Verschollen – ein Krimi

Diese drei Herren dienen mir als optische Vorbilder für meine Helden. Kriminalrat Franz Behrens (Mitte), Kommisar Robert Kafker (Rechts) und August Nell (Links), so heissen meine Figuren. Kafker stammt aus Göttingen, wohin es einer seiner Vorfahren, von England aus verschlug.

„War dies nicht der Mörder vom Broekes Hof? Hünighusen hatte auf dem Feld der Broekes das Gesicht des Flüchtenden nur kurz  gesehen, aber da war eine Ähnlichkeit. Aber vielleicht war es nur Einbildung. Der Mann hatte sein hageres Gesicht nun abgewand, scherzte mit den Umstehenden. Trug er nicht auch ein schwarzes Halstuch, so wie er es bei dem Mann auf dem Feld gesehen hatte? Er stellte sich auf die Zehenspitzen. Dreh dich rum, dreh dich doch rum. Tatsächlich, er war es. Der traute sich was. Sein Tuch war hinten im Nacken geknotet und hing dem Kerl vornen als Dreieck auf die Brust. Gleich würde er das Tuch über die Nase und den Revolver aus der Jacke ziehen und die Mitreisenden ausrauben. Er würde auch nicht zurückschrecken die Waffe zu benutzen.
Hier würde Jakob nicht an den Mann rankommen. Vielleicht würde er ihn in Köln am Bahnhof erwischen. Doch bei der Ankunft hatte er mit seinem Jungen und dem Fotoausrüstung so viel um die Ohren, dass er beim Aussteigen gar nicht mehr nach dem Mann schauen konnte. Im Bahnhof traf er noch Frau Bonde, die Gemahlin von Direktor Fritz Bonde, eine Kundin von ihm, die er zum Damenzimmer brachte und ihr Jakob und die Fotoausrüstung anvertraute. Er lief durch die Wartesäle, zur Bilettausgabe und zur Gepäckaufnahme und letztlich zum Abfahrtsvestibül. Der Mann war nicht zu sehen. Schließlich lief er noch nach draußen bis zum Verlagshaus der Volkszeitung, hatte den Mann aber nicht mehr zu Gesicht bekommen.“

Der Deutschamerikaner August Nell ist in Panama aufgewachsen und kam 1915 nach Deutschland. Er ist der Fahrer und Assistent von Kommissar Robert Kafker.

„Um einen kleinen Holzaltar mit drei Altarleuchtern aus Messing, einem Standkruzifix mit einem Korpus aus Bronze, einer geschnitzten Heiligenfigur (möglichweise eine Darstellung des Antonius von Padua) und einem Ölbild, auf der Maria mit dem Jesuskind zu sehen war, saßen fünf, schwarzgekleidete Frauen und beteten den Rosenkranz für die verschwundenen Kinder.
„Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste.
Wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen.“
Vater und Sohn Hünighusen nahmen auf dem Sofa Platz, während Julius Häger sich ihnen gegenüber auf einen Stuhl setzte, von wo aus er die betenden Frauen im Blick hatte. Die Frauen ließen die Perlen des Rosenkranzes durch ihre Finger gleiten. „Sie können das Gebet aufhören wo sie wollen“, flüsterte Häger ihnen fast tonlos zu. Peter nickte. Er war selber Katholik.
„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.“
Jakob sprach bereits leise die Worte der Frauen mit.
„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.“
Häger kramte eine Schnupftabakdose hervor, schaute zu den beiden Hünighusens hinüber, bot ihnen Tabak an. Beide schüttelten mit dem Kopf. Der Gastgeber nahm eine Brise und zog die Tabakmischung in die Nase hoch, schloss die mit dünner Bleifolie ausgelegte Dose und stellte sie auf den Tisch. Die alte Dose war mit Szenen der Passion Christi verziert, vom Judaskuss über das Verhör bei Pilatus bis zur Kreuztragung war der Leidensweg Christi auf dem Rand des Behältnisses dargestellt. Mit Interesse betrachtete Jakob die Kreuzigungsszene auf dem Deckel. Häger warf Jakob einen aufmunternden Blick zu. „Nimm ruhig!“ Jakob schüttelte leicht den Kopf, der nun rot anlief.
„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.“
Es begann bereits zu dämmern, als die drei Frauen aus der Nachbarschaft sich verabschiedeten und sie endlich mit Hägers Mutter reden konnten.
„Mutter, das sind die beiden Herren aus Köln …“
„Wer ist das?“
„Die Herren aus Köln. Ich hab dir eben von ihnen erzählt.“
„Jetzt verstehe ich. Ich wollte euch was erzählen. Früher hat es hier schon einmal so etwas gegeben. Damals sind auch Kinder in der Nacht verschwunden …“
„Wann war das?“
„Ich war Mitte vierzig. Wir wohnten noch nicht hier, sondern drüben im Haus meiner Eltern. Es muss so im Jahr 38 oder 39 gewesen sein. Ich musste in der Nacht zum stillen Örtchen, ihr wisst schon. Und als ich zurück ins Haus gehe, da sah ich sie auf dem Weg nach Bonnersüng rauf: Drei Männer und fünf Kinder in Nachthemden. Man konnte sie kaum sehen. Es war starker Nebel, so wie die Tage. Die verschwanden mit den Kindern und niemand hat sie jemals wieder gesehen. Ich hab damals alles einem Polizeioffiziant erzählt. Die armen Eltern haben bis zu ihrem irdischen Lebensende getrauert. Sind beide früh von uns gegangen, die Armen.“

Anzeige aus „Der Katholik“ (1876)

Musiker mit Pauken

Musiker (Paukist) mit Pauken, 1903.

„Sechster Abschnitt. Die Schlaginstrumente. 1. Die Pauken (?/mpsin ital., lumbales franz.). Die Pauken bestehen aus einem halbkugelförmigen kupfernen Kessel, worüber ein gegerbtes Kalbfell mittels eines eisernen Reifens gespannt ist.“ (Weber: Die Musikinstrumente, 1903)