Kategorie-Archiv: Musik

Leseprobe Blechluft 1

„Blecheimer und Luftpumpe“ – Edition Blechluft 1

 

BL1

Frieder Butzmann: Wie bin ich in die Fänge der „Neuen Welle“ geraten? Das kann ich ganz konkret erklären. Ich bin Anfang 1977 in die Kantstraße gezogen. Da wir ich mit dem Fahrrad unterwegs und transportierte einen Koffer mit alter Wäsche. Da war ein anderer Mensch noch unterwegs, auch mit alter Wäsche, auch auf dem Weg oder vom Waschsalon. Und das war der Burkhard Seiler, mit dem habe ich mich kurz unterhalten. Paar Tage später geht ich auf den Flohmarkt und wen treffe ich da? Burkhard Seiler, der spätere Zensor! Und der verkauft da Schallplatten. Ich mein ich hatte da gehört gehabt – da gab es schon die Sex Pistols und ein paar Sachen und dieser Burkhard Seiler der hat da ganz merkwürdige Schallplatten verkauft. Alles verrückte Schallplatten, von denen ich vorher noch nie gehört hatte, alles Singles, die habe ich dann alle gekauft. Irgendwie haben sich dieser Burkhard Seiler und ich gut verstanden und der hat auch gemerkt, daß ich mich für Musik interessiere und halt auch noch ein bißchen was anderes kenne als was sonst damals in der Hitparade war. Ich sag mal Stichwort Stockhausen, Cage und so. Verrückte Musik hat mich immer interessiert (lacht), mein ganzes Leben. Und an diesem Stand wo ich dann immer rum gestanden hab und immer zugehört hab, Schallplatten gekauft hab, da kam dann auch mal Gudrun Gut und Mark Eins vorbei und die ganze spätere DIN A Testbild- Riege. Ja und dann hat der Burkhard Seiler im damaligen „Punkhouse“, – das ist am Q-Damm – und später dann im SO 36 Schallplatten verkauft. Ja und so bin ich dann irgendwie rein geschlittert. (Auszug aus: Musik machen, Krach machen, Töne machen, Interview mit Frieder Butzmann)

Ulli Putsch: „Dann hörte ich mit 12 Jahren ‚Monstermovie‘ von Can, und so was ganz anderes wie John Mail and the Bluesbreakers. Ich fand den Rhythmus total toll und beschloss mir ein Schlagzeug zu bauen. Dies wurde aus Waschmitteltrommeln bewerkstelligt. Fortan ging ich meinen Eltern mit diesem Ding auf den Geist. Mit 14 hatte ich meinen Vater soweit, dass er bereit war mir ein Schlagzeug zu kaufen.“
[…] Bei ihrem nächsten Besuch in Düsseldorf wurden S.Y.P.H. zum ersten Punkfestival eingeladen, das im Craschhaus (ein Haus das 1915 erbaut wurde, Anfang der 1980 wegen dem U-Bahnbau abgerissen wurde, danach aber wieder unter Verwendung der alten Steine originalgetreu wieder errichtet wurde) stattfinden sollte. Nun brauchten Schwebel und Braatz weitere Musiker.
Und damit kommen wir zurück in die Schreinerei von Herrn Putsch, wo Ulli Putsch und Uwe Jahnke ins Gespräch über Musik gekommen waren.
Ulli Putsch: „Uwe Jahnke war es, der mich zu einer ersten Probe in die Bar von Thomas Schwebel – damals der zweite Gitarrist – mitnahm. Dort fand sozusagen die echte Geburt von S.Y.P.H. statt. Man sagte mir damals: ‚Du must nur schnell spielen, egal was.‘ Es war aufregend und was ganz anderes. Peter hatte ja schon viele Texte geschrieben und ein Auftritt stand auch schon an. Nun war die Zeit reif und wir mussten schnell einen Set zusammenbasteln. Vorlaufzeit war nur zwei Wochen.“
Als S.Y.P.H. dann als Band im Carschhaus auftauchten, waren die Düsseldorfer überrascht. S.Y.P.H. gab es tatsächlich und die Stücke „Zurück zum Beton“ und „Industrie-Mädchen“ wurden von da an zu Hits der Band. Weiterhin orientierte sich die Band in Richtung Düsseldorf.
Ulli Putsch: „Unsere Orientierung nach Düsseldorf hatte eigentlich mehr praktische Gründe. Hier waren Leute die unsere Musik mochten. Im Ratinger Hof war der Bär los und so traf man sich dort. Meißtens fuhren wir am Wochenende mit meinem großen alten Ford Transit gemeinsam nach Düsseldorf.“ (Auszug aus S.Y.P.H. – Eine Annäherung. Biografisches und Interview mit Ulli Putsch)

Auswahldiscografie/-biografie (A-G) mit deutschen Punk-, New Wave und einigen Old School-NDW-Bands

Vorgestellt werden: 08/15, 1. Futurologischer Congress, 20 Colors, 39 Clocks, The 1980s, A5, Abwärts, Aheads, Alexander von Borsig, Die Alliierten, Alu, Alvi & Alviettes, Aram und die Schaffner, Armutszeugnis, Aroma Plus, Artless, Die Ärzte, Asmodi Bizarr, Die Atlantikschwimmer, Aus Lauter Liebe, Die Autos, Aqua Velva, Bärchen und die Milchbubies, Belastungsprobe, Belfegore, Bergtraum, Beton Combo, Beatklub, Big Balls And The Great White Idiot, Bits, Bizarre Leidenschaft, Blässe, Bildstörung, Blitzkrieg, Blumenschein, Tabea/Butzmann, Frieder/Köster, Bettina/Gut, Gudrun, Blumen ohne Duft, Blut + Eisen, Bluttat, Boa, Phillip and The Vodoo Club, Boskops, Boss & Beusi, Brausepöter, Buschband, Buttocks, Butzmann & Sanja, Frieder Butzmann, Camp Sophisto, Canalterror, Carambolage, Carmen, Cassiber, Channel Rats/Rafgier, Chaos Z, Chim Chim Cheree, Chor der Gefangenen, Christiane F., Christiana, Clox, Code 7, Cretins, Croox, C.U.B.S., Cyan Revue, Daily Terror, Gabi Delgado, Deutsch Amerikanische Freundschaft, Deutscher Kaiser, Deutschland Terzett/O.R.A.V.S., Deutsche Trinker Jugend, Didaktische Einheit, Detlef Diederichsen, Dig It Al(l), Din A 4, DIN A Testbild, Disque-OMO, Die Dominas, Don Bartnik, Jürgen Dönges, Andreas Dorau, Die Doraus und die Marinas, Double Feature (Dörper/Zimmermann), Dortmund, Dr. Misch, Dunkelziffer, D.U.R., Der Durstige Mann, EA 80, Ede + die Zimmermänner, Einstürzende Neubauten, Exkurs, Fähnlein Fieselschweif, F.A.K., Falsche Fahnen, Der Favorit, Familie Hesselbach, Family 5, Fehlfarben, Feltmann trommelt, FKK Strandwixer, Der Fluch, Flucht nach Vorn, Flying Klassenfeind, Foyes des Arts, Fred Banana Combo, Freunde der Nacht, Freiwillige Selbstkontrolle, Front, Geile Tiere, Der Gegenschlag, Geisterfahrer, Die Gesunden, Gesundes Volksempfinden, Andy Giorbino, Giorbino/Eldorado, Heiner Goebbels & Alfred Harth, Die Goldenen Vampire, Max Goldt, Robert Görl, Peter Gordon/Thomas Fehlmann, Grauzone, Grober Unfug, Grosse Freiheit.

Platten und Plattenkritiken: Abwärts, EP, „Computerstaat“/“Japan“/“ Wir warten“/“Nach Haus“/“Moon of Alabama“, ZickZack ZZ 2, 1980
„Debüt Platte der beim Geräusche-Festival in Hamburg erstmals aufgetretenen Band, die manchen durch ihre monoton geprägte Gitarrenmusik an Wire bzw. Velvet Underground erinnern. Bemerkenswetestes Stück auf der EP: die Moon of Alabama`-Version.“ (Alfred Hilsberg, Rock Session 4, 1980)
Abwärts, LP, „Amok Koma“, ZickZack ZZ 10, 1980
„Diese LP besteht aus zwei äußerst unterschiedlich konzipierten und aufgenommenen Seiten. Das macht sie mir sympathisch aber auch problematisch: bewegt sich Seite 1 mehr in Richtung Avantgarde/ Techno-Wave, so dominieren auf Seite 2 eher Wildheit und Spontanität.[. . .] Vor allem ‚Türkenblues‘ ist der Helle Wahnsinn. Kein Entkommen! [ . . .] Nicht minder phantastisch ‚Unfall‘, ‚Mehr‘ und ‚Japan‘ (live beim Geräusche Festival), ebenfalls auf der zweiten Seite [. . .] Zurück zur Seite 1; den Pop-Songs (u.a. ‚Monday on my mind‘ und ‚Softly, Softly‘): wer auf DAF, PIL oder Silicon Teens abfahren kann, sollte die Kopfhörer schon mal bis zum Anschlag aufdrehen. Ich vermisse hier allerdings etwas den Spaß, den Spielwitz, den fetzigen Rock ’n‘ Roll von Seite 2.“ (Hollow Skai, Sounds 10/1980)
Abwärts, 7inch, „Roboter in der Nacht“/“Für Mutti“, ZickZack ZZ 28, 1981
„Erster Eindruck: ‚Roboter in der Nacht‘ ist gediegene Abwärts-Qualität. Die ‚Computerstaat‘ und ‚Maschinenland‘- Mentalität dürfte musikalisch-textlich wieder den Nerv der Zeit treffen, aber Themenwechsel wär‘ nicht schlecht. James Browns ‚Sex Maschine‘ stand entfernt Pate bei ‚Für Mutti‘.“ (Werner Jakobs, Sounds 3/1981)
Abwärts, LP, „Der Westen ist einsam“, Mercury/Phonogram, 1982
„Die ganze LP durchzieht, was die Melodien anbelangt, eine erschreckende Ideenarmut. […] Es gibt so gut wie gar keine Melodien. Dafür allerdings Trommeln satt […] Und zu allem Ãœberfluß hat man auch noch Frank Zs Stimme so weit in den Hintergrund gemixt, daß von den teilweise recht guten und engagierten Texten oft nicht die Bohne zu verstehen ist.“ (Jörg Gülden, Sounds 4/1982)
„Ich war zwar von Anfang an begeistert, aber viele meiner Freunde, und ich glaub auch der durchschnittliche ’neue-deutsche- Welle‘-Konsument werden es sehr schwer haben, mit dieser LP warm zu werden […] Macht man sich aber die Mühe, und hört intensiver auf das wuchtige, lockere Schlagzeug, den wummernden Bass, die Nebelschwaden der Keyboards und auf den wirklich erotischen Gesang von Frank Z. und besonders F.M. Einheit auf Deprimiert‘, dann wird man dafür belohnt […] Obwohl die Platte sehr kurz ist, sind hier zehn hervorragende Ideen auf einen bestimmten Punkt gebracht, wo ich nur noch feststellen kann, daß es besser nicht geht.“ (Harry Rag animiert durch Jörg Güldens Kritik im Vormonat, Sounds, 5/82)
Abwärts, 4-Track-Maxi, „Beirut Holiday Inn“/“Liz & Richard“ + 2 LP Titel, 1982
Abwärts, 7inch, „Olympia“/“Man of Poor Beginning“, Totenkopf, 1984
Bandbiografie: Abwärts wurde 1979 gegründet. Am 29.12.1979 spielten sie beim „Geräusche für die 80er“-Festival in der Hamburger Markthalle. Zur ersten Besetzung gehörten Frank S. (Gesang, Effekte), Frank Z. (Gitarre, Gesang, Kompositionen, Texte), Axel D. (Schlagzeug), Gibo (Bass) und Margitta (Gesang Geige). Aus dem Dortmunder Frank S. wurde F.M. Einheit, auch ‚Mufti‘ genannt (im Ruhrgebiet bei Berta and Friends, wo auch Reinhard Falk, später Gesundes Volksempfinden, war), Frank Z. (Ziegert) blieb Frank Z. (er war früher bei Big Muff), aus Axel D. wurde Axel Dill, Gibo war wohl jener Gisbert der mit Dill bei Blender war und Margitta war Margitta Haberland. In dieser Besetzung wurde dann auch die erste 7inch eingespielt, mit dem tollen „Computerstaat“. Das NO FUN-Label kündigte die Platte noch in ihrem ersten Label-Katalog an, erschien dann aber auf dem gerade gegründeten ZickZack-Label von Alfred Hilsberg. Auf dem Beiblatt zur ersten LP wird dann als Bassist der in Leeds geborene Mark Chung genannt, der zuvor bei der Buschband gewesen sein soll. Dill und Chung waren mit dem Fotograf Bodo Dretzke Der Favorit. Frank Z. produzierte 1982 die „Incubus Succubus“-Maxi von Xmal-Deutschland. F.M. Einheit ist zeitweilig der Schlagzeuger in der ersten Besetzung der Hamburger Palias Schaumburg. Zusammen mit Mark Chung war er dann auch bei den Berliner Einstürzenden Neubauten um Blixa Bargeld. Auf der zweiten LP spielte Margitta Haberland dann nicht mehr mit, sie hat die Band 1981 verlassen. Der zweiten LP folgte eine Maxi mit dem recht guten „Beirut Holiday Inn“. F.M. Einheit und Mark Chung spielten fortan nur noch bei den Einstürzenden Neubauten. Ãœbrig blieb das Duo Frank Z. und Axel Dill, die dann 1984 auf Totenkopf eine 7inch veröffentlichten. Nach einer kurzen Zusammenarbeit mit Nainz Watts von Psychic TV, trennen sich Frank Z. und Axel Dill. 1987 macht Frank Z. dann mit neuen Musiker als Abwärts weiter. Im Laufe der Jahre kamen dann noch ein paar Abwärts-Platten raus. F.M. Einheit spielte zeitweise auch wieder mit. 1989 war Frank Z. dann auch Mitglied in der letzten Besetzung von Xmal-Deutschland zusammen mit Wolfgang Ellenbrok und Anja Huwe und in den 90ern hat er dann auch noch eine Solo-CD herausgebracht. Mark Chung sah man als Geschäftsführer des Musikverlag „Freibank“ sowie „Play It Again/Deutschland“.
Literatur:

  • N.N., „Auf- und Abwärts“, In: Sounds, Hamburg, Nr. 5/1980 (Jahrgang 12), Seite 14
  • Diederichsen, Diedrich, „Amok auf dem Abtenteuerspielplatz – Abwärts“, In: Sounds, Hamburg, Nr. 2/1981 (Jahrgang 13), Seite 28 – 30
  • Burchardt, Alf, „Kampf um Rom“, Spex, Köln, Nr. 11/1983, (Jahrgang 4), Seite 9
  • Ljubojevic, Dragan, „Abwärts, weg vom Faktum vorbei an der Industrie“, Spex 10/1981, (Jahrgang 2), Seite 25
  • Geigenschrey, Thomthom, „Abwärts“, Zillo, Lübeck, Nr. 6/ 1990 (Jahrgang 1), Seite 14 – 17

Platten und Plattenkritiken: Deutsch amerikanische Freundschaft, LP, „Ein Produkt der Deutsch amerikanische Freundschaft „, Ata Tak Warning Records WR 001, 1979
„Eine Aneinanderreihung instrumental gespielter Kompsitionen, Improvisationen, Versatzelemente. Die sicher eher bescheidenen Produktionsverhältnisse wurden konsequent genutzt, die musikalischen Fähigkeiten und Interessen zum Ausdruck zu bringen [. . .] Die Band kann nicht vergessen machen, daß ihr spanischer Sänger die Gruppe damals verlassen hatte. Er prägte die Band, hat den technisch allzu ernsthaft bemühten Instrumentalparts erst den faszinierenden, sinnvollen Ausdruck mit seinen deutschen Texten gegeben. [. . .] So kann es bestenfalls dazu beitragen, eingefahrene Hörgewohnheiten manch (einzelnen) Rock- und Punk-Fans aufzureisen. Mehr als interessantes Kunstgewerbe ist das nicht.“ (Alfred Hilsberg, Sounds 10/1979)
Deutsch amerikanische Freundschaft, 7inch, „Kebabträume“/“ Gewalt“, Mute, 1980
„Auf Mute Records ist eine im Vergleich zur Mittagspause viel dynamerischere, lockere Version des Militürk-Songs erschienen. B-Seite: ‚Gewalt‘, ein bedrohlich-beklemmendes Stück.“ (Alfred Hilsberg, Sounds 3/1980)
Deutsch amerikanische Freundschaft, LP, „Die Kleinen und die Bösen“, Mute, 1980
„Die D.A.F. haben es geschafft, als erste der neuen deutschen Gruppen internationale Anerkennung zu finden und ein internationales Produkt zu machen. Zu den spanischen und deutschen Songs sind die Songtexte sogar dreisprachig abgedruckt. Die LP ist durchgehend entfernt von populär klingenden Songstrukturen, wie sie bei ‚Ich und die Wirklichkeit‘ noch vorherrschend waren. Bestimmt durch starke Rhythmuselemente und schwirrende Synthi-Klänge ist die Platte jedoch ungeheuer dynamisch geworden und kann getrost als Tanzplatte bezeichnet werden.“ (Alfred Hilsberg, Rock Session 4, 1980)
„Die A-Seite und das erste Stück der B-Seite wurden in den Kölner Plank-Studios mit Conny Plank als Toningenieur aufgenommen. Die B-Seite ist im übrigen ein Ausschnitt aus dem Konzert, das die D.A.F. als Vorgruppe von Wire im Electric Ballroom in London gaben.[. . .] Die Platte enthält kein easy listening, wie es D.A.F. noch mit den ‚Kebab-Träumen‘ angeboten haben. Wesentlich am ’neuen‘ Stil der Gruppe ist ein metallischer, härterer Klang [. . .] Drei Stücke der A-Seite sind mir besonders erinnerlich: ‚Co Co Pino‘ ist einfach ein unglaublich aufregendes Stück Rock-Musik. Roboterhafte, maschinenartige Sound-Strukturen in ‚Nachtarbeit‘. ‚Ich gebe dir ein Stück von mir‘ ist ein – vor allem durch das Zerstörerische des Synthis – unbeschreiblich häßliches Liebeslied. Während ich das ‚Gewalt‘-Intro auf der B-Seite im Vergleich zur Single-Fassung etwas überflüssig finde, ragen aus dem Live-Mitschnitt wieder drei Titel heraus: ‚Volkstanz‘ und ‚Die lustigen Stiefel‘ sind intensiv morbide Beschreibungen von Kultur-Zerfall. Und dann ‚Ich bin die fesche Lola‘: eine zeitgemäß aufbereitete, brüllende, üblen Nachgeschmack erzeugende Interpretation des Diedrich-Songs.“ (Alfred Hilsberg, Sounds 7/ 1980)
Deutsch amerikanische Freundschaft, 7inch, „Der Räuber und der Prinz“/“Tanz mit mir“, Mute, 1980
„Musikalisch (ist) eine eindeutige Tendenz zu besserer Konsumierbarkeit festzustellen, zieht man mal große Teile der KLEINEN- LP zum Vergleich heran. Während das kleine Lied ‚Der Räuber und der Prinz‘ einfach und durchsichtig gebaut ist [. . .], hat ‚Tanz mit mir‘ unglaublichen, energischen Schwung. [. . .] Wir sind damit eindeutig einen Schritt weiter, ‚Tanz mit mir‘ setzt Maßstäbe, mit denen gemessen werden wird.“ (Hans Keller, Sounds 1/81)
Deutsch amerikanische Freundschaft, LP, „Alles ist gut“, Virgin, 1981
„Wahrnehmbare, weil wirksame Einschnitte in der jungen Geschichte der neuen deutschen Musik gibt es bisher nur wenige: Die Mittagspause-Doppel-EP gehört dazu, die erste SYPH-LP, GERI REIG von der Plan und, noch nicht ganz abzusehen, Wirtschaftswunder und Palias Schaumburg. Und zweifellos DIE KLEINEN UND DIE BÖSEN, die zweite LP der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft. [. . .] Die neue DAF-LP dürfte das Wutgeschrei einiger selbsternannter Avantgardisten unüberhörbarmachen: Disco-Scheiße, Kommerz, Rückzug in die Innerlichkeit. ALLES IST GUT war einfach nicht zu erwarten. [. . .] Ein widersprüchliches, faszinierendes Album, das bisher eindeutig öffentlichste und kommerziellste Werk der DAF.“ (Alfred Hilsberg, Sounds 4/1981)
Deutsch amerikanische Freundschaft, 7inch/12inch, „Mussolini“/“Der Räunder und der Prinz“, Virgin, 1981
Deutsch amerikanische Freundschaft, LP, „Gold und Liebe“, Virgin, 1981
„Musikalisch knüpft DAF an das Rezept der Reduzierung an: Gesang von Gabi und Sequenzer und Schlagzeug von Robert Görl sind nach bekannten Mustern eingesetzt. Nur wenige Songs bleiben deshalb so hängen, wie bei ALLES IST GUT. ‚Sex unter Wasser‘ gehört zu den besten Stücken. Die Naßzellen-Odysee machte Beate Uhse zur Banalität. [. . .] Mir fehlt eine Hymne, so wie es ‚Alle gegen Alle‘ oder ‚Tanz den Mussolini‘ auf ALLES IST GUT waren. ‚Greif nach den Sternen‘ mit seinem New-Romantic-Touch vielleicht? Wenn‘ s schneller wäre. [. . .] GOLD UND LIEBE ist trotz aller Verfeinerungen, bei allem Bemühen um Melodien, die fast an Schlager gereichen, ein Stillstand. Ein Auskosten, eine Festigung des Erfolges. Den Überraschungseffekt, die Aura, den Unerreicht-Schein haben DAF verloren.“ (Alfred Hilsberg, Sounds 12/1981)
Deutsch amerikanische Freundschaft, LP, „Für immer“, Virgin, 1982
Deutsch amerikanische Freundschaft, 7inch/12inch, „Kebab-Träume“/“Ein bisschen Krieg, Virgin, 1982
Deutsch amerikanische Freundschaft, 12inch, „Absolute Body Control“, Ariola, 1985
Bandbiografie: Deutsch amerikanische Freundschaft, Michael Kemner, Kurt Dahlke und Wolfgang Spelsmann nannten sich 1978 YOU und lebten zu der Zeit im Bergischen Gevelsberg bei Wuppertal. Auf der Suche nach einem Schlagzeuger fanden sie Robert Görl. Der hatte sich in Düsseldorf auch schon mit Gabi Delgado-Lopez, der bisher in Düsseldorf bei Charlies Girls und Mittagspause aktiv war, Gedanken über eine Band gemacht. Zusammen mit Delgado nannte sich YOU dann später DAF. Die erste LP wurde dann allerdings nur von Kemner, Dahlke, Spelsmann und Görl – ohne Delgado aufgenommen. So in der Art wie die Musik auf der „Produkt“-LP könnte sich die Musik von YOU angehört haben. Wenig später steigt dann Delgado wieder als Sänger ein. Bei einem Auftritt von DAF in der Hamburger Markthalle ist der Engländer Robert Giddens, ein Schreiber des englischen ZigZag-Magazins, einer der Gäste. Giddens lebte schon zu der Zeit im norddeutschen Quakenbrück bei Osnabrück und arbeitete schon damals in der Fabrik für die er heute auch die Internetseite erstellt. Zusammen mit ihm siedelte DAF nach England auf der Suche nach einem englischen Plattenlabel. Giddens, der mal sagte, man würde ihm noch auf den Grabstein schreiben, er sei der Manager von DAF gewesen, hatte danach mit der Band nicht mehr viel zu tun. In Quakenbrück gründete er das kleine Label Outatune und seine Band Surplus Stock.
Statt Kurt Dahlke bediente nun Chrislo Haas bei DAF den Synthesizer. Bekannt ist der Auftritt zusammen mit Wire im Electric Ballroom in London, ein Teil der Aufnahmen befindet sich auf der zweiten LP. Als Label findet die Gruppe Daniel Millers Mute-Label, das zuerst die „Kepabträume“-7inch und dann die „Die kleinen und die Bösen“-LP heraus brachte. Die Aufnahmen finden ohne Kemner statt, der mittlerweile bei den Fehlfarben spielte. Danach steigt dann auch Spelmanns aus. Bei Auftritten stehen nun Görl und Delgado auf der Bühne, Tina Schneckenburger bediente auf der Bühne die Kassettenrecorder, da Görl nicht gleichzeitig die Synthesizer bedienen und Schlagzeug spielen konnte. Tina Schneckenburger war in Wuppertal bei der Band Die Rächer und hat mit den Delgado-Geschwistern in Wuppertal das „Stomp“-Fanzine gemacht. Später war sie neben Jürgen Engler und Bernward Malaka Mitglied bei Die Krupps. 1981 nahmen DAF ihre beiden erfolgreichsten LPs „Alles ist gut“ und „Gold und Liebe“ auf. Da die beiden eine gewisse „Inflation“ verspürten, beschlossen sie, daß „Für immer“ ihre letzte LP sein sollte. Bis 1985 gingen Görl und Delgado getrennte Wege. Dann kam zunächst die 12inch „Absolutely Body Control“ heraus und dann die LP „1st step to heaven“ (Ariola, 1986). Darauf befinden sich kleine Hits wie „Voulez Vous Coucher Avec Moi“ oder „Brothers“.
Literatur:

    • Hilsberg, Alfred, „Neue deutsche Welle – Aus grauer Städte Mauern“, In: Sounds, Hamburg, Nr. 10/1979 (Jahrgang 11), Seite 20 – 25
    • Hilsberg, Alfred, „Punk Emigration“, In: Sounds, Hamburg, Nr. 11/1979 (Jahrgang 11), Seite 7
    • Hilsberg, Alfred, „Aus grauer Städte Mauern (Teil 2) Dicke Titten und Avantgarde“, In: Sounds, Hamburg, Nr. 11/1979 (Jahrgang 11), Seite 22 – 27
    • Hilsberg, Alfred, „Wirklichkeit durch die Küchentür“, In: Sounds, Hamburg, Nr. 6/1980 (Jahrgang 12), Seite 14
    • Hilsberg, Alfred, „Der Räuber und der Prinz – Deutsch-amerikanische Freundschaft“, In: Sounds, Hamburg, Nr. 3/1981 (Jahrgang 13), Seite 28 – 31
    • Röckenhaus, Freddie, „DAF – Hautfarbe: Dezent“, Spex, Köln, Nr. 8/1985, (Jahrgang 6), Seite 27
    • Teipel, Jürgen, „Verschwende deine Jugend“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 2001 (verschiedene Stellen)

(Auszug aus „Auswahldiscografie: German New Wave und Punk Umfeld 1977 bis 1985, A – G“, hier „Abwärts“ und „Deutsch amerikanische Freundschaft“)

Leseprobe Blechluft 2

„Neue deutsche Erinnerungswelle“ – Edition Blechluft 2

 

BL2

1980 gab es in Bonn bereits eine Reihe neugewellter Bands. Gemeinsam entschloß man sich im Sommer ein Festival zu veranstalten. Veranstalter war der Verein „Alternative Rock in Bonn e.V.“ bei dem Stephan Werner Geschäftsführer war. Als Festivalnamen schlug Stiev „Wischi Waschi“ vor und als Veranstaltungsort konnte der Nam Nam-Club in Bonn-Godesberg (Friesdorf) genutzt werden. Der Nam Nam-Club war eigentlich ein Ort wo sich Rocker trafen. Beim ersten Wischi Waschi-Festival am 23. August 1980 spielten Splitter, V.B. Margin, G., Static Dancing, Cosh, Synthetico und Anlieger Frei.
Splitter, die aus dem Ort Selters im Westerwald kamen, spielten eigentlich zu viert, an diesem Tag waren allerdings nur Dieter Duck und Udo Pollatz angereist. Dieter Duck studierte in Bonn. Die Splitter-Aufnahmen, die Stiev an diesem Abend machte, erschienen später auf der Kassette „Bonner Rache“. Aus der Bad Godesberger Band Cosh bildete sich später die Punkband Canalterror. Synthetico war eine Band von einem Studentenpärchen und war superguter ElectroPop, leider sind keine Aufnahmen mehr verfügbar, meint Stiev. Wie Splitter kam die Band G. aus Selters. Aus dieser Band bildete sich später die Klopferbande um Peter Ortmann.
An diesem Abend war auch Clara Drechsler vom gerade gegründeten Kölner Musikmagazin Spex nach Bad Godesberg-Friesdorf gefahren und sah dort das Anlieger Frei „durch Operationsmasken getarnt waren“ und „ein Diana-Rigg-Film im Hintergrund einigermaßen zusammenhanglos“ lief (nachzulesen in der allerersten Spex-Ausgabe September 1980).
(Auszug aus „Ich war der Musikant mit Taschenrechner in der Hand“, Interview mit Stiev Colombier

Ich brachte die erste Ausgabe meines Fanzines Wellenreiter im Januar 1980 heraus, da war ich 15 Jahre alt und wohnte in Bad Godesberg, dem Bonner Diplomatenvorort. Den Namen „Der Wellenreiter“ habe ich aber nur für die ersten beiden Ausgaben benutzt. Im April hiess es dann schon „Datenverarbeitung“. Der Name ergab sich daraus, dass ich ein paar Monate vorher bei meinem Vater, der ein Wirschaftsprüfungs- und Steuerberatungsbüro in Bonn betrieb, einen Nachmittagsjob als Buchhaltungsassistent angefangen hatte. Die Tätigkeit bestand darin, Mandantendaten mittels einer Buchungsmaschine einzugeben. Zu dem Zeitpunkt kannte ich absolut niemanden aus der Bonner oder gar Kölner oder Düsseldorfer Szene. Die Geschehnisse in Düsseldorf etc. waren mir nur aus den Berichten in der Sounds bekannt, und ich hatte im Herbst 1979 angefangen, mir die entsprechenden Platten zu besorgen. Ãœber das Fanzine habe ich dann diverse Leute aus Bonn und Troisdorf kennen gelernt (u.a. Georgie D., später bei Pension Stammheim und Shunt), die dann ab der zweiten Ausgabe bei dem Heft mitmachten.
(Auszug aus „Datenverarbeitung und Normal-Imperium“, Bericht von Andreas Müller)

In den den 60er Jahren war Robert Gitarrist der Band Thunderbirds. Das war irgendwo im Raum Neuwied/Koblenz. Beatmusik war angesagt. Jahre später ist er dann im Film- und Fotobereich tätig, u.a. beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) in Köln. Robert spricht hier von einer Minikarriere beim Fernsehen als Kameraassistent. […]. 1974 machte er sich auf nach New York, hätte dort fast ein Studium an einer Musikschule begonnen. Rock ’n‘ Roll liegt aber auf der Straße und nicht im Konservatorium, ist seine Meinung. Los Angeles, Mexiko, Guatemala sind weitere Stationen. 1975 lauscht er der Reggaeband Burning Spear bei den Aufnahmen auf Jamaica zu „Do You Remember The Days Slavery“. Die auf Jamaica gehörte Musik empfahl er Freunden in Deutschland. „So kam es, dass wir Ende 1975 die Plattenverkäufer inmitten ihres Queen-/ABBA-Ramsches fast aus der Ruhe brachten, indem wir etwa nach Bob Marley fragten“, sagte der Bonner Thomas Reschke. Ãœber Virgin Islands, Puerto Rico, Dominikanische Republik, Haiti, Maimi, New Orleans, Nashville kam Robert 1975 (oder 1976) schließlich nach New York. In der Band Cold Fever spielte Robert Gitarre. Nachdem sich die Band aufgelöst hatte, war er Aushilfsgitarrist der Kultband Kongress. Einen dieser Auftritte im Club Max’s Kansas City besuchte der schon erwähnte Thomas Reschke Ende Juli 1976. Thomas Reschke war aus Bonn mit einem Mädchen angereist, das sich wenige Jahre später Stef Petticoat nannte. Sie machte von Robert Fotos im Max’s Kansas City. In einem 1981 veröffentlichten Artikel schrieb Thomas Reschke: „In seiner halb ausgeräumten Wohnung an der Ecke 108. Straße/Broadway auf der West Side spielt Robert mir Kassetten vor, die er von den Bands aufgenommen hat, die jetzt die Szene erobern: Television, Heartbreakers, Mink DeVille, Talkin[g] Heads, Pere Ubu sind die Namen der Stunde, die erste Ramones-LP ist gerade erschienen, Singles von Burning Spear liegen herum: mit ihm hat Robert auf Jamaica gejammt.“ Robert berichtet: „The Damned kommen aus London und nehmen CBGB’s auseinander. Es fliegen Hamburger mit Ketchup. […]

Im Studio von Conny Plank in Neunkirchen-Seelscheid lernte Robert Dave Stewart und Annie Lennox von den Eurythmics kennen. Die beiden hatten in Conny Planks Studio mit der Unterstützung von Holger Czukay, Robert Görl, Clem Burke, Jaki Liebezeit und Markus Stockhausen ihre erste LP „In The Garden“ aufgenommen. In Londons Norden hatten sie sich nun ein kleines 8-Spurstudio auf einem Speicher eingerichtet und nahmen dort die Demos für ihre nächste Platte auf.
„Dave sagte zu mir, – als er die Psychotic Tanks-Platte „Lets have a party“ hörte, die ihm sehr gut gefiel: „But Robert, how do you make a living?“ Er sei ein Businessman. Er denkt direkt drüber nach: wie kommt der Typ überhaupt über die Runden, mit seinen Undergroundsachen da? Da sage ich: „Dave, eine interessante Frage, ich habe bis jetzt noch keine Zeit, darüber nachzudenken, aber irgendwie klappt es immer.“ Ich hatte keinen Business- oder Karriereplan. Während er wirklich professioneller Popmusiker war.
Bei denen [Eurythmics] war alles auf Popmusik ausgerichtet, und es war eigentlich nicht mein Ding, aber Dave gab mir sofort Geld. Ich sage: „Toll“. Ich hatte da nicht drüber nachgedacht, dass ich Geld kriegen würde, ich war total naiv – finanziell. Dave Stewart war ein Visionär, er wußte, was er wollte. Und ich war eigentlich so ein Ideenmann, er hatte mich wahrscheinlich nicht wegen der Musik, sondern wegen Attitude gewählt. Ich hatte so ein paar schräge Sonnenbrillen, Annie hat die gleich übernommen. Dann hatte ich so einen Kamm, wie so ein switchknife, du drückst da drauf, da kommt da so eine Klinge raus, bzw. der Kamm raus. Ich sage: „Annie, du gehst vor die Kamera, dann machst du das Ding raus und dann kämst du dich einfach so.“ „Oh no Robert, that’s too agressive.“ […]
War das erste Album der Eurythmics weitgehend unbeachtet geblieben, kamen nun die großen Erfolge. Die Zeit der Musikvideos hatte längst begonnen, MTV sendete auch schon. Für „Sweet dreams“ wurde daher ein Videoclip gedreht. „Annie kommt rüber zu mir, sie sieht aus wie meine Mutter, sie sagt: „Ich geh jetzt zum Friseur.“ Als sie zurück kam, hatte sie ihren karottenfarbenen Kopf gehabt, wurde dann bei MTV mißverstanden als Dike – als Transvestit – die dachten: Können wir nicht spielen! Wir sind MTV wir können doch keine Transvestitenvideos hier laufen lassen. Heute machen sie einen auf: We are hip. Sie wurden erstmal nicht gespielt, das war schonmal gut. Dann wurde es gespielt, es wurde Nr. 1 in den USA: „Sweet dreams“. Und dann rief Dave an: „Wir haben erst 100 000 verkauft“, dann rief er an: „Wir haben jetzt 300 000 verkauft“, plötzlich gab es Gold, Platin. Gut, ich wurde dann Teilhaber an diesem ganzen Erfolg. Dann kamen die großen Schecks rein. Das Geld habe ich sofort wieder verpulvert, habe es wieder in meine Experimente reingesetzt. In Versuche mit anderen Bands.
(Auszug aus „Welcome to Crashworld“, Interview mit Robert Crash)

Auswahldiscografie / -biografie H bis M mit deutschen Punk-, New Wave und einigen Old School-NDW-Bands

Vorgestellt werden: Nina Hagen Band, Hans-a-Plast, Hass, Haushaltswaren, Die Haut, Die Helden, Hermann’s Orgie, Holger Hiller, Hinterberger’s Wut, Honkas, Die Hornissen, Die Ich’s, Ideal, Index Sign, Idiots, Die Ihmesspatzen, Im Namen des Volkes, Inzucht und Ordnung, IXTOC-1, JaJaJa, Jeanette und das Land Z, Jetzt, Jimmy Jenny und Jonny, Kaltwetterfront, Die Kapazität, Kastrierten Philosophen, Katastrophentheorie, Keine Ahnung, Kein Mensch, KFC, Holger Kielgas, Klischee, Piet Klocke, A.K. Klosowski/Pyrolator, Klystron, Knusperkeks, Korpurs Kristi, Die Kontainers, Kosmonautentraum, Kowalski, Kraftwerk, Kreuzer, Die Krupps, Der Künftige Musikant, La Loora, Leben und Arbeiten, Die Lemmige, The Lennons, Les Vampyrettes, Liaisons Dangereuses, Lost Gringos, Luzibär, Luxus, Malaria, Male, Mania D., Mannschreck, Marionetz, Materialschlacht, Mau Mau, Mekanik Destrükiw Komandöh, Nicolie Meyer, Mimmi’s, Minus Delta T, Mittagspause, Modern Entertainment, Der moderne Man, Moloko Plus, Mona Mur und die Mieter, Die Monotones, Mutterfunk, Mythen in Tüten

Platten und Plattenkritiken: Kosmonautentraum, 7inch, u.a. „Der Deutsche“, Eigen- label, 1981
Kosmonautentraum, 7inch, „Rache“ ZickZack ZZ 26, 1981
„Kosmonautentraum haben sich von der Mülleimer-Musik ihrer ersten Un-Platte völlig gelöst: „Rache“ brüllt Ziggy XY heraus, ihre Heimat ist offenbar gemeint. Dann wühlen die Kosmonauten in totem Fleisch herum und behaupten frech am Schluß: „Nur zum Spaß, nur zum Spiel“. Trotz hundertfach gehörter Synthis besser als alle Modernen Männer zusammen.“ (Werner Jakobs, Sounds, 3/1981)
Kosmonautentraum, 7inch, „Liebesmühn“, ZickZack ZZ 41, 1981
„…zeigt [. . .] weitere Fortschritte in Richtung eines zeitgemäßen Hardrock, was für Ziggys Stimme keine schlechter Hintergrund ist. Die experimentellere B-Seite gefällt mir weniger, und überhaupt ist „Rache“ nicht ganz erreicht.“ (Diedrich Diederichsen, Sounds, 1/1982)
„Kosmonautentraum geht auf „Liebesmühn“ mal wieder nach einer Minute die Luft aus, allerdings sind die drei unstrukturierten Stücke auch schon ein Jahr alt . . .“ (WK, Musik Express, 3/1982)
Kosmonautentraum, LP, ZickZack ZZ 100, 1982
„Die Masse will Pop, Kosmonautentraum das Gegenteil. Dabei ist ihnen Rhythmus nicht fern, ganz und gar nicht. Die Band ist übermäßig druckstark, die Trommeln knallen, Ziggy YX läßt den Kosmonautentraum tanzen. Gleich zu Anfang allerdings ein bißchen viel von DAF. Warum immer wieder dieses Virus? [. . .] Vor allem Ziggys Texte liegen außer Reichweite, meistens [ . . .] Kosmonautentraum machen es dir nicht leicht. Aber eine Band von Format kann Ansprüche stellen.“ (Peter Sanders, Musik Express, 5/1982)
Kosmonautentraum, 12inch, „Livorno 1956“, ZickZack ZZ 160, 1983
Kosmonautentraum, LP, „Tagediebe“, ZickZack ZZ 200, 1984
Kosmonautentraum, 12inch, „Angst ist mein König“, ZickZack ZZ 220, 1985

Bandbiografie: Michael Jarick aka Ziggy XY und Eckart Kurtz aka E.K.T. machten ein Fanzine mit dem Namen „Heute“. E.K.T. spielte mit einem Herrn Karl May bei The Worst. Zusammen mit Mattus Simons und Claudius Hempelmann bildeten Ziggy XY und E.K.T. die Band Der Moderne Man. Ziggy XY fungierte auf den ersten beiden Platten als Sänger, verließ dann die Band und gründete Kosmonautentraum. Ende April 1981 hatte die Band ihren ersten öffentlichen Auftritt in der Hamburger Markthalle. „Ziggy XY ist einfach kein besonders charismatischer Sänger. Ansonsten gab es eine Menge guter Einfälle, die allerdings stellenweise etwas willkürlich und planlos kamen. Technisch guter Musiker ist keiner bei Kosmonautentraum, kein Fehler, aber auch kein Grund sich dauernd ins wilde-aufs-Instrument-eindreschen-und-das-für-Intensität-halten zu flüchten.“ (Ewald Braunsteiner, Sounds, 6/1981). Mit zur Band gehörten Erhardt Süsskind, der einfach nur Süsskind genannt wurde und aus Rees am Niederhein kam und dort auch noch in einer Band spielte, E.K.T. (hier am Schlagzeug und nicht wie bei Der Moderne Man an der Gitarre) und Karl May. Die erste Platte des Kosmonautentraum „Der Deutsche“ wurde von der Band selbst verlegt. „Wir sind eine ironische Band – wir haben von Anfang an das gespielt, was wir nicht konnten. Unsere erste Single in Verbindung mit unserem Namen war ganz klar ein Antiprojekt.“ (Sounds, 2/1982) Für die folgenden Platten ging man zum ZickZack-Label. Kosmonautentraum gab ihren Titeln teilweise Nummern. So erschien auf dem ZickZack-Sampler „Lieber zuviel als zuwenig“ das Stück „Kosmonau- tentraum Nr. 10“. Die LP enthielt Stücke mit recht komplizierten Texten wie z.B. bei „Juri Gagarin“, nachdem manchmal auch diese erste LP genannt wird, da ein Foto von ihm das Cover ziert. „Tendierten seine früheren Texte noch zu Geschichten, so sind die neuen eher persönlich-assoziativ. Sie vermitteln keinen eindeutig identifizierbaren Sinnzusammenhang, sind aber, wie jeder Wortgebrauch, auch nicht frei von Sinn. Einzig in dem Stück „Juri Gagarin“ (welcher sowjetischer Erstlingskosmonaut war) wird auf jedes deutbare Verhältnis vom Sänger zum Wort verzichtet. Phantasielaute begleiten die Musik …“ (Christine Heise, Sounds, 2/1982). Auf dem „Ach Hannover“-Tapesampler von Spargel Tapes (Jörg Laubisch, Martin Fuchs) von 1982 sind ein Teil der Bandmitglieder auch beteilgt. So wird Erhardt Süsskind als Kontaktadresse der Band Die unsichtbare Hand genannt und Michael Jarick bei dem Duo Ziggy & Eno. Es folgte die Kosmonautentraum-Maxi „Livorno 1956“ und dann die zweite LP „Tagediebe“, die in farbiges Vinyl gepreßt und in einer Klarsichthülle verpackt war. Das Stück „Abschied“ erschien dann auch auf dem Zick-Zack-Sampler „Wunder gibt es immer wieder“. Mittlerweile waren Jochen Arbeit, Hopek Quirin und eine weitere Person von Die Ich’s zur Band gestoßen. Süsskind war in Bonn mit Lisardo Rivas als Facon Facon aktiv. Die letzte Platte des Kosmonautentraum, die bei ZickZack erschien war die „Angst ist mein König“-Maxi. Danach erschienen noch zwei Platten – „Magdalena“ und „Schöne Weihnachten“ – bei Ulan Bator. 1986 brachte Martin Fuchs, auf seinem All Roads Lead To Beatown-Kassettenlabel eine Kassette mit den den durchnumerierten Kosmonautenträumen und weiteren Stücken raus. Noch 1989 tauchte der Kosmonautentraum in der kompletten Liste „aller deutscher Bands“ in Spex auf. Dort wird in der Diskografie noch die LP „Prinz der Ghettos“ (Muster) genannt, dies könnten u.U. die nie von ZickZack veröffentlichen Aufnahmen sein, die es laut Gerüchten geben soll. Zusammen mit Marcus Oehlen (Ex-Mittagspause) brachte Ziggy XY die 12inch „Beer Is Enough“ bei What’s So Funny About heraus und dann gibt es noch eine 7inch der Hamburger Band Säurekeller an der Ziggy XY beteiligt war.

Literatur:

  • Braunsteiner, Ewald, „Berlin 1981“, In: Sounds, Hamburg, Nr. 6/1981 (Jahrgang 13), Seite 9/10
  • Heise, Christine, „Kosmonautentraum – Mit Trompeten in die Idylle“, In: Sounds, Hamburg, Nr. 2/1982 (Jahrgang 14), Seite 9

Leseprobe Blechluft 3

„Dies ist Hamburg und nicht Seattle, Dirk“ – Edition Blechluft 3

 

BL3

YAHAHIHI,YAHAHIHI. Der Auftrag der auf dem Blatt gestanden hatte, war eigentlich nicht schwer, aber auch nicht kinderleicht, denn das Problem war, dass ich zuwenig von der Materie verstand. Klar wußte ich gleich was er von mit wollte und war auch sofort gegeistert, aber er sprach Sachen an, von denen ich noch nie gehört hatte. Wer waren Hallelujah Ding Dong Happy Happy, Die Gants, We Smile und vor allem wer oder was nannte sich Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs? Und L’age D ‚or sagte mir eigentlich auch wenig. Klar, Hamburger Schule, Die Sterne, Tocotronic und vielleicht gehörten auch Blumfeld dazu. Das ließe sich sicherlich alles klären.[…]
Auf einer Seite des Indigo-Vertriebes wurde auf den Sampler „Geräusche für die 90er“ hingewiesen, mit „Religion Is No Joke“ von Hallelujah Ding Dong Happy Happy und „Hund“ von Kolossale Jugend. „Oh, verdammte Scheiße“, rief ich. Diese Platte hatte ich erst in der letzten Woche in einem Secondhand-Plattenladen gesehen, aber gelangweilt stehen gelassen.
Ich sprang direkt in die Jacke und fuhr mit der U-Bahn zu dem Laden. Natürlich hatte ich Angst, dass mir jemand zuvor gekommen war […]
Zuerst wollte ich aber diesen „Hamburg nicht Boston“-Sampler von 1989 anhören. Der beginnt mit dem Stück „Dwarfs 98“ von Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs. Nun, das ist Heavy Metal, Hardcore. „Gib mir mal ein Bier“, rief ich Volker zu. Das würde viel Arbeit geben. […] Das Stück von Carol v. Rs. Band Die-Gants ist dann lupenreiner Wave, den man nur in den 80ern machen durfte, damit man als Band nicht als Retro verschriehen ist. „Leading“ wäre in jeder Wave-Disco gern gespielt worden. […]
In einer 86er Ausgabe [der Spex] stand etwas über Cpt. Kirk & drin, die sich gerade von Cpt. Kirk & his incredible lovers zu Cpt. Kirk & umbenannt hatten und nun eine Platte („Stand rotes Marid“) bei Whats So funny about machen wollten. Im Februar wurde von einer Veranstaltung („Soul-All Nighter“) im KIR berichtet, die von „Hamburgs Nummer-Eins-Beat Band Die Antwort“, der Band von Bernd Begemann, veranstaltet wurde. Es spielten neben der Antwort: Venustropfen, Butterfly Collectors, Timo Blunck Band […]
Der Plattenkritik (9/94) von Christoph Gurk zur zweiten Blumfeld-LP „L’Etat Et Moi“ wurde ein Zitat von Dirk von Lotzow vorangestellt: „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein.“ ‚Dirk von Lotzow? Muß man den kennen?‘, haben sich vielleicht einige Spex-Leser gefragt. Erst in der Oktober Spex wurde die Tocotronic Single mit der genannten Zeile vorgestellt.
(Auszug aus „YAHAHIHI,YAHAHIHI“, eine Recherchegeschichte).

Außerdem werden in dem Artikel („Story im Stil eines Groschenheftkrimis“ D. Decker) erwähnt: Arthur Dent, Frank Spilker, Die Freie Garage, Die Goldenen Zitronen, Brosch, Die Regierung, Huah, Das Neue Brot, Bernadette Hangst, Mense Reets, Workshop, Sensorama, Les Robbespierres, Rocko Schamoni, Stella, Egoexpress, Die Allwissende Billardkugel, Guz, Mastino, Ascii.Disko, Superpunk, 1/2 Couch…

 

OLAF KRAEMER: Angefangen hat es 1978 in Göttingen. In einem Plattenladen namens Boots, benannt nach einer Sixties-Band aus Hannover, in dem Frank [Dieckmann], der auch aus Hannover kam, als Schallplattenverkäufer arbeitete. Der Laden hatte als einziger in der Stadt Importpressungen und Neuerscheinungen von unabhängigen Plattenlabels. Hinter diesen Platten verbarg sich die ganze Philosophie von frei fließender, unkontrollierbarer Subkultur. Sie waren in unseren Augen hochgradig subversiv und unberechenbar. Alle zwei Wochen kamen die verklebten Kisten mit jeweils ein oder drei Exemplaren merkwürdiger Sounds und Cover aus England und den USA, wie Wundertüten. Jede Platte darin ein neues Mem, dass sich in einigen Köpfen replizierte, die so genannten old farts oder hippies aber zum Glück verschonte. Ich war achtzehn oder neunzehn und hoch beglückt eine eigene Kultur mit eigener Sprechweise zu finden. Am Anfang gab es die Bezeichnungen Punk und New Wave noch nicht wirklich, die Musik war Genre übergreifend, fließende Ãœbergänge zwischen Hardcore und Kunst. Frank und ich waren besonders von den Residents und einer frühen Platte von Devo fasziniert, die Brian Eno produziert hatte. Dann Throbbing Gristle und in meinem Fall auch sehr die Clash und Sex Pistols.
(Auszug aus „Huckepack und zu Hunderten“).

 Auswahldiscographie: German New Wave und Punk Umfeld 1977 bis 1985, N – S

Vorgestellt werden: Nachdenkliche Wehrpflichtige, Name, Napalm, Neonbabies, Neues Deutschland, Neurotic Asseholes, Nichts, Niveau Null, No More, Organbank, Östro 430, P1/E, Pack, Padeluum und die Publicity Band O.N.M., Palias Schaumburg, Panzerknacker AG, Die Partei, The Petticoats, Petticoat/Crash, The Petticoats, P.D., Pension Stammheim, Permutative Distorsion, Phonophobia, Phosphor, Der Plan, Plaza Hotel, Populäre Mechanik, Prinz Polariod und der freie Westen, Die Profis, Propaganda, Pseiko Lüde & die Astros, Pseudo Elektronixx, Psychotic Tanks, Punkenstein, Pyrolator, Quick Culture, Die Radierer, R.A.F.Gier, Rainy Day Woman, Razors, Die Regierung, Reifenstahl, Residenz, Rex Dildo, Rexiw, Rotzkotz, Saal 2, The Salions, Scala 3, Schlaflose Nächte, Seen links/Schlösser rechts, Schön, Die Schönsten, Nina Schultz, Mattias Schuster, Schwarz Weiss, Sender X, Xao Seffcheque und die Post bzw. der Rest, Siluttes 61, Ski und der Rest, Slime, Soilent Grün, Splitter, Sportsmann, Sprung aus den Wolken, Stille Hoffnung, Strafe für Rebellion, Tommi Stumpff, Strassenjungs, Stunde X, Surplus Stock, Die Suurbiers, S.Y.P.H., System

 Platten und Plattenkritiken: Der Plan, 7inch, Selbstverlag, 1979 („Das Fleisch“, ART ATTACK 1979)
„Die Aufnahmen dieser Platte wurden in der Wohnung/im Studio von Art Attack, einer Ex-Wuppertaler Künstler-Jazz-Gruppe, sämtlich mit einem Kassettenrecorder gemacht. Die technischen Eigenschaften entsprechen allerdings dem musikalischen Inhalt: die Plan-Geräusch-Collagen gehen nicht in die Beine, sondern wollen/können alle möglichen Gefühle ansprechen und teils bedrohliche Assoziationen auslösen.“ (Alfred, Hilsberg, Rock Session 4, 1980)
„Hier benutzt der Plan noch teilweise gängige Strukturen; Schlagzeug und Gitarre sind auch noch dabei. Das Meiste ist wohl mehr oder minder improvisiert, aber Frank Fenstcrmacher erzählte mal, daß sie das immer so machen Höhepunkt ist wohl das Fleisch, wild und zerrissen.“ (Andreas Müller, Wellenreiter (Bonn), Nr. 2/1980)
Der Plan, LP, „Geri Reig“, Ata Tak WR 003, 1980
„Erffrischend eigenständige Collagc aus Avantgarde-Tönen und melodiösen Elektronik-Ohrwürmern. Einflüsse von Westcoast Gruppen wie Residents und englischer neuer Musik, aber auch deutscher Elektronik der 70er Jahre sind zu spüren, aber Konzept und Inhalt des Plan bleiben autonom und machen die Düsseldorfer Gruppe zu einer der wichtigsten Entdeckungcn hierzu Lande.“ (Altred Hilsberg, Rock Session 4,1980)
„Jetzt wird’s ernst: der Plan hat fertiggebracht, worauf nicht nur ich jahrelang gewartet habe: eine neue Volksmusik. Ein absolut gefährliches Nonsens-Produkt, der Start zum Weltaufstand, in dem der Rock ’n‘ Roll untergeht und GERI REIG entsteht Geri Reig = Volksmusik. Jeder kann so was machen, und die Platte müßte eigentlich vielen Leuten viel Mut machen. . . . Hört diese Platte macht selbst was!“ (Alfred Hilsberg, Sounds 3/1980)
Der Plan, 7inch, Seite 1: „Da vorne steht ne Ampel“ Seite / „Rot Grün Tot“, Ata Tak WR 005, 1980
Der Plan, 7inch, Seite 1: „Da vorne steht ne Ampel“ Seite 2J „Rot Grün Tot“, Teldcc 6.13.443,1982
„Die Hits des Monats kommen von der Elektronik- Front. . . Der Plan aus Düsseldorf mit ,Da vorne steht ne Ampel‘ . . . ist ein Teil des Gerireigischen Projekt der Düsseldorfer, die StVO zu ändern. Auch die Rückseite beschäftigt sich mit gewohntem Witz und Charme mit roten/grünen Ampeln.“ (Diedrich Diederichscn, Sounds 8/1980)
„Endlich ist die neue Singel von Deutschlands begabtester Pop Band da, beide Seiten sind tolle Ohrwürmer und die Texte sind auch toll. Wer nur Zeichen sieht ist tot, oh weie wahr.“ (Tesa Film [ Andreas Müller ], Datenverarbeitung, Nr.5/1 980)
Der Plan, 7inch, „Wir werden immer mehr“ / „8 1/2“, AtaTakWR011, 1981
Der Plan, LP, „Normalcttc Surprise“, Ata Tak WR 007, 1981
„15 neue Schlager aus Düsseldorfs Pop-Factory, 15 beschwinge kleine Single-Hits à la ,Da vorne. . .‘ . . . Diesmal wird zwar niemand schreien: ,Genial!‘; denn die fundamentale Ãœberraschung hat der Plan ja schon mit seiner ersten lP geliefert. . .
,Fr. Nicol‘, ein straightes, aber freches, jungshaftes Liebeslicd . . . ,Renate‘, eine Tragikomödie über Haushaltsunfälle; ,Ich geh zurück in die Atmosphäre‘, ein Song, für den es bereits vor seiner Veröftentlichung einen Fan-Club gab; ,Generäle essen Erdbeereis‘ – die schönste Melodie der Platte und ,Das Insekt‘ – der Song für die Tiefsinnigen.“ (Diedrich Diedcrichsen, Sounds 4/1981)
Der Plan, LP, „Die letzte Rache'“, Ata Tak WR 017 , 1983
Der Plan, 7inch/12inch‘?, „Gummi twist“ / „Space bob“, WEA, 1983
Der Plan, Do-7inch, „Golden Cheapos“ mit: „Glitzer – Gleiter“ / „Hey baby hop“ / „Europa – Hymne“ / „Lipizzaner – Eskapade“, Ata Tak WR 23,1984
„Der Plan schreibt neuerdings Hymnen – nahezu instru- mental, mit dem bekannten infantilen Charme und Leierkasten-Atmosphäre. Mit ,Hey Baby Hop‘ schielt man glattweg nach alternativer Dancecharts.“ (Frank Lähnemann, Spex 1/1985)
Der Plan, LP, „Fette Jahre“, Ata Tak WR 34, 1985
Bandbiografie: Mortiz R [Rrrr wie Reichelt] und Frank Fenstermacher betrieben in Wuppertal die kleine Galerie Art Attack und machtcn zuerst als Karmann Ghias und kurz später als Weltaufstandsplan Musik. Kurt Dahlke gehörte zur Gruppe YOU die in Gevelsberg wohnte und sich später in Deutsch-Amerikanische-Freundschaft umbenannte. Zusammen mit Chrislo Haas und Robert Görl von YOU machten R und Fenstermacher einige Aufnahmen mit Fenstermachers Diktiergerät im Keller von Mittagspause Gitarrist Franz Bielmeier. An eine Veröffentlichung wurde zunächst nicht gedacht. Weltaufstandsplan hatte wenig später in Hamburg einen Auftritt in der Markthalle. „Als erstes tritt der Weltaufstandsplan in kraft (oder besser gesagt in krampt) das warn zwei leute: stimme /synthesizer und gitarre/ synthesizer. einer war der mann von art attack… wer davon schön gehört hat, weiß, was von der bühne kam: keine musik! ! ! geräusche, lärm, texte: abstrakte gedicht aufsagen: kurz – der gegensatz von rock’n’roll, totale mittelstandskultur, oder anders: nich mein Fall …“, konnte man im Hamburger Fanzine „Preiserhöhung“ (zitiert in Sounds 10/1979) über den Auftritt lesen. Zusammen mit dem Bassisten Kai Horn absolvierte Weltaufstandsplan einen Auftritt in Neuss und einen in Gelsenkirchen. Mittlerweile hatte sich die Deutsch Amerikanische Freundschaft (DAF) mit Görl, Haas. Dahlke, Michael Kemner, Wolfgang Spelmans und Gabi Delgado-Lopez gebildet. DAF nahm ohne Gabi Delgado-Lopez eine LP auf, die Dahlke als erste Platte auf seinem Label Warning Records veröffentlicht. DAF siedelte dann mit Gabi Delgado-Lopez, aber ohne Kurt Dahlke nach England. „Damals hab ich allein in Wuppertal gewohnt, neben ’ner Fabrik. Wenn die dann um 7 Uhr morgens anfingen mit den Maschinen … da hat sich also dann bei mir ’ne Agression gegen Maschinen aufgebaut. Ich hab meine Agressionen dann aber handfest umgesetzt, indem ich mich an den Synthesizer rangesetzt hab. […] Moritz wohnte damals zusammen mit Frank in Wuppertal in der Galerie … Weltautfstandsplan und so. Da hab ich die eben auch kennengerlernt in der Galerie“, erinnerte sich Kurt Dahlke 1981 (Rock Ses- sion 5). Weltautfstandsplan nannte sich nun Der Plan und veröffentliche die Aufnahmen die in Bielmeiers Keller entstanden waren 1979 auf einer Single. Dahlke schloß sich dem Plan an und veröffentlichte als Pyrolator seine erste LP „Inland“. Die erste LP von Der Plan nannte die Band „Geri Reig“ (1980). Die Idee hinter dem Titel war Moritz R währcnd eines USA Auf- enthalts gekommen. „Geri Reig bedeutet, daß man mit eigenen Mitteln was schafft. Die Idee ist das Zündende, keine gigantischen Studios. Jeder kann was machen. Es gibt den amerikanischen Begriff to jerri reig, d.h. praktisch etwas improvisieren. Du willst ’n Auspuff repa- rieren, hast aber keinen neuen Auspuff, sondern flickst da so’n Schlauch rein. Da würd man vielleicht sagen to jerri reig“, erläuterte Moritz R (Rock Session 5,1981). Der Plan trat bei Festivals auf, z.B. in Berlin bei „Belehrung und Unterhaltung“ (mit S. Y.P.H., DAF, Fehlfarben, P.D., Mania D.) oder beim zweiten „Shvantz!“ in Zürich. Frank Fenstermacher gehörte 1980 mit zur Düsseldorfer Band Die Fehlfarben, Dahlke wirkte mit seinem Synthesizer beim Fehlfarben-Stück „Paul ist tot“. Oft wurden Der Plan die deutschen Residents genannt. „Die Residents sind immer noch die Besten. Was die kreativmäßig geleistet haben, ist ungeheuerlich. Davon sind wir zwangsläufig beeinflußt worden. Das ist jetzt vorbei. Auf unserer ersten Platte war das noch zu merken. Fan bin ich immer noch, sogar mit Mitgliedsnummer“, sagte Moritz Rrr 1981 gegenüber Alfred Hilsberg von der Sounds. „Moritz war ein großer Fan von den Residents. Ich habe damals mit ihm zusammen den Leiter des Residents-Fanclubs besucht, und er hat dann sogar mal die Residents getroffen. Ich glaube, was uns am meisten beeinflußt hat, war die Tatsache, dass die Residents eine Art eigene Welt kreiert haben, eine eigene musikalische Sprache. Das haben wir auch versucht, ohne die Residents kopiercn zu wollen“, meinte Kurt Dahlke im Antwortschreiben an Blechluft in 2002. Ebenfalls 1980 veröffentlichten die drei die Single „Da vorne steht ne Ampel“, die zunächst auf dem bandeigenen Ata Tak-Label und später bei Teldec veröffentlicht wurde. 1981 erschien die zweite LP „Normalette Surprise“. Nun begann das Ata Tak-Label nicht nur Tonträger mit eigenen Projekten zu veröffentlichen, sondern förderie auch andere Bands. Bereits im Herbst 1980 hatte man die ersten Singles von Holger Hiller und Wirtschaftswunder veröffentlicht 1981 folgten Andreas Dorau mit der Single „Fred vom Jupiter“ und der LP „Blumen und Narzissen“, zwei Klassiker der NDW. 1983 veröffentlichte Der Plan die LP „Die letzte Rache“ als Soundtrack zu Rainer Kirbergs gleichnamigen Film. Die Single „Gummi Twist“ erschien 1984 bei der WEA und wurde ein kleiner Hit. Noch im gleich Jahr erschien wieder bei Ata Tak die Doppelsingle „Golden Cheapos“ und im Jahr darauf die LP „Fette Jahre“. Es handelte sich um „eine Jubiläumsplatte mit den größten ‚Hits‘ aus fünf Jahren Plan, die jedoch gemixt oder sogar in ganz neuen Versionen vorliegen“ (Moritz R, 1993). Während andere Bands der Bewegung längst aufgegeben hatten, arbeitete Der Plan und das Ata Tak- Label weiter. „Zu diesem Zeitpunkt war die ,Neue Deutsche Welle‘ ganz und gar vorbei, und man konnte Bilanz ziehen. Andere NDW-Gruppen hatten hundertmal soviele Platten verkauft wie wir …“, schrieb Moritz R in seinem Buch „Der Plan – Glanz und Elend der Neuen Deutschen Welle“ (1993). Der Plan veröffentlichte bis 1992 weitere Tonträger und löste sich dann auf. Fenstermacher und Dahlke machten Ata Tak weiter. Fenstermacher war am Comeback der Fehlfarben Anfang der 90er Jahre beteiligt Dahlke war als Produzent tätig. Gemeinsam machten sie später das Projekt A Certain Frank. 2002 waren sie an einem erneuten, diesmal wirklich erfolgreichen Comeback von Die Fehlfarben beteiligt.

Platten und Plattenkritiken: Schlaflose Nächte, 7inch, “ Flüstern / Move „, Armageddon AS019,1981
Schlaflose Nächte, 12inch, „Drum Dance and Song“ / „Dub“ / „Mental“, Red Flame RF 1207, 1982
Schlaflose Nächte; LP, „The Angel will not come“, Kremlin Product kr010, 1983
Bandbiografie: Schlaflose Nächte
„Mit meiner Band Schlaflose Nächte sollte ich zur Platzbesetzung in Gorleben spielen. Wir suchten noch eine zweite Band. Da schon wir – damals noch, ich gebe es schamvoll zu – eine Hippie-Combo waren, sollte es ein Kontrast-Programm werden. Also machte ich mich frohen Mutes auf zum damals angesagten Zensor. Der verwies mich an einen ebenfalls in Berlin-Schöneberg gelegenen fein wavigen Laden namens Eisengrau. Dort solle ich nach einem gewissen Blixa Bargeld fragen“, schrieb ein ehemaliges Mitglied der Schlaflosen Nächte anonym in einem Forum im Internet. Der gemeinsame Auftritt mit den Einstürzenden Neubauten kam nicht zustande, aber fortan kannten sich die Leute, machten gemeinsame Sachen. Von den Neubauten waren F.M. Einheit, Alex v. Borsig und auch Blixa Bargeld zeitweise mit an der Hand beteiligt. Ansonsten waren es Peter Prima (Schlagzeug), Gila Mousseau ([oder Mousson] Bass, Percussion, Gesang), Bernie Von Braun (Bass, Gitarre, Percussion, Synthesiser) und Nikko. „Schlaflose Nächte war eine Berliner-Amsterdamer Band. 1983-84 lebten und arbeiteten wir fast ausschließlich in A[mster]dam. Peter, der Drummer, hatte seine Wohnung und unseren Ãœbungsraum mitten im Redlight-Bezirk, was manchmal zu kuriosen Szenen führte. Wir hielten uns mit solchen Jobs wie nachts Autos für’s Verkehrsamt zählen über Wasser. Ansonsten machten wir Musik, Musik, Musik. Wir wollten endlich Geld mit unserer Musik verdienen, Trash-Pop, eine Mischung aus dem Industrie-Trash-Sound von Berlin und kommerzieller Popmusik. Zu einem Plattenvertrag ist es nicht gekommen, aber dafür sind wir durch halb Europa getourt“, schrieb ein weiteres Bandmitglied im Internet. Die „Musik war geprägt vom Industriesound, Experimentierfreude und der Lust, aus allen nur erdenklichen Materialien Töne zu erzeugen. B. von Braun war der Godfather of Drum’n Bass, zu einer Zeit als noch keiner wußte, was das ist“ (Zitat).

Leseprobe Blechluft 4

„Kassette sich wer kann“ – Edition Blechluft 4

BL4

[…] Interessant ist, dass Franz Bielmeier bereits in der allerersten Ausgabe seines Fanzines The Ostrich im Frühjahr 1977 Kassetten von seiner Band Charley’s Girls anbot. Abgesehen davon, dass die Band eigentlich wohl noch gar nicht richtig existierte, und ohne Franz Bielmeier hier als einen Pionier der Kassettentäter hochjubeln zu wollen, lässt sich daran erkennen, dass die Kassette schon zu der Zeit als ein mögliches Veröffentlichungsmedium für kleine Auflagen angesehen wurde.

[…] Erstes bundesweit zugänglichs Medium in dem Kassetten erwähnt wurden, war die Rubrik „Neuestes Deutschland“ (ND) in der Zeitschrift Sounds, die ab Januar 1980 (Ausgabe Februar 1980) von Alfred Hilsberg geschrieben wurde. Fortan war ND eine wichtige Plattform für alle noch unbekannten Bands im Umfeld der Neuen Welle. („Der Anstoß, Kassetten zu produzieren, kam durchs Sounds,. Die hatten eine Seite wo Kassetten vorgestellt wurden. Die war reichlich bekannt und auch das Medium, über das man sich kennen gelernt hat“, erinnerte sich Armin Hofmann. „Eine große Rolle hat dabei Alfred Hilsberg im Sounds, gespielt – der hatte 1980/81 in jeder Ausgabe eine kleine Rubrik mit Kassettenkritken, und das war natürlich die billigste Möglichkeit, bundesweit bekannt zu werden, wenn man da eine Kassette besprochen bekam.“, meinte Wolfgang Arnold). Auf einer Heftseite wurden Neuigkeiten, Adressen und Gerüchte aus der westdeutschen Punk- und New Wave-Szene verkündet.

Im ND erwähnte Hilsberg auch die ersten Kassetten von Deutschdenck (Pure Freude-Label) aus Düsseldorf und Frieder Butzmann (Eisengrau-Label) aus Berlin. …

In den 70er Jahren gab es in Berlin das Kassettenlabel Stechapfel. Bei Stechapfel kamen allerdings meistens politische Kassetten raus […] Schließlich gab es bereits im Ausland unabhängige Label die zeigten, dass man auch nur auf Kassette veröffentlichen konnte (z.B. gründete Philip Sanderson 1978 Snatch Tapes in England und Neil Cooper das bekannte Roir-Label 1979 in den USA).
(Auszug aus „Einleitung: Kassette sich wer kann – Eine Reise durch die Kulturlandschaft der Kassettentäter“)

Wie bist Du darauf gekommen Kassetten zu produzieren?
Walter Truck: Das mit den Tapes habe ich so 79/80 begonnen. Damals ging es darum seine Musik zu veröffentlichen, weil es Freude machte. Weil man ein Rockstar sein wollte: wenn drei Gitarren.Griffe zum Idol reichen sollten, warum dann nicht ein Tape? […]
Graf Haufen: Das muss so Ende 1980 gewesen sein. Die ersten Tapes, die ich bekommen habe, waren von Walter Truck „Alptruck“, herausgegeben. … Nach dem ich die ersten Tapes hatte, wuchs schnell der Wunsch, der Szene etwas beizusteuern/zurückzugeben. Dann wurden die Graf Haufen Tapes geboren. […]
Joachim Reinbold: Ende der 70er gab es einen „zweiten“ Anlauf, als ich eine Revox-Bandmaschine und später dann eine TEAC 4-Spur kaufte. Ãœber diverse Fanzines und Mund-zu-Mund-Propaganda geriet ich dann an den legendären Graf Haufen, der sich auch „meiner annahm“ und einige Kassetten vertreiben konnte, obwohl meine eher poppige Musikrichtung mit JAR bei ihm eher deplaziert war. Somit kam ich auf die Idee selbst einen Kassettenvertrieb zu gründen, ich glaube 1980 oder 81?

Kassettenproduktion
Iko Schütte: Ich habe sämtliche Kassetten 1:1 selbst kopiert! Eine Heidenarbeit, die Bestseller Mottek und Notausgang haben jeweils eine Auflage von ca. 250 gehabt […]
Matthias Nama: Die Kassetten wurden mit einem Kassettenkopiergerät vervielfältigt, Masterkassette rein und dann konnte man mit doppelter Geschwindigkeit die Tracks auf die Finalgeneration überspielen. Qualitätseinbußen musste man allerdings hinnehmen. […]
Ulrich Bogislav: Ach Kopierwerk, viel zu teuer für so kleine Auflagen. Immer zu Haus gesessen und tapfer Band für Band mit einem Doppelrekorder von Iko. Bier getrunken und immer wieder die gleichen Stellen der eigenen Musik gut gefunden. […]
Molto Menz: Als Nichttechniker habe ich nie selbst kopiert, allenfalls C-10. […]
Harald Sack Ziegler: Kopiert habe ich sie Anfangs selber und später dann 1:1 kopieren lassen. Jedoch habe ich mir fast immer die Mühe gemacht jede einzelne Kopie vor dem Versenden zu prüfen.[…]

Kassettenvertrieb
Frank Fremd: Vertrieb ging lokal im Buchladen, Molto [Menz] hatte auch von jedem Tape ein paar abgenommen. Das allermeiste ging jedoch per Post an Private, die ich per Fanzine kennen gelernt hatte. Ich hatte damals sehr regen Briefverkehr mit zig Leuten und Bands, und so wurde halt viel getauscht. […]
Sea Wanton: Entweder wurden die Produkte dann direkt an Interessenten verschickt oder den entstandenen Kassetten-Vertrieben wie Du Bist So Gut Zu Mir (Molto Menz in München) oder Graf Haufen Tapes (Berlin), der Scheißladen (Berlin) … zugeleitet (als „Kommissionsware“). Daneben gab es auch Tauschgeschäfte mit Labels wie Cassettencombinat und Datenverarbeitung. […]
Molto Menz: Der Vertrieb, das Verbinden, das Verteilen lag mir mehr am Herzen. Musik gemacht haben ja alle […]

Kassettengestaltung
Udalrich Wamsiedler: Die ersten Cover waren noch handgemalt. Das waren noch die Zeiten bevor wir das mit dem Fotokopieren für uns entdeckt hatten. Die Kopien waren so schlecht, wenn du etwas flächiges hattest, kam das gar nicht richtig raus.
Andreas Wind: Wobei bei der „Kontraktion“ habe ich die Rückseite mit der Schreibmaschine geschrieben. […] Ich habe mit einem Lineal Linien gezeichnet, damit ich wusste wo der Zeilenumbruch verläuft.
(Auszüge aus den Interviews)

Leseprobe Blechluft 5

„NDW-Archäologie“ – Edition Blechluft 5

 

BL5

Als 16jähriger traf Mark Pfurtscheller 1975 in der Schulchorband des Diezer Gymnasiums den gleichaltrigen Tom Dokoupil, der während des „Prager Frühlings“ 1968 mit seinen Eltern aus der Tschechoslowakei nach Deutschland geflohen war. Zusammen mit dem Bassisten der Schulchorband, Stefan Muskat, wollten sie eine Band gründen. Auf der Suche nach einem Schlagzeuger fanden sie Jürgen Beuth, der zwar lieber Gitarre spielen wollte, aber schließlich doch überredet werden konnte hinter dem Schlagzeug platz zunehmen. Als Bandnamen einigten sich die vier auf Crypton. „Musikalisch lag das so zwischen Doors, Zappa, den frühen Genesis und Jazzrock mit theatralischen Elementen“, beschrieb Mark Pfurtscheller später die ersten Einflüsse von Crypton „So eine richtige Schülerband: Nicht Fisch, nicht Fleisch. Aber für uns eine gute Erfahrung, um ein wenig Routine zu bekommen und im Raum Limburg aufzutreten.“ Tom Dokoupils Eltern kauften ihrem Sohn ein kleines 4-Spur-Studio, das im Haus der Eltern aufgebaut wurde. Dort wurden dann später die ersten Demos und auch die ersten Plattenaufnahmen gemacht. Neue musikalische Ideen erhielt die Band durch Tom Dokoupils älteren Bruder Jiri Georg, der zu dieser Zeit Kunst studierte. 1978 war Jiri Georg Dokoupil längere Zeit in New York gewesen. Als er zurück kam, erzählte er „von der ’neuen‘ Musik und Kunst, von neuen Konzepten und Ideen“, erinnerte sich Pfurtscheller. Die Musiker von Crypton ließen sich von diesen neuen Ideen aus New York anstecken. „Wir alle spürten, dass ein Wechsel kommen mußte. Die alte Musik dudelte nur noch nichtssagend vor sich hin. Ich hatte das Gefühl die Entstehung einer neuen Zeit mitzuerleben, und wollte unbedingt dabeisein, wenn es passiert.“ Gierig sogen sie alles auf was sie über die neue Musik in Erfahrung bringen konnten und was ihnen zu Gehör kam. Sie schnitten sich die Haare ab, kauften sich Secondhandanzüge und reduzierten ihre Musik auf das Wesentliche. Da der Name Crypton nicht mehr zu der neuen Musik paßte, suchten sie nach einem neuen Namen. Als Favoriten blieben Die Bauknechts und Wirtschaftswunder übrig, man entschied sich für den letzteren Namen. In der ersten Besetzung von Wirtschaftwunder hatte die Band drei Sänger: Tom Dokoupil, Mark Pfurtscheller und Stefan Muskat. In dieser Konstallation bestritt die Band auch einen Auftritt im Limburger Club de Jeunesse, den C.B. später als einen spießigen christlichen Jugendclub bezeichnete, wo „Abiturienten mit VW-Golf, den die Eltern zum 18. spendiert hatten“, Genesis und Pink Floyd hörten. Wirtschaftswunder wollte nicht mehr nur die alte Musik kopieren, sondern etwas neues schaffen. „Wir haben einfach angefangen zu experimentieren, zwei, drei Monate lang, keine richtigen Stücke mehr gespielt, alle Proben auf Band aufgenommen, abgehört, verbessert usw. …
(Auszug aus „Die Limburger Pest – Neue Popmusik in Limburg/Lahn, 1975 bis 1985“) Mit eigene Interviews: Klaus Gasteier (u.a. Blumen ohne Duft), C.B. (Die Radierer, Blumen ohne Duft, Korpus Krist), Mark Pfurtscheller (The Wirtschaftswunder), Reinhard Langschied (Gast-Musiker bei Schulsport), Andreas Müller (Fanzinemacher in Bonn), Richard Gleim (Fotograf und Gast-Musiker bei Schulsport). 36 Seiten.

Um 1984 von den Fehlfarben noch etwas zu hören, mußte man schon ein Insider sein und das Geschehen in der deutschen Musiklandschaft gut beobachten. Für die Öffentlichkeit waren sie schon langer verschwunden. Die Band selber war in der ersten Hälfte 1984 kaum aktiv. Im Herbst 1984 kam dann Spex-Autor Dirk Scheuring nochmal zu den Fehlfarben, die wollten es nochmal wissen. „Die Band fühlte sich von ihrer Plattenfirma EMI zu wenig unterstützt und wollte den Vertrag kündigen; die EMI verlangte zwei noch ausstehende Platten oder aber eine ‚Overwrite‘-Vereinbarung, eine Art Ablösesumme, im Falle eines Firmenwechsels. Die Forderung war so enorm, daß die Band nicht akzeptieren konnte, aber eben auch keinen anderen Vertrag unterschreiben konnte; erst vor kurzem wurde eine Einigung erzielt und der Vertrag gelöst. Mit möglichen neuen Partnern verhandeln die Fehlfarben zur Zeit noch; das Material für eine neue LP ist allerdings schon fast fertig produziert. Um sich nach langer Pause wieder ins öffentliche Bewußtsein zurückzubringen, geht die Gruppe im November auf eine ausgedehnte Deutschland-Tournee“, schrieb Dirk Scheuring zur Intervieweinleitung in der Spex. Die Fehlfarben hatten für den November eine Tour mit 20 Auftritten geplant. „Wir wollen mit der Tour erst mal wieder reinkommen in das Spielen der Gruppe, nach einem dreiviertel Jahr Pause, Anwalt, EMI und Ärger“, meinte Thomas Schwebel. Musikalisch knüpfte die Band an „Glut und Asche“ an. „Vom Arrangement her sind die Sachen allerdings einfacher geworden; auf der letzten LP war vieles zu voll und es gab, muß man sagen, auch zu viele unnötige Spielereien.“ Popmusik mit deutschen Texten gab es in dieses Jahren eigentlich gar nicht, wenn dann von Herbert Grönemeyer oder Marius Müller- Westernhagen. Die Toten Hosen und die Ärzte waren einige der wenigen Bands die noch erfolgreich deutschsprachig weitermachten. Die Fehlfarben, die ein völlig anderes Publikum ansprechen wollten, als die beiden letztgenannten Bands, wollten nun auch für ihren Erfolg kämpfen. „Ich will, daß die Fehlfarben endlich die Anerkennung kriegen, die sie verdienen – als eine wichtige Band, als ein seltenes Exemplar“, war die Aussage von Schwebel. „Willst Du das die Fehlfarben die erfolgreichste Popband Deutschland werden?“, fragte Dirk Scheuring. „Ich will es, ja und ich werde es auch versuchen. Aber der Weg dahin ist lang, denn in Deutschland geht das nur über Touren; ich bin nicht so vermessen zu glauben, daß das in den nächsten Monaten zu erreichen ist. Ich will jetzt erst mal versuchen, mit dieser Tour in eine Position zu kommen, wie wir sie vor und bei ‚Glut und Asche‘ hatten, und dann weitersehen.“
(Auszug aus „Die Fehlfarben“) 48 Seiten.

 Nun begann ich mit der Recherche. Im Internet fand ich über Sunny gar nichts, auch über „Logemann“ kam ich nicht weiter. Es kommt nun auch kein Satz wie: „Es ergab sich eine plötzliche Wendung, als sich X bei mir meldete.“ Nichts dergleichen. Keine Spur von Sunny – nur diese drei Singles. Auf den Platten steht allerdings noch von wem die Platten hergestellt worden sind: Jacobs & Wehrhahn, Postfach, 5 Köln 30. Die erste Single ist auf dem Label „Sound- Record“, einem Unterlabel von „New Blood“, erschienen. New Blood wurde von Helmut Jacobs (der bereits 1977 verstarb) und Manfred Wehrhahn 1972 gegründet. Man begann mit Schallplatteneinzelaufnahmen, Jacobs beschäftigte sich seit seinem 17. Lebensjahr hobbymäßig mit Schallplatteneinzelschnitten. 1974 hatten sie eine Folienschneideanlage für Stereoschnitte, damit konnten sie Einzelaufnahmen für Bands herstellen. Ein Jahr später machte man Lohnpressungen mit Folienschnittfertigung und Handkonfektionierung der Schallplattenhüllen. Ab Mitte 1976 wurden dann Künstler unter Vertrag genommen. „Die Firma New Blood Schallplatten war zu diesem Zeitpunkt einmalig in Deutschland, da sie schlummernden Talenten die Möglichkeit eröffnete, preiswert ihre Werke auf LP oder Single zu verewigen“, heißt es auf der Homepage von Radar Music. Wo und wie hat sie wohl ihre Singles verkauft oder wem geschenk? Immerhin waren es ja drei Singles, auch wenn die Auflage nicht sonderlich hoch gewesen sein wird. Sunny wollte wohl so etwas wie Rock ’n‘ Roll machen und glaubte wie die Wiggins Sisters, dass sie wirklich gut sei. Vielleicht war es aber auch nur der Traum eigene Platten gemacht zu haben. Wer wollte das damals nicht. Eine Platte, dass war schon was. Punk oder New Wave, davon hatte Sunny wohl gar nichts gewußt. Darüber braucht man gar nicht zu diskutieren. Und trotzdem lohnt es sich diese Singles als Statement einer Selbstverlegerin in den 1970er Jahren zu betrachten. Dieser Gesichtspunkt scheint mir hier im Hinblick auf die in den Jahren danach folgende so genannte unabhängige Produktion von Schallplatten und Kassetten und deren Vertrieb am wichtigsten. Die Vergangenheit dieser drei Singles zu „durchdringen und zu erfassen“ wäre sicherlich eine spannende Angelegenheit.
(Auszug aus „Sunny is as dynamite – Über die Unfähigkeit jede beliebige Vergangenheit zu durchdringen und zu erfassen“). 8 Seiten.

Auswahldiscografie/-biografie T bis Z und Sampler mit deutschen Punk-, New Wave und einigen Old School-NDW-Bands

Vorgestellt werden: Tank of Danzig, Die Tanzdiebe, The Tanzdiele, Taugenixe, Teja (Schmitz), Tempo, Thorax Wach, Ti-Tho, Die tödliche Doris, Tony Titt & The Torpedos, Die Tonträger, Torpedo, Die Toten Hosen, Tote Sprachen, Totto Lotto, Träneninvasion, Trashmuseum, Trashmuseum, Trio, Trümmerfrauen, Die Unbekannten, The Unknown Cases, Unlimited Systems, Unter-Rock, Verlorene Unschuld, Thomas Voburka / M. Schwabe, VK 88, Volkstanz, Vomit Visions, VONO, Vorgruppe, Vorsprung, Wat Nu, Weltklang, Westdeutsche Christen, White Russia, Wirtschaftswunder, X-mal Deutschland, Zatopek, Die Zimmermänner, ZK, Zusatzzahl, Die Zwei.

Leseprobe Blechluft 6

„Lass uns über Musikkontexte reden“ – Edition Blechluft 6

BL6

 

Blechluft: Wie kam es das Du Dir einen Synthesizer gekauft hast? So etwas war doch damals sicherlich teuer?
Asmus Tietchens: Nicht ich kaufte mir 1971 den Synthie Minimoog, sondern mein Freund Okko Bekker. Ich konnte die Maschine aber ständig nutzen. Ja, natürlich war der Minimoog teuer: DM 2.800,- waren Anfang der 70er sehr viel Geld. Und ich brauchte ja auch noch eine vernünftige Bandmaschine, eine Revox A77, um Aufnahmen machen zu können.

Thomas Schwebel: In den Tagen vor dem Festival lernten wir DIN A Testbild kennen, die damals die moderne Seite der Berliner Szene repräsentierten. Mark Eins war offensichtlich ein völliger Bowie-Klon, und Bowie und Iggy Pop lebten ja damals in Berlin, so hieß es. In der Band waren außerdem Gudrun Gut und besagte Coca-Cola. Man hörte damals „United“ von Throbbing Gristle, The Normal, viel Freeform- Zeug, ganz im Gegensatz zu der etwas rigideren Düsseldorfer Musik-Diät, die ja eher Pop-Song orientiert war. Harry hat das mehr noch als mich total fasziniert – er hatte ja schon Jahre vorher einen Can-Fanclub gegründet, mit ihm und Uwe Jahnke als einzige Mitglieder. Ich war da eher skeptischer. Und so entstand diese Idee – weg mit dem geprobten Programm aus fertigen Songs, hin dazu, einfach auf die Bühne zu gehen und irgendetwas zu machen. Das klingt ja eigentlich sehr spannend und gut, das Problem ist nur, dass eine Band sehr gut und sehr zusammen sein muss, um sich auf so etwas einlassen zu können.

Blechluft: Die Elektroniker bezeichnest Du als wichtige Prägung. Was für Elektronik habt ihr eingesetzt?
Hans Castrup: Die eingesetzte Elektronik war – natürlich dem Geldbeutel geschuldet – recht spartanisch, was uns aber nicht störte oder behinderte. Helmut übernahm meine Fender-Mustang Gitarre plus einiger Effektgeräte und Verstärker und schaffte eine Roland CR-78 Drum-Box an, da diese schon eingeschränkt programmierbar war und deswegen einen starken Reiz hatte. Ich erstand einen gebrauchten Korg MS-20. Das Studio war mein Philips 4-Spur Tonbandgerät mit Track-Bouncing- und seltsamer Hall-Funktion und ein Copycat-Bandechogerät sowie erst ein, dann zwei Kassettenrekorder. Später kam dann noch ein zweites Tonbandgerät dazu, was die „Mehrspuraufnahmen“ erleichterte. Es war ein permanenter Kampf gegen das Bandrauschen, das wir trotz aller musikalischen Offenheit als sehr störend empfanden. Aufgenommen wurde über zwei Mikros sowie den Tonband-Direkteingang, die Gitarre meistens mikrofoniert, der Synthesizer direkt. Ein Mischpult gab es nicht, Equalizer auch nicht, das kam erst cirka 1985. Die Tracks entstanden als längere Improvisationen – der Roland wurde angestellt, manchmal triggerte er den MS-20, dazu kam die Gitarre und los ging’s, manchmal eine halbe Stunde lang – von denen Ausschnitte ausgewählt und die – wenn nötig – noch einmal überarbeitet wurden. Die Tracks für die Veröffentlichungen wurden auf eine Masterkassette überspielt und dann in Heim- und Handarbeit kopiert. Die Cover kopierten wir im Copy-Shop.

In den frühen 80er Jahren gab es auch in München einige Bands die New Wave oder Punk spielten. Kai Taschner und Michael Kunz spielten bei Luna Set und ZaZa. Zusammen mit Olaf Schirm nahmen sie 1986 eine Platte als Japotage auf. „Ich habe den Kai über Luna Set kennen gelernt. Um drei Ecken war ein Freund bekannt mit der Sängerin. Ich fand die Musik von Luna Set gut. Kai war die treibende Kraft. Er wollte ein Gruppenprojekt mit experimentelleren Stücken starten. Ich war Soundtüftler und Klangbastler und hatte zudem ein kleines Aufnahmestudio, also beschlossen wir es zusammen zu probieren. Ich hatte auch kein Problem mit der weiteren Besetzung: Gitarre, Keyboard und Schlagzeug. Vom Kai kam Gesang und Saxophon. Das Thema sollte Japan sein und erstreckte sich von Godzilla bis Hatchiko. Musikalisch ging es für damalige Verhältnisse in Richtung jazziger Fusion, etwas King Crimson, mein Solostück „Electric Teahouse“ ist fast schon Minimal Music.“ Olaf Schirm spielte sein Solostück mit dem von Kingsley geliehenen Moog Modulsystem ein. Nachdem die LP in einer 2000er Auflage erschienen war, tauchten die Bandmitglieder wieder in ihre eigenen Projekte

Hans Castrup: Das jemand auf die Idee kam, eine Eigenproduktion und womöglich noch einen Eigenvertrieb zu machen, war ganz selten. Und wenn es jemand tat, dann war es er für das Publikum eine Art „kariertes Maiglöckchen“, etwa a la CAN. Ich habe noch ein „Riebes Fachblatt“ von cirka 1972, mit einem Leserbrief von Holger Czukay, in dem er gleichgesinnte eigenproduzierende Bands für einen Erfahrungsaustausch sucht. Er schreibt dort, nur noch eine Band außer CAN zu kennen, die produktionstechnisch ähnlich verführe. Das war seiner Meinung nach Holde Fee. In der Fraktion der Elektroniker gab es ja schon Kraftwerk, Harmonia, Cluster und in England natürlich Eno, die in Eigenproduktion arbeiteten. Wobei die Frage nach der Veranlassung bleibt: freiwillig oder aus der Not geboren? Das war aber auch nahezu alles, wovon man auf dem Sektor erfuhr. Wenn jemand versuchte, ohne Studiotechnik eine Band aufzunehmen, so klang das Resultat eben nicht „amtlich“, wie es so schön heißt, die Frage nach einer anderen Klangästhetik, die theoretisch zu entdecken war wurde nicht gestellt – damit war dann die Freude am Produkt nicht gegeben. Die eigene und eigenartige Ästhetik der selbstproduzierten Musik musste grundsätzlich noch entdeckt werden. Die in den 80ern folgende Umwälzung der Szenerie wird auf Basis diese Prämisse ganz besonders deutlich, finde ich. Das Interesse am „Neuen Medium“ [Cassette] bestand – sehr gefördert durch den Einsatz der Presse – dann für einige Zeit auch auf Seiten des Publikums. Im Zuge der „Wechselbad“-Kassette [eine Cassette der Poison Dwarfs] habe ich es erlebt, das Leute bei mir zu hause klingelten und Exemplare kaufen wollten. So etwas muß man sich heutzutage mal vorstellen: Jemand kommt zu Dir nach hause um Dir eine selbst gebrannte CD abzukaufen.

Torstn Kauke: Sofort wurde regelmäßig die Spex gekauft, obwohl wir kein einziges Wort der Artikel verstanden – der wichtigste Teil waren ohnehin die Kleinanzeigen ganz hinten. Da wurden die wenigen zu dieser Zeit noch enthaltenen Casssetten-Adressen gesucht, gefunden und sofort kontaktiert. Ich wurde erstmals Kunde bei Institutionen wie Irre-tapes oder Jar-music. Es war jedoch unabänderlich 1986/87 und die vielseitige Dilettanten-Szene, die der Rock-Session Artikel versprochen hatte, war offenbar schon lange von einem uninspirierenden Perfektionismus und einer totalen Orientierung an die US + UK-Szene abgelöst worden war. Da standen wir dumm da, als potentielle NDW-Dilettanten-Shooting-Stars in einer Post-NDW-Welt!

Markus Detmer: Der Musikexpress war die erste Musikzeitschrift die für meine Musiksozialisation wichtig war. Dort habe ich irgendwann die Independentcharts entdeckt. Fand die spannend und interessant und habe mich gewundert, warum eigentlich über die Bands in den Independentcharts nie etwas im Musikexpress drin stand. Ich habe dann irgendwann festgestellt, das es die Musikzeitschrift Spex gibt, die über die Bands aus den Independentcharts berichtet. Als ich die erste Spex kaufte, habe ich die irgendwie kaum verstanden. Ich entdeckte die Kleinanzeigen hinten, zum Beispiel die von JAR-Music und habe mir mal einen JARMusic-Katalog bestellt, bei dem viele IRRE-Tapes Flyer dabei waren. Und habe dann IRRE-Tapes kennen gelernt. Ich kaufte dann Cassetten wie „Lifestyle musiccompilation“. Und bin dann schnell in diesem Netzwerk drin gewesen.

Parts & Labor wurde 2002 von Dan Friel und BJ Warshaw gegründet. „Dan und ich machten häufig zusammen Musik. Jede Menge schlecht improvisierter Free Jazz, Noise und Rock“, erinnert sich BJ an die ersten Sessions. „Aber Bands waren das nicht. Wir spielten im Übungsräumen von Freunden oder in irgendwelchen Lofts und machten eine Menge Krach. Das machte viel Spaß, daraus entstand aber nichts was man sich noch mal anhören möchte! Damals spielte ich übrigens noch Saxophon.“ Bei Parts & Labor spielt er den Bass, bedient die Electronics und singt auch bei einigen Stücken. Dan Friel singt die meisten Stücke, spielt Keyboards und dreht auch gerne an den Elektronics. „Dan und ich trafen uns übrigens als wir beide in der Knitting Factory gearbeitet haben. Wir haben immer noch jede Menge Freunde die in der Knit arbeiten.“ Damals war die Knitting Factory noch in Manhattan, mittlerweile ist sie nach Brooklyn umgezogen.

Blechluft: Dein Cassettenlabel Sepplhubers Stubenmusi hast du in Berlin in der zweiten Hälfte der 80er gegründet. Was waren da deine Ambitionen? Gab es da überhaupt noch so etwas wie eine Kassettenszene?
Tom Scheutzlich: Es gab noch Heinos Scheißladen in der Kreuzberger Großbeerenstraße als erste Adresse der verbliebenen Tape-Täter, und Lord Litter hatte eine Cassettensendung auf Radio 100. Ich stieß damals auf die Bands Knochen=Girl und Mutter und fand diese so gut, daß ich diese bekannter machen wollte; daher kopierte ich deren Cassetten und verteilte diese auf ausgesuchte Läden. Natürlich wollte ich auch berühmt werden und mischte Tapes meines damaligen Projekts Walter Ulbricht Expereince dazwischen.

Markus Detmer: In dem Bereich in dem ich mich bewege ist es in Berlin wesentlich langsamer. Da gibt es so etwas wie A-Musik noch nicht. Da habe ich mit dem Dense-Plattenladen und meinen Leuten diesen Platz besetzt.
Blechluft: Gibt es eigentlich noch den Gelbe Musik-Laden?
Markus Detmer: Gelbe Musik ist ein legendärer Plattenladen, von dem A-Musik sicherlich auch inspiriert ist, den es schon seit den frühen 80er Jahren gibt. Von der Ursula Block betrieben. Den Laden gibt es immer noch. Ziemlich tief im Westen. Der ist mittlerweile von der Entwicklung in der Stadt abgekoppelt. Es gibt kein Publikum mehr dafür. Die die noch in den Laden kommen, sind Musiker die von ausserhalb kommen, die in den legendären Gelbe Musik-Laden gehen wollen.
Blechluft: Du hast jetzt in Berlin einen eigenen Laden?
Markus Detmer: Als ich in Berlin angefangen habe, habe ich mir ein Büro mit Klangkrieg geteilt. Das Büro war ein Ladenlokal, da haben wir auch einen Miniladen betrieben. Nach zwei Jahren bin ich mit den Dense-Plattenladen in ein neues Büro gezogen. Das gab es den Plattenladen. Da gab es mich als Label. Im Hinterzimmer gab es noch die Dense-Promotionagentur.

Torstn Kauke: Nachdem ich also seit schon über 40 Jahre den Punk-Leitspruch „DIY“ befolgt habe, habe ich mich seit 2008 auf einen weiteren Leitspruch eingelassen: „Think global, act local“. Seitdem betreibe ich zusammen mit Georg Klein in Offenbach am Main den „Waggon am Kulturgleis“. Das ist tatsächlich ein alter (Güter-)Waggon, der direkt am Main steht und einer der aussergewöhnlichstehn Klein-Clubs Deutschlands (oder gar der Welt?) sein dürfte. Es passen bis zu 30 Leute rein (im Sommer dreimal soviel, die auf der Terasse Platz finden) und wir machen dort regelmässig und das ganze Jahr über Kulturveranstaltungen aller Art, von Kunstausstellungen und Lesungen und Poetry-Slams über Indie-, Drone und Noise-Konzerte bis hin zu rauschenden Danceparties mit elektronischer Musik aller Richtungen.

Blechluft: Gerade beim Spielen mit elektronischen Instrumenten kann man sich die Frage stellen: Wird da live gespielt oder läuft da ein Computerprogramm? Im Vergleich zu einem Rockgitarristen oder einem Trompeter in einem Orchester kann der normale Zuschauer die Klangerzeugung nur schwer verstehen. Wie könnte die elektronische Musik aus diesem Dilemma raus kommen?
Asmus Tietchens: Das ist für mich kein Dilemma. Wenn ich irgendwo hingehe, um Musik zu hören, erwarte ich schon lange nicht mehr unbedingt, dass Musiker j e t z t und in Echtzeit etwas spielen. Für mich zählt, was ich zu hören bekomme. Wie das erzeugt wird, ob live oder tatsächlich aus dem Laptop herausgespielt ist mir gleich. Die Zeit der Posen ist vorbei, das Risiko des Scheiterns beim Auftritt sollte so gut wie möglich minimiert werden. Auf der Bühne muss nicht mehr geschwitzt oder grimassiert werden. Das mag sonderlich klingen, aber ich kann auf Bühnen- beziehungsweise Liveaction gerne verzichten. Auch hier zählt (wie bei der Frage nach „U“ oder „E“) die ästhetische Relevanz der Musik. Das hat mit Pop kaum noch etwas zu tun, gewiss. Und mit der Impro-Attitüde natürlich auch nicht.

Olaf Schirm: Der Tenori-On ist ein Performance-orientiertes Musik-Eingabegerät mit relativ beschränkten Soundvermögen aber einem interessanten haptischen und synästhetischen Ansatz. Ich habe etliche kleine Songs darauf entwickelt und eine kurze Sequenz bei YouTube hochgeladen. Inzwischen habe ich ihn nicht mehr sondern beschränke mich auf die leuchtenden Tasten ohne Sound, dem Launchpad, die aber mächtige Soundfunktionen im PC ansteuern. Mich interessiert zur Zeit vor allem der Ansatz eine musikalische Struktur vorzugeben innerhalb welcher einige Parameter veränderbar sind. Die Veränderungen erfolgen dann in Echtzeit und nicht reproduzierbar durch einen Datenhandschuh oder Datenanzug, der Bewegungen des Körpers, des Gesichtes und der Fingerglieder in musikalische Ereignisse umsetzt, aber die Veränderungen können auch durch Klimaveränderungen auf Internet Wetterdatenseiten geschehen, das ist spannend. Die Geräte zur Bewegungserfassung baue ich selber, auf You-Tube gibt es von mir unter „Modern Chimes“ ein Windspiel welches einen Sampler ansteuert. Das deutet auch in die Richtung in die ich mich weiterentwickeln möchte. Ich denke ich beginne dieses Jahr noch mit der Entwicklung eines neuen Konzeptes zur Erzeugung elektronischer Musik für mich.

Blechluft: Mal angenommen für Künstler und Publikum ist das Laptop als Live-Instrument langweilig, könnte Launchpad & Co. ein Anfang sein die Sache wieder schwungvoller zu gestalten? Auch so Ideen wie die Brontologik-Software von Kurt Dahlke? Sind das deiner Meinung nach wieder vernünftige Live-Instrumente, wo Künstler und Publikum wieder „wau“ sagen?
Tom Scheutzlich: Ich kann mir vorstellen, daß für viele Leute, die auf seltsame Instrumente stehen, die handelsüblichen Controller wahrscheinlich genauso langweilig sind wie ein Laptop. Der Brontologic ist technisch sicher interessant, wie auch viele andere innovative Hard-/Softwarekombinationen. Mir fehlt an all diesen neuen Geräten aber das Musikalisch-Haptische, an dem man sich (auch körperlich) ausleben kann; meistens ist man doch irgendwie an den Bildschirm oder an ein zu kurzes USB-Kabel gebunden und muß ständig auf irgendwelche winzigen Displays glotzen; das würde mich als Performer zu sehr in meiner Bewegungsfreiheit einschränken. Wie sagte der von mir hoch geschätzte Chrislo Haas, das „musst Du bodymäßig abchecken“. Ich kenne kaum aktuelles Equipment, mit dem man das wirklich machen könnte. Es wird sicher noch viel Krempel auf den Markt kommen, und ich bin gespannt, was mich ansprechen wird.

Leseprobe Blechluft 7

„Eine gewisse Randständigkeit“ – Edition Blechluft 7

 

BL7

I.

Mit dem Musiker und einem Aufnahmegerät in der Zeitmaschine

Robotern wird es nicht gelingen, interessante Textideen zu entwickeln, nach ein wenig Recherche Kontakt zu dem Künstler aufzunehmen, ihn zu interviewen und daraus einen Text zu machen. Sie werden nicht mit einem Aufnahmegerät durchs Land reisen, ihre Helden befragen und ein erhellendes Oral History- Buch veröffentlichen. Schlicht weil es sie nicht interessiert. Roboter sind keine Fans. […] Aber zurück zur Frage: Ist das Schreiben von Musikerbiografien noch ein Thema? Ich denke schon und vielleicht sogar mehr denn je, aber anderes als früher. Es sind nicht mehr nur die allwissenden Autoren mit ihren dicken Archiven, sondern der Schwarm, der befragt wird oder der Infos mit Web 2.0-Bordmitteln zusammen trägt. Bei Oral History-Büchern werden die Interviewten quasi zu Mitautoren, wenn auch der Interviewer und Arrangeur die meiste Arbeit hat (Kontakt herstellen, Reisen, Interview führen und abtippen, die Interview zu einem Text aufbereiten). Weiterhin werden auch die für Musikzeitschriften oder Tageszeitungen – egal ob Print oder Online – verfassten Artikel eine wichtige Rolle spielen. Denn bei dieser journalistischen Arbeit, ist das Führen von Interviews die Normalität. Auch wenn nur ein Teil dieser Artikel Biografien sind, so haben sie für die Recherche für Biografien eine große Bedeutung. Gedruckte Fanzines sind heute nahezu ausgestorben, die der vergangenen Jahrzehnte teilweise über Archive oder über Webseiten zugänglich. Heute sind diese fotokopierten Fanzines durch Blogs ersetzt worden. Nicht nur ersetzt, sondern erweitert: Früher waren die Fanzines nur für einen kleinen Kreis zugänglich, heute können Blogs von der ganzen Welt gelesen werden und die Themenvielfalt und -tiefe hat sich erweitert. Auch hier gibt es Musikerbiografien, wenn die Historie einer Band, eines Labels oder eines kleinen Plattenladens auf einem Blog festgehalten werden. So etwas gab es früher oft nur in speziellen Büchern: Die Bands und „Läden“ einer Stadt wurden in einem Buch dokumentiert. Dazu musste man erst mal Sponsoren finden damit das Buch überhaupt gedruckt werden konnte. Der Bürgermeister und der Vorsitzende des lokalen Rockmusikervereins schrieben ein Geleitwort und die Einleitung. Heute setzt sich der beteiligte Musiker oder der Fan selber an den Rechner, schreibt einen Blog oder gibt ein Buch im Selbstverlag heraus. […]

Kontakt herstellen

Will man ein Interview führen, so muss man zunächst mit der Person an der man Interesse hat, in Kontakt kommen. Die Wege dazu sind zahlreich und nicht immer einfach. Man macht sich auf die Suche nach Webseiten, E-Mail-Adressen, Telefonnummern, Postadressen, alten MySpace-Seiten oder bei Facebook. Auch wenn man fündig wird, was im digitalen Zeitalter gar nicht mehr so unüblich ist, heißt das nicht das man leicht in Kontakt kommt, den Kontakt bis zu einem Interview aufrecht erhalten kann, ein Interview zustande kommt. Der Erstkontakt, die Kontaktaufnahme ist ein Kapitel für sich und ziemlich individuell, so dass man es eigentlich kaum verallgemeinern kann: Höflichkeit, Interesse am Gegenüber und/oder Hartnäckigkeit können nicht schaden. Wobei man es mit der Hartnäckigkeit nicht übertreiben soll, denn es gibt immer wieder Leute die nicht befragt werden wollen. Man sollte auch schauen, ob man die Personen mit dem gewählten Kommunikationsweg tatsächlich erreicht. Wird die E-Mail die man sendet, evtl. von der E-Mail-Software des Empfängers als Spam angesehen (Welchen Provider nutzt man?) oder filtert der Empfänger die E-Mail selber als Spam aus, weil man sich unglücklich ausdrückt („Mein Name ist … und ich bin von … und würde gerne“ – verärgert: Nein, ich will das nicht haben, Spam) oder der Betreff nicht eindeutig ist oder gar fehlt. Wenn man sich dann wundert, dass der Angeschriebene nicht antwortet, sollte man erstens nicht böse sein und zweitens den Kommunikationsweg überdenken. […] Die erste und dritte Möglichkeit der Kontaktaufnahme schafft Verbindungen zu Personen die man vorher nicht kannte. Vielleicht Personen die weniger in der Öffentlichkeit sind/waren, aber trotzdem relevant/ interessant/vielwissend sind. Leute die man selber übersehen hätte und man sich später ärgert, wenn man erfährt, dass die auch dazu gehörten und nun fehlen. Dann kommen so Aussagen wie: „Den hättest du unbedingt befragen müssen, der hat ganz viel gemacht und so.“ Wobei dies natürlich manchmal auch nur ein übertriebenes Vollständigkeitsgehabe ist und man sich schon bei der Wahl des Themas überlegen soll, ob man dafür überhaupt Raum geben will. Bei „vollständigen“ oder „ultimativen“ Texten über das Thema, ist es eher peinlich, wenn dann ein wichtiger Protagonist fehlt, als bei einem Text der sich bewusst auch einschränkt. Die als zweites genannte Fürsprechermethode scheint für den Musikerbiografie-Zweck vielleicht etwas übertrieben, aber: Auch wenn man nicht mit Gangster Rapper in Kontakt treten möchte (wenn doch, scheint die Methode angebracht – nachdem was man so hört), aber vielleicht mit den Was soll’s Gangsters, dann kann ein Vermittler von Vorteil sein. Wie oft bekommt man gesagt: „Hier ist die Telefonnummer von dem und dem, ruft den an, sag das du die Nummer von mir hättest, dann weiß der Bescheid“. Hier geht es um schwierige Personen oder um Personen von denen man glaubt sie seien schwierig. Dann kann es hilfreich sein, wenn man Kontakte hat, die die Person kennt: „Meinste der hätte auch Interesse?“, „Wie ist denn der so drauf?“, „Mir antwortet der nicht?“

II.

Vom Reischplatz in die Dunkelkammer International

Bild1

 

Der Reischplatz in Köln-Deutz war im Januar 1978 Schauplatz für einen der ersten Fotoshootings mit einer deutschen Punkband (siehe Bild oben / nicht im Buch). Der Sounds-Autor Alfred Hilsberg kam damals mit der Fotografin Sabine Schwabroth ins rechtsrheinische Kölner Stadtteil. Hilsberg führte mit den jungen Punks von T.V. Eyes in der Wohnung der Familie Luis ein Interview. Erstaunlicherweise tauchten die Aufnahmen dieses Interviews Jahrzehnte später über Franck Herges auf Franz Bielmeiers Archivwebseite Rondo-ton.de wieder auf. Sabine Schwabroth machte vor der Haustür ein paar Bandfotos. Ramon Luis und Detlef Mayer waren mit auf dem Bild, welches in der Sounds 3/1978 veröffentlicht wurde. Björn Wondracek hatte mir bereits erzählt, wer alles auf dem Bild zu sehen ist: Ralf Weise (Bassist), Björn Wondracek (Sänger), Ramon Luis (Gitarrist), Detlef Mayer (Roadie) und Frank Marowsky (Schlagzeuger). Alfred Hilsberg führte ein Interview mit den jungen Kölnern. Sie erzählen wie sie zu Punk gekommen seien, wie sie sich weiter entwickeln wollten und Hilsberg erzählte ihnen wie sich Punk gerade in England veränderte. […]

Ramon Luis: „Alfred war eine völlig andere Generation, und er fühlte sich zwar deplatziert, aber wohl. Das Interview bei mir im Zimmer war ein Haufen Chaos. Das war zu viel für ihm. Er konnte keine veröffentlichungswürdige Information sampeln. Danach fuhren wir alle mit der Bundesbahn nach Düsseldorf, da gab es dieses klasse Festival mit T.V. Eyes und Male in einer Sporthalle.“
Franz Bielmeier: „In einem Jugendzentrum haben die Girls dann mit Male einen Gig gemacht.“
Detlef Mayer: „Da hatten die Jungs von Male in irgendeiner Sporthalle oder einem Jugendzentrum etwas organisiert zum Spielen. Der Hilsberg hat das alles etwas dubios dargestellt, dass wir über die Zäune geklettert seien und das Ding quasi besetzt hätten.“
Ramon Luis: „Anschließend kam Alfred Hilfsberg mit zu einen Umtrunk und Fotosession mit in den Ratinger Hof, was seinem Bericht im Sounds doch diese Aura verschaffte.“
Franz Bielmeier: „Alfred Hilsberg wusste über den Ostrich von uns. Wir wussten, da kommt jemand und da haben wir halt das Beste gemacht um den zu beeindrucken. Sabine Schwabroth hat im Ratinger Hof Fotos gemacht. Wir hatten noch keine Stücke zu der Zeit. Hilsberg hat uns einzeln am Billardtisch interviewt. Mit jedem so 10 Minuten. Wir merkten gleich, der gehört nicht zu uns, aber er ist uns gesinnt. Die Veröffentlichung in der Sounds war der Höhepunkt, der beste Step. Und dass die für den Artikel in der Sounds das Ostrich-Layout übernommen haben, das war der Gipfel, das hätten wir nicht gedacht. Wir haben zwar immer so getan als ob wir die größten sind, aber das wir da rein kommen das hätten wir vorher nicht gedacht.“ […]

Mit dem Stück „Dunkelkammer International“ – Mayer hatte den Text geschrieben, Luis die Musik – kam die Band [Tutti Frutti] auf den Kassettensampler „Klar und Wahr -Sounds rettet Deutschland“ (1982) der Musikzeitschrift Sounds. Ramon Luis und Detlef Mayer hatten das Stück mit Klaus Audersch als Schlagzeuger im Rondo-Keller aufgenommen. Der Rondo-Keller war ein Proberaum mit einer TEAC-4-Spurmaschine und eine REVOX im Keller von Franz Bielmeiers Reiheneckhaus in der Millratherstraße in Düsseldorf-Wersten. Der Rest der Band war an den Aufnahmen nicht beteiligt. Wenig später löste sich Tutti Frutti auf.
Detlef Mayer: „Der Franz hatte eingefädelt, dass das Stück auf die Sounds-Kassette kam. Er ist damals angesprochen worden, weil er über das Rondo-Label viele Rheinland-Kontakte hatte. Da hat uns der Franz dazu geholt, weil ihm die Sachen gefielen die wir machten. […] Der Franz hat dann noch den Klaus Audersch geholt, der hat dann den Schlagzeug-Part übernommen. Und dann haben wir ein Stück aufgenommen an einem Abend. Damit waren wir sehr zufrieden.“
Ramon Luis: „Die ‚Sounds rettet Deutschland‘-Version haben Detlef und ich, mit Snoopy Audersch von Aqua Velva am Schlagzeug in einem Take im Rondo Studio eingespielt, es war etwas Holterdiepolter und Franz mischte die ganze Sache so gut es eben ging.“ […]
Detlef Mayer: „Nach einem riesen Knall bei Tutti Frutti, haben wir uns aber nach ein paar Monaten doch wieder zusammen gerappelt. Dann zu viert und haben dann noch eine Zeitlang weiter gemacht.“ Sie nannten sich nun Tete a Tete …

Stille Hoffnung

Vor 30 Jahren hatte Stille Hoffnung ihre LP aufgenommen und sich wenig später aufgelöst. Und nun saß die halbe Band bei mir am Tisch bei Keksen, Saft und Sprudel. „Was mögen die nun denken?“, ging mir durch den Kopf. „Wie ist das eigentlich, wenn nach 30 Jahren euch jemand nach Stille Hoffnung fragt?“
Brecht Brozio-Läseke: „Das ist so eine Mischung aus Erstaunen, dass uns überhaupt noch jemand kennt. Auf der anderen Seite weiß ich natürlich, weil ich alle Jahre mal bei YouTube gucke, ob da irgendwer mal was von uns reingestellt hat, dass es schon ein paar Leute gibt die uns noch kennen. Ober irgendwer hatte mal einen Bericht über uns geschrieben. Auf der Brotbeutel-Seite. Eitel wie man ist (lacht), googelt man sich dann ab und zu selber. Auf der anderen Seite freut mich das. Ich musste nicht lange überlegen als du gefragt hast ob ich Interesse an einem Interview hätte. Es ist halt eine Sache, die habe ich tatsächlich gemacht und geschafft, das freut mich. Da bin ich schon ein bisschen stolz, auch wenn ich mir nicht allzu viel darauf einbilde.“
Elmar Botschen: „Mich hat es auch gefreut. Was dann eigentlich immer passiert, wenn man dann zugesagt hat, dass einem dann – was über die Jahre auch passiert – ein paar Erinnerungen wieder nach oben kommen: Aufnahme im Tonstudio damals in der Schweiz und so. Kette jetzt, diese Sachen die einem sonst natürlich auch irgendwie gedanklich vor die Füße fallen, aber jetzt daraufhin nochmal vermehrt. Nicht welche Frage könnte nun kommen, aber …“
Blechluft: „Wunderst du dich über das Interesse an Stille Hoffnung, nun 30 Jahre später?“
Jean-Yves Pirlot: „Jein. Was wir damals machten fand ich toll. Ich finde die Musik der 80ger Jahre sowieso immer noch sehr gut. Weniger vergänglich als das meiste was man seitdem zu hören bekam. Also dass sich jemand noch an die Musik dieser Zeit erinnert und sich dafür interessiert finde ich normal. Dass man sich dann ausgerechnet für unsere Musik interessiert verstehe ich nicht direkt, aber es gefällt mir natürlich. War sie dann vielleicht nicht mal so schlecht? Ich habe immer gedacht dass wir etwas zu spät, bzw. gerade nach der Neuen Deutschen Welle gekommen sind. Wir waren relativ gut aber … etwas zu spät.“

Etwas zu spät

Damals musste man zum richtigen Zeitpunkt parat stehen. Möglichst 77 bis 80, wer danach noch anfing musste entweder besonders innovativ sein oder ein paar Jahre warten. „Wir waren ein bisschen spät. Die da noch gemeinschaftlich mit den Düsseldorfern zusammen gewerkelt hatten, die kannten wir ja überhaupt nicht. Wir sind also keine Urkölner Punkband in dem Sinne. Von einer Band war da 78 ja noch gar keine Rede. Eigentlich Jahre entfernt“, meinte Brecht Brozio- Läseke. So 79/80 hatten einige Bands der Neuen Welle ihre erste Phase beendet, lösten sich auf oder entwickelten sich weiter. „Da fingen wir gerade erst mal an. 81 wurde das dann bei uns etwas fester.“ 1981 spielte die Band einige Konzerte. 1982 wurde die LP im Frühjahr aufgenommen, die allerdings erst im Herbst erschien. Und das „etwas zu spät“ verfolgte die Band bis über die Plattenaufnahmen hinaus. Die Kritiker in den Musikzeitschriften bemängelten die fehlende Weiterentwicklung. „Wir bekamen von einem Teil der Presse eine Klatsche: ‚Altbacken, ist ja Gitarrenmusik, Gitarrenmusik ist out, jetzt kommt Elektro‘. Fanden wir jetzt nicht so toll. Da hat man sich gesagt, es wird immer einen geben, der einen ein bisschen abserviert. Dass es jetzt ausgerechnet die Kölner Spex sein musste hat dann vielleicht noch etwas Salz in die Wunde getan. Wir waren froh, dass die Platte draußen war“, sagte Elmar. Das was Peter Bötcher in der Rezension für die Spex und Konrad Schnabel in der Sounds Ende 82 schrieben, hat Brecht heute noch im Hinterkopf: „Conny Schnabel den Namen werde ich nicht vergessen. Ich weiß auch nicht mehr genau was er schrieb, war aber auch nicht nett. ‚Halbherzige Pogostückchen werden mit …'“. Ich kramte etwas in meinen Unterlagen. Schnabel schrieb: „Nette Pogostückchen werden mit halber Geschwindigkeit gefahren, dazu kritisch-engagierte Texte, die zwar frei von Peinlichkeit sind, allerdings doch arg verkrampft und anachronistisch anmuten.“ „Knaller“, Elmar Botschen musste lachen. „Auch da wieder Anachronismus. Ein Begriff der uns leicht verfolgt“.

Andreas Thein, der neue Popstar, der neue Stroheim?

Um nach den ersten Experimenten Aufnahmen für eine Platte zu machen rief Thein bei Kurt Dahlke in Düsseldorf an, der unter dem Namen Pyrolator Musik machte und bereits Platten veröffentlicht hatte. Außerdem war Dahlke Mitglied bei Der Plan, die in Düsseldorf das Ata Tak-Label mit Studio betrieben. „Wir waren [mit Ata Tak] gerade von den Räumen im Fürstenwall 64 in unser neues Studio in Düsseldorf- Gerresheim umgezogen – da war es noch gar nicht umgebaut, als sich Andreas Thein bei uns meldete, weil er seine erste Single mit mir aufnehmen wollte“, erinnert sich Kurt Dahlke.[…]
„Andreas war damals unüberseh- und hörbar im Kölner Nachtleben seit seiner legendären Performance im Blue Shell ‚das tote Huhn‘ – daher auch sein nom de guerre = das Huhn“, sagte Ralf Grundmann, der wie Thein experimentell- elektronische Musik machte. „Großkotzig, arrogant, laut und überheblich: the man you love to hate‘. Als ich ihn einmal als Erich von Stroheim titulierte – siehe Zitat im Vorsatz – strahlte er mich an und gab mir direkt ein Kölsch aus. Wir konnten uns stundenlang über kranke Synthesizer-Sounds, Musik – besonders Throbbing Gristle, Residents, Cabaret Voltaire etc. – und Film unterhalten.“ [… Gründung von Propaganda mit Ralf Dörper] „Dr. Mabuse“ kam in den deutschen Charts bis auf Platz 7. In Großbritannien bis auf Platz 27. Trotz oder vielleicht auch wegen (?) diesem Erfolg, verließ Andreas Thein noch 1984 Propaganda. In den Single-Facts zur nächsten Single „Duell“ stand lapidar: „Das Kölner enfant terrible Andreas Thein hat dem klassisch ausgebildeten Perkussionisten und Keyboarder Mertens Platz gemacht.“ (bei Hirschbergers.de) Im Gespräch mit Clara Drechsler im Herbst 1984 sagte Thein zu seinem Ausstieg: „Was ich vorher gemacht habe, wie ich auch anfangs mit Propaganda gearbeitet habe, das hat sich durch diese Expansion umgekehrt. Ich komme zu keinem Ergebnis mehr, von dem ich sagen könnte, das ist es!“ (Drechsler 1984b, S. 13) 2002 veröffentlichte Andreas Thein „M: The secret Tapes of Dr Mabuse“. Diese CD enthielt Demoaufnahmen die er zusammen mit Ralf Dörper und Susanne Freytag gemacht hatte. Die Stücke „Disziplin“ (im Original von Throbbing Gistle) und „Sünde“ sowie „Dr. Mabuse“-Remixe (von Rei$$dorf Force und Ex-Whirlpool Production Eric D. Clark) . Nach seinem Ausstieg bei Propaganda machte er Aufnahmen mit seinen Projekten Kino und Rififi. Bei Rififi arbeitete er auch wieder mit Ralf Dörper zusammen.

III.

Sitzend Setzen am Küchentisch

Sie stehen zwar im Impressum oder auf dem Tonträger-Cover, werden in der Popkultur aber nur am Rande thematisiert: Die Setzer, die Drukker und all die Leute die in Zusammenarbeit mit Layoutern und Designern für die technische Herstellung von Fanzines, Musikzeitschriften, Musikbiografien oder auch der Tonträger-Cover zuständig sind. Dabei hat die jeweils zur Verfügung stehende Technik einen gewissen Einfluss. Neue Technik sowie technische Verbesserungen erleichtern die Herstellung und machen sie kostengünstiger. Die ausführenden Handwerker können als Zeitzeugen Interessantes erzählen. Auf den folgenden Seiten steht zunächst die Technik im Vordergrund. Der Großteil wird sich mit dem Weg der Satzherstellung vom ersten Maschinensatz zum Desktop Publishing beschäftigen. Vorweg zwei Praxisbeispiele aus den Werkstätten von The Ostrich und der Spex. […]

Schaut man in verschiedene (alternative) Zeitschriften der 70er Jahre und den frühen 80er Jahren, so findet man im Impressum bei der Angabe der Setzerei einige Firmen die sogenannten Composersatz machten. Beispielsweise findet man in der Sounds 1973/74 den Composer- Setzer Niko Jessen in Hamburg, 1974/75 Erika Schumann ebenfalls in Hamburg oder in der Kölner StadtRevue 1978 den Composer-Satz-Service St. Augustin bzw. Stadt-Revue-Composer in Zusammenarbeit mit dem Satzstudio Ingrid Horlemann/Köln (hier wurde im Herbst 1980 auch die erste Spex gesetzt und Frühjahr 1981 die einmalige Ausgabe des „Rock Magazin – Szene Köln“). Die IBM Composer-Schreibmaschine verbreiteten sich seit den 1960er Jahren. Diese Maschinen hatten nicht die üblichen Typenhebel mit den einzelnen Buchstaben, sondern auf einem Kugelkopf befanden sich 88 Zeichen. Dieser Kugelkopf (Typeball) drehte sich je nach angeschlagener Taste. Ein Kopf konnte schnell ausgebaut und durch einen Kopf mit einer anderen Schrift ersetzt werden. Spannte man in die Schreibmaschine ein spezielles Barytpapier ein, so konnte dieses später nach Aufbringen des Textes als Kopiervorlage für den Offsetdruck benutzt werden. Barytpapier wurde auch mit dem noch weitverbreiteten Bleisatz bedruckt, um mittels Kontaktkopiergeräten einen Negativfilm für die Offsetdruckformherstellung zu erstellen. Qualitativ wird der Composersatz über das Beschreiben von Barytpapier ähnlich dem Bleisatz gewesen sein. Den Vergleich mit dem Fotosatz konnte man damit aber nicht aufnehmen. Aber dafür war der Composersatz wesentlich preiswerter. Für kleine Zeitschriften war dies ein wichtiger Vorteil. Daher kann man den Composersatz als Vorläufer des einige Jahre später aufkommenden Desktop Publishings ansehen. Der Composer konnte nun auch geringe Textmengen auf einem Magnetband speichern, so dass die Ausgabe auf Papier nicht die einzige Speicherung blieb.