Buchvorstellungen (Krimi/Phantastik)

Spannungs- und Kriminalliteratur

Thomas Willmann: Das finstere Tal (erschien 2010 im Liebeskind Verlag)

Greider kommt im Herbst als Maler in das Hochtal am Ende der Welt. Die Talbewohner stehen ihm misstrauig, ja feindseelig gegenüber. Er wird bei einer Witwe und deren Tochter Luzi untergebracht. Zusammen mit seinem Maulesel durchstreift Greider das Tal, zeichnet die Häuser, Höfe und auch aus sicherer Entfernung die Leute. Langsam gewöhnen sich die Leute an ihn.

Im Winter passiert beim Baumfällen ein Unfall. Der jüngste Sohn der Brenner-Familie kommt um. Die Brenners sind die „Herrscher“ über das Tal, ihr Wort zählt. Damit beginnt sich das Buch von einem gemütlichen Bergroman in einen harten Western-Thriller zu wandeln. Zwischen diesen beiden Teilen steht ein aufschlussreicher Einschub, der mich an den in „Eine Studie in Scharlachrot“ von Arthur Conan Doyle erinnerte. Danach wird gnadenlos zum Finale geblasen.

Das Buch wurde 2014 mit Sam Riley als Greider verfilmt. Greider ist hier ein Fotograf.

Jess Kidd: Der Freund der Toten (erschien 2017 im Dumont Verlag)

So ganz real geht es in dem Buch nicht zu. So kann Mahony, aufgrund seiner Haarlänge als Hippie bezeichnet, nicht nur die Lebenden, sondern auch die Toten sehen. Gut, dass dies nicht als großartige Fähigkeit dargestellt wird. Der junge Mann, also Mahony, kommt aus Dublin nach Mulderrig, um dort seine Mutter zu suchen. Er wurde 1950 in einem Waisenhaus abgegeben und will nun im Jahr 1976 herausfinden wer seine Mutter war. In der gleichen Pension wo er unterkommt, wohnt auch Mrs Cauley, eine ältere Frau, die Theaterstücke schreibt und diese zusammen mit den Dorfbewohner aufführt. Zusammen mit ihr begibt sich Mahony auf die Suche. Was ist 1950 passiert? Mahonys Mutter war damals ein rebellisches Mädchen, das das ganze Dorf gegen sich aufgebracht hat. Und wo ist sie hin? Sie sei freiwillig gegangen, ist die Antwort der Dorfbewohner. Erst nach und nach kommen sie dahinter, dass Mahonys Mutter das Dorf nicht auf natürliche Weise verlassen haben kann.

Auf der Webseite von Jess Kidd steht zum Buch (Originaltitel „Himself“): ‘A lovably cranky detective story…like a lock-in with David Lynch, Flann O’Brien and Agatha Christie.’ (http://jesskidd.com/books/). Ja, es schimmert etwas „Twin Peaks“ (Lynch) und „Miss Marple“ (Christie) durch. Ja, die Geschichte ist schrullig und mysteriös. Und hat etwas märchenhaftes, so dass es auch mit der Fernsehserie „Jordskott“ verwandt ist.

Wolfram Fleischhauer: Schweigend steht der Wald (erschien 2013 beim Droemer Verlag)

Forststudentin Anja Grimm macht in Waldmünchen (Oberpfalz) ein Praktikum. Mit einem Kollegen nimmt sie Bodenproben und kartiert diese. 1978 und 1979 hat sie in der Gegend mit ihren Eltern Urlaub auf einem Bauernhof gemacht. Der Vater, ein Biologielehrer, verschwand 1979 spurlos, er gilt als vermisst. Direkt bei der Bauernhof macht Anja im Wald eine unangenehme Begegnung mit Xaver Leybach, einem leicht verrückten älteren Mann, den sie noch von den damaligen Ferien kennt. Nach der zweiten Begegnung zwischen Anja und Xaver, bringt der zuerst seine todkranke Mutter und dann sich selber um. Ein mysteriöse Sache.

Damals hat die Familie Grimm auf dem Hof der Familie Gollas gewohnt. Sohn Lukas sucht nun wieder Kontakt zu Anja. Sie hat bei den Bodenproben eine Unregelmäßigkeit auf einer Lichtung beim Leybachhof festgestellt. Wurde ihr Vater hier vielleicht ermordet? Zunächst hat Anja viele Fragen, aber keine Antworten. Aber allmählich lichtet sich der Vorhang. Es geht um mehr als den Mord an ihrem Vater. Das ganze Dorf versucht etwas zu vertuschen.

Während die erste Hälfte des Buches einfach nur interessant und gut geschrieben ist, wird es zum Schluss richtig spannend. Ungewöhnlich ist die Methode von Anja Grimm. Aufgrund ihres Studiums kann sie quasi den Boden lesen: Gab es Erdbewegungen (Aushub etc.)? Ist hier mal ein schweres Fahrzeug gefahren? Mit diesem Wissen kommt sie der Sache auf die Spur.

„Die verräterische Geometrie dieses Bewuchses konnte kein Zufall sein. Hier war irgendwann einmal ein schwerer Wagen mit einer Achsbreite von vielleicht zwei Metern durch den Wald gerollt.“ (S. 335).

Agustín Martínez: Monteperdido – Das Dorf der verschwundenen Mädchen (erschien 2017 beim Fischer Taschenbuchverlag)

Aus dem kleinen Bergort Monteperdido wurde vor fünf Jahren zwei 11-jährige Mädchen entführt. Nun taucht ein Mädchen, Ana, wieder auf. Zusammen mit dem offensichtlichen Entführer ist sie in einem Auto in eine Schlucht gestürzt. Sie überlebt, der Mann stirbt. Aus Madrid kommen nun die Polizisten Santijago und Sara, die den Fall wieder aufnehmen und zusammen mit der örtlichen Polizei das andere Mädchen, Lucia, suchen.

Schnell gerät man in Verdacht, es sind nur Kleinigkeiten, die einen belasten oder entlasten können. Im Laufe des Buches gibt es einige Personen, die die Entführer sein könnten, aber lange hält Agustín Martínez sie geschickt zurück. Das Buch hat wenige Kapitel, aber viele Passagen, in denen mal die Aktivitäten der Polizisten, mal die der Familie betrachtet werden. Dabei wird der Lesefluss, finde ich, nie unterbrochen.

Robert B. Parker: Wildnis (erschien 2012 beim Pendragon Verlag)

Der Schriftsteller Aaron Newman ist Zeuge eines Mordes. Den Mörder Adolph Karl kann er auf der Polizeiwache identifizieren. Newman nimmt allerdings seine Zeugenaussage zurück nachdem Karls Bande Newmans Frau Janet massiv bedroht hat. Zusammen mit dem Nachbar und Freund Chris Hood planen die Newmans Adolph Karl zu ermorden.

Aaron Newman und Chris Hood beobachten nun Adolph Karl. Nachdem ein von Karl beauftragter Killer in letzter Sekunde von Hood gestoppt werden kann, flüchten die Newmans und Hood schwer bewaffnet aus der Stadt und lauern Adolph Karl und seinen Begleitern an dessen Jagdhütte in Main auf. Sie sind in der Wildnis. Einen nach dem anderen bringen sie dort um.

Hood kommt um, aber die Morde stärkt die Beziehung der Newmans. Der Roman ist schnell gelesen. Allerdings verspricht das Buchcover mehr Wildnis, als tatsächlich im Text vorkommt.

Das Buch erschien ursprünglich 1979 mit dem Titel „Wilderness„. Die deutsche Übersetzung erschien 1984. Parkers Bücher mit dem Ermittler Spencer erschienen ab 1973. Er schrieb auch zwei Romane mit Raymond Chandlers Philip Marlowe.

Phil Rickman: Das Gespinst des Bösen (erschien 2012 beim Rowohlt Taschenbuch Verlag)

Merrily Watkins ist eine Pfarrerin in England, die sich mit besonderen spirituellen Dingen beschäftigt. Ich will hier nicht Geisterjägerin schreiben oder so, ich denke das würde die Sache nicht treffen. Im Buch wird sie an einigen Stellen als Exorzistin bezeichnet. Meistens aber als „Beraterin für spirituelle Grenzfragen“.

Im Grenzland zu Wales soll ein altes Haus der Tempelritter renoviert werden. Der Bauunternehmer Felix und seine Freundin Fuchsia arbeiten als Restauratoren in dem Haus. Bis Fuchsia sich unwohl in dem Haus fühlt und dort nicht mehr weiter arbeiten will. Nun wird Merrily hinzu gezogen. Sie ist dem Spuk gegenüber erst skeptisch. Erst als sie das Haus zusammen mit ihrer Tochter Jane selber besucht, beginnt sie zu glauben, dass irgendwas mit dem Haus nicht stimmt. Später hilft Merrily auch noch ihr Lebensgefährte Lol – ein Musiker mit Nick Drake als Vorbild

Lange Zeit hält Rickman den Leser völlig im Dunkeln, ohne das es richtig langweilig wird. Richtig spannend wird es dann am Ende. Wobei es aber weniger spukt, als ich zwischenzeitlich erhoffte.

Scott Frost: FBI-Agent Dale B. Cooper — Mein Leben, meine Aufzeichnungen (erschien 1991 bei der vgs Verlagsgesellschaft)

Dieses Buch wurde gleichzeitig zur Fernsehserie „Twin Peaks“ veröffentlicht. In der Serie spricht FBI-Specialagent Dale B. Cooper häufig in sein kleines Diktiergerät. Die Aufnahmen sind für die Bundesbedienstete Diane bestimmt (von der weder Cooper noch die Leser je den Nachnamen erfahren), daher fangen diese Aufnahmen oft mit „Diane“ an, z.B. „Diane, ich schaue gerade auf eine kleine gelbe Decke mit einem Elefantenmuster. Sie liegt auf dem Boden vor dem Fenster, durch das die achtjährige Chris Roe aus ihrem Elternhaus entführt worden ist …“ (Cooper, 10. Januar 1978, 13 Uhr; S. 145) Das neue Diktiergerät bekam Cooper von seinem Vater am 11. Dezember 1977 zur Abschlussfeier seiner FBI-Ausbildung, so dass man davon ausgehen kann, das Cooper Diane erstmals am 10.01.1978 ansprach. Über 10 Jahre später, im Februar 1989, fährt Cooper nach Twin Peaks. Auf der Fahrt dorthin spricht er auf Band: „Im Staat Washington ist eine Leiche gefunden worden. Eine junge Frau, in Plastikfolie verpackt. Ich bin auf dem Weg in eine Kleinstadt namens Twin Peaks.“ (Cooper, 24. Februar 1989, 6Uhr; S. 221) Mit einem ähnlichen Fall, so erfährt man aus dem Buch, war Cooper bereits im Januar 1988 beschäftigt (Mordfall Banks, Leiche in Plastiksack, Papierstück mit dem Buchstaben T drauf unter einem Fingernagel), er glaubt an einen Serienverbrecher.

Cooper bekam sein erstes Tonbandgerät am 25. Dezember 1967 als Weihnachtsgeschenk. Er war 13 Jahre alt, wohnte mit seinen Eltern in Philadelphia, war 1,60 Meter groß und hatte dunkles Haar. Der Leser durchlebt Coopers Collegezeit in Haverford und die Zeit auf der FBI-Akademie in Quantico, Virginia. Man erfährt, dass ein gewisser Windom Earle ab April 1978 die FBI-Aussenstelle Pittsburgh leitete, wo auch Dale Cooper angestellt war. Jener Windom Earle wird im Sommer unter seltsamen Umständen entführt, nach seiner Freilassung kann nicht festgestellt werden, wer die Entführer waren. Im Januar 1979 wird Windoms Frau Caroline entführt, taucht erst im April wieder auf, wird von Cooper bewacht, der sich in Caroline verliebt. Caroline wird umgebracht, Cooper schwer verletzt und Windom wird verrückt. In der TV-Serie spielt Windom Earl in der zweiten Hälfte der zweiten Staffel eine wichtige Rolle, daher ist die Vorgeschichte im Buch ganz interessant. Aufschlussreich ist auch Coopers Kurzurlaub auf einer kleinen Insel. Dort haben Windom und Caroline ihre Flitterwochen verbracht. Ein alter Mann hat Windom dort alles über Schach beigebracht. Nachdem Cooper den Alten besucht hat, bringt dieser sich um, er hinterlässt einen Zettel mit den Worten: „Verzeihung. Ich war nur ein dummer alter Mann. Möge Gott ihn aufhalten.“ (S. 161) Mit „ihn“, so denke ich, ist Windom gemeint. Wo Cooper war bleibt vage, er erwähnt eine „kleine Insel südlich der Grenze“, wohnt dort in einem Haus mit dem Namen „La Casa del Corazon“, welches so geheimnisvoll ist, dass selbst Google zusammen mit den Suchwörtern „Twin Peaks“ nur einen Treffer bringt (vgl. „Full of Secrets: Critical Approaches to Twin Peaks“ von David Lavery, 1995).

Neben diesem Buch erschien damals „Das geheime Tagebuch der Laura Palmer“, der Toten in Twin Peaks im Februar 1989.

Meja Mwangi: Die Wilderer (erschien 2001 beim Unionsverlag)

Ort der Handlung: Kenia (Lali Hills, Tsavo, Nairobi)

Al Haji ist ein Gangsterboss und Farmbesitzer bei Nairobi. Er macht Geschäfte mit der Deloris-Familie in New York. Als Al Haji für eine Lieferung nach Hong Kong das versprochene Elfenbein nicht schnell genug liefern kann, bekommt er Ärger mit Arturo Spinelli, rechte Hand von Giuseppe „Happy Joe“ Deloris, Kopf der Deloris-Familie. Arturo, von Al Haji stets Arthur genannt, was den Italiener furchtbar ärgert, Arturo Spinelli kommt sogar persönlich nach Kenia, um zu klären, wie man geschäftlich weiter machen kann und um Al Haji zu drohen. Außerdem hat er Ricardo mitgebracht, der auf der Farm bleibt, Al Haji nervt und sich in die Geschäfte einmischt und sie übernehmen will.

Auf der anderen Seite sind Frank Burkell und Johnny Kimathi, ein Weißer und ein Schwarzer. Sie waren früher Jäger in Kenia, nun sind sie als Ranger tätig. Zu ihren Aufgaben gehört das Aufspüren und das Gefangennehmen von Wilderern. Eine solche Jagd wird eindrucksvoll in Kapitel zwei geschildert. Die Ranger sind unterwegs im Tsavo-Nationalpark und haben ihr Hauptquatier in Lali Hills, 300 Kilometer südöstlich von Nairobi, Kenias Hauptstadt. Man ahnt nun, dass Frank Burkell und Johnny Kimathi die Bande zu Fall bringen werden. Dann kommt es aber anders, da Kimathi seine Freundin Sofia heiraten möchte und ihr Vater Kimathi nicht mag, da er Ranger ist (Sofias Schwester war ebenfalls mit einem Ranger verheiratet und wurde von Wilderern erschossen), quittiert Kimathi daraufhin den Dienst, heiratet Sofia und zieht mit ihr nach Nairobi zu seinem Onkel. Der hat in der Grogan Road einen kleinen Gemischtwarenladen, den nun Johnny und Sofia auf Vordermann bringen. Das läuft solange gut, bis der Schutzgeldeintreiber Kuria kommt und einen Teil der Einnahmen fordert. So kommt es doch noch zu einer Konfrontation mit der Bande, denn Kuria ist für Al Haji tätig. Bis zum Schluss ist Frank Burkell und Johnny Kimathi allerdings nicht ganz klar, mit welchem mächtigen Gegner sie es zu tun haben. Sie agieren eher aus dem Bauch heraus.

Das Buch erschien erstmals 1979 bei Longman Kenya (Nairobi) unter dem Titel „The Bushtrackers“. Die Übersetzung von Peter Friedrich erschien 2001 im Unionsverlag (Zürich).

Leon Sachs: Falsche Haut (Lesung: Crime Cologne, 27.09.2016)

Ein Bestattungsinstitut ist ein ungewöhnlicher Ort für eine Krimilesung. Ist es doch ein Ort wo man seine Angehörigen, Verwandte oder Freunde betrauert. Krimiliteratur hingegen sorgt dafür, dass es weitere Tote gibt. Wenn auch nur fiktionale Tote. Es wird dafür gesorgt, dass noch mehr getrauert wird. Aber vielleicht haben genau diese Toten und die Trauer Anteil am Erfolg des Krimigenres. Man ist entsetzt über den Mord, trauert und will das der Täter gefunden wird. Das Bestattungsinstitut Pütz-Roth in Bergisch Gladbach bei Köln hebt sich zudem ein ganzes Stück vom normalen Bestattungsinstitut ab. Im Wald gelegen, mit einem eigenen Friedwald, mit einem Pfad der Sehnsucht zur Trauerbewältigung oder Seminaren zum Thema Trauer.

Hier las der Autor Leon Sachs im Rahmen der fünften CRIME COLOGNE aus seinem Debütroman „Falsche Haut“. Im Vorgespräch mit David Roth sagte Leon Sachs, er sei unter seinem richtigen Namen Marc Merten als Sportjournalist tätig, Leon Sachs sei sein Pseudonym als Krimi- bzw. Thriller-Autor. Er will die Tätigkeiten als Journalist und Buchautor klar trennen. So gibt es auch bei Google keine Vermischung. Er hat in Fribourg (Schweiz) Medien- und Kommunikationswissenschaft studiert und postgradual im nordenglischen Durham Theologie und Religion (Middle Eastern Cultures and Judaism). Später erwähnt er, das sein zweiter Vorname Leon sei und sein Großvater Leo Sachs war. Seinen Großeltern Vella und Leo Sachs hat er dann auch dieses Buch gewidmet.

Mitte der 90er Jahre sprach der Autor mit seiner Großmutter über ihr Schicksal als polnische Jüdin während der Nazidiktatur. Noch in Osteuropa traf sie zu Kriegsende eine Gruppe jüdischer Männer, die nach Westdeutschland wollten, sie schloss sich ihnen an. Einer der Männer war Leo Sachs. Gemeinsam gingen sie nach Köln, wo Leo Sachs ab 1946 ein Vertreter der Synagogen-Gemeinde wurde. Diese Berichte beschäftigen Leon Sachs so sehr, dass er beschloss einen Roman über diese Thematik zu schreiben. Ein Thriller, da er sehr viele Thriller lesen würde — keinen Liebesroman, denn davon hätte er keine Ahnung. Die Idee zum Buch hat er Jahre lang mit sich herum getragen, aber erst 2012 mit dem Schreiben angefangen und das Manuskript im Herbst 2013 fertig gestellt. Dann begann der Hürdenlauf, wie er es nannte: Literaturagentur, Verlag, Lektorat. Schließlich erschien das Buch im Frühjahr 2016 beim Regionalkrimipionier Emons in Köln.

Ein wenig las Leon Sachs dann auch aus seinem Buch. Nicht soviel, so dass den Zuhörern nur wenig verraten wurde. Allerdings kam so allerdings von der Spannung des Buches kaum etwas rüber (ich muss dazu sagen, ich bin gerade dabei das Buch zu lesen). Im Buch geht es Schlag auf Schlag. Da sitzt niemand herum und überlegt lange über die vorhandenen Indizien – es geht immer flott weiter, von Fribourg nach Paris, von dort nach Strasbourg, bis man schließlich in Bordeaux landet. Dies in einer Lesung rüber zu bringen, ist schon eine Kunst.

Es gibt zwar auch einen ermittelnden Kriminalbeamten – den Richter Pascal Bernard, der taucht aber erst ab dem zweiten Teil, der auf Seite 110 anfängt, auf –, die eigentlichen „Ermittler“ sind aber der Geschichtsprofessor Alex Kauffmann, der in Fribourg wohnt, und die Pariser Architektin Natalie Villeneuve. Die beiden sind gemeinsam in einem Waisenhaus aufgewachsen. Mit neun Jahren wird Natalie vom Ehepaar Régis und Suzanne Villeneuve adoptiert und lebt fortan in Paris. Alex zieht zu seinen Adoptiveltern in die Schweiz. Natalie und Alex bleiben in Kontakt und beide fühlen sich beim anderen als der Familie zugehörig. Die Handlung setzt ein, als Régis Villeneuve neunzigjährig stirbt. Seine Frau hat in seinem Schreibtisch einen Brief gefunden, Régis wurde erpresst. Es wird angenommen, das Régis etwas gewusst hatte, von dem seine Gegner wollten, dass es geheim bleibt. Diese drohen, dass Régis nichts verraten solle, ansonsten „sei Natalie ihres Lebens nicht mehr sicher.“ Nun machen sich Natalie und Alex auf die Suche nach der Begebenheit und den Erpressern, die, soviel kann ich verraten, ziemlich mächtige Schurken sind. Bei der Recherche müssen sie zurück ins Jahr 1944, als Régis und sein Freund Jacob Hinault in der Résistance waren. Langsam reimen sich Natalie und Alex mit der Hilfe von Pastor Thomas und Alex Kollegen Professor Hugo von Arx, zusammen, was passiert sein könnte. Sie kämen der Lösung schnell nahe, wäre da nicht der ominöse Kanzler und sein Sohn Raoul, der sie beschattet.

In der abschließenden Fragerunde, sagte Leon Sachs, dass er an einem zweiten Manuskript arbeiten würde. Diese Geschichte wird in London spielen. Geplant ist, dass es für diese Geschichte auch Fortsetzungen geben soll, was für „Falsche Haut“ nicht geplant sei. Ob dann erneut bei Emons, wird sich zeigen, der Augenkontakt zwischen Leon Sachs und der Emons Geschäftsleitung in der letzten Stuhlreihe wirkte jedenfalls vielversprechend.

Link: www.crime-cologne.com

Chester Himes: Die Geldmacher von Harlem (diese Ausgabe erschien 1976 bei Rowohlt; im Original als „For Love of Imabelle“ 1957)

Ort der Handlung: New York City-Harlem (USA)

Zeit: 1950er Jahre

Jackson, der mit Imabelle zusammen ist, gerät an die Verbrecher Hank, Jodie und Slim, die ihn mit dem „Knall“-Trick ausnehmen. Mit zwei Tricks sind die drei Herren in Harlem unterwegs. Mit seinem Bruder Goldy, der eigentlich verkleidet als christliche Schwester Gabriel durch die Straßen von Harlem läuft, macht sich Jackson auf die Suche nach den Verbrechern. Jackson, der als Fahrer beim Bestatter Mr. Clay arbeitet, klaut Clay 500 Dollar und auch seinen Leichenwagen. Mit diesem wollen sie einen Koffer mit Golderz transportieren. Dieses Golderz gehört zum zweiten Trick von Hank, Jodie und Slim. Sie finden zwar den Koffer und schaffen ihn in den Leichenwagen, aber nicht Hank, Jodie und Slim. Stattdessen wird Goldy von den Verbrechern ermordet und in den Leichenwagen neben den Koffer gelegt. In einer rasanten Verfolgungsjagd von Harlem nach Manhattan, verliert Jackson sowohl den Koffer als auch die Leiche seines Zwillingsbruders Goldy.

Die beiden Polizisten „Grave Digger“ Jones und „Coffin Ed“ Johnson sind zwei hartgesottene farbige Cops im zumeist von Afroamerikanern bewohnten New Yorker Stadtteil Harlem. Bei einem Zusammentreffen mit Hank, Jodie und Slim, wird Coffin Ed durch Säure schwer verletzt. Grave Digger begibt sich nun auf die Jagd.

Ganz in Thriller-Manier rauscht man als Leser zusammen mit Jackson & Goldy sowie Grave Digger & Coffin Ed durch die Straßen von Harlem. Chester Himes kam damals mit 155 Seiten aus. Ich denke heute würde man die Geschichte locker auf die dreifache Seitenanzahl hochjagen. Dadurch würde auch die Möglichkeit bestehen alle Figuren näher kennen zu lernen. Die Leute kommen quasi aus dem Nichts, fast so, als hätte man bereits ein paar Geschichten zuvor verpasst. Interessante Figuren gibt es reichlich: Goldy alias Schwester Gabriel, die beiden Detectives Grave Digger und Coffin Ed, die Trickbetrüger Hank, Jodie und Slim sowie der Bestatter Mr. Clay. Ich hätte gerne mehr über sie erfahren.

Raymond Chandler „Die Tote im See“ (erschien im Original 1943 unter dem Titel „The Lady in the Lake“; diese Ausgabe 1976 bei Diogenes Verlag, Zürich)

Ort der Handlung: Los Angeles und Umgebung (Kalifornien/USA)

Coverzeichnung: Tomi Ungerer

Chandlers Ermittler Philip Marlowe ist ein „Privater“, also ein Privatdetektiv. Er hat ein Büro in Los Angeles. Als Privater hat Marlowe oft Kontakt zu einheimischen Polizisten, Typen die ihn nicht für voll nehmen und die von Marlowe stets auf die Schippe genommen werden. Ein kleine Kostprobe? Marlowe hat für seinen Auftraggeber einen Mr. Lavery im Badeort Bay City befragt. Er bleibt nach der Befragung mit sein Wagen noch etwas in der Einfahrt stehen, was dem Nachbarn gegenüber verdächtigt vor kommt und die Polizei ruft. Lieutenant Demargos erster Auftritt:

„Demargo, Lieutenant der Kripo“, sagte er mit seiner schweren brutalen Stimme.
„Sehr erfreut Lieutenant.“
„Sparen Sie sich das. Erzählen Sie mir jetzt lieber, warum Sie Dr. Almores Grundstück belauern.“
„Ich belauere Almores Grundstück nicht, wie Sie das nennen, Lieutenant. Ich habe noch nie von Dr. Almore gehört, und ich kann mir keinen Grund denken, warum ich sein Haus belauern sollte.“
Er drehte seinen Kopf weg, um auszuspucken. Heute war der Tag, wo ich die Knaben traf, die es mit dem Spucken hatten.
„Womit machen Sie denn dann Ihren Schnitt? Wir können keine Schlüssellochspanner hier gebrauchen. Wir haben keinen einzigen in der Stadt.“
„Ist das wahr?“ (Seite 33)

Der erste Eindruck von Lieutenant Demargo ist nicht sonderlich gut. Marlowe ist den Polizisten immer überlegen, auch weil diese kaum über den Tellerrand ihres Bezirks hinausschauen. Als Privater ist Marlowe nicht an eine Abteilung oder einen Bezirk gebunden, er hat seinen Auftrag.

Marlowe hat einen trockenen Humor. Nachdem er beispielsweise die zweite Leiche entdeckt hat und die Polizei zunächst nicht informieren will:

Niemand schrie und stürzte aus der Tür. Keiner pfiff auf einer Polizeipfeife. Alles war still, sonnig und friedlich. Offenbar gab es keinen Grund zur Aufregung. Da war ja nur der Marlowe, der eine weitere Leiche gefunden hatte. Allmählich kann er das schon ganz gut. Pro-Tag-ein-Mord-Marlowe, so könnte man ihn nennen. Und am besten wär’s, man schickte ihm den Leichenwagen hinterher, wenn er seinem Beruf nachgeht.
Ein netter Kerl, fast genial auf seine Art.
Ich ging zurück bis zu Kreuzung, stieg in meinen Wagen, startete, setzte kurz zurück und fuhr weg. (Seite 122)

Arthur Conan Doyle: Eine Studie in Scharlachrot (diese Ausgabe 2007 bei Insel Taschenbuch; erschien ursprünglich 1887 als „A Study in Scarlet“)

In diesem Buch lernen sich Sherlock Holmes und Dr. Watson kennen.

>>“Doktor Watson, Mister Sherlock Holmes“, stellte Stamford uns vor.

„Sehr erfreut“, sagte er herzlich und schüttelte meine Hand mit aller Kraft, die ich kaum in ihm vermutet hätte.
„Sie sind in Afghanistan gewesen, wie ich sehe.“
„Woher um alles in der Welt wissen Sie das denn?“ fragte ich verblüfft.
„Unwichtig“, sagte er, wobei er in sich hineinkicherte.<< (Seite 17)

Da sieht man fast schon Benedict Cumberbatch als Sherlock und Martin Freeman als Dr. John Watson vor sich. Die beiden arbeiten hier an ihrem ersten Fall: Der Ermordung der beiden Amerikaner Drebber und Stangerson. Die im ersten Teil des Buchs begonnenen Ermittlungen werden im zweiten Teil nicht direkt fortgesetzt. Arthur Conan Doyle hat hier zunächst die Vorgeschichte des Mordes eingebaut. Dieser Teil der Geschichte ist nicht in der Ich-Form aus der Sicht von Dr. Watson geschrieben. Für den Lesefluss und den Spannungsbogen, ist die 60seitige Unterbrechung nicht förderlich, aber ich finde die Idee für diesen Einschub interessant.

London: Seit der TV-Serie „Sherlock“ scheint auch das Sherlock Holmes-Museum in der Baker Street 221B (in Marylebone, London, City of Westminster. U-Bahn Baker Street mit der Circle Line) wieder sehr beliebt zu sein. Man muss sich nun schon in eine lange Schlange einreihen und hat im Haus leider kaum die Möglichkeit alles in Ruhe zu betrachten. Das Haus ist die reinste Fundgrube für Fans des Privatdetektives Sherlock Holmes und des Schriftstellers Arthur Conan Doyle. Zahlreiche original Dokumente, Waffen, Materialien aus den Fällen oder der Kopf des Hunds von Baskerville sind zu sehen. Es ist eine schöne Idee das Haus einer Romanfigur der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wenn nicht die vielen Besucher die knarrenden Treppen rauf und runter laufen würden, würde man in jedem Moment Holmes in der Tür oder hinter einem der Vorhänge erwarten.

Angelika Felenda: Der eiserne Sommer (erschien 2014 bei Suhrkamp; 2016 als Taschenbuch ebd.)Geschildert wird die Aufklärung von zwei Morden durch den Kommissär Sebastian Reitmeier (Kommissär, weil in München die vom französischen commissaire abgeleitete Bezeichnung üblich ist) im Jahr 1914. Neben der Ermittlung ist auch das Privatleben von Reitmeier Teil der Handlung. So lernen wird die Freunde Sepp, Lukas und Caroline kennen. Da der Bruder der beiden letztgenannten, Franz, mit im Fall verstrickt ist, vermischt sich die Ermittlung und das Private. Zudem Caroline als Ärztin auch aushilfsweise in der Gerichtsmedizin arbeitet. Lange zieht sich die Ermittlung etwas träge dahin, da Reitmeier nicht so ermitteln darf wie er eigentlich will, er wird von seinen Vorgesetzten ausgebremst. Das klingt jetzt nach Schema F, wo es der Polizeipräsident einfach haben will, hier kommt es meiner Meinung nach aber überzeugend rüber. Spannend wird es, als der Polizeischüler Korbinian Rattler nach Sherlock Holmes-Manier auf eigene Faust ermittelt. Das endet zwar letztendlich in einem Fiasko, Rattler landet im Krankenhaus, zeigt aber, dass in zukünftigen Fällen mit der Anwendung von damals innovativen Ermittlungsmethoden zu rechnen ist.Wie man es von ähnlichen historischen Krimis (z.B. der Reihe von Volker Kutscher) kennt, spielen die politischen Umstände eine wichtige Rolle. Der österreichische Thronfolger wurde ermordert, nun droht Krieg. Die damalige Macht des Militärs wirkt weit in den Fall hinein. Ohne das Angelika Felenda hier eine kleine Geschichtsstunde einbaut, wirkt die Beschreibung authentisch.Die Autorin wendet zur Erzeugung von Spannung als Stilmittel der „Gesprächspartner ist nicht da“ an, d.h. Reitmeier versucht jemanden, von dem er sich wichtige Informationen erhofft, telefonisch zu erreichen, doch dieser ist unterwegs oder erst nach dem Wochenende wieder zu erreichen. So bleibt die Spannung bezüglich dieser Information noch erhalten. Wobei Reitmeier eigentlich niemanden erreicht.Die Fortsetzung ist unter dem Titel „Wintergewitter“ erschienen und spielt im Jahr 1920.

Tony Hillermann: Wolf ohne Fährte (erschien 1972 bei Rowohlt; diese Ausgabe 1991 bei rororo; Originalausgabe „The Blessing Way“, 1970)

Ort der Handlung: Arizona (USA)

Zeit: späte 60er Jahre

Der Roman spielt in den Navajo-Reservaten in Arizona. Polizist Joe Leaphorn sucht Luis Horseman, beide sind Navajo-Indianer. Bergen McKee, Forscher an der Uni New Mexico, beschäftigt sich mit Antís, bösartige Männer, die sich ein Wolfsfell umhängen und sich, im Glauben der Navajos, in Wölfe verwandeln können. Horseman wird von so einem Antí getötet. Diesem „falschen“ Antí läuft McKee über den Weg. Wie sich herausstellt, ist dieser Antí ein Verbrecher aus Los Angeles, der zwar ein Navajo ist, aber in den 30er Jahren während einer Dürre nach LA ausgesiedelt wurde. Zusammen mit dem Ingenieur Jimmie W. Hall will er nun das große Geld machen.

Sehr interessant ist hier einiges über die Religion der Navajo-Indianer zu erfahren. So geht es auch um Feindzauber, um den Antí abzuwehren.

Marco Vichi: Das Geheimnis der Signora (erschien 2004 bei Bastei-Lübbe)

Hochsommer 1963 in Florenz. Eine ältere Signora stirbt auf merkwürdige Weise in ihrem Haus. Unter Verdacht ihre Neffen, die einen Teil des Vermögens der Signora erben. Die Neffen werden zum Verhör eingeladen, sie schwitzen, es gibt Bier. Weite Strecken des Buchs geht es gar nicht um den Fall, sondern der Commissario streift durch die hochsommerliche Stadt (er ist mit seinem VW Käfer unterwegs), erinnert sich an seine Kindheit oder den Krieg, trifft sich mit Freunden oder Verwandten, fährt mit einem Kollegen zum Meer. Und überprüft ein paar Alibis, ja so etwas passiert auch. Den eigentlichen Fall, die Ermordung der Signora, verliert man als Leser leicht aus den Augen, aber was soll’s, bei dieser Hitze?

Fritjof Karnani: Takeover (erschien 2006 im Gmeiner Verlag)

Ort der Handlung: Berlin, Cambridge, USA

Technik: Es fallen einige technische Begriffe, wie beispielsweise „IP-Adresse“, „Router“ oder „Hintertür“ (Backdoor). Diese werden ohne den Lesefluss zu stören schnell erklärt.

Da das Buch 2006 erschienen ist und der Autor in den Jahren zuvor recherchiert und geschrieben hat, sind ein paar Dinge bereits überholt. So wählen sich Ferry Ranco und Judith Knowles noch ins Internet ein, um ihre E-Mails abzurufen – da hört man fast noch die Töne eines Modems. Heute ist man always online, ein Blick aufs SmartPhone würde genügen, um mal schnell aktuelle Nachrichten oder E-Mails zu lesen. Grob gesagt, wird eine Computertechnik verwendet wie sich im Zeitraum 1999/2005 üblich war, da konnte man von SmartPhones oder Tablets nur ahnen. Obwohl das Buch jetzt gerade mal 10 Jahre alt ist, wirkt es durch die zahlreichen Veränderungen in der digitalen Welt bereits altmodisch. So ruft Judith als Suchmaschine Yahoo auf (gab es damals noch die Suchmaschine AltaVista mit BabelFish als Übersetzungstool?). Dies finde ich interessant: Schreibt man eine Geschichte die z.B. 2006 spielen soll, dann darf da natürlich kein SmartPhone vorkommen.

Im Buch gibt es auch ein wenig IT-Forensik. Da schickt ein Sytemadministrator, dessen System gehackt wurde, an Ferry Ranco eine Logdatei, in der der Angriff auf das System protokolliert ist.

Frank Goldammer: „Der Angstmann“ (erschien 2016 beim dtv)

Ort der Handlung: Dresden

Zeit: 1944/45

In Dresden mordet jemand, von dem die Leute behaupten es sei der „Angstmann“. Kriminalinspektor Max Heller ist da eher skeptisch. Er tappt lange im Dunkeln ohne das in der Geschichte die Spannung abreißt. Neben den Morden sind nämlich auch andere Begebenheiten spannend. Zunächst die Beziehung zwischen Heller und seinem Chef, Rudolf Klepp, einem SS-Mann, der die Ermittlungen eher blockiert und nach einfachen Lösungen sucht. Dann sind da die Bombennächte, in denen Briten und Amerikaner Dresden schwer beschädigten. Frank Goldammer schildert eindrucksvoll, wie Max Heller sich während eines Angriffs durch die Stadt bewegt. Erst nach Kriegsende kann Heller am Fall weiterermitteln. Da es keine deutsche Polizei mehr gibt, arbeitet der Inspektor nun mit Soldaten der russischen Besatzer zusammen, was nicht unbedingt einfach ist. Der russische Politkommissar Alexej Saizav ist zwar weniger an Hellers Fall interessiert – vielmehr will der Kriegsverbrecher wie Klepp stellen –, doch letztendlich können sie gemeinsam die Morde aufklären.

Webseite des Autors: www.frank-goldammer.de

Helmut Frangenberg: „Trümmer“ (erschien bei 2001 beim Emons Verlag, Köln)

Ort der Handlung: Köln

Zeit: 1947

Richard Munckler ist kein erfahrener Ermittler, im Gegenteil er ist ein Grünschnabel. Er hat erst nach dem Krieg bei der Schutzpolizei angefangen, nun 1947 ist er bei der Mordkommission der Kölner Kriminalpolizei. Beim ersten Fall bei dem er mit ermittelt, wurde eine Frau umgebracht, wohl von Einbrechern. Richard scheint zunächst nicht für den Polizeidienst geeignet. Er zweifelt an sich selber. Man erlebt den Fall aus seiner und aus der Innenansicht des ehemaligen polnischen Zwangsarbeiters Miro, von Helmut Frangenberg jeweils in der dritten Person geschrieben. Beide durchlaufen in der Geschichte eine gewaltige Entwicklung: Miro gezwungen durch den Verlauf des Falls, Richard aus eigenem Antrieb heraus. Ab einem gewissen Punkt, will sich Richard nicht mehr seinem Schicksal hingeben und beschließt ein guter Ermittler zu werden. Am Ende läuft er zur Höchstform auf.

Autor Helmut Frangenberg, war ab 2000 als Lokalredakteur bei der „Kölnischen Rundschau“ tätig.

Reinhard Junge „Klassenfahrt“ (erschien 1985 beim Weltkreis Verlag, Dortmund)

Ort der Handlung: Aachen, Ruhrgebiet

Zeit: 1984

Am Grenzübergang Aachen-Lichtenbusch wird ein BMW von Grenzern überprüft. Die Wageninsassen eröffnen mit einer MPi das Feuer und töten die Grenzbeamten. Polizei und BKA fahnden nach den Leuten. Die Gesuchten flüchten ins Ruhrgebiet, wo auch eine Schulklasse sich auf Abschlussfahrt befindet und mit ins Geschehen hineingezogen wird und, soviel sei verraten, auch bei der Auflösung des Falls eine wichtige Rolle spielt.

An einigen Stellen wird die Geschichte einseitig linkspolitisch, daraus macht der Autor auch keinen Hehl, er bezieht deutlich Stellung: Die Polizei ist auf dem „rechten“ Auge blind und sucht die Mörder erst mal im „linken“ Spektrum, da damals Terrorismus in Westdeutschland von links kam.

Das Buch erschien 1985 als Weltkreis Krimi beim Weltkreis Verlag in Dortmund. Der Gründer des Grafit Verlags Rutger Booß war von 1974 – 80 Lektor beim Weltkreis Verlag, bei dem u.a. die Weltkreis Krimis erschienen. Später war Booß beim Kölner Pahl-Rugenstein Verlag, der nun die Weltkreis Krimis veröffentlichte. Dort erschien beispielsweise der erste Krimi von Jacques Berndorf „Eifel-Blues“ im Jahr 1989. Nach der Insolvenz des Pahl-Rugenstein Verlags gründete noch im selben Jahr Rutger Booß in Dortmund den Grafit Verlag, bei dem nun einige Weltkreis Krimi-Autoren erschienen (z.B. Reinhard Junge, Jacques Berndorf).

Webseite: www.toedliche-texte.de (Christiane Bogenstahl / Reinhard Junge)

Bücher von Volker Kutscher

Im Jahr 2009 sammelte ich Bücher von Autoren aus dem Bergischen Land. Mit dabei waren drei Bergische Krimis vom Emons Verlag. 1995 war bei Emons der erste Bergische Krimi erschienen, „Über die Wupper“ von Edgar Noske und Klaus Mombrei. Die Reihe wurde fortgesetzt mit „Bullenmord“ und „Vater unser“ von Volker Kutscher und Christian Schnalke. Ein paar Jahre später folgte Kutschers erster Roman „Der schwarzer Jakobiner“, ein historischer Krimi, der in Wipperfürth spielt. Diese Krimis hatte ich also in meiner Sammlung.

Nachdem ich den Jakobiner so toll fand, wollte ich schauen was Kutscher den nun schreibt. Ich war überrascht als ich das Taschenbuch „Der nasse Fisch“ fand: Ein Berlin Krimi beim KIWI-Verlag. Das war nun etwas ganz anderes. Den Start der Serie hatte ich um zwei Jahre verpasst. Dies hatte aber den Vorteil, dass ich mir nach dem Lesen des ersten Rath-Buches, direkt das zweite „Der stumme Tod“ kaufen konnte.

Lesung „Lunapark“ mit Volker Kutscher am 20. März 2018
Jubilate-Forum, Lindlar

In der kurzen Einführung erwähnte Marlene Esser, sie ist seit langem die erste Vorsitzende des Fördervereins der Gemeindebücherei, dass Volker Kutscher zuletzt 2003 in Lindlar gelesen hat. Damals laß er aus seinem historischen Krimi „Der schwarze Jakobiner“. Kutscher erinnerte sich, damals hätte er noch bei der „Bergischen Landeszeitung“ in Wipperfürth gearbeitet, wo man die Lokalseiten für Wipperfürth und Lindlar schreibt. Der Wipperfürther Kutscher hatte quasi Heimspiel. Fragt sich, ob der Autor dies ebenso sah. Er verriet auch, dass er gar in Lindlar geboren wurde, weil man hier damals noch im Krankenhaus eine Geburtstation hatte, gewohnt hat er in Lindlar nicht.

Kutscher las nun den Prolog und ein halben Kapitel aus „Lunapark“. Hier im sechsten Fall wird ein SA-Mann ermordet. Auf dem Buch steht „Gereon Raths sechsten Fall“, aber, so sagte Kutscher, seit 1929 hätte Rath natürlich mehr als sechs Fälle bearbeitet, die hat der Autor aber nicht aufgeschrieben. Man könnte also sagen, die niedergeschriebenen Fälle, sind die Best-off-Fälle. In der Pause überlegte sich einige im Publikum ihre Fragen an den Autor, denn Kutscher wollte noch ein weinig aus einem Kapitel lesen und dann eine Fragerunde einläuten.

In diesem Kapitel erlebte man die kleine Familie Rath, Geroen, Charly und das Pflegekind Fritze im Privaten. Die drei diskutieren, ob Fritze weiterhin bei der HJ mitmachen soll. Fritze selber ist begeistert und hat bereits an einer Schnupperstunde teilgenommen. Charly ist strikt dagegen. Gereon ist es mehr oder weniger egal, soll er doch ruhig mitmachen, ist ja nichts anderes als bei den Pfadfindern.

Frage: zum Namen „Gereon Rath“. Kutscher meinte, er hätte sich damals überlegt, dass sein Protagonist ein Rheinländer sein sollte. Er sollte ein Aussenseiter in Berlin sein. Rheinländer und katholisch geprägt. Der Nachname Rath hätte nicht gereicht, um dies deutlich zu machen, Rath sei ja nicht unbedingt rheinisch. Dann hätte er Heiligennamen gedacht. Er erwähnte Severin, den er aber auch verwarf, weil man dann zu sehr an den gleichnamigen Hersteller von Küchenmaschinen denkt (Lacher). So wurde es dann Gereon. Ein Name der in Buchrezensionen oft falsch geschrieben würde („Gerion“). Gereon Rath ist neben oder sogar vor dem Heiligen Gereon von Köln, der bekannteste Namenträger.

Frage: Zur „Rath Recherche“. Kutscher sagte, für ihn seinen Bilder und Filme von damals wichtig. Die Sprache damals sei schon modern gewesen, so würde man denken bestimmte Schimpfwörter seinen erst in den 60er oder 70er Jahren entstanden, aber die hätte es auch schon damals gegeben. Er erwähnte in diesem Zusammenhang auch die Bücher von Hans Fallada. Wichtig seinen für ihn Zeitungen vor 1933, da würde er mitbekommen, wie die Leute damals getickt hätten. Er würde mehr recherchieren, als er für seine Geschichten brauchen würde, auch schon aus dem Grund, weil ihn die Sache, also die Geschichte der 20er-, 30er-Jahre, auch auch so interessieren würde.

Frage: Einfluss der TV-Serie zu seinem Buch. Dies sieht Kutscher sehr locker. Die machen ihr Ding, er seins. Er berichtete kurz wie es zur Serie gekommen war. Es gab bereits mehere Produktionsfirmen die sich die Rechte gesichert hätten, aber dann nie etwas produziert hätten, so ein historischer Stoff sei ja auch aufwendig zu drehen. Der Macher der TV-Serie Tom Tykwer wäre zu ihm gekommen, weil er eine Serie in den 20er Jahren drehen wollte, er hätte Interesse am „Der nasse Fisch“-Stoff gehabt, aber auch eigene Ideen mitgebracht.

Frage: Stand bei der Entwicklung von „Der nasse Fisch“ schon fest, wo es hin gehen sollte? Damals, sagte Kutscher, hätte er zunächst ein Expose geschrieben, in dem die Story gestanden hätte. Mit diesem hat er dann einen Verlag gesucht. Bis zum vierten Band hätte er zunächst immer einen Plot geschrieben und mit diesem die Geschichte geschrieben. Danach hätte er es ohne Plot versucht. Da es klappte, schrieb er auf diese Art weiter, auch wenn er sich dann manchmal verlaufen würde und Teile neuschreiben müsse.

Frage: In „Märzgefallene“ würde Rath von Elberfeld nach Bonn fahren. Hätte es ihn als („Wipperfürther“-) Autor nicht gereizt, Rath in Wipperfürth halten zu lassen. Kutschers Antwort: Nein. Das müsste schon in die Handlung passen.

Oft glitt Volker Kutscher von der Frage ab und plauderte aus seiner Werkstatt. So erfuhren wir, dass er noch am siebten Gereon Rath-Fall schreibt, der den Titel „Marlow“, nach der Figur Johann Marlow, haben wird (dazu auch dieses Interview [1]). Eigentlich hätte er die Serie auf acht Bücher angelegt, vier vor der Nazidiktatur, vier während. Nicht ganz neu ist, dass der Autor seine Reihe nun nicht 1936 enden lassen will, da das Jahr für ihn zu „positiv“ sei (mit der Olympiade in Berlin wollte sich das NS-Regime in ein gutes Licht stellen), sondern 1938. Es kommt also noch ein Buch hinzu (siehe auch hier [2]). Dieses Buch wird dann während der Reichsprogromnacht (9. November 1938) spielen. Als Verliererin der ganzen Reihe sieht er Charly Rath, durch die Verbote des Regimes, kann sie ihre beruflichen Wünsche nicht er füllen.

Phantastik-Literatur

Stephen King: Schwarz (erschien 1982; diese Ausgabe 1997, Heyne Verlag)

Die Verfilmung des ersten Buch der Reihe „Der Dunkle Turm“ war im Sommer 2017 im Kino zusehen. Da gab es zahlreihe Buhrufe. Ach herrje, was wurde da gemotzt: Der Film würde ja der Buchreihe gar nicht gerecht. Die Fans der Buchreihe haben den Film niedergemäht.

Ich hatte hinter dem Mond von der Buchreihe noch nie gehört und dankte deshalb dem Film für diesen netten Hinweis. Der Film selber ist ein schöner Trailer für diese Reihe. Nicht zu lang, wenn man bedenkt, wie viele Seiten die „Der Dunkle Turm“-Bücher haben. Verfilmt worden ist das erste Buch „Schwarz“, mehr nicht. Buch und Film sind sehr unterschiedlich — zwei Alternativen?

Der Revolvermann Roland verfolgt seit längerer Zeit den Mann in Schwarz. Den bezeichne ich hier mal als einen Art Zauberer. Im letzten Teil des Buches erzählt er dem Revolvermann genau was er ist. Dies fehlt im Film, sicherlich eine der Schwächen. Roland und der Mann in Schwarz sitzen in einer ewig langen Nacht zusammen am Feuer und reden, während im Film mal wieder in Hollywood-Manier die Fetzten fliegen. So geht das halt. Dies ist transmediales Erzählen. Im Buch ist es passend, wenn die beiden reden. Im Film will man Action sehen. Dies ist meiner Meinung auch ein Grund, weshalb lange Beschreibungen von Actionszenen in Büchern langweilig sind. Jedem Medium das, was es am besten kann.

Im Nachwort erfährt man von Stephen King, dass er im März 1970 die ersten Sätze von „Der Dunkle Turm“ geschrieben hätte.

In Deutschland erschien das erste Kapitel von „Schwarz“ in „Die besten Stories aus The Magazine of Fantasy and Sciene Fiction — Sterbliche Götter“, gedruckt 1980 (im Original 1976 erschienen). Titel dieser Geschichte: „Der Revolvermann“ (The Gunslinger).

Jeff Vandermeer: Auslöschung (erschien 2014 beim Kunstmann Verlag)

Gestaltung: Marion Blomeyer, Büro Lowlypaper

Vier namenlose Wissenschaftlerinnen werden von der Regierung in die Area X gesendet. Es ist bereits die 12. Expedition in das Gebiet. Vor langer Zeit ist dort etwas Gravierendes passiert. Die Region ist nun unbewohnbar. Direkt nach ihrer Ankunft entdecken sie den in die Erde gebauten Turm. Bei der Erkundung entdecken sie, dass der Turm lebendig ist, es ist ein Organismus. An den Wänden befindet sich Schrift aus Pflanzen. Zwei Wissenschaftlerinnen verschwinden. Sie finden die erste unten tod im Turm. Die zweite findet die Biologin neben dem Leuchtturm, sie ist vom Leuchtturm gesprungen. Jeder der Expeditionsteilnehmer soll ein Tagebuch schreiben. So war es auch schon bei allen vorherigen Expeditionen. Im Turm findet die Biologin unter einer Falltür einen Stapel mit diesen Tagebüchern, die untersten beginnen bereits zu faulen. Sie findet dort auch das Tagebuch ihres Mannes, der an der vorherigen Expedition teilgenommen hatte und sehr verändert nach Hause zurück gekehrt war. Aus dem Buch erfährt sie Genaueres über sein Schicksal.

Jeff Vandermeer: Autorität (erschien 2015 beim Kunstmann Verlag)

Control (eigentlich John Rodriguez) ist der neue Direktor von Southern Reach. Er ist Nachfolger der langjährigen Direktorin, die seit der 12. Expedition nach Area X, an der sie teil nahm, verschwunden ist. Im ersten Teil „Auslöschung“ dieser Triologie wurde über diese Expedition berichtet. Nun erfahren wir, dass man von Southern Reach aus, bereits seit 30 Jahre forscht, aber immer noch nicht versteht, was in Area X passiert. Control verhört eine Biologin, die als einzige aus von der 12. Expedition zurück gekehrt ist. Viel kann er nicht von ihr erfahren, zu mal sie mehrmals sagt, sie sei gar nicht die Biologin. Sie ist ein Replikant.

Jeff Vandermeer: Akzeptanz (erschien 2015 beim Kunstmann Verlag)

In diesem dritten Teil sind Control, der Replikant der Biologin und Grace, die stellvertretende Direktorin von Southern Reach, in Area X unterwegs. Des Weiteren gibt es Rückblicke aus Sicht der ehemaligen Dikrektorin (und damit Vorgängerin von Control) und dem Leuchtturmwärter. Aus diesen unterschiedlichen Sichtweisen wird geschildert wie Area X entstand und wie sie tickt.

Dieter Paul Rudolph: Der Bote (erschien 2012 beim Conte Verlag)

Im Weiler Bannkies ist ein Mann ermordet worden. Bei ihm fand man einen nagelneuen Plastikkannister mit Wasser. Dieser Kannister ist erstaunlicher als der Mord selber, denn die Geschichte spielt in einer Zeit, in der unsere technischen Erfindungen der letzten Jahrhunderte nach einer schweren Katastrophe längst vergessen sind. Ein Kriminalrichter aus der Stadt wird nach Bannkies geschickt um den Fall zu lösen. Man schreibt das Jahr 2168, aber der namenlose Kriminalrichter und Ich-Erzähler reist mit der Postkutsche an. Man fühlt sich als Leser mehr ins 18. oder 19. Jahrhundert zurück versetzt.

Nachdem ein zweiter Kriminalrichter im Dorf ankommt, den Fall übernimmt und nach einer schnellen Lösung sucht, gerät die Ermittlung des ersten Kriminalrichters aus den Fugen. Ihm gelingt es aber ein altes Laptop zu finden und damit in Verbindung zum „Priester“ zu treten, der zu einer Gruppe von Leuten gehört, die noch wissen wie man mit der alten Technik umgeht.

Interessant sind die Märchen die sich im Dorf erzählt werden. Ungeklärte und seltsame Begebenheiten werden in Märchen gepackt. Diese sind mit in die Geschichte eingeflochten.

Autor/Verlag bezeichnen das Buch als „Science-Fiction-Krimi aus der guten alten Zeit“. Science-Fiction? Steam-Punk? Beide Kategorien passen meines Erachtens nicht ganz. Aber die Umschlaggestaltung mit der kaputten Schrift, dem Mann in alter Kleidung (der Kriminalrichter?) und dem Laptop unten rechts, beschreibt es eigentlich schon ganz gut. Ein Mystery-Krimi, vielleicht? Hier hab ich das Buch für mich einsortiert. Das Buch ist zwar ganz anders als „Der Meister des jüngsten Tages“ von Leo Perutz, aber ist stelle beide Bücher gerne als gehobene Unterhaltungsliteratur in die selbe Kategorie.

Leo Perutz: Der Meister des jüngsten Tages (erschien 1990 beim Rowohlt Verlag; erste Auflage 1923 beim Albert Langen Verlag)

„Fünf Tage dauerte die abenteuerliche Jagd, die Verfolgung eines unsichtbaren Feindes, der nicht von Fleisch und Blut war, sondern ein furchtbarer Revenant aus vergangenen Jahrhunderten. Wir fanden eine blutige Spur und gingen ihr nach. Schweigend öffnete sich das Tor der Zeiten. Keiner von uns ahnte, wohin der Weg ging, und es ist mir heute, als hätten wir uns mühsam, Schritt für Schritt, durch einen langen dunklen Gang getastet, an dessen Ende ein Unhold mit erhobener Keule uns erwartete … Die Keule sauste nieder, einmal, zweimal, ihr letzter Schlag traf mich, und ich wäre verloren gewesen, ich hätte Eugen Bischoffs und Solgrubs furchtbares Geschick geteilt, wenn mich im letzten Augenblick ein rascher Griff zurück ins Leben gerissen hätte.“ (Seite 7/8)

Der Schauspieler Eugen Bischoff ist tot: Mord oder Selbstmord. Bischoff hatte zuvor auf einer Party eine Geschichte erzählt, in der sich zwei Brüder umbringen, erst der jüngere Bruder, ein Maler, dann auch der andere, ein Seeoffizier. Beides seltsame Selbstmorde. Nach dem Tod des Schauspielers beginnen mehrere Partygäste zu forschen: Freiherr von Yosch (der Ich-Erzähler), der Ingenieur Waldemar Solgrub und Doktor Eduard Ritter von Gorski. Nachdem auch Leopoldine Teichmann fast durch „erzwungenen“ Selbstmord ums Leben kam, nähern sich die drei langsam dem Unhold. In einem Buch aus dem 16. Jahrhundert steht eine Geschichte um einen Mann mit dem Namen Messer Salimbeni und den Maler Giovansimone Chigi. Solgrub, der sich zwischenzeitlich auch umgebracht hat, hat aus dem Buch eine Seite entfernt, um dem Spuk endgültig ein Ende zu machen. Auf der Seite hatte die Zusammensetzung einer Droge gestanden. Yosch raucht die Droge nun dennoch, weil Eugen Bischoffs Pfeife mit der Droge noch unverändert in seinem Zimmer liegt. Als Yosch nun raucht erlebt er furchtbares, so dass auch er sich töten will, aber noch in letzter Sekunde von seinen Gefährten gerettet wird.

Phil Rickman: Das Gespinst des Bösen (erschien 2012 beim Rowohlt Taschenbuch Verlag)

Merrily Watkins ist eine Pfarrerin in England, die sich besonderen spirituellen Dingen beschäftigt. Ich will hier nicht Geisterjägerin schreiben oder so, ich denke das würde die Sache nicht treffen. Im Buch wird sie an einigen Stellen als Exorzistin bezeichnet. Meistens aber als „Beraterin für spirituelle Grenzfragen“.

Im Grenzland zu Wales soll ein altes Haus der Tempelritter renoviert werden. Der Bauunternehmer Felix und seine Freundin Fuchsia arbeiten als Restauratoren in dem Haus. Bis Fuchsia sich unwohl in dem Haus fühlt und dort nicht mehr weiter arbeiten will. Nun wird Merrily hinzu gezogen. Sie ist dem Spuk gegenüber erst skeptisch. Erst als sie das Haus zusammen mit ihrer Tochter Jane selber besucht, beginnt sie zu glauben, dass irgendwas mit dem Haus nicht stimmt. Später hilft Merrily auch noch ihr Lebensgefährte Lol – ein Musiker mit Nick Drake als Vorbild

Lange Zeit hält Rickman den Leser völlig im Dunkeln, ohne das es richtig langweilig wird. Richtig spannend wird es dann am Ende. Wobei es aber weniger spukt, als ich zwischenzeitlich erhoffte.

Endzeit-Literatur

Die Endzeit-Literaturgeschichte fängt im Allgemeinen mit „Le dernier homme“ von Jean-Baptiste Cousin de Grainville (1746 – 1805) an. De Grainville war ein katholischer Priester, der sich der französischen Revolution angeschlossen hatte. Nach einigen Dramen schrieb er mit „Le dernier homme“ (Der letzte Mensch) die erste End-of-the-World-Geschichte in der neuzeitlichen Literaturgeschichte. Der Roman erschien allerdings erst unvollendet nach seinem Selbstmord 1805. Von der französischen Ausgabe sollen zunächst nur 40 Exemplare verkauft worden sein. Im Jahr darauf gab es eine englische Ausgabe als Raubdruck und ohne Angabe des Autors. Bis in die 1960er Jahre war daher unbekannt, das es sich bei dem Buch „The Last Man“ um eine Übersetzung von Le dernier homme“ handelt (vgl. Forschungen von Pierre Versin und Ian Clarke).

In der Geschichte schaut der Erzähler in einer Art Vision von den Ruinen in Palmyra (Syrien) aus auf eine düstere Zukunft der Menschheit. Omega, der letzte Mensch trifft auf Adam, den ersten Menschen. Omega will sich mit der letzten fruchtbaren Frau, sie heißt Syderie, vereinen. Wie Adam und Eva könnten sie nun die Quelle der Menschheit sein, wenn nicht Gott selber dagegen wäre und die Frau sterben lässt. Letztendlich bleiben in der Geschichte nach dem Ende der Menschheit nur „Leben“ und „Tod“ übrig, der Tod siegt. Dieser Roman von Jean-Baptiste Cousin de Grainville soll großen Einfluss auf Autoren wie Lord Byron und Mary Shelley gehabt haben, die mit „Darkness“ (1816) und „The last Man“ (1826) einige Jahre später wichtige Werke des Genres schrieben.

Die Geschichte der letzten Menschen wurde in den verschiedensten Variationen geschrieben, mal in Los Angeles spielend wie „I am legend“ (1954) von Richard Matheson oder in Moskau bei „Metro 2033“ (2007) von Dmitri Glukhovskis. Da der Untergang der Welt nicht nur die Metropolen betrifft, ist es nicht verwunderlich, dass die Geschichte auch in die Provinz transportiert werden kann. Glukhovskis „Metro 2033“ wurde bereits in anderen russischen Städten übernommen.

Michael Schreckenberg schrieb mit „Der Finder“ (2010) und „Die Nomaden“ (2015) zwei Endzeit-Thriller die im Bergischen Land spielen. Wie es die regionalen Krimis vorgemacht haben, könnte man die Endzeit-Geschichten nun in jedem Dorf spielen lassen. Man könnte die lokalen Autoren dazu aufrufen, die Menschen an ihren Wohnorten verschwinden zu lassen. So spielt Schreckenbergs Endzeit-Thriller „Der Finder“ (2010) in der Umgebung von Leverkusen und Wuppertal. Nach einem Klassentreffen, finden sich die Teilnehmer plötzlich alleine auf der Welt. Der Großteil der Menschheit ist einfach verschwunden, selbst ihre Kleidung ist weg. An einer Stelle macht sich der Ich-Erzähler Daniel über das Verschwinden der Menschen samt Kleidung Gedanken, findet aber keine Lösung. Die Überlebenden treffen sich an einer Kirche in Leverkusen-Quettingen. Da man sich nicht einigen kann, was nun zu tun sei, bilden sich zwei Gruppen. In dem Buch wird nun die Entwicklung der einen Gruppe beobachtet. Diese bezieht einen Bauernhof hinter Wuppertal. Besorgt sich Pferde und baut kleine Häuser. Die Gruppe richtet sich in der menschenleeren Welt ein. Daniel wird nun der Finder der Gruppe: Seine Aufgabe ist es in der Umgebung nach Medikamenten, Werkzeugen, Waffen oder Büchern zu suchen – zu finden. Dies läuft alles recht gut, bis plötzlich die sogenannten Heuler auftauchen: Mordende Wesen, die stets in der Nacht mit wildem Geheul auftauchen. Lange weiß niemand, wie die Heuler überhaupt aussehen (da mich dies an eine Szene in dem Film „I am legend“ erinnerte, dachte ich zuerst diese Heuler wären mutierte Menschen, aber da lag ich falsch). Die Gruppe stößt auch auf weitere Menschen. Zunächst auf eine Gruppe die von Heulern getötet wurde. Später folgt Daniel über Notizen einer Schulklasse die zum Zeitpunkt als die Menschheit verschwand ein paar Tage auf Burg Nideggen in der Eifel verbrachte. Nach einem Angriff der Heuler auf die Gruppe, bei der einige Schüler sterben, nimmt Daniel den Rest der Klasse samt Klassenlehrerin mit auf den Bauernhof im Bergischen Land. Man verteidigt sich nun gegen die Heuler. Als eine weitere große Gefahr erscheinen die Truppen von König Horst am Horizont, eine Art Warlord aus dem Raum Hamburg, der mit seinen Leuten die anderen Überlebenden unterwerfen will. Eine Vorhut kann die Gruppe vom Bauernhof besiegen, der Rest der Gefolgschaft des Königs fällt den Heulern zum Opfer. Am Ende des Buches gibt es nochmals eine Wendung: Schreckenberg gibt dem Leser über Daniel einen Einblick hinter die Kulissen der Welt. Da ist Thomas, der bisher als bester Freund von Daniel beschrieben wurde, der nun sich als eine Art Engel zu erkennen gibt. Seine Aufgabe war die Entwicklung und Förderung der Menschheit. Da dies nun gescheitert ist, werden die Heuler die Macht auf der Welt übernehmen. Thomas, der zuvor bei dem Rest der Gruppe schon unbeliebt war, tritt nun mit genialen Dialogen auf, die mich an Sätze von Andrew Scott als Jim Moriarty in der Fernsehserie „Sherlock“ erinnern. Daniel kehrt nun zur Gruppe zurück und siedelt mit dieser nach Schottland über, da dort noch keine Heuler sind. Aber irgendwann werden sie auch die Menschen dort vertreiben und ausrotten.

Michael Schreckenbergs zweiter Endzeitroman „Nomaden“ (2015) berichtet nun von derselben Katastrophe aus der Sicht der zweiten Gruppe, die sich nach dem Treffen in der Quettinger Kirche abgespalten hat. Über weite Teile liest sich „Nomaden“ daher auch wie ein umfangreiches Ergänzungsbuch zu „Der Finder“. Der Autor musste sich bei vielen Dingen an die ursprüngliche Geschichte halten. So tauchen dann auch hier die Heuler auf, die von dieser Gruppe nun Kreischer genannt werden.

Wird fortgesetzt.

Bergische Atelierfotografie

Bergisch Gladbach

Fotoatelier Horsmann

Mann im Fotoatelier Horsmann, Bergisch Gladbach (Format: 50 x 120 mm).

Rückseite des obigen Fotos. Das Firmenlogo von Horsmann ist mit diesen Papieraufkleber überdeckt. Im Jahre 1904 war A. Röhl & Co. ein Kunstinstitut, Osterlingerstr. 5, Bremen. Das Feld „abgeben an“ ist frei. Aufgrund von Vergleichsbildern mit „Röhl-Aufklebern“ hat die No. nichts mit dem Jahr zu tun, wie man hier vermuten könnte.

Mann im Fotoatelier Horsmann, Bergisch Gladbach (Format: 65 x 105 mm).

Auf verschiedenen Fotos von Horsmann steht unten in kleiner Schrift: „Dr. Höhn & Co., Düsseldorf“. Diese Firma wurde von Dr. phil. Emil Höhn im Jahr 1887 gegründet. „Ursprünglich wurde die Fabrikation von chemischen Produkten und insbesondere Photolacken betrieben und dann eine Fachhandlung photographischer Artikel angegliedert.“ (Nachrichtenblatt für das Photographenhandwerk, 44/1937)

Fotoatelier Warkus

Frau im Atelier von Herm. Warkus, Bergisch Gladbach (Format: 65 x 105 mm).

Frau im Atelier von Herm. Warkus, Bergisch Gladbach (Format: 60 x 115 mm).

Warkus war noch in den 1950er Jahren in der Poststraße.

Fotoatelier Franken

Das Atelier von Caspar Franken ist heute in Bergisch Gladbach nahezu vergessen. Caspar Franken wurde 1863 in Ehrenfeld (Köln) geboren und starb 1930 in Eupen (siehe [1]). Franken hatte sein Atelier (ab 1879/1883) eigentlich in Eupen. Dort betrieb die Familie über mehrere Generationen ein Fotogeschäft. Zuletzt wurde das Geschäft von Fotograf George Dyba betrieben (siehe [2], [3]).

Kinder im Atelier von Caspar Franken, Wilhelmstraße, Bergisch Gladbach (Format: 109 x 167 mm).

Caspar Franken hatte sein Atelier in Eupen. Zeitweilig betrieb er eine Zweigstelle in Bergisch Glachbach. Diese Zweigstelle wurde meistens nur auf den Rückseiten der Fotos erwähnt. Bei diesem Foto steht Gladbach auf der Vorderseite.

Rückseite des obigen Fotos.

Gummersbach

Fotoatelier Phillip Dürr

In Gummersbach betrieb Phillip Dürr ein „Atelier für Photographie und Malerei“ in der Kaiserstraße 41. Er war auch als Erfinder tätig. 1915 erhielt er ein Deutsches Reichs-Patent für „Verfahren und Vorrichtung zur Behandlung von photographischen Schichtträgern ohne Dunkelkammer, wobei der Schichtträger in der Kassette entwickelt wird. Philipp Dürr, Gummersbach, Rhld. (D. R. P. 302943 vom 7. Dezember 1915.“ (Chemiker Zeitung, 1918) Das Haus (mit Jugendstilfassade) in dem sich sein Fotoatelier in der Kaiserstraße befand wurde 2011 abgerissen (siehe hier [1]). Dürr hatte in Gummersbach-Dieringhausen ein weiteres Atelier.

Von den folgenden drei Fotos wurde mit Sicherheit das untere bei Dürr gemacht. Die Fotos gehören zusammen, auf allen drei Fotos ist eine junge Frau zu sehen. Die Fotos wurde nicht aufgeklebt, sondern befinden sich auf Karton im Postkartenformat.

Gummersbacher Familie (die Frau hintere Reihe links ist die selbe wie auf den beiden folgenden Fotos. Atelier Dürr? Format: 135 x 85 mm).

Gummersbacherin (wie im obigen Familiefoto. Der Raum ist der selbe wie beim Familienfoto. Atelier Dürr? Format: 85 x 135 mm).

Frau (dieselbe wie oben) im Atelier Phillip Dürr, Kaiserstraße, Gummersbach (Format: 85 x 135 mm).

Stempel auf der Rückseite des obigen Bildes.

Fotoatelier Wilhelm Everhan

Ebenfalls in Gummersbach war Wilhelm Everhan als Fotograf tätig. Er hatte sein Atelier in der Karlstraße 2 (später Nr. 5 vgl. Stempel unten). Über einen Besuch 1895 berichtete eine Frau 60 Jahre später: „Beim Fotografen Everhan in der Karlstraße wurde Halt gemacht, um eine Erinnerungan diese einzigartige Wagenfahrt im Bild festhalten zu lassen. Herr Everhan baute auf einem Stativ einen großen Fotokasten auf, bedeckt mit einem großen schwarzen Tuch, unter dem er dann zeitweilig verschwand, um eine Klappe hochzuziehen. Immer wieder Verbesserungen an unserer Haltung treffend, war er endlich bereit, die Kapsel von der Linse zu ziehen. ‚Danke schön, meine Herrschaften, das Bild ist gemacht.‘ “ (Festschrift 1995)

Stempel von W. Everhan.

Wermelskirchen/Burscheid

Fotoatelier G. Schneppendahl

Frau im Atelier von G. Schneppendahl, Wermelskirchen & Burscheid (Format: 65 x 105 mm).

Rückseite der obigen Fotografie.

Solingen/Burscheid

Fotoatelier Fritz Flaake

Frau in einem der Ateliers von Fritz Flaake, Solingen & Burscheid (Format: 62 x 100 mm).

Wipperfürth

Fotoatelier Theodor Meuwsen

Der Buchbinder Theodor Meuwsen eröffnete sein Atelier 1869 in der Unteren Straße in Wipperfürth. 1900 übergab er sein Atelier an Emil Hardt.

Fotoatelier Emil Hardt

Emil Hardt übernahm das Atelier von Theodor Meuwsen im Jahr 1900. Er starb 1945. Die Familie führte das Geschäft bis in die 1960er Jahre fort.

Mötzenbestol und Carnevalsgeister

Bereits im 19. Jahrhundert gab es den sogenannte „Geisterzug“ am Karnevalssamstag. Vor 1860 wohl als spontane Veranstaltung, dann als fester Bestandteile im Kölner Straßenkarneval.

„Die Wagen sind durch Lampions und Kugeln erleuchtet und einzelne Geister so ausgereckt, daß sie bis zum zweiten Stockwerke der Häuser reichen.“ (aus Zeitungsbericht von 1883) Diese obige Postkarte wurde in Köln am 14. Februar 1899 abgeschickt. Vertrieben wurde die Karte über den Verlag von Hugo Scheurmann, Herzogstraße 6, Köln. Hier ist es der „Gruss vom Kölner Carneval“ und es sind die „Kölner Carnevalsgeister.“
Diese Postkarte wurde in Mannheim am 11. Februar 1898 abgeschickt. Vertrieben wurde die Karte über A. Herzberger in Mannheim (auuserdem ist auf der Karte der Aufdruck „Fingerle & Freudenberg, Rheydt“, vgl. „W.G. Fingerle, Rheydt Cigarrentinge, Cigarrenpackungen, Tabackspackungen, Cigarettenpackungen, Lithpgraphie-Kunstdruck“[1]). Hier ist es der „Gruss vom Carneval“ und es sind die „Carnevalsgeister.“ Bei näherer Betrachtung sieht man, dass an zwei Stellen das Wort „Kölner“ wegretuschiert wurde, der Kölner Dom blieb allerdings.

Geister oder Gespenster waren schon früh im Karneval üblich, wie das folgende Zitat zeigt. In dem Artikel geht es zwar um den Kölner Karneval, ob das Zitat sich auch darauf bezieht ist nicht überliefert (die Bezeichnung „Larve“ bezeichnet in der schwäbisch-alemannische Fastnacht, also in Süddeutschland, die Holzmasken).„‚Die Christen‘, lautet ein Klagebrief aus dem sechszehnten Jahrhundert, ‚rasen an diesen Tagen, binden Larven [= Masken, Larve lat. „Gespenst“] vor; Männer gehen in Frauentracht, Weiber in Männerkleidung; sie vermummen sich in Gespenster und böse Geister, sie laufen als Teufel über die Straßen, necken die Vorübergehenden mit Mehl und Aschsäcken und ergeben sich dem Trunke und allen muthwilligen Ausgelassenheiten.’“ (L. Ennen „Der Kölner Karneval“ in: Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, 1873)

Aschensack: „1) ehemals der mit Asche gefüllte Sack für den Büßenden. 2) der Sack, in welchen man die Asche thut, um Wasser darüber zu gießen, und dadurch Lauge zu erhalten.“ (Vollständigstes Wörterbuch der deutschen Sprache, 1853) zu 1) könnte uns inhaltlich auch zum Aschermittwoch führen, aber dazu später. Zu 2) vgl. Aschenlauge als Waschmittel.

Im Zitat ging es aber darum die Vorübergehenden mit dem staubenden Aschesack zu necken.

Wie der folgende Auszug aus einem Zeitungsbericht zeigt, gehörte geisterhaftes Treiben bereits 1858 zum Programm.

„Schon am Samstag wird die Bevölkerung Kölns durch zahlreiche von allen Seiten eintreffende Fremde einen mächtigen Zuwachs erhalten und reges Leben sich in den Straßen entfalten. Sobald dann abendliches Dunkel sich über die Stadt verbreitet, wird sich eine wunderbare, geisterhafte Schaar aus längst vergangenen Zeiten auf dem Heumarkte zusammenfinden und, gleich den Mekkafahrern in Freiliggrath’s >Gesicht des Reisenden<, schier gespenstisch vor den Blicken der Zuschauer vorüberziehen. ‚Wie alles dieses gemacht,‘ so heißt es im Programm, ‚das sind nicht deine Sorgen. Geh‘ nun ruhig zu Bett, und schlafe bis morgen.’“ (Wiener Vorstadt-Zeitung, 12. Februar 1858)

Der Autor hatte dieses Bild aus dem Gedicht von Ferdinand Freiligrath (1810 – 1876) vor Augen:

„Da auf einmal bebt die Erde; auf den Mondschein folgen trüber
Dämmrung Schatten: Wüstentiere jagen aufgeschreckt vorüber.
Schnaubend bäumen sich die Pferde; unser Führer greift zur Fahne;
Sie entsinkt ihm, und er murmelt: Herr, die Geisterkarawane! –
Ja, sie kommt! Vor den Kamelen schweben die gespenst’schen Treiber,
Üppig in den hohen Sätteln lehnen schleierlose Weiber;
Neben ihnen wandeln Mädchen, Krüge tragend wie Rebekka
Einst am Brunnen; Reiter folgen – sausend sprengen sie nach Mekka.“
(Auszug aus „Gesicht des Reisenden“ von Ferdinand Freiligrath, siehe [(1)], vor 1845 geschrieben) 

Zum „Geisterzug“ schrieb Wilhelm Walter in seinem Buch „Der Carneval in Köln von den ältesten Zeiten bis zum Jahre 1873“ (1873):

„Bevor ich über den diesjährigen Festzug das zu wissen Nöthige mitteile, will ich der sogenannten Geisterzüge gedenken, die an den Samstagen vor Fastnacht während der ‚dunkeln Stunden‘ erscheinen und ‚viel Volk‘ mobil machen. Auf mit Fackeln und bunten Lampions reich versehenen Wagen sieht man Gestalten in den seltsamsten Costumes und, in so fern sie hervorragende Geister repräsentieren, in weißen, antik geformten Verhüllungen. Um jedes mögliche Entsetzten zu verhüten, spielen mitfahrende Musikcorps heitere Weisen und hiermit abwechselnd singen einige der renommirtesten Geister Lieder in Kölner Mundart, welche sie mit verschiedenen equilibristischen Kunststücken zu begleiten pflegen.“

Die Leute könnten Lieder von Joseph Roesberg (1824 – 1871; er betrieb von 1845 bis 1863 in der Minoritenstraße die von der Mutter geerbte Weinwirtschaft „Em Hahnen“/“Zum Hahnen“, vgl. Renate Matthaei „Der kölsche Jeck“, 2009), wie „Schmitze-Nettchen“, „Schnüssen-Tring“, „Pitterche, dat Mutter-Sönche“, „Wat eß de schönste Kirmeß dann?“ oder „Der Carousselchen-Mann“ gesungen haben. So könnten sie das Lied der Schnüsse-Tring, der Katharina aus Ossendorf (1888 nach Köln eingemeindet), singen:

„Schnüsse-Tring dun ich mich schrieve / Ben vun Ohsendörp zo Hus / Weil ming Möhn su vill dät kieve, / Leef ich ahn dem Dörp erus. / Drei Johr deenten ich zu Kölle, / Hatt derwiel vor drückzehn Stelle / Seht, wie ich mich do bedrog: ‚Treu un fleissig‘ steiht em Boch.“ [(1)].

Die Kölner verstanden den Text. Die Besucher werden nicht viel verstanden haben (daher habe ich mich um die Übersetzung auch nicht gekümmert, es soll halt die richtige Stimmung aufkommen).

Zu den Liedern kommen die „kölsche Krätzcher“, die August Hoursch so beschreibt: Kölsche Krätzcher sind „“etwas Köstliches zum Lachen‘, — aber nicht nur dies, sie sind zugleich ein besonderes Charakteristikum des eigenartigen kölnischen Volkslebens. Sie spiegeln in schönster Weise des alten Kölners urhaften Trieb, in allem und jedem das Humorvolle zu sehen; seine Harmlosigkeit, Gutmütigkeit und seine Neigung zu derbem, aber nicht verletzendem Spott.“ (Hoursch, August: „Kölsche Krätzcher. Gesammelt und teilweise wiedererzählt“, 1925. Die Sammlungen erschienen ab 1908)

Stürzen wir uns nun rein ins Gewühl.

„In den engen Straßen wogte eine so große Menschenmenge auf und ab, daß es einige Mühe kostete, sich hindurchzuarbeiten. Jetzt sah man nur selten eine Person, die nicht in irgend einer Verkleidung steckte. Die männlichen Masken waren meist ohne Larve, die weiblichen jedoch alle mit einer schwarzen Halbmaske oder sogenannten venetianischen [sic!] Augen versehen. […] Die jungen Leute hatten, sich gegenseitig an den Händen haltend, eine lebendige Kette gebildet und zogen Jeden oder Jede, die ihnen ins Gehege kam nolens, volens [= wohl oder übel] mit sich fort. Vor einem glänzend erleuchteten Putzwaarenladen wurde Halt gemacht, und nach kurzer Beratung stürmte der ganze Haufen hinein, wahrscheinlich, um den armen Putzmacherinnen, die keinen Ausgangs-Urlaub hatten, auch ein kleines Karnevalsvergnügen zu gewähren. […] Auch Manchen, der sonst viel Spaß versteht, hätte die übermüthige Schaar, die nun, wie Feinde im eroberten Lande, hinter den Ladentischen wirthschaftete, um seine gute Laune gebracht. Nicht so den Kölner Kaufmann, der bald den Schauplatz des Tumultes erschien. Er bat mit lauter Stimme alle in seinen Salon und bewirthete dort die ungebetenen Gäste mit reichlich Wein und Kuchen. Noch mehr. Er ließ aus einem nahe gelegenen Concertlokale ein paar Musikanten holen und gab so einen Impromptu-Maskenball, bei welchem ihm keine Person bekannt, geschweige denn vorgestellt war.“ („Ein Carneval zu Köln“, Warschauer Zeitung, 1860)

Dieser Holzstich von 1861 trägt den Titel „Gespensterzug aus dem Carneval zu Cöln“. Zeichner A[ugust]. Beck. Er war „Schlachtenmaler“ und arbeitete auch für die „Illustrierte Zeitung“. Dort erschien der Holzstich in der Ausgabe vom 23. Februar 1861 auf der Seite 124. Bericht zum Kölner Karneval ab Seite 123 in der Ausgabe 921 vom 23. Februar 1861. Die Signatur von August Beck ist in der rechten unteren Ecke zu sehen. Zum Schlachtenmaler August Beck ([1]): https://de.wikipedia.org/wiki/August_Beck_(Maler). Quelle: digitalisierten Version der Bayerischen Staatsbibliothek) Das Bild ist z.B. auch in Schmidt/Leifeld: „Der Kölner Rosenmontagszug 1823 – 1948“, 2007, S. 122.
In Mittelpunkt von Becks Zeichnung steht diese Figur: Eine düster schauende Person auf einem Pferd. Ausschnitt aus dem Holzstich von 1861 mit dem Titel „Gespensterzug aus dem Carneval zu Cöln“. Zeichner A. Beck. Quelle: „Illustrierte Zeitung“, 23. Februar 1861, S. 124.

Für 1868 heißt es „kein Zug wegen Unwetter“ ([1]). 1868: Rosenmontag war der 24. Februar

„Die Gesellschaft hat indeß großes Pech gehabt, denn seit circa 25 Jahren war in den Carnevalstagen das Wetter nicht so ungünstig, wie seit Samstag: der Geisterzug von vorgestern die gestrige Kappenfahrt und der Rosenmontagszug sind förmlich im Wasser untergegangen.“ (aus: Didaskalia, 1868)

Die Kappenfahrt ist heute in Vergessenheit geraten, daher ein paar Worte dazu: “ … am Fastnachtssonntag findet gewöhnlich die sogenannte Kappenfahrt statt, eine heitere, maskirte und unmaskirte Fahrt, an welcher alle Käppler entweder zu Pferde, oder im Wagen theil nehmen. Um nämlich das Sprichwort wahr zu machen: ‚Gleiche Brüder, gleiche Kappen,‘ wird am ganzen Rhein Niemandem der Zutritt zu den Versammlungen der närrischen Carnevalsgesellschaften gestattet, der nicht auf dem Kopfe eine Narrenkappe trägt, welche in Köln alljährlich eine andere Form annimmt, aber immer die Stadtfarben ‚Roth‘ und ‚Weiß‘, und die Narrenfarben ‚Gelb‘ und ‚Grün‘ zeigt.“ (Das festliche Jahr. In Sitten, Gebräuchen, und Festen der Germanischen Völker, 1863)

Über den Kölner Karneval im Jahr 1873 wird ausführlich in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften berichtet.

1873: Karnevalssamstag war der 22. Februar, Rosenmontag der 24. Februar

Zum Karnevals-Motto 1873 heißt es „Die Jubelfeier der Reform von 1823 (Schnee behindert den Zug)“ [(2)].

„Der sogenannte Geisterzug, der am Samstag Abend das Fest eröffnete und ebenfalls bei Schneegestöber und eisig kalter Luft einherzog, war unbedeutender, wie in früheren Jahren.“ (aus: Fürther Tagblatt, 1873)

„Daran schließt sich am Samstag Abend ein Fackelzug, der auch der >Geisterzug< genannt wird. Und nun der Karneval eröffnet. Die Tage vor Karneval ließen sich heuer vortrefflich an. Der Barometer stand so hoch wie möglich. Gäbe es in dieser Jahreszeit Laubfrösche, sie hätten sicher auf der höchsten Stufe ihrer Leiter gesessen. Am Sonntag fiel die Quecksilbersäule aber in höchst bedenklicher Weise. Dennoch verlief der Sonntag ganz gemüthlich.“ (aus: Über Land und Meer: allgemeine illustrirte Zeitung, 1873)

„Zauberer“ und „Hexe“ mit Besen (Rutenbesen) im Tanz. Ausschnitt aus dem Holzstich von 1861 mit dem Titel „Gespensterzug aus dem Carneval zu Cöln“. Zeichner A. Beck. Quelle: „Illustrierte Zeitung“, 23. Februar 1861, S. 124.

Zum Wetter: Barometer hoch = steigt das Barometer, ist schönes Wetter in Aussicht; Laubfrosch auf der höchsten Stufe = früher glaubte man, Laubfrösche könnten das Wetter vorhersagen, man hielt sie daher in Gläsern. Saß der Frosch oben auf der Leiter im Glas, sollte es gutes Wetter geben. Sinkt die Quecksilbersäule des Barometers, es steht tief, wird das Wetter schlecht.

22. Februar 1873

„Die Züge sind schon stark besetzt, weil man des eben stattfindenden Fackel- und Geisterzuges, des ersten Umzuges, nicht verlustig werden will. Dieser Zug, in welchem alle Erd-, Luft-, Feuer- und Wassergeister in den möglichst phantastischen und bizarren Kostümen ihre Vertretung fanden, war lang und prachtvoll wie immer. Daß beinahe alle Nationen des Erdballes sich hier ein Stelldichein gegeben hatten, wurde man nicht allein an der Kleidung, sondern auch an der Sprache gewahr. Allerorten, wo der Zug vorbeifuhr, leuchteten bengalische Flammen auf, was den ohnehin schon mit den verschiedensten Lampignons reich ausgestatteten Zug in das vorteilhafteste Licht versetzte und einen feenhaften Anblick gewährte. Nach der Beendigung des Zuges begann das Karnevalstreiben in den Gasthöfen, Restaurationen und öffentlichen Wirtschaften und währte bis zum Morgen, als ob kein Mensch der Welt jemals den unfruchtbaren Gedanken gehabt hätte, das Gespenst der Polizeistunde zu erfinden.“ (aus: Der Sammler, Beilage zur Augsburger Abendzeitung vom 27. Feb. 1873)

Links sieht man eine Person mit einem Kontrabass, wohl als Teil einer Musikkapelle. Mehrere Personen mit Laternen und Fackeln. Ausschnitt aus dem Holzstich von 1861 mit dem Titel „Gespensterzug aus dem Carneval zu Cöln“. Zeichner A. Beck. Quelle: „Illustrierte Zeitung“, 23. Februar 1861, S. 124.

Weiteres über den Geisterzug erfährt man aus den Jahren 1875, 1883 und 1885.

1875: Rosenmontag war der 8. Februar

„Altweiberfastnacht heißt der Donnerstag vorher; über Tag werfen sich die Gemüsehändlerinnen mit Kohlköpfen und Abends geht ein spukhafter Geisterzug mit Fackeln durch die Straßen. Die Bewohner der Stadt rüsten sich mit einem langen Vorschlaf zur bevorstehenden unvermeidlichen Nachtwache, denn wer die drei folgenden Nächte vor 3 Uhr sein Lager aufsucht, muß krank seyn, wenn er ein echter Kölner ist.“ (aus: Der Sammler, 1875)

Gespenster auf einem mit Lampions beleuchteten Wagen. Selbst auf dem Baldachin liegen mehrere Personen. Ausschnitt aus dem Holzstich von 1861 mit dem Titel „Gespensterzug aus dem Carneval zu Cöln“. Zeichner A. Beck. Quelle: „Illustrierte Zeitung“, 23. Februar 1861, S. 124.

Auf das Bewerfen mit Gemüse und das Stehlen der Kappen („Mötzen“) geht es nun genauer. Das Mötzenbestol kann man sich so erklären: In der christlichen Tradition verhüllte die Frau während des Gottesdienstes ihr Haar. Über viele Jahrhunderte erkannte man die verheiratete Frau daran, dass sie eine Haube (Kappe, „Kapp“, Mütze, „Mötz“) trug. Die verheirateten Frauen trugen eine Haube, sie waren quasi „unter der Haube“, ohne die Haube (Mützen vom Kopf reißen/stehlen = „Mötze bestol“ = vmtl. von „bestolle“ = bestehlen) waren sie an Weiberfastnacht frei.

„… besonders in den reichern Handelsstädten wurde die Fastnacht auf’s feierlichste und fröhlichste begangen, und jede Stadt, jedes Dorf hatte dabei etwas Eigenthümliches: so auch Cöln. Schon am Donnerstage vor den eigentlichen drei tollen Tagen, Weiberfastnacht genannt, (Cölnisch Mötzenbestohl, oder Mötzenbestoht … “ (Ernst WeydenCöln’s Vorzeit„, 1826)

„Die Weiberfastnacht hat noch bis vor wenigen Jahren bestanden, als ein wildwüstes Treiben unter den Marktweibern am Donnerstag Mittag. Um 12 Uhr mittags wurde in alten Zeiten von der Laube des Rathhauses am Alten Markt die Faschingsfreiheit verkündet; später blos Musik gemacht, und auf dieses Zeichen begann sofort ein toller Unfug auf dem Markte, wo die Marktweiber und ein unendliches Gewühl von Jungen und Leuten aus dem Volke sich bereits am Morgen vorher in die nötige Stimmung versetzt hatten. Ein Hauptwitz der Weiber bestand darin, sich gegenseitig die Hauben abzureißen [Anmerkung: = „Mötzenbestohl“], und das übrige Publikum belustigte sich damit, was noch von Marktständen da war, umzureißen, und Körbe und was von Gemüsen und dergleichen noch vorhanden, in die Luft zu schleudern, sodaß dieser Plunder beständig auf die Köpfe der dichten Massen herunterfiel, um sofort wieder empor geschleudert zu werden. Aus den Häusern half man wol auch dazu und warf allerlei Plunder hinab auf das Gewühl. Diesem allerdings wüsten Jubel hat seit mehren Jahren die Polizei ein Ende gemacht.“ (Illustrirte Zeitung, 1862)

“ … in Köln ‚Mötzenbestohltag‘ oder ‚Mötzenbestohld‘, weil sich die Gemüseweiber ehedem an diesem Tag, nach dem Markte, mit den Resten der Gemüse warfen und sich nicht selten die Mützen von den Köpfen rissen.“ (Illustrirte Zeitung, 1864)

„Von allen Seiten strömen die Fremden in die Stadt. Ein lustiges Intermezzo bildet namentlich der Donnerstag, der bei uns die ‚Weiberfastnacht‘ genannt wird. Da gibt es dann auf dem ‚Altenmarkt‘ ein seltsames Schauspiel, welches von den Gemüsefrauen aufgeführt wird, die sich gegenseitig die Mützen vom Kopfe reißen und mit anmuthigen Dialogen traktiren, während zugleich Kohlköpfe, gelbe Rüben, Sellerie und andere Küchenkräuter durch die Lüfte fliegen …“ (Über Land und Meer, 1873)

„Der Altenmarkt, auf den der hoch am Rathausturm angebrachte, bei jedem Glockenschlage den Mund öffnende Kopf des „Gabbert“ herabsieht, war früher der Hauptschauplatz, wo die Bauerdirnen und Frauen ihre Fastnacht feierten. Jm tollsten Hnmor sprangen sie mit aufgeschürzten Röcken zwischen ihren Gemüsehausen und Körben nmher, führten Rundtänze auf, wobei sie alte lustige Lieder sangen, und rissen sich jubelnd und kreischend unter dem Ausrufe „Mötzenbestol‘ die Mützen von den Köpfen.“ (August Sach „Deutsche Heimat“, 1902, vgl. auch „Über Land und Meer„, 1883)

„Am tollsten war dieses Treiben unter den Gemüsefrauen und den Verkäuferinnen auf dem Altermarkt. Unter den Kölner Markfrauen ging es wild zu an diesem Tag. Nicht nur die Hauben flogen durch die Luft, auch Schneebälle und Kohlköpfe dienten als Wurfmaterial.“ (Hildegard Brog „Was auch passiert: D’r Zoch kütt!“, 2000)

„In Männerkleidung und mit einem ‚Kohlblatt auf dem Kopfe‘ gekleidet, haben die Marktfrauen zu Beginn des 19. Jahrhunderts an Weiberfastnacht auf dem Alter Markt ‚ausgiebig Bier und Korn‘ getrunken und sich dabei ‚das restliche Obst und Gemüse mit Freude und Ekstase um die Ohren‘ geworfen und ihrem Ruf ‚recht trinkfest‘ zu sein alle Ehre gemacht (vgl. Katzmarzik/Palm 2001, 33).“ (Helene KlauserKölner Karneval zwischen Uniform und Lebensform“, 2007)

 1883: Rosenmontag war 5. Februar

„Der Umzug geschieht dann jedesmal unter Musik- und Fackelbegleitung am Abend, wodurch die Veranlassung zu den sogenannten Geisterzügen gegeben wurde, wobei die Mitglieder zu Wagen, Roß und Fuß im weißen Leinwandanzuge als Gespenster geordnet im tollen Jubel umherzogen. Die Wagen sind durch Lampions und Kugeln erleuchtet und einzelne Geister so ausgereckt, daß sie bis zum zweiten Stockwerke der Häuser reichen. Alle Fenster sind erhellt und mit Zuschauern übervoll besetzt, auf den Straßen aber drängt sich eine Menschenmasse, daß oft der ganze Zug stockt. Dieß Alles macht einen Eindruck, so daß sich von dem tollen Schauspiele fortgeriffen fühlt. Solche sind mehrmals am Abend vor dem Fastnachtssonntag besonders veranstaltet.“ (aus: Über Land und Meer, 1883)

1885: Rosenmontag der 16. Februar

„Der sogenannte Geisterzug, der bei Fackel- und Lampenbeleuchtung schon am Abend vorher stattgefunden hatte, sowie die großartige Kappenfahrt am Rosenmontag Nachmittag, bei welcher der Schlachtenruf: „Ohne Mädche geiht es nit!“ zur vollsten Geltung bei Jung und Alt, Vornehm und Gering kam, waren vom schönsten Wetter begünstigt.“ (aus: Lustige fahrten des grafen von und zu Dattenberg, 1885)


Die Karnevalszeit wird von Ostern aus gerechnet. Sie endet am Aschermittwoch, dann folgt die Fastenzeit, die am Gründonnerstag vor Ostern endet.

Ostern (Sonntag), 13. April 1873

Aschermittwoch, 26. Februar 1873

Stimmts es?

Den 24. Februar 1873. Fastnachtsmontag keine Zusammenkunft.“ (aus: Augsburger Zeitung)

„Gleich der erste Zug am 24. Februar 1873 geriet nach elfjähriger Unterbrechung trotz dicht hernieder fallenden Schnees zu einem großen Erfolg.“ (aus: http://www.karneval-in-bonn.de)

Aschermittwoch

„Heute ist die Aschermittwoche da, o lebendige Asche, streue Dir todte Asche auf das Haupt! Asche! Asche! Asche!

Nehmt die Asche aus Euren ausgebrannten Herzen, nehmt die Asche aus Euren. ausgebrannten Leidenschaften, nehmt die Asche aus den Brandstätten des Parteigeistes und streut sie Euch aufs Haupt!“ ( Moritz Gottlieb Saphir „Ausgewählte Schriften“, 1874)

Der Prister spricht bevor er dem Christen die Stirn einäschert: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst!“ ([1])

Kaffeehaus-Schnellfotografie

Foto im Café Belvedere, Hamburg

Zwei Herren im Cafè Belvedere am 14.12.1912 (Photographie Jaensch, Hamburg-Winterhude, Hudtwalkerstraße 29).

Café / Restaurant in Hamburg

(Express-Schnell-Photographie von Alexander Attin, Hamburg, Centrale Kaufmannshaus).

Rathaus Café, Hamburg

„Gruss aus dem Rathaus Café“ (Hans Schmidt, Photograph. Werkstätte, Hamburg 5, Kirchenweg 12)

Stempel auf der Seite der Karte.

Fotos in Urbans Burghof, Hohe Straße 38, Köln

 

Urbans Burghof, Köln am Rhein

Nord- und Osthalle mit Durchblick in den Palmengarten. Ein Bild aus den 1920er Jahren. (Rhei.Pho-Kin M. Dick, Köln). Der Palmengarten wurde früher, zu Zeiten der Pschorrbräu Bierhallen, Kneip-Hof genannt (?).

Pschorrbräu Bierhallen in Köln, um 1909.

Urbans Burghof (Hohestr. 38/Burghöfchen) war ein Unterhaltungshaus, welches schon 1900 als Restaurant im Kölner Adressbuch eingetragen war. Hier gab es auch volkstümliches Theater. Unter der Adresse waren zuvor die Pschorrbräu Bierhallen, zu denen ich hier sammele.
Der Familie gehörte die „Römer-Kellerei Jakob Urban“ (gegründet 1894 von Peter Urban, Vater von Jakob Urban), das Hotel „Ewige Lampe“ neben St. Andreas und nach dem Krieg auch ein Lokal auf den Kölner Ringen (vgl. Urbans Gaststätte am Ring).

„>Der Burghof<, Hohe Straße 38, war ein traditionelles Unterhaltungshaus, bereits 1900 war es als Restaurant im Kölner Adressbuch eingetragen. Obwohl weiter als Restaurant geführt, wurden im >Burghof< auch Konzerte aller Art geboten: So traten beispielsweise eine Rheinische Winzerkapelle auf, spielten Militärkapellen oder wurden Konzerte mit Tanzmöglichkeiten geboten. Als weitere Attraktion traten 1931/32 Chöre wie die russischen Terek-Kosaken (Juni 1931) auf; bei kostenlosem Eintritt wurden auch Varieté und Bierkabarett geboten. Der >Burghof< stand insgesamt nicht für eine bestimmte Unterhaltungsgattung.
Im Sommer 1933 übernahm der Blatzheim-Konzern den >Burghof< […] Anlässlich der Neueröffnung des >Burghofs< am 14. Oktober 1933 wurden die Zugnummern des >Groß-Köln< und der >Charlott< verpflichtet: Carl Heinz Charles gab den Conférencier, Marietta Lenz sang Berliner Chansons und Bert Florida zeigte Stepptänze und Tanzparodien.“ (Jürgen Müller: Willkommen, Bienvenue, Welcome – Politische Revue – Kabarett – Varieté in Köln 1928 – 1938, S. 305/306)

In Urbans Burghof konnte man sich fotografieren lassen und konnte die Bilder wohl gleich mitnehmen. Mit diesen Fotos hatte man bereits angefangen, als das Haus noch von Pschorr Bräu geführt wurde. Auf diesen Karten stand seitlich „Restaurant Pschorr-Bräu Köln a/Rh.“ Dies wurde abgeändert auf „Urban`s Burghof Cöln a/Rh.“. Beispiele dafür sind die folgenden Bilder.

Film: Menschen am Sonntag (1929)

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„Fast ein Dokumentarfilm, dessen einzelne Teile aber durch eine angedeutete Spielhandlung zusammengehalten werden. Eigentlicher Mittelpunkt des Films ist die Stadt, sind die Menschen, die dem Zwang des Alltags zu entfliehen suchen und dabei doch keine neue Freiheit gewinnen. In vielen kleinen Episoden beobachtet der Film typische Verhaltensweisen der Bürger … Von manchen ähnlichen Versuchen unterscheidet sich dieser Film u.a. dadurch, daß er die glaubhafte Wirklichkeit nicht für publikumswirksame Pointen verfälscht. Seine Beobachtungen bleiben stets im Bereich des Wahrscheinlichen; so sind sie auch sozialkritisch relevant.“ („Reclams Filmführer“, 8. Auflage, 1991, S. 356/357)

http://www.atlas-film.de/menschen-am-sonntag.html

https://www.deutsche-kinemathek.de/archive/filmarchiv/filmrestaurierungen/menschen-am-sonntag

https://www.versicherungskammer-kulturstiftung.de/konzertreihen/filmkonzert-mum-plays-menschen-am-sonntag/

https://www.adk.de/de/programm/index.htm?we_objectID=25355

Im August 1916

Quellen:

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Meggendorfer-Blätter Nr. 1336, 3. August 1916. Zeichnung von Franz Hlavaty (1861 – 1917). Text darunter: „Jetzt braucht man sich wenigstens nicht mehr zu genieren, wenn man nicht fließend englisch spricht; man sagt halt, man hätte eine patriotische Erziehung genossen.“

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Anzeigen aus Meggendorfer-Blätter Nr. 1336, 3. August 1916.

https://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/fachinfo/www/kunst/digilit/meggendorferblaetter.html

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Bergische Tageszeitung Nr. 177, Donnerstag, den 3. August 1916.

Vermischtes aus der Region Bergisches Land, Düsseldorf, Köln:

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Eierverkauf für die Brotkarten-Bezirke 48 – 84 nur gegen Eierkarte (Notiz in der Bergischen Tageszeitung, 3. August 1916).

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20 Pfennig für ein Ei verlangt ein Pfarrer in der Eifel (Notiz in der Bergischen Tageszeitung, 3. August 1916).

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Nudeln gegen Lochung des Feldes 3 der Fettkarte (Notiz in der Bergischen Tageszeitung, 3. August 1916).

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Anzeigen im Bergischen Land wegen Verfälschung von Lebensmitteln (Notiz in der Bergischen Tageszeitung, 3. August 1916).

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Diebstähle in der Marmeladenfabrik (Notiz in der Bergischen Tageszeitung, 3. August 1916).

hochzu76

Eine Hochstaplerin in Düsseldorf verurteilt (Notiz in der Bergischen Tageszeitung, 3. August 1916).

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„Berliner Volkszeitung“, Nr. 394, Abend-Ausgabe, Donnerstag, 3. August 1916.

Vermischtes aus Groß-Berlin:

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Szenen in der Berliner Untergrundbahn (in „Berliner Volkszeitung“, Nr. 394, Abend-Ausgabe, Donnerstag, 3. August 1916)

marmz765

Treffen der Marmeladefabrikanten („Berliner Volkszeitung“, Nr. 394, Abend-Ausgabe, Donnerstag, 3. August 1916).

kinfg654

Toter Junge in die Havel („Berliner Volkszeitung“, Nr. 394, Abend-Ausgabe, Donnerstag, 3. August 1916).

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Das Wetter am 4. August 1916 („Berliner Volkszeitung“, Nr. 394, Abend-Ausgabe, Donnerstag, 3. August 1916).

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Lokal „Burghof“ in Köln während des Ersten Weltkriegs. Drei Frauen und drei Männer (Soldaten, zwei sind Matrosen). Die Frau links und der Mann daneben haben die Hüte vertauscht. Sie trinken Bier. Der Matrose links raucht Zigarette. An der Garderobe hängen einige Militärmützen (Postkarte im Format: 140 x 88 mm).

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Lokal „Burghof“ in Köln während des Ersten Weltkriegs. Vier Frauen und vier Männer (Zivilisten). Dahinter noch ein Kellner oder ein weiterer Gast. Die Frauen trugen Hüte. Getrunken wurde Bier. (Postkarte im Format: 140 x 88 mm).

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„Gruß aus >Groß – Cöln< Friesenstr. Hohenzollernring in Cöln a. Rh. Frau mit Militärmütze (Postkarte des Groß-Cöln. Zeichnung von Luis Usabal. Von Usabal gibt es zahlreiche Motive, auf denen junge Frauen Militärmützen tragen, vgl. „Fräulein Feldgrau“-Karten und Buch von Rudolf Jaworski „Mütter – Liebchen – Heroinen: Propagandapostkarten aus dem Ersten Weltkrieg“).

Sekundärliteratur:

„So einschneidend der Kriegsbeginn für viele Vereine war, so kurios mutet eine Vereinsneugründung Ende 1915 an: Nachdem im Winter 1915/1916 Boote beschafft worden waren, hielt der Verein für Kanusport Cöln an Ostern 1916 seine erste Fahrt ab. Im Juli folgte eine Fahrt mit allen Wassersportvereinen Kölns, an der auch – als Zuschauer – Mitglieder der Gouvernements, verwundete Soldaten und Generäle teilnahmen.“ („Köln 1914“, S. 120)

„Bereits im ersten Quartal 1916 gab es in Berlin eine Kriegsausstellung, die fast 500.000 Menschen sahen. Der Gedanke, in Köln eine ähnliche zu veranstalten, wurde im März 1916 in der Stadtverordnetenversammlung … eingebracht und beschlossen. Der Stadtverordnete Dietrich Brügelmann sagte spontan zu, den leer stehenden Neubau der Firma F. W. Brügelmann Söhne dafür zur Verfügung zu stellen. Der Krieg verhinderte den Umzug des Textilunternehmens in den von Juni 1914 bis November 1915 errichteten Neubau. Obwohl nur viereinhalb Monate Zeit war, konnte  am 19. August 1916 eine Ausstellung eröffnet werden, die … bis zu ihrem Ende nach Verlängerung am 1. November über 350.000 Besucher anzog.“ (zur „Ausstellung für Kriegsfürsorge“ in („Köln 1914“, S. 165)

„Als im November des Jahres [1915] jedoch Versorgungsprobleme entstanden, veranlasste der Bürgermeister eine Verordnung, in der detailliert rationierte Lebensmittel wie Brot/Mehl, Kartoffeln, Fleisch/Fett etc. aufgelistet und die jeweiligen Zuteilungsmengen genannt wurden. Außerdem richtete die Stadtverwaltung eine Preisprüfstelle und 1916 eine Volksernährungskommission sowie eine städtische Kriegsküche ein. … Bis hin zur Scheibe Brot und zum Flicklappen wurde in Gladbach wie auch in Bensberg fast jedes Lebensmittel und jeder Gebrauchsgegenstand durch die Gemeindebehörden zugeteilt.“ („Bergisch Gladbacher Stadtgeschichte“, S. 311)

„Die schlechte Versorgungslage und die schwere körperliche Arbeit wirkten sich mit zunehmender Kriegsdauer auch auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung aus. Erste Anzeichen einer Verschlechterung waren im Raum Bergisch Gladbach, ähnlich wie in Köln, bereits 1916 erkennbar, als sich mehr und mehr die Unterernährung der Minderbemittelten zeigte und der Anteil der Tuberkulosetoten deutlich anstieg.“ („Bergisch Gladbacher Stadtgeschichte“, S. 316)

„Liest man die behördlichen Berichte und Kriegschroniken, so zeigt sich, dass die Stimmungslage der Bevölkerung je nach Kriegs- und Versorgungslage deutlichen Schwankungen unterworfen war. So konstatierte Bürgermeister Pütz Mitte Juni 1916 einen >ernsten Umschwung< angesichts der großen Kartoffelknappheit. Als der Mangel einige Wochen später jedoch annähernd überwunden war, bezeichnete er die Stimmung wieder als im Allgemeinen zufriedenstellend.“ („Bergisch Gladbacher Stadtgeschichte“, S. 317)

„1916 waren alle wichtigen Lebensmittel rationiert. Die Kölner unternahmen nun häufig Hamsterfahrten ins Vorgebirge, um wenigstens – illegal – Kartoffeln und Eier zu erwerben. Immer mehr Waren konnten für teures Geld nur auf dem schwarzen Markt besorgt werden. Die Bevölkerung, die Betriebe, ja selbst die Stadt waren gezwungen, sich auf dem schwarzen Markt zu versorgen. Der Schleichhandel blühte.“ („Köln, die große Stadtgeschichte“, S. 347)

„Gemeinsam mit den Inhabern der Rheinischen Brotfabrik, Jean und Josef Oebel, entwickelte er [Konrad Adenauer] 1916 das >Kölner Sparbrot<: ein Schrotbrot, das aus Mais, Reis und Gerste gebacken wurde, weil es an Getreide mangelte. Allzu gut sollte das Brot nicht schmecken, um keinen Anreiz zum überflüssigen Essen zu bieten.“ („Köln, die große Stadtgeschichte“, S. 348) „Patenschrift für Jean und Josef Oebel und Konrad Adenauer über ein ab 2. Mai 1915 patentiertes Verfahren zur Herstellung eines Schrotbrotes …“ („Adenauer, seine Zeit – sein Werk“, S. 17)

„1916 Mai 13 – Den Haag
Das niederländische Landwirtschaftsministerium an den Oberbürgermeister von Köln: gestattet eine erste Ausfuhr von 250 Milchkühen.“ („Adenauer, seine Zeit – sein Werk“, S. 17)

„1916 Juli 1 – Köln und Schwelm
Vertrag zwischen der Stadt Köln (i:V. Adenauer) und dem Landwirt Carl Levering über die Verpachtung seiner Weiden in der Gemeinde Schwelm an die Stadt … Die Weiden wurden zur Milchviehhaltung benötigt.“ („Adenauer, seine Zeit – sein Werk“, S. 18)

„1916 Juni 19 – Köln
Adenauer in der Lebensmittelkommission: unterrichtet über die mangelhafte Kartoffelversorgung und die Ausgabe von Ersatznahrungsmitteln, hält die Reichsregierung für den Verursacher dieses Unglücks, wirft ihr >gewissenlose Dummheit< vor, belastet die Reichstagsabgeordneten mit einem Teil der Schuld … Das Jahr stand im Zeichen der Kartoffelkrise, die ihren Höhepunkt im Kohlrübenwinter 1916/1917 finden sollte.“ („Adenauer, seine Zeit – sein Werk“, S. 18)

„1916 … Die Firma >Gewerkschaft Lindlar< verlegt Schmalspurgeleise (60 cm Spurweite) auf der Strecke Brungerstberg-Bahnhofstraße (5.6.) … Einrichtung einer Kriegshilfskasse für Kriegsteilnehmer. – Im Abrahamsthal wird eine Wasserleitung verlegt (9.8.) …“ („Lindlar – eine Bergische Gemeinde erzählt …“, S. 437)

„Lehrer Wilhelm Weiter wurde am 7.10.1915 vom Militär entlassen und übernahm die Klasse 1. Bei dieser Regelung blieb es bis zum 21.1.1916; denn an jenem Tag wurde auch Herr Kloth vom Heeresdienst befreit … am 11.3.1916 wurde Herr Wisel Soldat. Nachdem Herr Welter nun auch in Scheuren ausgeholfen hatte, kam am 1.6.1916 der Lehrer Joseph Schreiner nach hier …“ („Odenthal – Geschichte einer Bergischen Gemeinde“, S. 288/89)

„1916 Einführung der neugewählten Gemeinderäte in ihr Amt (10.3.). Es ist dies der letzte nach dem Dreiklassenwahlrecht gewählte Rat …“ („Odenthal – Geschichte einer Bergischen Gemeinde“, S. 293)

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Drei Männer im Sommer 1916 im Siegtal.

„Am 1. Februar 1916 gründete [Hugo] Ball das Cabaret Voltaire. Er hatte eine Vereinbarung mit dem Besitzer der Kneipe >Meierei<, Herr Ephraim, im Niederdorf getroffen, jenem weniger gut berüchtigten Quartier der sehr gut berüchtigten Stadt Zürich. Durch ein literarisches Kabarett versprach er Herrn Ephraim, den Verkauf von Bier, Würstchen und belegten Brötchen zu heben. Emmy Hennings sang Chansons. Ball begleitete sie auf dem Klavier….“ (DADA – Kunst und Antikunst“, S. 12 – 14)

„Besonders groß war das Engagement der Bevölkerung im Lazarettwesen. Wenige Wochen nach Kriegsbeginn trafen an den Bahnhöfen in Friedrichshafen und Überlingen die ersten Transporte mit Verwundeten von der Westfront ein, denen v. a. nach den großen Schlachten des Jahres 1916 bei Verdun und an der Somme viele folgen sollten.“ („1914 – 1918“, Kriegserfahrungen von Soldaten aus der Touraine und vom nördlichen Bodensee, S. 69)

„Die Bevölkerung wurde aufgrund der schlechten Ernährungslage anfällig gegenüber Infektionskrankheiten wie etwa Diphterie, die Anfang 1916 im Amtsbezirk Überlingen auftrat.“ („1914 – 1918“, Kriegserfahrungen von Soldaten aus der Touraine und vom nördlichen Bodensee, S. 73)

„Ende Juli wird das 119. Grenadier-Regiment von Ypern an die Somme verlegt. Hier tobt seit Ende Juni 1916 die blutigste Schlacht des Ersten Weltkriegs [Schlacht Somme/Frankreich, ca. 1. Juli bis 19. November 1916]. Diese Offensive ist als Entlastungsangriff für das von deutschen Truppen angegriffene Verdun [Schlacht Verdun/Frankreich, 21. Februar bis 18. Dezember 1916] gedacht. Sie führt zu über einer Millionen getöteter und verwundeter Soldaten. Aber genau so wenig wie den Deutschen bei Verdun gelingt den Engländern und Franzosen an der Somme den Durchbruch bzw. die Zermürbung des Gegners.“ („1914 – 1918“, Kriegserfahrungen von Soldaten aus der Touraine und vom nördlichen Bodensee, S. 202)

„Berühmt wird Else Ury vor allem durch ihre >Nesthäkchen<-Reihe, von welcher bis 1915 bereits die Bände >Nesthäkchen und ihre Puppen<, >Nesthäkchen erstes Schuljahr< und >Nesthäkchen im Kinderheim< erschienen sind. >Nesthäkchen und der Weltkrieg< aus dem Jahr 1916 [VÖ wohl 1917] ist das wohl populärste deutschsprachige Kinderbuch während der Kriegsjahre.“ („Am liebsten wäre ich Soldat“, Kinderschicksale im Ersten Weltkrieg, S. 119)

“ … ab Mitte 1916 hatte sich die Wirksamkeit der britischen Seeblockade derart erhöht, dass die Versorgung der Bevölkerung immer schwieriger wurde und im Hungerwinter 1916/17 fast zusammenbrach.“ („Am liebsten wäre ich Soldat“, Kinderschicksale im Ersten Weltkrieg, S. 249)

„Am 7. Februar 1916 erstach der niederländische Grubenarbeiter Hermanus van Geleen bei Köln den Arbeiter Hubert de Graaf, mit dessen Frau er schon längere Zeit ein Liebesverhältnis unterhielt. Die Vollstreckung des am 7. März 1916 gefällten Kriegsgerichtsurteils erfolgte am frühen Morgen des 21. Julis 1916 durch Erschießen.“ (Udo Bürger „Bleche Botz und Klingelpütz – Kölner Kriminalfälle von 1815 – 1918“, S. 269)

„Im Ersten Weltkrieg war alles rationiert, alles zugeteilt. Und die Bauern mußten das meiste abgeben. Ich weiß noch, da hatten wir Frühkartoffeln angebaut. Die haben wir dann geliefert, also zwangsweise abgegeben, da hatten wir später selbst nix mehr! Zu der Zeit kriegten wir viel Dörrgemüse, so getrockneter Kohl und so was alles, das gab es da viel zu kaufen. Oder Graupen. Gerste ist das. Und weil es auf Zuteilung immer nur Graupen gab, hatte der Adenauer, der war damals Bürgermeister von Köln [Anm.: ab Oktober 1917], den Beinamen Graupenauer!“ (Bernhard Kalsbach in Martin Rosswog „Rückblende – Befragungen einer Generation“, S. 54)

„… Durch einen Trick schaffte ich es, daß ich felddienstfähig geschrieben wurde. Als Infantrist kam ich an die Front. Ich habe die Schlacht bei Soissons [Januar 1915] mitgemacht und später die Somme-Schlacht [Schlacht Somme/Frankreich, ca. 1. Juli bis 19. November 1916]. Die Somme-Schlacht war die schlimmste von allen, sie war mit keiner anderen Schlacht zu vergleichen! Was da für ein Durcheinander war! Kein Mensch wußte mehr, wo der andere war. Das waren furchtbare Tage!“ (Anton Gießmann in Martin Rosswog „Rückblende – Befragungen einer Generation“, S. 154)

„Eine Bestandsaufnahme für Nahrungsmittel in den Kölner Haushalten im Januar 1916 ergab, dass in 51.470 von 130.646, also rund 39 Prozent der Kölner Haushalte, keine Kartoffelvorräte mehr vorhanden waren. Auch die Versorgung der Bevölkerung  mit Butter und Schweinefleisch wurde äußerst ungünstig angesehen. Besser hingegen sah es in Köln mit der Versorgung mit Gemüse aus. Die Bemühungen der Stadt Köln, nahezu jedes geeignete Stück Land mit Gemüse bebauen zu lasse´n, halfen dabei sicherlich mit.“ (Volker Standt: „Köln im Ersten Weltkrieg“, S. 245)

„Die im Oktober 1915 beschlossene Volksküche in Köln-Mülheim zur Versorgung der Bevölkerung nahm am 1. März 1916 ihren Betrieb auf. Schon am 28. Februar 1916 hatte eine Volksküche in Köln-Dellbrück, Andreaestraße 2, eröffnet. Zur Versorgung der Bevölkerung der Altstadt verkaufte die Stadt Köln von fahrbaren Küchen aus ab dem 14. Februar 1916 warme Mittags- und Abendessen in Form von Eintopfgerichten zum Preis von 20 Pfennig für die Liter-Portion. Die Küchenwagen trugen das Schild Stadtküche und kündigten sich durch Klingelzeichen an. Zunächst durchfuhren drei Küchen von 11:30 bis 13 Uhr und von 18:30 bis 20 Uhr die Arbeiterviertel der Altstadt. Köln war mit diesen ersten >Gulaschkanonen< Vorreiter für andere Städte Deutschlands. […] Eine weitere Verkaufsstelle für Eintopfgerichte wurde von der Stadt Köln in Ehrenfeld, Körnerstraße 10, am 15. März 1916 eröffnet. Zwischen 11:30 und 13 Uhr wurden hier Eintopfgerichte für 40 Pfennig die Portion verkauft.“ (Volker Standt: „Köln im Ersten Weltkrieg“, S. 249) Anm.: Die Küchenwagen der Stadtküche wurden von einem Pferd gezogen (vgl. Abb. hier)

„Zum 1. Juli 1916 sollte eine neue Form des Brotbuches herausgegeben werden. Die gekauften Waren sollten nicht mehr in das Brotbuch eingetragen werden, sondern das Buch sollte Marken für verschiedene Waren und Zeiten des Verkaufs enthalten, die dann beim Kauf an die Verkäufer abgegeben werden mussten. Die Verkäufer mussten die Marken auf Bogen aufkleben und bei der städtischen Brotbuchzentrale zur Kontrolle vorlegen. Mit diesem System wollte man insbesondere den Missbrauch des Brotbuches durch Radierungen und Veränderungen der Eintragungen verhindern. Die Stadt Köln nahm sich bei diesem neuen System die Stadt Aachen und ihr Verteil- und Kontrollsystem zum Vorbild.“ (Volker Standt: „Köln im Ersten Weltkrieg“, S. 257)