viert, an diesem Tag waren allerdings nur Dieter Duck und Udo Pollatz angereist. Dieter Duck studierte in Bonn. Die Splitter-Aufnahmen, die Stiev an diesem Abend machte, erschienen später auf der Kassette „Bonner Rache“. Aus der Bad Godesberger Band Cosh bildete sich später die Punkband Canalterror. Synthetico war eine Band von einem Studentenpärchen und war superguter ElectroPop, leider sind keine Aufnahmen mehr verfügbar, meint Stiev. Wie Splitter kam die Band G. aus Selters. Aus dieser Band bildete sich später die Klopferbande um Peter Ortmann.
An diesem Abend war auch Clara Drechsler vom gerade gegründeten Kölner Musikmagazin Spex nach Bad Godesberg-Friesdorf gefahren und sah dort das Anlieger Frei „durch Operationsmasken getarnt waren“ und „ein Diana-Rigg-Film im Hintergrund einigermaßen zusammenhanglos“ lief (nachzulesen in der allerersten Spex-Ausgabe September 1980).
(Auszug aus „Ich war der Musikant mit Taschenrechner in der Hand“, Interview mit Stiev Colombier

Ich brachte die erste Ausgabe meines Fanzines Wellenreiter im Januar 1980 heraus, da war ich 15 Jahre alt und wohnte in Bad Godesberg, dem Bonner Diplomatenvorort. Den Namen „Der Wellenreiter“ habe ich aber nur für die ersten beiden Ausgaben benutzt. Im April hiess es dann schon „Datenverarbeitung“. Der Name ergab sich daraus, dass ich ein paar Monate vorher bei meinem Vater, der ein Wirschaftsprüfungs- und Steuerberatungsbüro in Bonn betrieb, einen Nachmittagsjob als Buchhaltungsassistent angefangen hatte. Die Tätigkeit bestand darin, Mandantendaten mittels einer Buchungsmaschine einzugeben. Zu dem Zeitpunkt kannte ich absolut niemanden aus der Bonner oder gar Kölner oder Düsseldorfer Szene. Die Geschehnisse in Düsseldorf etc. waren mir nur aus den Berichten in der Sounds bekannt, und ich hatte im Herbst 1979 angefangen, mir die entsprechenden Platten zu besorgen. Ãœber das Fanzine habe ich dann diverse Leute aus Bonn und Troisdorf kennen gelernt (u.a. Georgie D., später bei Pension Stammheim und Shunt), die dann ab der zweiten Ausgabe bei dem Heft mitmachten.
(Auszug aus „Datenverarbeitung und Normal-Imperium“, Bericht von Andreas Müller)

In den den 60er Jahren war Robert Gitarrist der Band Thunderbirds. Das war irgendwo im Raum Neuwied/Koblenz. Beatmusik war angesagt. Jahre später ist er dann im Film- und Fotobereich tätig, u.a. beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) in Köln. Robert spricht hier von einer Minikarriere beim Fernsehen als Kameraassistent. […]. 1974 machte er sich auf nach New York, hätte dort fast ein Studium an einer Musikschule begonnen. Rock ’n‘ Roll liegt aber auf der Straße und nicht im Konservatorium, ist seine Meinung. Los Angeles, Mexiko, Guatemala sind weitere Stationen. 1975 lauscht er der Reggaeband Burning Spear bei den Aufnahmen auf Jamaica zu „Do You Remember The Days Slavery“. Die auf Jamaica gehörte Musik empfahl er Freunden in Deutschland. „So kam es, dass wir Ende 1975 die Plattenverkäufer inmitten ihres Queen-/ABBA-Ramsches fast aus der Ruhe brachten, indem wir etwa nach Bob Marley fragten“, sagte der Bonner Thomas Reschke. Ãœber Virgin Islands, Puerto Rico, Dominikanische Republik, Haiti, Maimi, New Orleans, Nashville kam Robert 1975 (oder 1976) schließlich nach New York. In der Band Cold Fever spielte Robert Gitarre. Nachdem sich die Band aufgelöst hatte, war er Aushilfsgitarrist der Kultband Kongress. Einen dieser Auftritte im Club Max’s Kansas City besuchte der schon erwähnte Thomas Reschke Ende Juli 1976. Thomas Reschke war aus Bonn mit einem Mädchen angereist, das sich wenige Jahre später Stef Petticoat nannte. Sie machte von Robert Fotos im Max’s Kansas City. In einem 1981 veröffentlichten Artikel schrieb Thomas Reschke: „In seiner halb ausgeräumten Wohnung an der Ecke 108. Straße/Broadway auf der West Side spielt Robert mir Kassetten vor, die er von den Bands aufgenommen hat, die jetzt die Szene erobern: Television, Heartbreakers, Mink DeVille, Talkin[g] Heads, Pere Ubu sind die Namen der Stunde, die erste Ramones-LP ist gerade erschienen, Singles von Burning Spear liegen herum: mit ihm hat Robert auf Jamaica gejammt.“ Robert berichtet: „The Damned kommen aus London und nehmen CBGB’s auseinander. Es fliegen Hamburger mit Ketchup. […]

Im Studio von Conny Plank in Neunkirchen-Seelscheid lernte Robert Dave Stewart und Annie Lennox von den Eurythmics kennen. Die beiden hatten in Conny Planks Studio mit der Unterstützung von Holger Czukay, Robert Görl, Clem Burke, Jaki Liebezeit und Markus Stockhausen ihre erste LP „In The Garden“ aufgenommen. In Londons Norden hatten sie sich nun ein kleines 8-Spurstudio auf einem Speicher eingerichtet und nahmen dort die Demos für ihre nächste Platte auf.
„Dave sagte zu mir, – als er die Psychotic Tanks-Platte „Lets have a party“ hörte, die ihm sehr gut gefiel: „But Robert, how do you make a living?“ Er sei ein Businessman. Er denkt direkt drüber nach: wie kommt der Typ überhaupt über die Runden, mit seinen Undergroundsachen da? Da sage ich: „Dave, eine interessante Frage, ich habe bis jetzt noch keine Zeit, darüber nachzudenken, aber irgendwie klappt es immer.“ Ich hatte keinen Business- oder Karriereplan. Während er wirklich professioneller Popmusiker war.
Bei denen [Eurythmics] war alles auf Popmusik ausgerichtet, und es war eigentlich nicht mein Ding, aber Dave gab mir sofort Geld. Ich sage: „Toll“. Ich hatte da nicht drüber nachgedacht, dass ich Geld kriegen würde, ich war total naiv – finanziell. Dave Stewart war ein Visionär, er wußte, was er wollte. Und ich war eigentlich so ein Ideenmann, er hatte mich wahrscheinlich nicht wegen der Musik, sondern wegen Attitude gewählt. Ich hatte so ein paar schräge Sonnenbrillen, Annie hat die gleich übernommen. Dann hatte ich so einen Kamm, wie so ein switchknife, du drückst da drauf, da kommt da so eine Klinge raus, bzw. der Kamm raus. Ich sage: „Annie, du gehst vor die Kamera, dann machst du das Ding raus und dann kämst du dich einfach so.“ „Oh no Robert, that’s too agressive.“ […]
War das erste Album der Eurythmics weitgehend unbeachtet geblieben, kamen nun die großen Erfolge. Die Zeit der Musikvideos hatte längst begonnen, MTV sendete auch schon. Für „Sweet dreams“ wurde daher ein Videoclip gedreht. „Annie kommt rüber zu mir, sie sieht aus wie meine Mutter, sie sagt: „Ich geh jetzt zum Friseur.“ Als sie zurück kam, hatte sie ihren karottenfarbenen Kopf gehabt, wurde dann bei MTV mißverstanden als Dike – als Transvestit – die dachten: Können wir nicht spielen! Wir sind MTV wir können doch keine Transvestitenvideos hier laufen lassen. Heute machen sie einen auf: We are hip. Sie wurden erstmal nicht gespielt, das war schonmal gut. Dann wurde es gespielt, es wurde Nr. 1 in den USA: „Sweet dreams“. Und dann rief Dave an: „Wir haben erst 100 000 verkauft“, dann rief er an: „Wir haben jetzt 300 000 verkauft“, plötzlich gab es Gold, Platin. Gut, ich wurde dann Teilhaber an diesem ganzen Erfolg. Dann kamen die großen Schecks rein. Das Geld habe ich sofort wieder verpulvert, habe es wieder in meine Experimente reingesetzt. In Versuche mit anderen Bands.
(Auszug aus „Welcome to Crashworld“, Interview mit Robert Crash)

Auswahldiscografie / -biografie H bis M mit deutschen Punk-, New Wave und einigen Old School-NDW-Bands

Vorgestellt werden: Nina Hagen Band, Hans-a-Plast, Hass, Haushaltswaren, Die Haut, Die Helden, Hermann’s Orgie, Holger Hiller, Hinterberger’s Wut, Honkas, Die Hornissen, Die Ich’s, Ideal, Index Sign, Idiots, Die Ihmesspatzen, Im Namen des Volkes, Inzucht und Ordnung, IXTOC-1, JaJaJa, Jeanette und das Land Z, Jetzt, Jimmy Jenny und Jonny, Kaltwetterfront, Die Kapazität, Kastrierten Philosophen, Katastrophentheorie, Keine Ahnung, Kein Mensch, KFC, Holger Kielgas, Klischee, Piet Klocke, A.K. Klosowski/Pyrolator, Klystron, Knusperkeks, Korpurs Kristi, Die Kontainers, Kosmonautentraum, Kowalski, Kraftwerk, Kreuzer, Die Krupps, Der Künftige Musikant, La Loora, Leben und Arbeiten, Die Lemmige, The Lennons, Les Vampyrettes, Liaisons Dangereuses, Lost Gringos, Luzibär, Luxus, Malaria, Male, Mania D., Mannschreck, Marionetz, Materialschlacht, Mau Mau, Mekanik Destrükiw Komandöh, Nicolie Meyer, Mimmi’s, Minus Delta T, Mittagspause, Modern Entertainment, Der moderne Man, Moloko Plus, Mona Mur und die Mieter, Die Monotones, Mutterfunk, Mythen in Tüten

Platten und Plattenkritiken: Kosmonautentraum, 7inch, u.a. „Der Deutsche“, Eigen- label, 1981
Kosmonautentraum, 7inch, „Rache“ ZickZack ZZ 26, 1981
„Kosmonautentraum haben sich von der Mülleimer-Musik ihrer ersten Un-Platte völlig gelöst: „Rache“ brüllt Ziggy XY heraus, ihre Heimat ist offenbar gemeint. Dann wühlen die Kosmonauten in totem Fleisch herum und behaupten frech am Schluß: „Nur zum Spaß, nur zum Spiel“. Trotz hundertfach gehörter Synthis besser als alle Modernen Männer zusammen.“ (Werner Jakobs, Sounds, 3/1981)
Kosmonautentraum, 7inch, „Liebesmühn“, ZickZack ZZ 41, 1981
„…zeigt [. . .] weitere Fortschritte in Richtung eines zeitgemäßen Hardrock, was für Ziggys Stimme keine schlechter Hintergrund ist. Die experimentellere B-Seite gefällt mir weniger, und überhaupt ist „Rache“ nicht ganz erreicht.“ (Diedrich Diederichsen, Sounds, 1/1982)
„Kosmonautentraum geht auf „Liebesmühn“ mal wieder nach einer Minute die Luft aus, allerdings sind die drei unstrukturierten Stücke auch schon ein Jahr alt . . .“ (WK, Musik Express, 3/1982)
Kosmonautentraum, LP, ZickZack ZZ 100, 1982
„Die Masse will Pop, Kosmonautentraum das Gegenteil. Dabei ist ihnen Rhythmus nicht fern, ganz und gar nicht. Die Band ist übermäßig druckstark, die Trommeln knallen, Ziggy YX läßt den Kosmonautentraum tanzen. Gleich zu Anfang allerdings ein bißchen viel von DAF. Warum immer wieder dieses Virus? [. . .] Vor allem Ziggys Texte liegen außer Reichweite, meistens [ . . .] Kosmonautentraum machen es dir nicht leicht. Aber eine Band von Format kann Ansprüche stellen.“ (Peter Sanders, Musik Express, 5/1982)
Kosmonautentraum, 12inch, „Livorno 1956“, ZickZack ZZ 160, 1983
Kosmonautentraum, LP, „Tagediebe“, ZickZack ZZ 200, 1984
Kosmonautentraum, 12inch, „Angst ist mein König“, ZickZack ZZ 220, 1985

Bandbiografie: Michael Jarick aka Ziggy XY und Eckart Kurtz aka E.K.T. machten ein Fanzine mit dem Namen „Heute“. E.K.T. spielte mit einem Herrn Karl May bei The Worst. Zusammen mit Mattus Simons und Claudius Hempelmann bildeten Ziggy XY und E.K.T. die Band Der Moderne Man. Ziggy XY fungierte auf den ersten beiden Platten als Sänger, verließ dann die Band und gründete Kosmonautentraum. Ende April 1981 hatte die Band ihren ersten öffentlichen Auftritt in der Hamburger Markthalle. „Ziggy XY ist einfach kein besonders charismatischer Sänger. Ansonsten gab es eine Menge guter Einfälle, die allerdings stellenweise etwas willkürlich und planlos kamen. Technisch guter Musiker ist keiner bei Kosmonautentraum, kein Fehler, aber auch kein Grund sich dauernd ins wilde-aufs-Instrument-eindreschen-und-das-für-Intensität-halten zu flüchten.“ (Ewald Braunsteiner, Sounds, 6/1981). Mit zur Band gehörten Erhardt Süsskind, der einfach nur Süsskind genannt wurde und aus Rees am Niederhein kam und dort auch noch in einer Band spielte, E.K.T. (hier am Schlagzeug und nicht wie bei Der Moderne Man an der Gitarre) und Karl May. Die erste Platte des Kosmonautentraum „Der Deutsche“ wurde von der Band selbst verlegt. „Wir sind eine ironische Band – wir haben von Anfang an das gespielt, was wir nicht konnten. Unsere erste Single in Verbindung mit unserem Namen war ganz klar ein Antiprojekt.“ (Sounds, 2/1982) Für die folgenden Platten ging man zum ZickZack-Label. Kosmonautentraum gab ihren Titeln teilweise Nummern. So erschien auf dem ZickZack-Sampler „Lieber zuviel als zuwenig“ das Stück „Kosmonau- tentraum Nr. 10“. Die LP enthielt Stücke mit recht komplizierten Texten wie z.B. bei „Juri Gagarin“, nachdem manchmal auch diese erste LP genannt wird, da ein Foto von ihm das Cover ziert. „Tendierten seine früheren Texte noch zu Geschichten, so sind die neuen eher persönlich-assoziativ. Sie vermitteln keinen eindeutig identifizierbaren Sinnzusammenhang, sind aber, wie jeder Wortgebrauch, auch nicht frei von Sinn. Einzig in dem Stück „Juri Gagarin“ (welcher sowjetischer Erstlingskosmonaut war) wird auf jedes deutbare Verhältnis vom Sänger zum Wort verzichtet. Phantasielaute begleiten die Musik …“ (Christine Heise, Sounds, 2/1982). Auf dem „Ach Hannover“-Tapesampler von Spargel Tapes (Jörg Laubisch, Martin Fuchs) von 1982 sind ein Teil der Bandmitglieder auch beteilgt. So wird Erhardt Süsskind als Kontaktadresse der Band Die unsichtbare Hand genannt und Michael Jarick bei dem Duo Ziggy & Eno. Es folgte die Kosmonautentraum-Maxi „Livorno 1956“ und dann die zweite LP „Tagediebe“, die in farbiges Vinyl gepreßt und in einer Klarsichthülle verpackt war. Das Stück „Abschied“ erschien dann auch auf dem Zick-Zack-Sampler „Wunder gibt es immer wieder“. Mittlerweile waren Jochen Arbeit, Hopek Quirin und eine weitere Person von Die Ich’s zur Band gestoßen. Süsskind war in Bonn mit Lisardo Rivas als Facon Facon aktiv. Die letzte Platte des Kosmonautentraum, die bei ZickZack erschien war die „Angst ist mein König“-Maxi. Danach erschienen noch zwei Platten – „Magdalena“ und „Schöne Weihnachten“ – bei Ulan Bator. 1986 brachte Martin Fuchs, auf seinem All Roads Lead To Beatown-Kassettenlabel eine Kassette mit den den durchnumerierten Kosmonautenträumen und weiteren Stücken raus. Noch 1989 tauchte der Kosmonautentraum in der kompletten Liste „aller deutscher Bands“ in Spex auf. Dort wird in der Diskografie noch die LP „Prinz der Ghettos“ (Muster) genannt, dies könnten u.U. die nie von ZickZack veröffentlichen Aufnahmen sein, die es laut Gerüchten geben soll. Zusammen mit Marcus Oehlen (Ex-Mittagspause) brachte Ziggy XY die 12inch „Beer Is Enough“ bei What’s So Funny About heraus und dann gibt es noch eine 7inch der Hamburger Band Säurekeller an der Ziggy XY beteiligt war.

Literatur:

  • Braunsteiner, Ewald, „Berlin 1981“, In: Sounds, Hamburg, Nr. 6/1981 (Jahrgang 13), Seite 9/10
  • Heise, Christine, „Kosmonautentraum – Mit Trompeten in die Idylle“, In: Sounds, Hamburg, Nr. 2/1982 (Jahrgang 14), Seite 9

Leseprobe Blechluft 3

„Dies ist Hamburg und nicht Seattle, Dirk“ – Edition Blechluft 3

 

BL3

YAHAHIHI,YAHAHIHI. Der Auftrag der auf dem Blatt gestanden hatte, war eigentlich nicht schwer, aber auch nicht kinderleicht, denn das Problem war, dass ich zuwenig von der Materie verstand. Klar wußte ich gleich was er von mit wollte und war auch sofort gegeistert, aber er sprach Sachen an, von denen ich noch nie gehört hatte. Wer waren Hallelujah Ding Dong Happy Happy, Die Gants, We Smile und vor allem wer oder was nannte sich Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs? Und L’age D ‚or sagte mir eigentlich auch wenig. Klar, Hamburger Schule, Die Sterne, Tocotronic und vielleicht gehörten auch Blumfeld dazu. Das ließe sich sicherlich alles klären.[…]
Auf einer Seite des Indigo-Vertriebes wurde auf den Sampler „Geräusche für die 90er“ hingewiesen, mit „Religion Is No Joke“ von Hallelujah Ding Dong Happy Happy und „Hund“ von Kolossale Jugend. „Oh, verdammte Scheiße“, rief ich. Diese Platte hatte ich erst in der letzten Woche in einem Secondhand-Plattenladen gesehen, aber gelangweilt stehen gelassen.
Ich sprang direkt in die Jacke und fuhr mit der U-Bahn zu dem Laden. Natürlich hatte ich Angst, dass mir jemand zuvor gekommen war […]
Zuerst wollte ich aber diesen „Hamburg nicht Boston“-Sampler von 1989 anhören. Der beginnt mit dem Stück „Dwarfs 98“ von Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs. Nun, das ist Heavy Metal, Hardcore. „Gib mir mal ein Bier“, rief ich Volker zu. Das würde viel Arbeit geben. […] Das Stück von Carol v. Rs. Band Die-Gants ist dann lupenreiner Wave, den man nur in den 80ern machen durfte, damit man als Band nicht als Retro verschriehen ist. „Leading“ wäre in jeder Wave-Disco gern gespielt worden. […]
In einer 86er Ausgabe [der Spex] stand etwas über Cpt. Kirk & drin, die sich gerade von Cpt. Kirk & his incredible lovers zu Cpt. Kirk & umbenannt hatten und nun eine Platte („Stand rotes Marid“) bei Whats So funny about machen wollten. Im Februar wurde von einer Veranstaltung („Soul-All Nighter“) im KIR berichtet, die von „Hamburgs Nummer-Eins-Beat Band Die Antwort“, der Band von Bernd Begemann, veranstaltet wurde. Es spielten neben der Antwort: Venustropfen, Butterfly Collectors, Timo Blunck Band […]
Der Plattenkritik (9/94) von Christoph Gurk zur zweiten Blumfeld-LP „L’Etat Et Moi“ wurde ein Zitat von Dirk von Lotzow vorangestellt: „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein.“ ‚Dirk von Lotzow? Muß man den kennen?‘, haben sich vielleicht einige Spex-Leser gefragt. Erst in der Oktober Spex wurde die Tocotronic Single mit der genannten Zeile vorgestellt.
(Auszug aus „YAHAHIHI,YAHAHIHI“, eine Recherchegeschichte).

Außerdem werden in dem Artikel („Story im Stil eines Groschenheftkrimis“ D. Decker) erwähnt: Arthur Dent, Frank Spilker, Die Freie Garage, Die Goldenen Zitronen, Brosch, Die Regierung, Huah, Das Neue Brot, Bernadette Hangst, Mense Reets, Workshop, Sensorama, Les Robbespierres, Rocko Schamoni, Stella, Egoexpress, Die Allwissende Billardkugel, Guz, Mastino, Ascii.Disko, Superpunk, 1/2 Couch…

 

OLAF KRAEMER: Angefangen hat es 1978 in Göttingen. In einem Plattenladen namens Boots, benannt nach einer Sixties-Band aus Hannover, in dem Frank [Dieckmann], der auch aus Hannover kam, als Schallplattenverkäufer arbeitete. Der Laden hatte als einziger in der Stadt Importpressungen und Neuerscheinungen von unabhängigen Plattenlabels. Hinter diesen Platten verbarg sich die ganze Philosophie von frei fließender, unkontrollierbarer Subkultur. Sie waren in unseren Augen hochgradig subversiv und unberechenbar. Alle zwei Wochen kamen die verklebten Kisten mit jeweils ein oder drei Exemplaren merkwürdiger Sounds und Cover aus England und den USA, wie Wundertüten. Jede Platte darin ein neues Mem, dass sich in einigen Köpfen replizierte, die so genannten old farts oder hippies aber zum Glück verschonte. Ich war achtzehn oder neunzehn und hoch beglückt eine eigene Kultur mit eigener Sprechweise zu finden. Am Anfang gab es die Bezeichnungen Punk und New Wave noch nicht wirklich, die Musik war Genre übergreifend, fließende Ãœbergänge zwischen Hardcore und Kunst. Frank und ich waren besonders von den Residents und einer frühen Platte von Devo fasziniert, die Brian Eno produziert hatte. Dann Throbbing Gristle und in meinem Fall auch sehr die Clash und Sex Pistols.
(Auszug aus „Huckepack und zu Hunderten“).

 Auswahldiscographie: German New Wave und Punk Umfeld 1977 bis 1985, N – S

Vorgestellt werden: Nachdenkliche Wehrpflichtige, Name, Napalm, Neonbabies, Neues Deutschland, Neurotic Asseholes, Nichts, Niveau Null, No More, Organbank, Östro 430, P1/E, Pack, Padeluum und die Publicity Band O.N.M., Palias Schaumburg, Panzerknacker AG, Die Partei, The Petticoats, Petticoat/Crash, The Petticoats, P.D., Pension Stammheim, Permutative Distorsion, Phonophobia, Phosphor, Der Plan, Plaza Hotel, Populäre Mechanik, Prinz Polariod und der freie Westen, Die Profis, Propaganda, Pseiko Lüde & die Astros, Pseudo Elektronixx, Psychotic Tanks, Punkenstein, Pyrolator, Quick Culture, Die Radierer, R.A.F.Gier, Rainy Day Woman, Razors, Die Regierung, Reifenstahl, Residenz, Rex Dildo, Rexiw, Rotzkotz, Saal 2, The Salions, Scala 3, Schlaflose Nächte, Seen links/Schlösser rechts, Schön, Die Schönsten, Nina Schultz, Mattias Schuster, Schwarz Weiss, Sender X, Xao Seffcheque und die Post bzw. der Rest, Siluttes 61, Ski und der Rest, Slime, Soilent Grün, Splitter, Sportsmann, Sprung aus den Wolken, Stille Hoffnung, Strafe für Rebellion, Tommi Stumpff, Strassenjungs, Stunde X, Surplus Stock, Die Suurbiers, S.Y.P.H., System

 Platten und Plattenkritiken: Der Plan, 7inch, Selbstverlag, 1979 („Das Fleisch“, ART ATTACK 1979)
„Die Aufnahmen dieser Platte wurden in der Wohnung/im Studio von Art Attack, einer Ex-Wuppertaler Künstler-Jazz-Gruppe, sämtlich mit einem Kassettenrecorder gemacht. Die technischen Eigenschaften entsprechen allerdings dem musikalischen Inhalt: die Plan-Geräusch-Collagen gehen nicht in die Beine, sondern wollen/können alle möglichen Gefühle ansprechen und teils bedrohliche Assoziationen auslösen.“ (Alfred, Hilsberg, Rock Session 4, 1980)
„Hier benutzt der Plan noch teilweise gängige Strukturen; Schlagzeug und Gitarre sind auch noch dabei. Das Meiste ist wohl mehr oder minder improvisiert, aber Frank Fenstcrmacher erzählte mal, daß sie das immer so machen Höhepunkt ist wohl das Fleisch, wild und zerrissen.“ (Andreas Müller, Wellenreiter (Bonn), Nr. 2/1980)
Der Plan, LP, „Geri Reig“, Ata Tak WR 003, 1980
„Erffrischend eigenständige Collagc aus Avantgarde-Tönen und melodiösen Elektronik-Ohrwürmern. Einflüsse von Westcoast Gruppen wie Residents und englischer neuer Musik, aber auch deutscher Elektronik der 70er Jahre sind zu spüren, aber Konzept und Inhalt des Plan bleiben autonom und machen die Düsseldorfer Gruppe zu einer der wichtigsten Entdeckungcn hierzu Lande.“ (Altred Hilsberg, Rock Session 4,1980)
„Jetzt wird’s ernst: der Plan hat fertiggebracht, worauf nicht nur ich jahrelang gewartet habe: eine neue Volksmusik. Ein absolut gefährliches Nonsens-Produkt, der Start zum Weltaufstand, in dem der Rock ’n‘ Roll untergeht und GERI REIG entsteht Geri Reig = Volksmusik. Jeder kann so was machen, und die Platte müßte eigentlich vielen Leuten viel Mut machen. . . . Hört diese Platte macht selbst was!“ (Alfred Hilsberg, Sounds 3/1980)
Der Plan, 7inch, Seite 1: „Da vorne steht ne Ampel“ Seite / „Rot Grün Tot“, Ata Tak WR 005, 1980
Der Plan, 7inch, Seite 1: „Da vorne steht ne Ampel“ Seite 2J „Rot Grün Tot“, Teldcc 6.13.443,1982
„Die Hits des Monats kommen von der Elektronik- Front. . . Der Plan aus Düsseldorf mit ,Da vorne steht ne Ampel‘ . . . ist ein Teil des Gerireigischen Projekt der Düsseldorfer, die StVO zu ändern. Auch die Rückseite beschäftigt sich mit gewohntem Witz und Charme mit roten/grünen Ampeln.“ (Diedrich Diederichscn, Sounds 8/1980)
„Endlich ist die neue Singel von Deutschlands begabtester Pop Band da, beide Seiten sind tolle Ohrwürmer und die Texte sind auch toll. Wer nur Zeichen sieht ist tot, oh weie wahr.“ (Tesa Film [ Andreas Müller ], Datenverarbeitung, Nr.5/1 980)
Der Plan, 7inch, „Wir werden immer mehr“ / „8 1/2“, AtaTakWR011, 1981
Der Plan, LP, „Normalcttc Surprise“, Ata Tak WR 007, 1981
„15 neue Schlager aus Düsseldorfs Pop-Factory, 15 beschwinge kleine Single-Hits à la ,Da vorne. . .‘ . . . Diesmal wird zwar niemand schreien: ,Genial!‘; denn die fundamentale Ãœberraschung hat der Plan ja schon mit seiner ersten lP geliefert. . .
,Fr. Nicol‘, ein straightes, aber freches, jungshaftes Liebeslicd . . . ,Renate‘, eine Tragikomödie über Haushaltsunfälle; ,Ich geh zurück in die Atmosphäre‘, ein Song, für den es bereits vor seiner Veröftentlichung einen Fan-Club gab; ,Generäle essen Erdbeereis‘ – die schönste Melodie der Platte und ,Das Insekt‘ – der Song für die Tiefsinnigen.“ (Diedrich Diedcrichsen, Sounds 4/1981)
Der Plan, LP, „Die letzte Rache'“, Ata Tak WR 017 , 1983
Der Plan, 7inch/12inch‘?, „Gummi twist“ / „Space bob“, WEA, 1983
Der Plan, Do-7inch, „Golden Cheapos“ mit: „Glitzer – Gleiter“ / „Hey baby hop“ / „Europa – Hymne“ / „Lipizzaner – Eskapade“, Ata Tak WR 23,1984
„Der Plan schreibt neuerdings Hymnen – nahezu instru- mental, mit dem bekannten infantilen Charme und Leierkasten-Atmosphäre. Mit ,Hey Baby Hop‘ schielt man glattweg nach alternativer Dancecharts.“ (Frank Lähnemann, Spex 1/1985)
Der Plan, LP, „Fette Jahre“, Ata Tak WR 34, 1985
Bandbiografie: Mortiz R [Rrrr wie Reichelt] und Frank Fenstermacher betrieben in Wuppertal die kleine Galerie Art Attack und machtcn zuerst als Karmann Ghias und kurz später als Weltaufstandsplan Musik. Kurt Dahlke gehörte zur Gruppe YOU die in Gevelsberg wohnte und sich später in Deutsch-Amerikanische-Freundschaft umbenannte. Zusammen mit Chrislo Haas und Robert Görl von YOU machten R und Fenstermacher einige Aufnahmen mit Fenstermachers Diktiergerät im Keller von Mittagspause Gitarrist Franz Bielmeier. An eine Veröffentlichung wurde zunächst nicht gedacht. Weltaufstandsplan hatte wenig später in Hamburg einen Auftritt in der Markthalle. „Als erstes tritt der Weltaufstandsplan in kraft (oder besser gesagt in krampt) das warn zwei leute: stimme /synthesizer und gitarre/ synthesizer. einer war der mann von art attack… wer davon schön gehört hat, weiß, was von der bühne kam: keine musik! ! ! geräusche, lärm, texte: abstrakte gedicht aufsagen: kurz – der gegensatz von rock’n’roll, totale mittelstandskultur, oder anders: nich mein Fall …“, konnte man im Hamburger Fanzine „Preiserhöhung“ (zitiert in Sounds 10/1979) über den Auftritt lesen. Zusammen mit dem Bassisten Kai Horn absolvierte Weltaufstandsplan einen Auftritt in Neuss und einen in Gelsenkirchen. Mittlerweile hatte sich die Deutsch Amerikanische Freundschaft (DAF) mit Görl, Haas. Dahlke, Michael Kemner, Wolfgang Spelmans und Gabi Delgado-Lopez gebildet. DAF nahm ohne Gabi Delgado-Lopez eine LP auf, die Dahlke als erste Platte auf seinem Label Warning Records veröffentlicht. DAF siedelte dann mit Gabi Delgado-Lopez, aber ohne Kurt Dahlke nach England. „Damals hab ich allein in Wuppertal gewohnt, neben ’ner Fabrik. Wenn die dann um 7 Uhr morgens anfingen mit den Maschinen … da hat sich also dann bei mir ’ne Agression gegen Maschinen aufgebaut. Ich hab meine Agressionen dann aber handfest umgesetzt, indem ich mich an den Synthesizer rangesetzt hab. […] Moritz wohnte damals zusammen mit Frank in Wuppertal in der Galerie … Weltautfstandsplan und so. Da hab ich die eben auch kennengerlernt in der Galerie“, erinnerte sich Kurt Dahlke 1981 (Rock Ses- sion 5). Weltautfstandsplan nannte sich nun Der Plan und veröffentliche die Aufnahmen die in Bielmeiers Keller entstanden waren 1979 auf einer Single. Dahlke schloß sich dem Plan an und veröffentlichte als Pyrolator seine erste LP „Inland“. Die erste LP von Der Plan nannte die Band „Geri Reig“ (1980). Die Idee hinter dem Titel war Moritz R währcnd eines USA Auf- enthalts gekommen. „Geri Reig bedeutet, daß man mit eigenen Mitteln was schafft. Die Idee ist das Zündende, keine gigantischen Studios. Jeder kann was machen. Es gibt den amerikanischen Begriff to jerri reig, d.h. praktisch etwas improvisieren. Du willst ’n Auspuff repa- rieren, hast aber keinen neuen Auspuff, sondern flickst da so’n Schlauch rein. Da würd man vielleicht sagen to jerri reig“, erläuterte Moritz R (Rock Session 5,1981). Der Plan trat bei Festivals auf, z.B. in Berlin bei „Belehrung und Unterhaltung“ (mit S. Y.P.H., DAF, Fehlfarben, P.D., Mania D.) oder beim zweiten „Shvantz!“ in Zürich. Frank Fenstermacher gehörte 1980 mit zur Düsseldorfer Band Die Fehlfarben, Dahlke wirkte mit seinem Synthesizer beim Fehlfarben-Stück „Paul ist tot“. Oft wurden Der Plan die deutschen Residents genannt. „Die Residents sind immer noch die Besten. Was die kreativmäßig geleistet haben, ist ungeheuerlich. Davon sind wir zwangsläufig beeinflußt worden. Das ist jetzt vorbei. Auf unserer ersten Platte war das noch zu merken. Fan bin ich immer noch, sogar mit Mitgliedsnummer“, sagte Moritz Rrr 1981 gegenüber Alfred Hilsberg von der Sounds. „Moritz war ein großer Fan von den Residents. Ich habe damals mit ihm zusammen den Leiter des Residents-Fanclubs besucht, und er hat dann sogar mal die Residents getroffen. Ich glaube, was uns am meisten beeinflußt hat, war die Tatsache, dass die Residents eine Art eigene Welt kreiert haben, eine eigene musikalische Sprache. Das haben wir auch versucht, ohne die Residents kopiercn zu wollen“, meinte Kurt Dahlke im Antwortschreiben an Blechluft in 2002. Ebenfalls 1980 veröffentlichten die drei die Single „Da vorne steht ne Ampel“, die zunächst auf dem bandeigenen Ata Tak-Label und später bei Teldec veröffentlicht wurde. 1981 erschien die zweite LP „Normalette Surprise“. Nun begann das Ata Tak-Label nicht nur Tonträger mit eigenen Projekten zu veröffentlichen, sondern förderie auch andere Bands. Bereits im Herbst 1980 hatte man die ersten Singles von Holger Hiller und Wirtschaftswunder veröffentlicht 1981 folgten Andreas Dorau mit der Single „Fred vom Jupiter“ und der LP „Blumen und Narzissen“, zwei Klassiker der NDW. 1983 veröffentlichte Der Plan die LP „Die letzte Rache“ als Soundtrack zu Rainer Kirbergs gleichnamigen Film. Die Single „Gummi Twist“ erschien 1984 bei der WEA und wurde ein kleiner Hit. Noch im gleich Jahr erschien wieder bei Ata Tak die Doppelsingle „Golden Cheapos“ und im Jahr darauf die LP „Fette Jahre“. Es handelte sich um „eine Jubiläumsplatte mit den größten ‚Hits‘ aus fünf Jahren Plan, die jedoch gemixt oder sogar in ganz neuen Versionen vorliegen“ (Moritz R, 1993). Während andere Bands der Bewegung längst aufgegeben hatten, arbeitete Der Plan und das Ata Tak- Label weiter. „Zu diesem Zeitpunkt war die ,Neue Deutsche Welle‘ ganz und gar vorbei, und man konnte Bilanz ziehen. Andere NDW-Gruppen hatten hundertmal soviele Platten verkauft wie wir …“, schrieb Moritz R in seinem Buch „Der Plan – Glanz und Elend der Neuen Deutschen Welle“ (1993). Der Plan veröffentlichte bis 1992 weitere Tonträger und löste sich dann auf. Fenstermacher und Dahlke machten Ata Tak weiter. Fenstermacher war am Comeback der Fehlfarben Anfang der 90er Jahre beteiligt Dahlke war als Produzent tätig. Gemeinsam machten sie später das Projekt A Certain Frank. 2002 waren sie an einem erneuten, diesmal wirklich erfolgreichen Comeback von Die Fehlfarben beteiligt.

Platten und Plattenkritiken: Schlaflose Nächte, 7inch, “ Flüstern / Move „, Armageddon AS019,1981
Schlaflose Nächte, 12inch, „Drum Dance and Song“ / „Dub“ / „Mental“, Red Flame RF 1207, 1982
Schlaflose Nächte; LP, „The Angel will not come“, Kremlin Product kr010, 1983
Bandbiografie: Schlaflose Nächte
„Mit meiner Band Schlaflose Nächte sollte ich zur Platzbesetzung in Gorleben spielen. Wir suchten noch eine zweite Band. Da schon wir – damals noch, ich gebe es schamvoll zu – eine Hippie-Combo waren, sollte es ein Kontrast-Programm werden. Also machte ich mich frohen Mutes auf zum damals angesagten Zensor. Der verwies mich an einen ebenfalls in Berlin-Schöneberg gelegenen fein wavigen Laden namens Eisengrau. Dort solle ich nach einem gewissen Blixa Bargeld fragen“, schrieb ein ehemaliges Mitglied der Schlaflosen Nächte anonym in einem Forum im Internet. Der gemeinsame Auftritt mit den Einstürzenden Neubauten kam nicht zustande, aber fortan kannten sich die Leute, machten gemeinsame Sachen. Von den Neubauten waren F.M. Einheit, Alex v. Borsig und auch Blixa Bargeld zeitweise mit an der Hand beteiligt. Ansonsten waren es Peter Prima (Schlagzeug), Gila Mousseau ([oder Mousson] Bass, Percussion, Gesang), Bernie Von Braun (Bass, Gitarre, Percussion, Synthesiser) und Nikko. „Schlaflose Nächte war eine Berliner-Amsterdamer Band. 1983-84 lebten und arbeiteten wir fast ausschließlich in A[mster]dam. Peter, der Drummer, hatte seine Wohnung und unseren Ãœbungsraum mitten im Redlight-Bezirk, was manchmal zu kuriosen Szenen führte. Wir hielten uns mit solchen Jobs wie nachts Autos für’s Verkehrsamt zählen über Wasser. Ansonsten machten wir Musik, Musik, Musik. Wir wollten endlich Geld mit unserer Musik verdienen, Trash-Pop, eine Mischung aus dem Industrie-Trash-Sound von Berlin und kommerzieller Popmusik. Zu einem Plattenvertrag ist es nicht gekommen, aber dafür sind wir durch halb Europa getourt“, schrieb ein weiteres Bandmitglied im Internet. Die „Musik war geprägt vom Industriesound, Experimentierfreude und der Lust, aus allen nur erdenklichen Materialien Töne zu erzeugen. B. von Braun war der Godfather of Drum’n Bass, zu einer Zeit als noch keiner wußte, was das ist“ (Zitat).

Leseprobe Blechluft 4

„Kassette sich wer kann“ – Edition Blechluft 4

BL4

[…] Interessant ist, dass Franz Bielmeier bereits in der allerersten Ausgabe seines Fanzines The Ostrich im Frühjahr 1977 Kassetten von seiner Band Charley’s Girls anbot. Abgesehen davon, dass die Band eigentlich wohl noch gar nicht richtig existierte, und ohne Franz Bielmeier hier als einen Pionier der Kassettentäter hochjubeln zu wollen, lässt sich daran erkennen, dass die Kassette schon zu der Zeit als ein mögliches Veröffentlichungsmedium für kleine Auflagen angesehen wurde.

[…] Erstes bundesweit zugänglichs Medium in dem Kassetten erwähnt wurden, war die Rubrik „Neuestes Deutschland“ (ND) in der Zeitschrift Sounds, die ab Januar 1980 (Ausgabe Februar 1980) von Alfred Hilsberg geschrieben wurde. Fortan war ND eine wichtige Plattform für alle noch unbekannten Bands im Umfeld der Neuen Welle. („Der Anstoß, Kassetten zu produzieren, kam durchs Sounds,. Die hatten eine Seite wo Kassetten vorgestellt wurden. Die war reichlich bekannt und auch das Medium, über das man sich kennen gelernt hat“, erinnerte sich Armin Hofmann. „Eine große Rolle hat dabei Alfred Hilsberg im Sounds, gespielt – der hatte 1980/81 in jeder Ausgabe eine kleine Rubrik mit Kassettenkritken, und das war natürlich die billigste Möglichkeit, bundesweit bekannt zu werden, wenn man da eine Kassette besprochen bekam.“, meinte Wolfgang Arnold). Auf einer Heftseite wurden Neuigkeiten, Adressen und Gerüchte aus der westdeutschen Punk- und New Wave-Szene verkündet.

Im ND erwähnte Hilsberg auch die ersten Kassetten von Deutschdenck (Pure Freude-Label) aus Düsseldorf und Frieder Butzmann (Eisengrau-Label) aus Berlin. …

In den 70er Jahren gab es in Berlin das Kassettenlabel Stechapfel. Bei Stechapfel kamen allerdings meistens politische Kassetten raus […] Schließlich gab es bereits im Ausland unabhängige Label die zeigten, dass man auch nur auf Kassette veröffentlichen konnte (z.B. gründete Philip Sanderson 1978 Snatch Tapes in England und Neil Cooper das bekannte Roir-Label 1979 in den USA).
(Auszug aus „Einleitung: Kassette sich wer kann – Eine Reise durch die Kulturlandschaft der Kassettentäter“)

Wie bist Du darauf gekommen Kassetten zu produzieren?
Walter Truck: Das mit den Tapes habe ich so 79/80 begonnen. Damals ging es darum seine Musik zu veröffentlichen, weil es Freude machte. Weil man ein Rockstar sein wollte: wenn drei Gitarren.Griffe zum Idol reichen sollten, warum dann nicht ein Tape? […]
Graf Haufen: Das muss so Ende 1980 gewesen sein. Die ersten Tapes, die ich bekommen habe, waren von Walter Truck „Alptruck“, herausgegeben. … Nach dem ich die ersten Tapes hatte, wuchs schnell der Wunsch, der Szene etwas beizusteuern/zurückzugeben. Dann wurden die Graf Haufen Tapes geboren. […]
Joachim Reinbold: Ende der 70er gab es einen „zweiten“ Anlauf, als ich eine Revox-Bandmaschine und später dann eine TEAC 4-Spur kaufte. Ãœber diverse Fanzines und Mund-zu-Mund-Propaganda geriet ich dann an den legendären Graf Haufen, der sich auch „meiner annahm“ und einige Kassetten vertreiben konnte, obwohl meine eher poppige Musikrichtung mit JAR bei ihm eher deplaziert war. Somit kam ich auf die Idee selbst einen Kassettenvertrieb zu gründen, ich glaube 1980 oder 81?

Kassettenproduktion
Iko Schütte: Ich habe sämtliche Kassetten 1:1 selbst kopiert! Eine Heidenarbeit, die Bestseller Mottek und Notausgang haben jeweils eine Auflage von ca. 250 gehabt […]
Matthias Nama: Die Kassetten wurden mit einem Kassettenkopiergerät vervielfältigt, Masterkassette rein und dann konnte man mit doppelter Geschwindigkeit die Tracks auf die Finalgeneration überspielen. Qualitätseinbußen musste man allerdings hinnehmen. […]
Ulrich Bogislav: Ach Kopierwerk, viel zu teuer für so kleine Auflagen. Immer zu Haus gesessen und tapfer Band für Band mit einem Doppelrekorder von Iko. Bier getrunken und immer wieder die gleichen Stellen der eigenen Musik gut gefunden. […]
Molto Menz: Als Nichttechniker habe ich nie selbst kopiert, allenfalls C-10. […]
Harald Sack Ziegler: Kopiert habe ich sie Anfangs selber und später dann 1:1 kopieren lassen. Jedoch habe ich mir fast immer die Mühe gemacht jede einzelne Kopie vor dem Versenden zu prüfen.[…]

Kassettenvertrieb
Frank Fremd: Vertrieb ging lokal im Buchladen, Molto [Menz] hatte auch von jedem Tape ein paar abgenommen. Das allermeiste ging jedoch per Post an Private, die ich per Fanzine kennen gelernt hatte. Ich hatte damals sehr regen Briefverkehr mit zig Leuten und Bands, und so wurde halt viel getauscht. […]
Sea Wanton: Entweder wurden die Produkte dann direkt an Interessenten verschickt oder den entstandenen Kassetten-Vertrieben wie Du Bist So Gut Zu Mir (Molto Menz in München) oder Graf Haufen Tapes (Berlin), der Scheißladen (Berlin) … zugeleitet (als „Kommissionsware“). Daneben gab es auch Tauschgeschäfte mit Labels wie Cassettencombinat und Datenverarbeitung. […]
Molto Menz: Der Vertrieb, das Verbinden, das Verteilen lag mir mehr am Herzen. Musik gemacht haben ja alle […]

Kassettengestaltung
Udalrich Wamsiedler: Die ersten Cover waren noch handgemalt. Das waren noch die Zeiten bevor wir das mit dem Fotokopieren für uns entdeckt hatten. Die Kopien waren so schlecht, wenn du etwas flächiges hattest, kam das gar nicht richtig raus.
Andreas Wind: Wobei bei der „Kontraktion“ habe ich die Rückseite mit der Schreibmaschine geschrieben. […] Ich habe mit einem Lineal Linien gezeichnet, damit ich wusste wo der Zeilenumbruch verläuft.
(Auszüge aus den Interviews)

Leseprobe Blechluft 5

„NDW-Archäologie“ – Edition Blechluft 5

 

BL5

Als 16jähriger traf Mark Pfurtscheller 1975 in der Schulchorband des Diezer Gymnasiums den gleichaltrigen Tom Dokoupil, der während des „Prager Frühlings“ 1968 mit seinen Eltern aus der Tschechoslowakei nach Deutschland geflohen war. Zusammen mit dem Bassisten der Schulchorband, Stefan Muskat, wollten sie eine Band gründen. Auf der Suche nach einem Schlagzeuger fanden sie Jürgen Beuth, der zwar lieber Gitarre spielen wollte, aber schließlich doch überredet werden konnte hinter dem Schlagzeug platz zunehmen. Als Bandnamen einigten sich die vier auf Crypton. „Musikalisch lag das so zwischen Doors, Zappa, den frühen Genesis und Jazzrock mit theatralischen Elementen“, beschrieb Mark Pfurtscheller später die ersten Einflüsse von Crypton „So eine richtige Schülerband: Nicht Fisch, nicht Fleisch. Aber für uns eine gute Erfahrung, um ein wenig Routine zu bekommen und im Raum Limburg aufzutreten.“ Tom Dokoupils Eltern kauften ihrem Sohn ein kleines 4-Spur-Studio, das im Haus der Eltern aufgebaut wurde. Dort wurden dann später die ersten Demos und auch die ersten Plattenaufnahmen gemacht. Neue musikalische Ideen erhielt die Band durch Tom Dokoupils älteren Bruder Jiri Georg, der zu dieser Zeit Kunst studierte. 1978 war Jiri Georg Dokoupil längere Zeit in New York gewesen. Als er zurück kam, erzählte er „von der ’neuen‘ Musik und Kunst, von neuen Konzepten und Ideen“, erinnerte sich Pfurtscheller. Die Musiker von Crypton ließen sich von diesen neuen Ideen aus New York anstecken. „Wir alle spürten, dass ein Wechsel kommen mußte. Die alte Musik dudelte nur noch nichtssagend vor sich hin. Ich hatte das Gefühl die Entstehung einer neuen Zeit mitzuerleben, und wollte unbedingt dabeisein, wenn es passiert.“ Gierig sogen sie alles auf was sie über die neue Musik in Erfahrung bringen konnten und was ihnen zu Gehör kam. Sie schnitten sich die Haare ab, kauften sich Secondhandanzüge und reduzierten ihre Musik auf das Wesentliche. Da der Name Crypton nicht mehr zu der neuen Musik paßte, suchten sie nach einem neuen Namen. Als Favoriten blieben Die Bauknechts und Wirtschaftswunder übrig, man entschied sich für den letzteren Namen. In der ersten Besetzung von Wirtschaftwunder hatte die Band drei Sänger: Tom Dokoupil, Mark Pfurtscheller und Stefan Muskat. In dieser Konstallation bestritt die Band auch einen Auftritt im Limburger Club de Jeunesse, den C.B. später als einen spießigen christlichen Jugendclub bezeichnete, wo „Abiturienten mit VW-Golf, den die Eltern zum 18. spendiert hatten“, Genesis und Pink Floyd hörten. Wirtschaftswunder wollte nicht mehr nur die alte Musik kopieren, sondern etwas neues schaffen. „Wir haben einfach angefangen zu experimentieren, zwei, drei Monate lang, keine richtigen Stücke mehr gespielt, alle Proben auf Band aufgenommen, abgehört, verbessert usw. …
(Auszug aus „Die Limburger Pest – Neue Popmusik in Limburg/Lahn, 1975 bis 1985“) Mit eigene Interviews: Klaus Gasteier (u.a. Blumen ohne Duft), C.B. (Die Radierer, Blumen ohne Duft, Korpus Krist), Mark Pfurtscheller (The Wirtschaftswunder), Reinhard Langschied (Gast-Musiker bei Schulsport), Andreas Müller (Fanzinemacher in Bonn), Richard Gleim (Fotograf und Gast-Musiker bei Schulsport). 36 Seiten.

Um 1984 von den Fehlfarben noch etwas zu hören, mußte man schon ein Insider sein und das Geschehen in der deutschen Musiklandschaft gut beobachten. Für die Öffentlichkeit waren sie schon langer verschwunden. Die Band selber war in der ersten Hälfte 1984 kaum aktiv. Im Herbst 1984 kam dann Spex-Autor Dirk Scheuring nochmal zu den Fehlfarben, die wollten es nochmal wissen. „Die Band fühlte sich von ihrer Plattenfirma EMI zu wenig unterstützt und wollte den Vertrag kündigen; die EMI verlangte zwei noch ausstehende Platten oder aber eine ‚Overwrite‘-Vereinbarung, eine Art Ablösesumme, im Falle eines Firmenwechsels. Die Forderung war so enorm, daß die Band nicht akzeptieren konnte, aber eben auch keinen anderen Vertrag unterschreiben konnte; erst vor kurzem wurde eine Einigung erzielt und der Vertrag gelöst. Mit möglichen neuen Partnern verhandeln die Fehlfarben zur Zeit noch; das Material für eine neue LP ist allerdings schon fast fertig produziert. Um sich nach langer Pause wieder ins öffentliche Bewußtsein zurückzubringen, geht die Gruppe im November auf eine ausgedehnte Deutschland-Tournee“, schrieb Dirk Scheuring zur Intervieweinleitung in der Spex. Die Fehlfarben hatten für den November eine Tour mit 20 Auftritten geplant. „Wir wollen mit der Tour erst mal wieder reinkommen in das Spielen der Gruppe, nach einem dreiviertel Jahr Pause, Anwalt, EMI und Ärger“, meinte Thomas Schwebel. Musikalisch knüpfte die Band an „Glut und Asche“ an. „Vom Arrangement her sind die Sachen allerdings einfacher geworden; auf der letzten LP war vieles zu voll und es gab, muß man sagen, auch zu viele unnötige Spielereien.“ Popmusik mit deutschen Texten gab es in dieses Jahren eigentlich gar nicht, wenn dann von Herbert Grönemeyer oder Marius Müller- Westernhagen. Die Toten Hosen und die Ärzte waren einige der wenigen Bands die noch erfolgreich deutschsprachig weitermachten. Die Fehlfarben, die ein völlig anderes Publikum ansprechen wollten, als die beiden letztgenannten Bands, wollten nun auch für ihren Erfolg kämpfen. „Ich will, daß die Fehlfarben endlich die Anerkennung kriegen, die sie verdienen – als eine wichtige Band, als ein seltenes Exemplar“, war die Aussage von Schwebel. „Willst Du das die Fehlfarben die erfolgreichste Popband Deutschland werden?“, fragte Dirk Scheuring. „Ich will es, ja und ich werde es auch versuchen. Aber der Weg dahin ist lang, denn in Deutschland geht das nur über Touren; ich bin nicht so vermessen zu glauben, daß das in den nächsten Monaten zu erreichen ist. Ich will jetzt erst mal versuchen, mit dieser Tour in eine Position zu kommen, wie wir sie vor und bei ‚Glut und Asche‘ hatten, und dann weitersehen.“
(Auszug aus „Die Fehlfarben“) 48 Seiten.

 Nun begann ich mit der Recherche. Im Internet fand ich über Sunny gar nichts, auch über „Logemann“ kam ich nicht weiter. Es kommt nun auch kein Satz wie: „Es ergab sich eine plötzliche Wendung, als sich X bei mir meldete.“ Nichts dergleichen. Keine Spur von Sunny – nur diese drei Singles. Auf den Platten steht allerdings noch von wem die Platten hergestellt worden sind: Jacobs & Wehrhahn, Postfach, 5 Köln 30. Die erste Single ist auf dem Label „Sound- Record“, einem Unterlabel von „New Blood“, erschienen. New Blood wurde von Helmut Jacobs (der bereits 1977 verstarb) und Manfred Wehrhahn 1972 gegründet. Man begann mit Schallplatteneinzelaufnahmen, Jacobs beschäftigte sich seit seinem 17. Lebensjahr hobbymäßig mit Schallplatteneinzelschnitten. 1974 hatten sie eine Folienschneideanlage für Stereoschnitte, damit konnten sie Einzelaufnahmen für Bands herstellen. Ein Jahr später machte man Lohnpressungen mit Folienschnittfertigung und Handkonfektionierung der Schallplattenhüllen. Ab Mitte 1976 wurden dann Künstler unter Vertrag genommen. „Die Firma New Blood Schallplatten war zu diesem Zeitpunkt einmalig in Deutschland, da sie schlummernden Talenten die Möglichkeit eröffnete, preiswert ihre Werke auf LP oder Single zu verewigen“, heißt es auf der Homepage von Radar Music. Wo und wie hat sie wohl ihre Singles verkauft oder wem geschenk? Immerhin waren es ja drei Singles, auch wenn die Auflage nicht sonderlich hoch gewesen sein wird. Sunny wollte wohl so etwas wie Rock ’n‘ Roll machen und glaubte wie die Wiggins Sisters, dass sie wirklich gut sei. Vielleicht war es aber auch nur der Traum eigene Platten gemacht zu haben. Wer wollte das damals nicht. Eine Platte, dass war schon was. Punk oder New Wave, davon hatte Sunny wohl gar nichts gewußt. Darüber braucht man gar nicht zu diskutieren. Und trotzdem lohnt es sich diese Singles als Statement einer Selbstverlegerin in den 1970er Jahren zu betrachten. Dieser Gesichtspunkt scheint mir hier im Hinblick auf die in den Jahren danach folgende so genannte unabhängige Produktion von Schallplatten und Kassetten und deren Vertrieb am wichtigsten. Die Vergangenheit dieser drei Singles zu „durchdringen und zu erfassen“ wäre sicherlich eine spannende Angelegenheit.
(Auszug aus „Sunny is as dynamite – Über die Unfähigkeit jede beliebige Vergangenheit zu durchdringen und zu erfassen“). 8 Seiten.

Auswahldiscografie/-biografie T bis Z und Sampler mit deutschen Punk-, New Wave und einigen Old School-NDW-Bands

Vorgestellt werden: Tank of Danzig, Die Tanzdiebe, The Tanzdiele, Taugenixe, Teja (Schmitz), Tempo, Thorax Wach, Ti-Tho, Die tödliche Doris, Tony Titt & The Torpedos, Die Tonträger, Torpedo, Die Toten Hosen, Tote Sprachen, Totto Lotto, Träneninvasion, Trashmuseum, Trashmuseum, Trio, Trümmerfrauen, Die Unbekannten, The Unknown Cases, Unlimited Systems, Unter-Rock, Verlorene Unschuld, Thomas Voburka / M. Schwabe, VK 88, Volkstanz, Vomit Visions, VONO, Vorgruppe, Vorsprung, Wat Nu, Weltklang, Westdeutsche Christen, White Russia, Wirtschaftswunder, X-mal Deutschland, Zatopek, Die Zimmermänner, ZK, Zusatzzahl, Die Zwei.